Ambulante Pflege vollzieht sich im Kontext einer komplexen Gesundheits- und Sozialpolitik und unter Bedingungen fortlaufender Reformen der Rahmengesetzgebung. Pflegedienste als betriebswirtschaftliche Unternehmen stehen insofern unter stetigem Veränderungs- und Anpassungsdruck. Um wirtschaftlich überleben und dabei die Pflegequalität erhalten und verbessern zu können, ist es für die Pflegedienste heute entscheidend, spezifische Profile auszubilden und sich in diesem Sinne zu spezialisieren.
Zunehmende Bedeutung erlangt in den letzten Jahren die ambulante Pflege von heimbeatmeten Patienten. Im stationären Bereich sind Pflegekonzepte zur Versorgung respirationspflichtiger Patienten hinlänglich bekannt. Die Intensivfachweiterbildung vermittelt hierzu spezifische Kompetenzen. Die Tetraplegie als betreuungsaufwendigste Form der Querschnittlähmung stellt hier ambulante Pflegedienste vor größte Herausforderungen. Wenn ein ambulanter Pflegedienst vor der Entscheidung steht, beatmete hochquerschnittgelähmte Patienten zu betreuen, ist es für die betroffenen Tetraplegiker von existenzieller Bedeutung, dass die Voraussetzungen für eine adäquate Versorgung bereitgestellt werden können. Für die Pflegedienste besteht die wirtschaftliche Herausforderung darin, zukünftige Entwicklungen zu erkennen, um entsprechende Handlungsoptionen entwerfen zu können.
Diese Diplomarbeit will die Bedingungen, Probleme und Möglichkeiten der ambulanten Pflege von Tetraplegikern aufzeigen und analysieren. Dazu erfolgt eine Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Focus auf das Management ambulanter Pflegedienste, die Tetraplegiker in ihrer Einrichtung betreuen oder zukünftig betreuen möchten.
Inhaltsverzeichnis
1 Die ambulante Pflege vor neuen Herausforderungen
1.1 Ausgangssituation
1.2 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.3 Methodisches Vorgehen
2 Begriffsklärungen
2.1 Management
2.2 Konzept
2.2.1 Definition
2.2.2 Probleme
2.3 Tetraplegie: Bedeutung aus verschiedenen Blickwinkeln
2.3.1 Medizinisch-funktionale und pflegerische Präsenz
2.3.2 Psychosoziale Perspektive
3 Organisatorische Voraussetzungen
3.1 Aufbauorganisation
3.1.1 Leitbild
3.1.2 Organigramm
3.1.3 Personalstruktur
3.1.4 Rechtsform des Betriebs
3.1.5 Arbeitsrechtliche Grundlagen
3.1.6 Finanzierung der Pflege
3.1.7 Räumliche Umgebung
3.1.8 Technische Ausstattung
3.2 Ablauforganisation
3.2.1 Pflegeprozess
3.2.2 Dienstplangestaltung
3.2.3 Kommunikation
4 Pflegerische Kompetenzen
4.1 Spezifische Bedingungen der häuslichen Versorgung von Tetraplegikern
4.2 Handlungskompetenzen
4.2.1 Fachkompetenzen
4.2.2 Methodenkompetenzen
4.2.3 Personale Kompetenzen
4.2.4 Soziale Kompetenzen
5 Ebenen der Qualitätssicherung
5.1 Strukturqualität
5.2 Prozessqualität
5.3 Ergebnisqualität
6 Zwischenfazit
7 Empirische Datenerhebung
7.1 Begründung der Erhebung
7.2 Interviewpartner
7.3 Darstellung der Ergebnisse
7.4 Diskussion der Ergebnisse
8 Zwischenfazit
9 Vorstellung eines Management-Konzeptes
10 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Diplomarbeit analysiert die organisatorischen, pflegerischen und betriebswirtschaftlichen Bedingungen, die ein ambulanter Pflegedienst zur qualifizierten Betreuung von Tetraplegikern erfüllen muss, um ein entsprechendes Management-Konzept zu entwickeln.
- Anforderungen an die Aufbau- und Ablauforganisation
- Spezifisches Kompetenzprofil für Pflegefachkräfte
- Finanzierungsstrategien und ökonomische Rahmenbedingungen
- Qualitätssicherung bei hochkomplexen Versorgungsbedarfen
- Explorative Analyse durch Experteninterviews mit Betroffenen und Führungskräften
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Medizinisch-funktionale und pflegerische Präsenz
Die Tetraplegie ist eine Form der Querschnittlähmung des Rückenmarks, bei der die Höhe der Läsion oberhalb des fünften Halswirbels zu einer Funktionseinschränkung der Arme und Beine führt. Bei Paraplegikern hingegen sind nur die Beine betroffen. Befindet sich die Schädigung des Rückenmarkquerschnitts oberhalb des vierten Halswirbels, spricht man von einem so genannten „hohen Querschnitt“, der mit einem zumindest zeitweisen Ausfall der Atemmuskulatur einhergeht (vgl. ISERMANN/BONSE 2001, 328 und KLINGELHÖFER/SPRANGER 2001, 410).
Entscheidend zur Beurteilung und Qualität der Querschnittlähmung sind einerseits die Höhe der Läsion und andererseits das Ausmaß der Schädigung (komplett oder inkomplett). Als häufigste Ursachen vollständiger oder halbseitiger Rückenmarksläsionen gelten Traumata aller Art, Tumore, Hämatome, Abszesse, Muskelentzündungen (z.B. nach viralen Infekten bei Heroinsüchtigen oder nach Impfungen), Muskelschwund (z.B. Multiple Sklerose) oder Strahlenmyelopathien nach Röntgentherapie (vgl. MUMENTHALER 1997, 21).
Hier steht die Form der Tetraplegie im Vordergrund, die mit einem hohen Maß an Abhängigkeit der Betroffenen durch eine komplette Atemlähmung einhergeht. Bedingt durch den hohen Querschnitt kommt es zu unterschiedlichen pathologischen Begleiterscheinungen:
Durch die Läsion des Zwerchfellnervs (Nervus phrenicus) im Rückenmark entsteht eine komplette Lähmung des Zwerchfells. Die dauerhafte Anlage eines Tracheostomas wird ebenso notwendig wie die lebenslange maschinelle Beatmung. Durch die Respirationstherapie und den fehlenden Hustenreflex erhöhen sich die Gefahren der Atemwegsverschleimung und der Pneumonie. Da die Trachealkanüle unterhalb der Stimmbänder geblockt ist, können die Patienten nicht laut sprechen. Die Anlage spezieller Sprechkanülen gelingt nicht in jedem Fall und ist dann nur zeitweise möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
Die ambulante Pflege vor neuen Herausforderungen: Beleuchtung des Wandels im Gesundheitswesen und der steigenden Relevanz der ambulanten Intensivpflege.
Begriffsklärungen: Definition der zentralen Konzepte Management, Pflegekonzept und der medizinischen Grundlagen der Tetraplegie.
Organisatorische Voraussetzungen: Analyse der notwendigen Strukturen, von der Rechtsform über Personal bis hin zur technischen Ausstattung für die 24-Stunden-Pflege.
Pflegerische Kompetenzen: Erörterung der fachlichen, methodischen und sozialen Anforderungen an das Pflegepersonal im häuslichen Umfeld.
Ebenen der Qualitätssicherung: Diskussion der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität im Kontext der außerklinischen Beatmungspflege.
Zwischenfazit: Zusammenfassung der betriebswirtschaftlichen und pflegerischen Herausforderungen der Nischenstrategie.
Empirische Datenerhebung: Methodik und Durchführung einer explorativen Interviewstudie mit Experten aus dem Bereich der Tetraplegiker-Versorgung.
Zwischenfazit: Reflektion der Erkenntnisse aus der Interviewstudie hinsichtlich Versorgungsengpässen und Qualitätsanforderungen.
Vorstellung eines Management-Konzeptes: Konkrete Handlungsempfehlungen zur Vorbereitung und Organisation der ambulanten Pflege von Tetraplegikern.
Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Lebenssituation Betroffener und der ökonomischen Zukunftsaussichten für Pflegedienste.
Schlüsselwörter
Tetraplegie, Ambulante Pflege, Intensivpflege, Heimbeatmung, Pflegemanagement, Querschnittlähmung, Qualitätssicherung, Personalstruktur, Pflegestandards, Arbeitsrecht, Finanzierung, Sozialkompetenz, 24-Stunden-Pflege, Rehabilitationspflege, Versorgungsmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den komplexen Anforderungen an ambulante Pflegedienste, die Tetraplegiker mit Beatmungspflicht in der häuslichen Umgebung betreuen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen organisatorische Rahmenbedingungen, pflegerische Kompetenzprofile, Finanzierungsfragen und die Sicherung der Pflegequalität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, ein Management-Konzept zu entwickeln, das Pflegediensten als Entscheidungshilfe für die Organisation und Durchführung dieser spezialisierten Versorgungsform dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine fundierte Literaturanalyse mit einer explorativen qualitativen Interviewstudie unter Einbeziehung von Betroffenen und Experten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die theoretischen Grundlagen der Aufbau- und Ablauforganisation als auch spezifische Anforderungen an die Mitarbeiterqualifikation und Hilfsmittelversorgung detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Tetraplegie, Heimbeatmung, Pflegemanagement, Qualitätssicherung und ambulante Intensivpflege geprägt.
Warum ist das Management von Tetraplegikern für Pflegedienste betriebswirtschaftlich riskant?
Aufgrund hoher Personalkosten, der Abhängigkeit von Kostenträgern und der Notwendigkeit einer 24-Stunden-Versicherung besteht bei Ausfällen oder Vertragsende ein erhebliches Liquiditätsrisiko.
Welche Rolle spielt die soziale Kompetenz des Pflegepersonals in diesem speziellen Bereich?
Da die Pflege in einem privaten Haushalt stattfindet, ist ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit, Empathie und Rollendistanz erforderlich, um zwischen professioneller Nähe und der Wahrung der Privatsphäre des Klienten zu vermitteln.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Finanzierung der ambulanten Pflege?
Die Finanzierung bleibt ein Unsicherheitsfaktor; eine exakte Dokumentation des tatsächlichen pflegerischen Aufwands ist zwingend erforderlich, um Ansprüche gegenüber Krankenkassen und Berufsgenossenschaften durchzusetzen.
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- Dipl. Pflegewirt Dirk Meifort (Author), 2006, Tetraplegie in der Ambulanten Pflege. Ein Management-Konzept für Pflegedienste, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60120