Die Geschlechterbeziehungen im „Käthchen von Heilbronn“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Käthchen- Wetter von Strahl- Kunigunde
2. 1. Käthchen
2. 2. Wetter von Strahl
2. 3. Kunigunde

3. Schluss

4. Bibliographie

1.Einleitung

Das „Käthchen von Heilbronn“ ist wohl das meist diskutierte Theaterstück von Kleist. Nicht nur zu Lebzeiten Kleists, sondern auch im darauffolgenden Jahrhundert wurde dieses Stück aus verschiedenen Perspektiven zu interpretieren versucht. Schon allein durch die Form und die Auswahl der Gattung hat Kleist für einige Verwirrung gesorgt. Versucht man nämlich, dieses Stück in eine bestimmte Gattung „einzuzwängen“- wie z.b. zur Gattung des „historischen Ritterschauspiels“ (wie Kleist sein Stück auch betitelt hat, was schon allein dadurch zu verwerfen wäre) oder auch, gerade durch seine mystischen Elemente, in die Gattung des Märchens- so merkt man schnell, dass sich Kleist nicht konsequent an eine bestimmte Gattung hält. Mit unter der größte Irrtum war die Zuordnung des Käthchens in die Gattung der Romantik, indem man auf den berühmten Monolog des Grafen von Strahl verwies.

Analysiert man das Kleistsche Stück jedoch genauer, so fällt einem die eklatante Stilmischung auf: Neben romantischen sowie mystischen Elementen bedient sich Kleist auch der Ironie und verleiht dem Stück dadurch komödienhafte Züge. So könnte man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass es Kleist nicht besonders auf die Struktur des Stückes ankam- denn dieses ist nach genauerer Betrachtung eine wilde Mischung aus verschiedenen Versatzstücken, deren Kleist sich, beeinflusst durch seine Zeitgenossen wie beispielsweise Adam Müller, bediente- sondern auf den Inhalt und der „Message“, die er seinen Zeitgenossen, aber auch späteren Generationen, auf den Weg geben wollte.

Was ist also der Antrieb bzw. die Intention, die hinter dem Kleistschen Drama steckt? Welcher Inhalt ist herauszufiltern, um dieses stark diskutierte Stück in seiner Absicht zu verstehen? Oder hatte Kleist mit diesem Stück vielleicht gar keinen „Zweck“ oder Absicht verfolgt?

Diese Hausarbeit versucht, die genannten Fragen zu klären. Mein Augenmerk werde ich vor allem auf die Geschlechterdarstellung im Käthchen legen, denn diese scheint mir besonders interessant und ein zentrales Thema zu sein. Vor allem werde ich mich auf die Dreieckskonstellation Käthchen- Wetter von Strahl- Kunigunde konzentrieren und untersuchen, wie diese drei Figuren zueinander stehen, wobei im Mittelpunkt Friedrich Graf Wetter von Strahl stehen soll, da die Figuren Käthchen und Kunigunde hauptsächlich auf diesen Bezug nehmen. Zu erarbeiten wird sein, wie Kleist das Frauen- und Männerbild in seinem Stück gestaltet und was die beiden Extreme der Frauengestalten zu bedeuten haben.

2. Käthchen – Wetter von Strahl- Kunigunde

2.1. Käthchen

Käthchen ist wohl die geradlinigste Figur in diesem Drama, obwohl dies anfangs anders erscheint. Im ersten Akt wird sie dem Publikum indirekt vorgestellt, als Theobald vor dem Fehmgericht seine Klage vorbringt. Hier wird Käthchen als unschuldiges, reines, schon fast naives Wesen beschrieben:

“.Ein Wesen von zarterer, frommerer und lieberer Art müsst ihr euch nicht denken, und kämt ihr, auf Flügeln der Einbildung, zu den lieben, kleinen Engeln, die, mit hellen Augen, aus den Wolken, unter Gottes Händen und Füßen hervorgucken“[1]

Nicht nur ihr Vater vergleicht Käthchen mit Engeln, sondern auch die Einwohner der Stadt sehen sie als Verkörperung von Reinheit und Unschuld an. Selbst die Ritter, die durch die Stadt ziehen, sind von Käthchen fasziniert, können aber nicht um sie freien aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft. Käthchen selbst verkörpert bis zu ihrem Zusammentreffen mit dem Grafen von Strahl alle Tugenden, die von einer Frau bzw. einem Mädchen erwartet werden: sie ist gütig, liebenswürdig und den Männern um sie herum- vor allem ihrem Vater- treu ergeben. So ist es für sie selbstverständlich, dass sie in den Vorschlag ihres Vaters, einen jungen Landmann namens Gottfried Friedeborn zu ehelichen (welcher auf dem rationalen Kalkül basiert, Käthchens Landgut zu erweitern), ohne jegliche Bedenken einwilligt. Obwohl sie finanziell unabhängig ist, ist ihr Vater unanfechtbare Autorität. So passt sie ideal in das gesellschaftliche Frauenbild und unterwirft sich den gesellschaftlichen Normen.

Demnach ist es nicht verwunderlich, dass das Verhalten Käthchens nach dem Zusammentreffen mit Strahl für Theobald absolut unerklärlich ist, so dass er sogar behauptet, der Ritter Strahl habe das Käthchen „verhext“. Denn nach dieser Begegnung ist Käthchen nicht mehr wiederzuerkennen. Als sie den Grafen in der Werkstatt ihres Vaters antrifft, erkennt sie ihn als den ihr im Traum prophezeiten Ritter wider. Dabei erfolgt diese Erkenntnis unbewusst, so dass ihre Liebe und Gefolgschaft zu ihm ihr selber unerklärlich ist. Sie weiss zwar, dass sie und Strahl zusammengehören, doch die eigentliche Ursache diese Wissens- dass er ihr im Traum erschienen ist- ist ihr nicht bekannt.

Käthchen ist nach der Begegnung mit Strahl nicht mehr Herr ihrer Sinne, so dass sie sich, als sie ihn davon reiten sieht, aus dem Fenster stürzt und sechs Wochen im Krankenbett liegt. Diese Situation ist vielfach zu interpretieren versucht worden, denn man stellt sich die Frage, wieso Käthchen sich aus dem Fenster stürzt, anstatt die Treppe zu nehmen. Ein interessanter- schon mehrfach erwähnter- Zugang zu der Lösung ist vielleicht in Kleists Abhandlung „Über das Marionettentheater“ zu finden. Nach der Kleistschen Definition bestimmt sich eine Marionette folgendermaßen:

„Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst.[2] [...] Der Vorteil? Zuvörderst ein negativer, mein vortrefflicher Freund, nämlich dieser, dass sie sich niemals zierte. - Denn Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem andern Punkt befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere; [...]“[3]

Auf den Menschen übertragen, ist der Schwerpunkt das Innere des Menschen, also die Seele bzw. das Gefühl. Käthchen, welches nur ihrem Gefühl folgt und alles andere- vor allem die Ratio- außer acht lässt, würde nach der Kleistschen Definition einer Marionette ähneln: Sie schaltet ihr Bewusstsein aus bzw. das Bewusstsein folgt dem Gefühl- Käthchen folgt Strahl in ihrer Liebe, wenn es sein muss auch geradewegs durch das Fenster.

Des weiteren ist folgende Bemerkung auf Käthchens Verhalten zutreffend:

„Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie immer strahlender und herrschender hervortritt.“[4]

Grazie besitzt man also nur, wenn man nicht über seine Handlung und Haltung nachdenkt und einfach existiert. Denn das Bewusstsein stört durch seine Willkür den streng gesetzlichen Ausdruck der Bewegung.[5] Je mehr man über seine Handlungen reflektiert, desto weniger graziös ist man. So kann man wohl behaupten, dass Käthchen den Kleistschen Begriff der natürlichen Grazie verkörpert, denn das Letzte, was sie macht, ist, sich mit ihrem Verhalten auseinanderzusetzen. Sie folgt einfach ihrem inneren Gefühl- sie weiss, was sie will und ist fest entschlossen, es zu bekommen. Sie ist „ ein in sich ruhendes Wesen, das ungetrübt vom Bewusstsein aus seiner eigenen Seele, seiner Neigung handelt: vollendete Anmut, vollendete Natürlichkeit.“[6] Diese Eigenschaft macht wohl ihre Unschuld und Lieblichkeit aus, die sie ausstrahlt.

Nach ihrer Genesung packt sie dementsprechend ihre Sachen, folgt dem Grafen und „verlässt alles, woran Pflicht, Gewohnheit und Natur sie knüpfen“[7]. Da sie keine Rücksicht auf Anstand und bestehende Normen nimmt, ist ihr Umfeld beunruhigt und hält sie für verrückt, ja sogar dem Grafen (sexuell) hörig. Ihr Verhalten ist nicht mehr demjenigen angepasst, welches von der Gesellschaft vorgeschrieben wird. Die allgemeine Empörung drückt sich auch in der Bezeichnung des Käthchens aus. So wird sie in der Erzählung nicht mehr als Engel, sondern als Metze betitelt, die ihrem Herrn wie eine Hündin nachläuft.

Vor dem Fehmgericht stehend stellt sie sich diesem mutig entgegen, als sie erfährt, dass Strahl der Angeklagte ist. Sie wagt es sogar, Strahl zum Richter zu erheben und die Richter als die Angeklagten zu bezeichnen. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass für sie die einzige Instanz Strahl und ihre Liebe zu ihm ist. So handelt sie im weiteren Verlauf des Dramas nur nach diesem sich selbst gesetzten Gesetz.

Bemerkenswert ist Käthchens Handlungsmotivation. Sie ist in dem Drama mit Abstand die Einzige, die bei Bedarf ohne weiteres Überlegen handelt. Dies äußert sich z.b. darin, dass sie sofort zum Grafen von Strahl eilt, als ihr der Brief, der eigentlich an einen Verbündeten des Grafen von Steinburg bestimmt ist, zufällig in die Hände gerät. Ihr einziger Antrieb ist, Strahl und Kunigunde zu retten und sie zögert nicht, sich auf der Stelle auf den Weg zu machen.

Auch als der Graf sie fortschicken will, besteht sie darauf, dass er den Brief liest. Selbst als der Graf von Strahl Käthchen nach militärischen Details ausfragt ( „Wie stark fandst du den Kriegstroß, Katharina?“), gibt sie ihm genaue Antwort, was ziemlich ungewöhnlich ist für ein bürgerliches Mädchen.

Indem Käthchen hier die Boten- und Soldatenrolle ausfüllt, nimmt sie geradezu männliche Züge an. Sie erscheint nicht mehr als naives, gefügiges Ding, sondern als kompetente „Sachverständige“ und dem Grafen ebenbürtig. Diese Szene ist besonders wichtig für die Geschlechterdarstellung, denn hier wird das Bild des Käthchens und gleichzeitig das Bild der Frau eindeutig verzerrt, indem Käthchen männliche Attribute annimmt. Auf diese „Verzerrungen der Geschlechter“ wird vor allem bei der Darstellung des Grafen von Strahl aufmerksam zu machen sein.

Vor allem in der darauffolgenden Feuerprobe tritt Käthchens Mut ( bzw. völlige Untergebenheit) zu Tage, als sie sich, ohne zu zögern, in das brennende Schloss stürzt, um ein von Kunigunde vermisstes Futteral zu suchen. Sie opfert sich sozusagen für Strahl, der mit dieser Situation völlig überfordert ist. Diese Szene und auch alle anderen, in denen Käthchen in Aktion tritt, zeigen wohl deutlich, dass das eigene Leben für Käthchen völlig unbedeutend ist; sie ist jederzeit bereit, sich für Strahl in gefährliche Situationen zu begeben. Diese völlige Selbsthingabe ist kennzeichnend für die Figur Käthchens. Dabei erfolgt diese ohne jegliche Hintergedanken, ja selbst Kunigunde, der angehenden Braut Strahls, ist sie bedingungslos unterworfen.

[...]


[1] Sembdner, Helmut (Hg.): Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Dtv: München März 2001. S. 433/ Z. 70ff.

[2] Sembdner: II; S. 339.

[3] Sembdner: II, S. 341.

[4] Sembdner: II, S. 345.

[5] Streller, Siegfried: Das dramatische Werk Heinrich von Kleists. Rütten & Loehing: Berlin 1966. S. 130

[6] Streller: S. 131.

[7] Sembdner: I; S. 436; Z. 207-209.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Geschlechterbeziehungen im „Käthchen von Heilbronn“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Heinrich von Kleist
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V60143
ISBN (eBook)
9783638538954
ISBN (Buch)
9783638766548
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechterbeziehungen, Heilbronn“, Heinrich, Kleist
Arbeit zitieren
Karoline Lazaj (Autor), 2004, Die Geschlechterbeziehungen im „Käthchen von Heilbronn“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60143

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