Die zwei Gesichter der Großstadt - Emils und Fabians Betrachtungen der Metropole Berlin


Seminararbeit, 2002

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Großstadt- heile Welt oder Ort des Verderbens und Untergangs?

3. Bibliographie

1. Einleitung

Kästners Erfolg seines Kinderbuchs „Emil die Detektive“ ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass dieses in der Großstadt spielt. Zu seiner Zeit war es sehr ungewöhnlich, ein Kinderbuch innerhalb einer städtischen Umgebung spielen zu lassen.

Aber „Emil und die Detektive“ ist nicht die einzige Geschichte, in der das Berlin der 20/30er Jahre als Hintergrund fungiert. Auch „Fabian“ aus dem Jahre 1931, also drei Jahre nach dem Erscheinen von „Emil“, hat die Großstadt und ihre Menschen zum Thema. Interessant ist die unterschiedliche Sichtweise Kästners von Berlin: während im „Emil“ die Stadt als Ort des Guten beschrieben wird und durchweg ein optimistischer Tenor vorherrscht, wird im „Fabian“ die Stadt von einer sehr kritischen Perspektive in Augenschein genommen.

Mein Ziel wird sein, diese verschiedenen Perspektiven anhand der Beobachtungen, die Emil und Fabian von der Großstadt machen, näher zu erläutern und die Gegensätze, aber auch Parallelen herauszuarbeiten. Außerdem werde ich versuchen ausgehend von den Ergebnissen das Besondere der Kinderbücher Kästners abzuleiten.

2. Die Großstadt- heile Welt oder Ort des Verderbens und Untergangs?

Emil, der noch keine Erfahrungen in der Großstadt gemacht hat, ist die Ruhe und Gemächlichkeit der Kleinstadt gewohnt. Hier ist der Fortschritt und die damit verbundene Hektik der Großstadt noch nicht vorgedrungen. Das wird am besten in der Beschreibung der Pferdebahn Neustadts deutlich:

“ Und wenn jemand in der Rathausstrasse 12 wohnte und er saß in der Pferdebahn und wollte aussteigen, so klopfte er ganz einfach an die Scheibe. Dann machte der Schaffner „Brrr!“ und der Fahrgast war zuhause. Die richtige Haltestelle war vielleicht erst vor der Hausnummer 30 oder 46. Aber das war der Neustädter Straßenbahn GmbH ganz egal. Sie hatte Zeit. Die Neustädter Einwohner hatten Zeit. [...].“[1]

Die Einwohner Neustadts lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. So ist Emil- ein Neustädter von Kopf bis Fuß- von der Größe und Schnelligkeit Berlins überwältigt, als er dieser gegenübertritt:

“ Diese Autos! Sie drängten sich hastig an der Straßenbahn vorbei; hupten, quiekten, streckten rote Zeiger links und rechts heraus, bogen um die Ecke; andere Autos schoben sich nach. So ein Krach! Und die vielen Menschen auf den Fußsteigen! Und von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse! Zeitungsverkäufer an allen Ecken. Wunderbare Schaufenster mit Blumen, Früchten, goldenen Uhren, Kleidern und seidener Wäsche. Und hohe, hohe Häuser.“[2]

Im Gegensatz zur Kleinstadt ist die Großstadt eine Stadt der Superlative. Alles ist größer, höher und schneller. Vor allem der einfache Stil Kästners kann das Bild, dass sich Emil gibt, adäquat beschreiben. Durch die Aneinanderreihung vieler Verben („hupten“; „quiekten“; „streckten“), aber auch vieler Subjekte, wird die Gleichzeitigkeit der Großstadt wiedergegeben. Überall, wo Emil hinschaut, gibt es Neues und Aufregendes zu sehen. Kästner versucht dieses unmittelbare Nebeneinander der unterschiedlichen Eindrücke vor allem durch kurze und prägnante - manchmal auch unvollständige Sätze- zum Ausdruck zu bringen („So ein Krach! [...] Und hohe, hohe Häuser.“)

Die Stadt selbst ist zwar überwältigend, wird jedoch als positiv empfunden, während aber die Gleichgültigkeit der Bewohner Emil das Gefühl gibt, einsam und verlassen zu sein. Er erkennt, dass sich niemand für einen kleinen Jungen, der bestohlen wurde und nun auf der Suche nach seinem Geld ist, interessiert. Selbst wenn er den Mut aufbrächte, jemanden zu fragen, würde ihm keiner helfen. Erst diese Erkenntnis der Anonymität der Einwohner Berlins macht ihm Angst und führt ihm vor Augen, wie klein (und unwichtig) er eigentlich in dieser großen weiten Stadt ist:

“Vier Millionen Menschen lebten in Berlin, und keiner interessierte sich für Emil Tischbein. Niemand will von den Sorgen des anderen wissen. [...] Was würde werden? Emil schluckte schwer. Und er fühlte sich sehr, sehr allein.“[3]

Im Gegensatz zu Emil und seiner (anfänglichen) Orientierungslosigkeit ist Fabian in der Öffentlichkeit zuhause und fühlt sich in ihr heimischer als in seinem Zimmer. Im Verlauf seiner Geschichte ist er nur selten daheim und streift stattdessen durch die Stadt. Dabei muss er nicht einmal ein Ziel vor Augen haben. Die Verkehrsmittel und die Orte, an denen er aussteigt, werden oft beliebig von ihm gewählt:

“ Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Wenn man am Wittenbergplatz auf den Autobus 1 klettert, an der Potsdamer Brücke in eine Straßenbahn umsteigt, ohne deren Nummer zu lesen, und zwanzig Minuten später den Wagen verlässt, weil plötzlich eine Frau drinsitzt, die Friedrich dem Großen ähnelt, kann man wirklich nicht wissen, wo man ist.“[4]

Hier werden die Verkehrsmittel nicht als Mittel zum Zweck (zum Erreichen eines bestimmten Ziels), sondern als Zweck benutzt, der sich darin manifestiert, einfach unterwegs zu sein.

So erscheint „Berlin, die Stadt der Moderne, als transitorischer Ort, der kein Bleiben und keine Rast kennt.“[5]

Die erste Gemeinsamkeit der beiden Bücher ist die Thematisierung der Infrastruktur der Stadt. Auffällig ist dabei, dass Kästner versucht, die Gleichzeitigkeit der modernen „Errungenschaften“ des Berlins der 20er Jahre darzustellen. Dabei ist „Kästners Entwurf [...] nicht ausschließlich auf Tempo angelegt“[6], sondern versucht, das „Prinzip der Verräumlichung“[7] darzustellen: Im Gegensatz zu der Provinz, ist die Stadt „undurchsichtig und indifferent“[8], was es dem einzelnen möglich macht, in der Metropole frei zu sein und sich unkontrolliert bewegen zu können.

[...]


[1] E. Kästner: Emil und die Detektive. S. 37

[2] Ebda. S. 65

[3] Ebda. S. 69

[4] E. Kästner: Fabian. S. 10

[5] M. Rauch: Erich Kästner- Fabian. Oldenbourg Interpretationen. S. 61

[6] H. Karrenbrock: Das stabile Trottoir der Großstadt. S. 190

[7] Ebda.

[8] Ebda.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die zwei Gesichter der Großstadt - Emils und Fabians Betrachtungen der Metropole Berlin
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliteratur in der Weimarer Republik
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V60144
ISBN (eBook)
9783638538961
ISBN (Buch)
9783638598828
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesichter, Großstadt, Emils, Fabians, Betrachtungen, Metropole, Berlin, Kinder-, Jugendliteratur, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Karoline Lazaj (Autor), 2002, Die zwei Gesichter der Großstadt - Emils und Fabians Betrachtungen der Metropole Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60144

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