Bio-Macht und Biopolitik - Michel Foucaults Analysen zur polymorphen Struktur der modernen Macht in der Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Souveränität und Bio-Macht
2.1. Souveränität in der klassischen Theorie
2.2. Macht und deren Wandel
2.2.1. Disziplinarmacht
2.2.2. Disziplinartechnik
2.2.3. Disziplinartechnologie
2.3. Bio-Macht
2.3.1. Machttechniken, -technologien
2.3.2. Zoé und Bíos nach Giorgio Agamben
2.3.3. (Bio-) Politiken
2.3.4. Rassismus
2.3.4.1. die zwei Funktionen des Rassismus

3. Schluss/Fazit

4. Literatur-/Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„ Die Kontrolle der Gesellschaft über die Individuen vollzieht sich nicht nur über

das Bewusstsein oder die Ideologie, sondern auch im Körper und mit dem Körper.

Für die kapitalistische Gesellschaft ist es die Biopolitik, die vor allem zählt, das Bio-

logische, Somatische, Körperliche.“

Michel Foucault

Die Gesellschaft kontrolliert die Individuen mittels multipler Techniken und Technologien. Biopolitik und Bio-Macht, zwei der zentralen Begriffe in den Werken von Michel Foucault, benutzen dies um auf den individuellen Körper Einfluss nehmen zu können. Wie geschieht die und welche Folgen hat das für die Gesamtbevölkerung? War die Gesellschaft schon immer derartig strukturiert oder vollzog sich ein Wandel und wenn ja wie hat sich dieser laut Foucault vollzogen? Welche Erkenntnisse und Rückschlüsse lassen sich daraus für die heutigen Probleme ziehen? Die vorliegende Arbeit wird zeigen, wie Foucault versucht diesen Wandel zu analysieren, erklären und aufzudecken und wie er versucht die polymorphe Struktur der Bio-Macht für den Leser zu entschlüsseln.

Das zentrale Thema, das er aufgreift ist eben genau die Entstehung der modernen Macht, der mit ihr verbundenen Technologien und Mechanismen und wie sie versuchen mehr und mehr den Körper des Menschen in das Räderwerk der Macht zu integrieren. Die Fragen nach dem ‚Wie entsteht moderne Macht?’ und ‚Was macht moderne Macht überhaupt aus?’ bilden die Hauptstützen seiner Theorie. Maßgebend sind hier seine Vorlesungen am Collège de France aus den 1970-er Jahren, die noch bis in die heutige Zeit als geradezu revolutionär gelten. Die Analysen, die Foucault dem biomedizinischen Wissen und den damit verbundenen Prozessen widmet, siedeln sich im Kontext der neuen Analytik der Machtbeziehungen an, die er im Verlauf der siebziger Jahre ausarbeitete[1]. Betrachtet man dies nun unter dem Hintergrund der Embryonenforschung und Pränataldiagnostik, so sind seine Ausarbeitungen nicht bloß revolutionär, sondern auch aktueller denn je[2]. Was das Ciba-Symposium in den sechziger Jahren noch als Zukunftsmusik diskutierte, war in den siebziger und achtziger Jahren schon Realität und hat heute bereits die damals kühnsten Erwartungen übertroffen.

Foucault kritisiert die moderne kapitalistische Gesellschaft und versucht ihre Mängel und Schwächen aufzudecken. Die von ihm geprägten Begriffe Bio-Macht und Biopolitik haben mittlerweile nicht nur Einzug in die Soziologie, politische Wissenschaft oder historischen Wissenschaften gefunden, sondern werden eben so häufig in der Juristik, hier häufig in der Staatstheorie, und den ökonomischen Wissenschaften in die Überlegungen miteinbezogen[3]. Foucault hat diesen Begriffsdualismus von Bio-Macht und Biopolitik zwar hervorgebracht, es jedoch versäumt diesen genauer zu erklären. Es ist nicht möglich allein mit seinen Ausführungen die Bio-Macht von der Biopolitik zu trennen. Die folgende Arbeit wird unter anderem versuchen diese Trennung etwas schärfer zu definieren und die oben gestellten Fragen zu klären. Es werden im Laufe der Arbeit weitere Fragen und Thesen auftauchen, die dazu dienen sollen den Sachverhalt weiter zu erhellen. Schwerpunktmäßig ist es jedoch das Ziel herauszuarbeiten, wie sich die Biomacht etablieren konnte und welche Machtstrukturen und –mittel sie mitbrachte um dies zu gewährleisten. Weiterhin wird betrachtet werden welche Folgen sich daraus für den Menschen und die Gesellschaft ergaben. Bedingt durch die Weitläufigkeit des foucaultschen Gesamtwerkes, kann und soll kein Anspruch auf absolute Vollständigkeit erhoben werden. Jedoch muss im Folgenden versucht werden eine kritische Auseinandersetzung mit dem Machtmodell der foucaultschen Bio-Macht zu erreichen.

Aus diesem Grunde soll damit begonnen werden das Modell der Souveränität und Macht sowie deren Wandel, schwerpunktmäßig an Hand der Werke Michel Foucaults zu analysieren. Die Definition des Lebens welches von der Macht okkupiert wird, wird unter zu Hilfenahme eines anderen wichtigen Theoretikers und Philosophen (Giorgio Agamben) bewältigt werden. Die Aufarbeitung der Begriffe der Bio-Macht und Biopolitik wird ebenfalls einen der zentralen Punkte der vorliegenden Arbeit bilden, die mit einem zusammenfassenden Fazit enden wird.

2. Souveränität und Bio-Macht

Im Wesentlichen kann der foucaultsche Begriff von Souveränität, oder das was Souveränität ausmacht, und in diesem Fall, ab einem gewissen Zeitpunkt der menschlichen Geschichte einhergehend mit dem Begriff der Biopolitik, in die folgenden fünf Schwerpunkte aufgeteilt werden:

a) Souveränität (in der klassischen Theorie)
b) Macht und deren Wandel
c) Machttechniken
d) (Bio-) Politiken
e) Rassismus

Jeder dieser Unterpunkte oder auch Topoi ist in verschiedene Subkategorien aufgeteilt, die sich chronologisch und somit für Foucault kausal, ausgehend vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein, aus den anderen herausentwickeln oder entwickelt haben[4]. Im Folgenden werden diese Topoi betrachtet, wobei auf die Schwerpunktthemen wie die Macht und deren Wandel sowie die Machttechniken und Rassismen, die maßgeblich zur Entwicklung und Etablierung der Bio-Macht und Biopolitik beigetragen haben, näher eingegangen werden soll, um von dem „allgemeinen“ Aufbau des foucaultschen Souveränitätsmodells etwas Abstand zu gewinnen.

2.1. Souveränität in der klassischen Theorie

Der Begriff der Souveränität ist anfangs für Foucault klar von dem klassischen Prinzip des Herrschers und Beherrschten, wie er bis ins 18. Jahrhundert üblich war, geprägt. Der Herrscher oder Souverän hatte die Macht, über das Leben und den Tod des ihm Untergebenen zu entscheiden. Foucault bezeichnet dies als das Hauptelement der Macht und des Rechts über Leben und Tod „sterben zu machen und leben zu lassen“. Das Recht des Beherrschten besteht darin, weder lebendig noch tot zu sein. Es ist sogar möglich dieses Leben in einer Art Dämmerzustand des Körpers und Geistes zu verorten, wohingegen die Macht des Souveräns sich eindeutig auf die Akzeptanz derselben durch den Beherrschten stützt. Foucault sagt hierzu, dass „die Wirkung der Macht auf das Leben [...] von dem Moment an aus(ge)übt (werden kann), in dem der Souverän töten kann“ [5], was bedeutet dass der Herrscher vom Beginn des Lebens an, also der Geburt, die Möglichkeit hat jederzeit über das Lebendes ihm Untergebenen zu verfügen. Das Wort „kann“ am Ende des Zitates impliziert, dass dieser souveräne Anspruch des Herrschers seitens des Beherrschten akzeptiert wird und gibt dem Souverän gleichzeitig die Erlaubnis dieses Recht zu verlangen. Es auf der anderen ebenfalls aus, dass die Art und Weise der Verfügung über das Leben, und somit über das Töten, nicht näher bestimmt ist. Das Subjekt hat somit dank des Souveräns das Recht lebendig oder tot zu sein[6]. Ein von Natur aus positives Recht auf das Leben existierte somit in der klassischen Theorie der Souveränität nicht.

Im auslaufenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert kam es schließlich zu einer allmählichen Transformation des alten Souveränitätsrechts, weg von dem Prinzip „sterben zu machen und leben zu lassen“, hin zu dem neuen Prinzip des „leben machen und streben lassen“. Der Tatsache, dass sich dieser Umwandlungsprozess nicht abrupt, sondern bereits zunehmend im 17. und 18. Jahrhundert vollzog, trug Michel Foucault in seinen Werken zur genüge Rechnung. Wieso konnte das alte Recht der Souveränität „sterben zu machen und leben zu lassen“ an der Schwelle zur Industrialisierung in den westeuropäisch geprägten Ländern nicht länger bestehen, sondern wurde durch das neue Recht „leben zu machen und sterben zu lassen“ ersetzt?

2.2. Macht und deren Wandel

Mit dem Aufkommen der oben bereits erwähnten Industrialisierung, die ihren Ursprung in England im ausgehenden 17. Jahrhundert hatte, vollzieht sich ein Wandel in der Grundlage der Ausübung von Souveränität. Die gesamte Legitimationsgrundlage der souveränen Herrschaft verändert sich, indem sie sich nun dem Prinzip des „leben machen und sterben lassen“ zuwendet. Das erste Anzeichen für eben diese Veränderung ist die Ausprägung der Disziplinarmacht. Wie sich diese nun ausgestaltete und wo der Unterschied zur Biomacht liegt wird im weiteren Verlauf verdeutlicht werden.

2.2.1. Disziplinarmacht

Die Disziplinarmacht war kein Instrument, das lediglich dem Souverän zur Verfügung stand. Vielmehr handelte es sich hierbei, um eine neue Möglichkeit sich den menschlichen Körper als Werkzeug und potentiellen Produktionsfaktor zu Nutze zu machen. So könnte dieses neue Prinzip der Machtausübung wohl am besten charakterisiert werden. Die neuen Techniken werden von jetzt ab auf den individuellen Körper angewendet, um die räumliche Verteilung der Körper besser kontrollieren und deren Nutzkraft, als variablen Faktor des Produktions- und Reproduktionsprozesses, mittels Dressur und Übung, nutzbar machen zu können[7]. Das Begreifen des Menschen als Individuum, der nur noch durch seinen Platz innerhalb der (Re-) Produktionslinie definiert ist, ist die wahre Neuerung bei der Einführung der Disziplinarmacht. Nur dadurch konnte der Boden bereitet werden für die später einsetzende Bio-Macht. Die Disziplinarmacht setzt sich aus zwei verschiedenen Ebenen zusammen, auf die im Folgenden genauer eingegangen wird.

2.2.2. Disziplinartechnik

Diese Technik beschreibt den Kern der zu ihr gehörenden Macht. Sie umfasst all das, was sich mit dem Körper des Menschen verbinden lässt. Sie produziert individualisierende Wirkungen und richtet sich somit auf den Korpus des Menschen als Individuum. Sie manipuliert diesen und macht ihn zum Zentrum von (Produktions-) Kräften, die es zu nutzen gilt. Bevor diese Kräfte jedoch den Gesamtprozess prägen können, müssen sie diszipliniert, gelehrig, gefügig und somit nutzbar gemacht werden. Hieraus folgt, dass die Disziplinartechnik das ausformende Werkzeug der Disziplinarmacht ist. Sie treibt den Arbeiter in die Fabrik, sorgt dafür, dass er seinen Arbeitstag in produktiver Weise zubringt und dies auch über sein Leben in der Produktionsstätte hinaus akzeptiert. Die Disziplinarmacht zeichnet sich also dadurch aus, dass sie sich vor allem in Form der „Abschöpfung“ organisiert: als Entzug von Gütern, Produkten, Diensten (Arbeitskraft) etc.[8].

[...]


[1] Bertani, Mauro: Zur Genealogie der Biomacht, in: Stingelin, Martin (Hg.): Biopolitik und Rassismus, Suhrkampverlag, Frankfurt am Main 2003. S. 231

[2] Vgl. hierzu den Diskurs zwischen Robert Spaemann und Reinhard Merkel, um nur einige zu nennen, in: Spaemann, Robert: Gezeugt, nicht gemacht, Die verbrauchende Embryonenforschung ist ein Anschlag auf die Menschenwürde, in: Geyer, Christian (Hg.): Biopolitik, Die Positionen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. S.41 ff. und Merkel, Reinhard: Rechte für Embryonen, Die Menschenwürde lässt sich nicht allein auf die biologische Zugehörigkeit zur Menschheit gründen, in: Geyer, Christian (Hg.): Biopolitik, Die Positionen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. S. 51 ff.

[3] Chiang, Yu-Lin: Umdenken des Verfassungsstaates im Anschluss an Michel Foucault, Tenea Verlag für Medien, juristische Reihe Tenea, Berlin 2003. S. 21 ff.

[4] Foucault Michel: Leben machen und sterben lassen: Die Geburt des Rassismus, in: Reinfeldt, Sebastian/Schwarz, Richard/Foucault, Michel: Bio-Macht, Biopolitische Konzepte der neuen Rechten, Duisburg 1993. S.27-49

Die Einteilung ergibt sich aus der genauen Analyse und späteren Zusammenfassung der Angaben und Begriffe des Textes, stellt jedoch nur einen Entwurf des Autors dar und ist nicht durch andere wissenschaftliche Quellen belegt.

[5] Ebd. S.28

[6] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76)( aus Internetquelle daher unnummeriert vgl. http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/foucault-vorlesung-17-3-76.htm)

[7] Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft.

[8] http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/g-bio/g-bio-n/lemke-BiopolitikimEmpire.pdf

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Bio-Macht und Biopolitik - Michel Foucaults Analysen zur polymorphen Struktur der modernen Macht in der Gesellschaft
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Wissenschaftliche Politik)
Veranstaltung
Politische Theorien im 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V60189
ISBN (eBook)
9783638539302
ISBN (Buch)
9783638666909
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bio-Macht, Biopolitik, Michel, Foucaults, Analysen, Struktur, Macht, Gesellschaft, Politische, Theorien, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Daniel Rottgardt (Autor), 2005, Bio-Macht und Biopolitik - Michel Foucaults Analysen zur polymorphen Struktur der modernen Macht in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60189

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