Die Genese des Antisemitismus, der zu Ausschwitz führte


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte und Definition von Antisemitismus

3. Die Schriften, auf welche die Nationalsozialisten aufbauen konnten
3.1 A. de Gobineau
3.1.1 Antisemitische Rezeption und Umdeutung Gobineaus in Deutschland
3.2 Charles Robert Darwin
3.2.1 Darwins Evolutionstheorie
3.2.2 Der Sozialdarwinismus
3.3 Eugen Dühring

4. Grundlagen der Rassentheorie bei Adolf Hitler
4.1 Die Umsetzung durch die Nationalsozialisten
4.2 Hitlers Schlussfolgerungen

5. Adornos Betrachtungen
5.1 Zivilisationstheoretische Grundlagen
5.2 Gesellschaftliche Ebene
5.3 Sozio-ökonomische Ebene
5.4 Religiöse Ebene
5.5 Psychologische Ebene
5.6 Autoritärer Charakter

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Anlage

1. Einleitung

Auschwitz steht bis in die heutige Zeit als Symbol für die Gräuel und Brutalitäten, die der Antisemitismus annehmen kann. Die Frage, die schon viele Gelehrte beschäftigte, ist: Wie konnte es zu Auschwitz kommen, wobei Auschwitz als Synonym für die von den Nazis betriebene industrielle Massenvernichtung während der Zeit des Dritten Reiches steht. Hierbei möchte ich zuerst historisch vorgehen und den Antisemitismus auf den die NSDAP gründete darstellen. Die bekanntesten antisemitischen Schriftsteller werden zunächst mit ihren Theorien erläutert, um dann den Bogen zur Weltanschauung Hitlers zu spannen. Danach soll diese kurz dargestellt werden. Zum anderen möchte ich auf den Erklärungsansatz von Adorno eingehen, der in einer vielschichtigen Studie versuchte, den Rechtsextremismus und seine Entstehung zu erklären. Besonderes Augenmerk fällt hierbei auf den autoritären Charakter, der als Ergebnis von Adornos Forschungen steht.

2. Vorgeschichte und Definition von Antisemitismus

Der religiös motivierte Antijudaismus existierte bereits in der Antike, steigerte sich jedoch im Mittelalter durch die Errichtung von Ghettos, Kennzeichnung von Juden[1], Zwangstaufen und Verfolgungen. Da Juden nicht in christliche Zünfte eintreten konnten wurden sie in „unehrliche“ Berufe gedrängt, was zu dem Vorwurf führte, Juden seien von Natur aus Geldmenschen und Wucherer. Der Judenhass des 19. Jahrhunderts nahm alte Begriffe wieder auf wie: "Schieber", "Sittlichkeitsverbrecher", "Wucherer", "Schwindler", "Mädchenhändler", "Unzuchtsapostel", "Börsenspekulant" und verarbeitete diese meist in Bildern und Karikaturen[2].

Adorno sieht im Antisemitismus den irrationalen Hass auf Juden, die als Volk geschaffen wurden und damit Ziel von Vorurteilen und Hassentladungen werden. Formen können von gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Exklusion bis hin zu Vernichtungswünschen und deren Umsetzung reichen. Für Adorno ist gerade der Vernichtungswunsch, das den Antisemitismus vom Rassismus gegen Minderheiten Abgrenzende. Jedoch sieht er bei beiden die gleichen Strukturen.[3]

3. Die Schriften, auf welche die Nationalsozialisten aufbauen konnten

Als Grundlage seiner Rassentheorie dienten Hitler die rassistischen und antisemitischen Schriften seiner Zeit. Hier sind vor allem die im Folgenden dargestellten Arthur Graf de Gobineau und Eugen Dühring zu nennen. Weitere erwähnenswerte Autoren, die meist alle auf dieselben Grundschriften zurückgriffen, waren: Wilhelm Marr, Rudolf Jung und Adolf Lanz. Bedeutend ist vor allem Houston Stewart Chamberlain, der als Engländer ein Beweis dafür ist, dass Judenfeindlichkeit nicht nur ein deutsches Phänomen war, auch wenn er seine Schriften größtenteils in Deutschland verfasste.

3.1 A. de Gobineau

Die Schrift „Essai sur L’inégalité des races humaines“ („Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“) des Franzosen A. de Gobineau, die von 1853 bis 1855 erschien, bildete gegen Ende des 19. Jahrhunderts – obwohl nicht mit der entsprechenden Intention verfasst[4] - eine der Grundlagen für den sich immer dynamischer entwickelnden Antisemitismus im Deutschen Reich. Der Diplomat und Schriftsteller Joseph Arthur Comte de Gobineau (1816-1882) begann sich während seiner Ausbildung in der Schweiz mit der Rassenfrage auseinanderzusetzen[5]. Im Vorwort seines „Essai“ heißt es, er habe „wie durch Instinkt über die Frage der Rassen nachzudenken begonnen“[6]. Der hoch gebildete Gobineau durchlief eine steile diplomatische Karriere, die ihn bis nach Persien und Ägypten führte. Auf diese Weise kam er mit einer Vielzahl ethnischer Gruppierungen in Berührung. Gobineau hatte zunächst die Absicht, die Geschichte naturwissenschaftlich zu betrachten und ihr so eine Grundlage zu geben. So erwartete er „von der Wissenschaft (im vorliegenden Falle der Biologie) die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme…“.[7] Für ihn war Geschichte stets durch die Existenz von Rassen bestimmt. Die Unterschiede zwischen den Rassen ermöglichten seiner Ansicht nach die Erklärung des gesamten menschlichen Zusammenlebens und ihrer Geschichte. Basis für diese Anschauung bildete die Einteilung der Menschheit in drei Grundrassen, eine überlegene weiße, die darunter anzusiedelnde gelbe und die als am minderwertigsten anzusehende schwarze Rasse[8]. Alle drei Rassen ließen sich auf eine Urrasse zurückführen und stellten demzufolge Varianten derselben dar. Ihre unterschiedliche Wertigkeit ergab sich nach Gobineau aus ihrer kulturellen, religiösen und sprachlichen Entwicklung. Die Überlegenheit der weißen Rasse betrachtete Gobineau als naturgegeben. Die Weißen konnten sich auf die Arier zurückführen. Diese hätten aufgrund ihrer Überlegenheit nahezu alle Kulturen der außereuropäischen und minderwertigen Völker begründet. Während dieser langwierigen Kultivierungs- und Eroberungsprozesse sei es jedoch zu einer Rassenmischung und einer daraus resultierenden Verunreinigung der arischen Rasse gekommen. Gobineau sah in dieser Verunreinigung einen Zerfallsprozess, der sich über die Degeneration der Arier hinaus bis ins frühe 20. Jahrhundert fortsetzen würde; spätestens dann würde auch der letzte überlebende Zweig der Arier, die Germanen, durch unaufhaltsame Zersetzung seiner Kräfte beraubt sein.

Insgesamt vertrat Gobineau ein pessimistisches Weltbild. Die Geschichte erschien ihm als ein durch Rassenvermischung bestimmter Prozess, der schlussendlich in die Degeneration führen musste.[9] Seine Rasseneinteilung übertrug er auf die Gesellschaft seiner Zeit, indem er Adel, Bourgeoisie und Proletariat entsprechend ihrer Wertigkeit[10] mit den weißen, gelben und schwarzen Rasseneigenschaften in Verbindung brachte. Als Folge sprach er dem Adel eine durch die Natur legitimierte Herrschaftsfunktion zu.[11]

3.1.1 Antisemitische Rezeption und Umdeutung Gobineaus in Deutschland

Gobineau schuf mit seiner Arbeit eine der Grundlagen für die zunehmende antisemitische Agitation in Deutschland, die ihren Anfang im Kaiserreich nahm und schließlich im Nationalsozialismus mündete. In Folge einer zunehmenden Rückbesinnung auf die germanischen Wurzeln der Deutschen wurde der „Essai“ mit völkisch-rassischen Gedanken in Verbindung gebracht. Das Werk wurde in Deutschland zum ersten Mal von Georg H.A. Ewald rezensiert, der Gobineaus’ Einteilung der Menschen in drei Rassen als unveränderliche Tatsache betrachtete. Seine Schriften wurden unter dem nationalistischen Einfluss des „Alldeutschen Verbandes“ durch die „Gobineau-Gesellschaft“ vertrieben. Parallel zu der wachsenden Popularität vollzog sich eine Umdeutung des „Essai“ unter antisemitischen Gesichtspunkten: das negative Bild, das Gobineau von den Gelben und Schwarzen zeichnete, wurde nun auf die Juden übertragen. Es entstand die Meinung, dass der von Gobineau vorhergesehene Zerfall der arischen Rasse durch menschliche Züchtung aufgehalten werden könne.[12]

3.2 Charles Robert Darwin

Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Shrewsbury, England geboren. Als er die Schule beendete nahm er 1825 ein Medizinstudium auf. Wegen seiner Abneigung gegenüber dem Sezieren brach er dieses 1827 ab. Neben dem neu begonnenen Theologiestudium führte er geologische und botanische Untersuchungen durch. Eine fünfjährige Expeditionsreise an die Küsten Südamerikas wurde zur späteren Grundlage seiner Arbeit, deren wichtigsten Veröffentlichungen waren 1859 „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der bevorzugten Rassen im Kampfe ums Dasein“ und 1871 „Die Abstammung des Menschen“. Darwin verstarb am 19. April 1882 und wurde in der Westminster Abbey beigesetzt.

3.2.1 Darwins Evolutionstheorie

Darwin war zunächst der Auffassung, dass die Welt nicht unveränderlich, sondern vielmehr das Produkt eines steten Evolutionsprozesses sei. Er wies allen Organismen gemeinsame Vorfahren zu, die sich über lange Zeit auseinander entwickelt haben. Kern seiner Theorie war die „natural selection“. Hierbei geht er davon aus, dass alle Populationen exponentiell anwachsen, wodurch es schließlich zum Kampf um Ressourcen kommt. Diesen Kampf ums Dasein („struggel for life“) gewinnt der am besten angepasste Teil der Population. Am Ende kommt es schließlich durch diesen Ausleseprozess zur Entstehung neuer Arten. Die Folge des Darwinismus war zum einen eine Empörung der Kirchen, da Darwin der Schöpfungsgeschichte hiermit widersprochen hatte. Zum anderen bekamen die Rassentheoretiker zum ersten Mal einen scheinbar wissenschaftlichen Beweis ihrer Überlegungen.

3.2.2 Der Sozialdarwinismus

Darwins Lehren wurden von der Tierwelt auf die Menschheit übertragen. Dies geschah nicht durch ihn selbst, sondern von seinem Cousin Francis Galton[13]. Für Darwin war die Anzahl der Nachkommen eines Tieres ein Indikator fürs Überleben. Diese Forderung nach gesunden Nachkommen wurde auch von Rassentheoretikern immer wieder gestellt. Die Vererbung löste den Kampf ums Dasein ab und war eine Möglichkeit die von Gobineau dargestellte Degeneration aufzuhalten. Anhänger der Lehren von Darwin versuchten „mit quantifizierenden Methoden die für das Überleben notwendigen Eigenschaften zu ermitteln und so die Grundlagen für eine Steuerung der Selektion von Individuen und Gruppen zu schaffen“[14]. Dieser Eingriff des Menschen wird als Rassenhygiene oder Eugenik bezeichnet.

[...]


[1] Hierbei ist der sogennante „Judenfleck“ gemeint.

[2] als Bsp. siehe Anlage: Alte werden mit den neuzeitlichen, biologischen Vorurteilen (das deutsche Volk als Acker) in Verbindung gebracht. Ebenfalls charakteristisch ist die Darstellung der Juden als Parasiten oder eben hier als Unkraut. Dies entsprach der damaligen Vorstellung der Juden als Volksschädlinge.

[3] vgl. Adorno, Gesammelte Schriften 20.1, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt , 1986, S.374.

[4] Losemann, V.: Rassenideologien und antisemitische Publizistik in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: Klein, Thomas u.a. (Hg.), Judentum und Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, 1984, S. 139.

[5] Gobineau, A. de: Essais ur l’inégalité des races humaines (tome premier), Paris, 1853-1855, S. XXI.

[6] Ebd., S. XXI f.

[7] Delacampagne, Christian : Die Geschichte des Rassismus, Düsseldorf, 2005, S. 151.

[8] Gobineau, S. XXII ff.

[9] Losemann, Rassenideologien und antisemitistische Publizistik, S. 138 f.

[10] bedingt durch den jeweiligen Anteil arischen Blutes.

[11] Losemann, Rassenideologien und antisemitistische Publizistik , S. 139.

[12] Ebd., S. 144.

[13] Delacampagne, Christian : Die Geschichte des Rassismus, S. 153.

[14] Losemann, Rassenideologien und antisemitistische Publizistik , S. 140.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Genese des Antisemitismus, der zu Ausschwitz führte
Hochschule
Universität Augsburg  (Phil.-Soz.-Fakultät)
Veranstaltung
Soziologische Erklärungsansätze zum Rechtsextremismus
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V60202
ISBN (eBook)
9783638539395
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Grundlagen der Rassentheorie Hitlers von Gobineau, Darwin usw. bis hin zu Adornos Erklärungsansätze zum autoritären Charakter
Schlagworte
Genese, Antisemitismus, Ausschwitz, Soziologische, Erklärungsansätze, Rechtsextremismus
Arbeit zitieren
Bernd Kirschmer (Autor), 2006, Die Genese des Antisemitismus, der zu Ausschwitz führte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60202

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