Traditionelle und kritische Theorie - In: Horkheimer; Gesammelte Schriften, Bd.4.


Seminararbeit, 1999
59 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

2. Prolog

3. Der Werturteilsstreit
3.1. Wissenschaftstheorie und Werturteile
3.2. Wertbeziehung und Kulturbedeutung
3.3. Das Erkenntnisinteresse

4. Der Positivismusstreit
4.1. Dialektik
4.2. Der logische Positivismus des Wiener Kreises

5. Traditionelle und kritische Theorie
5.1. Traditionelle Theorie
5.1.1. Empirische Naturwissenschaften als Vorbild
5.1.2. Verwertung theoretischer Erkenntnisse/technischer Fortschritt
5.1.3. Pragmatismus- und Positivismuskritik
5.1.4. Abstraktion wissenschaftlicher Tätigkeit vom gesellschaftlichen Arbeitsprozeß als Ideologie
5.1.5. Gesellschaftliche Präformation der Wahrnehmung
5.1.6. Diskrepanz zwischen Theorie und sinnlichem Datum
5.2. Kritische Theorie
5.2.1. Die Idee einer „vernünftigen“ gesellschaftlichen Organisation
5.2.2. Die Bedeutung theoretischer Reflexion für den emanzipativen Prozeß
5.2.3. Emphatische Kritik der Gegenwart
5.2.5. Das Verhältnis von Intelligenz und Gesellschaft
5.3. Logisch-strukturelle Differenzen zwischen traditioneller und kritischer Theorie
5.3.1. Existenzialurteile als Momente der kritischen Theorie
5.3.2. Der Begriff der Notwendigkeit und seine semantische Bedeutung als Einheit von Theorie und Praxis
5.3.3. Theoriefeindlichkeit als Zeitgeist
5.3.4. Abhängigkeit des Kulturellen vom Ökonomischen
5.3.5. Einheitlichkeit von (kritischer) Theorie und Praxis
5.5.6. Kritik der politischen Ökonomie

6. Epilog

7. Literaturverzeichnis

2. Prolog

Max Horkheimers Aufsatz über „ Kritische und traditionelle Theorie [1] “, welcher 1937 im zweiten Heft der Zeitschrift für Sozialforschung , dem Publikationsorgan des Horkheimer Kreises, publiziert wurde, gilt als das Grundlagenprogramm der Forschungsorientierung des frankfurter Institutes für Sozialforschung (IfS) und kann als eine Gedenkschrift auf das 70 Jahre zuvor erschienene erste Band von „Das Kapital“ von Karl Marx verstanden werden. Er entstand unter der Erfahrung des deutschen Faschismus und der Situation des Exils in den USA und kann als eines der wichtigsten (wissenschaftstheoretischen) Werke der Frankfurter Schule angesehen werden.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich nun versuchen, im Rahmen des Gesamtkontextes des Werturteils - und Positivismusdiskurses, die wichtigsten Positionen Horkheimers herauszuarbeiten. Da die Werturteils-problematik als ein Schlüsselmotiv des Theorie-Praxis-Verhältnisses sozialwissenschaftlicher Erkenntnis angesehen werden kann, werde ich aus didaktischen Gründen zuerst einen Überblick über die unterschiedlichen Positionen innerhalb dieser wissenschaftlichen Diskussionen geben, in deren Kontext es um den Zusammenhang zwischen äußeren, historisch-gesellschaftlichen Faktoren und den inneren Aufbau- und Ordnungsprinzipien sozialwissenschaftlicher Theorien ging.

Der sogenannte erste, im Januar 1914, im Verein für Socialpolitik (VfSP) ausgetragene, Methodenstreit (Werturteilsstreit) in der deutschen Soziologie hatte das Problem der Forschungs- und Theoriebezogenheit von sozialen und politischen Entwicklungen, sowie die Frage nach dem wissenschaftslogischen Status von Sätzen der Nationalökonomie zum Gegenstand. Zentraler Bezugspunkt der Tätigkeit des VfSP war damals die „sociale Frage“; die „Arbeiterfrage“; die aktive Stellungnahme zu gesellschaftspolitisch relevanten Systemproblemen (Krisen). Als Kontrahenten standen sich Max Weber, als emphatischer Vertreter des Postulates der Wertfreiheit der Wissenschaft, und Gustav v. Schmoller, als Apologet einer normativ wertenden Wissenschaft, gegenüber.

In Anknüpfung an die im erstem Methodenstreit thematisierte Werturteilsproblematik, nahm im Oktober 1961 in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) der Positivismusstreit seinen Anfang. In diesem zweiten großen Methodenstreit, welcher die Logik der Sozialwissenschaften im Allgemeinen zu Gegenstand hatte, standen sich Karl Raimund Popper, als Apologet des Kritischen Rationalismus und Mitglied des Wiener Kreises und Theodor Wiesengrund Adorno, als Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, gegenüber. Der Diskurs wurde später u.a. zwischen Jürgen Habermas und Hans Albert fortgesetzt.

Im dritten Teil über den Werturteilsstreit (Weber-Schmoller-Kontroverse) werde ich, nach einer Definition des Begriffs der „ Wissenschaftstheorie “, Webers Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaften rekonstruieren. Vorrangig geht es mir dabei um die Klärung der Konzeption der Wertbeziehung und der Begriffe der Kulturbedeutung, Kulturwertideen und des Erkenntnisinteresses. Im Anschluß daran werde ich drei mögliche Interpretationen seines Standpunktes unternehmen. Es erübrigt sich von selbst, zu erwähnen, daß Webers Position heute zum „ common sense “ der Sozialwissenschaften gehört.

In Teil 4 über den Positivismusstreit werde ich eine Einführung in die wichtigsten Positionen und Argumente der Protagonisten Th. W. Adorno und K.R Popper geben und versuchen die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Differenzen (v.a. hinsichtlich des jeweils zugrundeliegenden Kritikbegriffes und der erkenntnistheoretischen Grundannahmen) zu erarbeiten. Dies erachte ich als sinnvoll, da Adorno und Horkheimer aus (fast) derselben philosophischen Tradition stammen und sie somit ein ähnliches Theorieverständnis verbindet; beide berufen sich auf Hegelsche und Marxsche Kategorien.

Dem soll der Versuch eines kurzen semantischen Überblicks über die unterschiedlichen, den beiden Theoretikern zugrundeliegenden, philosophischen Denkweisen (Dialektik und logischer Positivismus bzw. kritischer Rationalismus) folgen, welche als Referenzpunkte der differenten Standpunkte angesehen werden können.

Im Abschnitt 5 folgt dann die Rezension des Horkheimer Aufsatzes über „traditionelle und kritischen Theorie“, was durch die vorherigen Ausführungen dem – imaginiert unfachmännischen oder unfachfraulichen – Leser hoffentlich das Verständnis erleichtert. Dort werde ich seine Auffassung von traditionell-positivistischer und kritischer Theorie rekonstruieren und die logisch strukturellen Differenzen zwischen beiden heraus arbeiten.

Im Schlußteil (Teil 6) werde ich zusammenfassend nochmals ein Resumée vornehmen.

3. Der Werturteilsstreit

3.1. Wissenschaftstheorie und Werturteile

Neben den klassischen Gebieten der Philosophie: Logik, Ethik, Epistemologie, Metaphysik und Ontologie, hat die Disziplin der Wissenschaftstheorie die Aufgabe der systematischen (und logisch exakten) und kritischen Reflexion über das wissenschaftliche Wissen im allgemeinen und das Wissen von Fachwissenschaften im besonderen. Sie ist eine Philosophie der Wissenschaften und somit Metatheorie; zu ihren Aufgaben gehört die Reflexion über die logisch allgemeinsten Voraussetzungen (Grundlagen) einzelwissenschaftlicher Erkenntnis-interessen, die Erklärungsziele, die Normen vorbildlichen wissenschaftlichen Ableitens, die Stichhaltigkeit beanspruchter Wahrheiten, und die logische Konsistenz und Leistungsfähigkeit von Methoden. Die Wissenschaftstheorie, als (sprach-) analytische Philosophie, hat das „linguistische Paradigma“ L. Wittgensteins zugrunde liegen und zielt auf die logisch-sprachliche Erhellung von Sachverhalten ab.

Werturteile[2] weisen dieselbe logische Grundform des Urteilens auf, wie die elementare Prädikation deskriptiver Sprechhandlungen. Bei ihr werden lediglich die Prädikate durch Wertungen substituiert. Derartige Sollensaussagen verlangen von uns, unser Denken und Handeln in Kongruenz mit bestimmten Normen zu bringen; es wird an bestimmten Normen und Werten gemessen. Tatsachenaussagen (Istaussagen) hingegen behaupten, daß etwas der Fall ist (assertorische Aussagen: x e P) oder auch nicht (negatorische Aussagen: x e ¬P). Nach David Hume stellen Tatsachen- und Sollensaussagen (welche Kant und er der Ethik vorbehalten) zwei strikt getrennt zu haltende Aussagenklassen dar[3]. Nach Hume können Sollensaussagen (als normative Sätze) logisch nicht aus deskriptiven Tatsachenaussagen abgeleitet werden (i.e. als praktischer Syllogismus[4] ). Humes-Theorem besagt, daß von Tatsachenaussagen nur solche Sollensaussagen abgeleitet werden können, die auch ohne die vorausgesetzten nichtnormativen Aussagen als bindend angesehen werden können.

Der als Werturteilsstreit etikettierte erste Methodenstreit [5] in der deutschen Soziologie war orientiert an der Problematik der Forschungs- und Theoriebezogenheit auf soziale und politische Entwicklungen als Systemproblemen (Krisen). Der im Verein für Socialpolitik (VfSP) im Januar 1914 ausgetragene Diskurs hatte als Bezugsproblem die „sociale Frage“ oder „Arbeiterfrage“ und drehte sich zu einem erheblichen Teil auch um den wissenschaftslogischen Status von Sätzen der Nationalökonomie (welche den Abspruch hatte mathematisch exakte Modelle zu entwickeln, allgemeine (universelle) Gesetze menschlichen Verhaltens aufzustellen und axiomatisch-deduktive Aussagensyteme anstrebte). Beteiligt waren vor allem Wirtschaftswissenschaftler, deren Disziplin – die Nationalökonomie – einen Wandel von der politischen Ökonomie zur „Physik des Sozialen“ vollzog. Im VfSP herrschte eine charakteristische Verschränkung von Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Trotzdem erhob eine Fraktion um Max Weber das Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaften; wissenschaftliche Probleme hätten sich einerseits auf theoretische und erhebungstechnische Probleme zu beschränken und andererseits auf solche der Beschreibung, Erklärung und Prognose realer Ereignisse. Wissenschaftliche Theorie sollten auf nichts anderes als die Wahrheit, empirischen Erhebungen und die Ermittlung und Erklärung von Tatsachen abzielen, während die Verfolgung praktischer und sozialpolitischer Ziele und Zwecke nicht zur Aufgabe des Wissenschaftlers gehört. Zwar darf die Wissenschaft Informationen vermitteln, welche der Realisierung vorgegebener praktischer Ziele zweckdienlich erscheinen, doch dürfen diese Zwecke nicht die Ordnung der theoretischen Sätze, die Durchführung von Erhebungen und die Versuche zur Deskription, Erklärung und dem Verständnis von Tatsachen immanent beeinflussen.

In der anderen Fraktion um Gustav v. Schmoller sah man die praktischen Zielsetzungen und sozialen Normvorstellungen als einen immanenten Bestandteil der Theoriebildung und Untersuchungsarbeit selbst an: Werturteile dürften nicht aus der (Wirtschafts-) Wissenschaft verbannt und einfach der Praxis überlassen werden.

Max Weber artikuliert in seinem berühmten Aufsatz „die >>Objektivität<< sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis [6] die Position, daß sich die Soziologie als Wissenschaft zu entwickeln und jegliche Vermischung ihrer, an Werten wie Klarheit, Wahrheit, Exaktheit, und Überprüfbarkeit orientierten, Theoriearbeit und Forschungspraxis mit der Propagierung sittlicher und politischer Zielsetzungen zu vermeiden habe[7].

3.2. Wertbeziehung und Kulturbedeutung

Nach Weber wird die empirische Realität zur Kultur für uns, insofern wir sie mit Wertideen in Verbindung setzen (Wertbeziehung). Somit gehören zur Kultur all jene Merkmale des Lebensprozesses, welche durch die Beziehung auf Werte für uns bedeutsam werden (Kulturbedeutung). Erst durch den Bezug einzelner Elemente der unendlichen, strukturierten Mannigfaltigkeit des Weltgeschehens auf Werte, verleihen wir ihnen Bedeutung. Auf Grundlage einer wertbezogenen Selektivität gegenüber der extensiven und intensiven Mannigfaltigkeit des Lebensprozesses[8] verleihen wir etwas Bestimmten Relevanz (Sinn) für uns – nicht an sich – und konstituieren somit Kultur.

Werte haben für Weber eine zentrale Bedeutung; als Bezugspunkt von Wertbeziehungen steuern sie nicht nur die Auswahl der extensiven und intensiven Mannigfaltigkeit, sondern auch die Komposition der Idealtypen als methodischem Mittel. Für ihn ist die grundsätzliche Wertbeziehung der kulturwissenschaftlichen Forschung eine logisch differente Sache gegenüber dem Werturteil. Sein wissenschaftstheoretisches Verständnis ist eng an Humes-Theorem orientiert: Seins- und Sollensfragen liegen in zwei absolut heterogenen logischen Ebenen. Desweiteren vertritt Weber die These, daß niemand zu Wertungen gezwungen ist, der Werte zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen erhebt. Auf dieser Grundlage vertritt er die Position, daß eine Teilmenge der Werte die letzten (höchsten und allgemeinen) Kulturwertideen umfaßt, welche in einem bestimmten Kulturkreis Geltung beanspruchen und mehr oder minder nachhaltig anerkannt oder gar im Gewissen (Über-Ich) internalisiert (einsozialisiert) werden. Die Menge dieser Wertideen ist heterogen: es gibt keinen allein verpflichtenden Wert oder ein System solcher, welche(s) das menschliche Handeln zu allen Zeiten und zu allen Orten bestimmt[9]. Das Grundverhältnis dieser pluralen Wertsphären ist das einer widerstreitenden Konkurrenz („Kampf“). Es kann keine rational begründete Entscheidung für eine Wertsphäre und gegen eine andere geben; bewußt kann man sich zu den letzten Werten nur verhalten, indem man sich ohne weitere Begründungsmöglichkeit dafür oder dagegen entscheidet (Dezisionsproblematik). Trotzdem bleibt die Möglichkeit der Wertediskussion bestehen.

In den Grundsätzen seiner Sozialontologie überschreitet Weber des öfteren die Grenzen des ihm zugrunde liegenden nominalistischen Geschichtsbildes [10] (i.e. bei den Kategorien „ Kulturproblem “ und „ Kulturwert-problem “, da Kulturprobleme nicht gleichzeitig Kultuwertprobleme sein müssen). Die Konzeption der Wertbeziehung als einem methodischen Prinzip der Konstitution des kulturwissenschaftlichen Erkenntnis-objektes scheint in der Rückbeziehung der kulturwissenschaftlichen Theorie- und Forschungsarbeit sowohl auf Kultur-/Systemprobleme als auch auf höchste Kulturwerte zu bestehen.

3.3. Das Erkenntnisinteresse

- Woher stammen die die Selektivität der kulturwissenschaftlichen Arbeit steuernden Werte?

Nach Weber entstammen diese Werte dem Lebensprozeß oder der Kulturwirklichkeit selbst und haben geschichtlich-relativistischen, empirischen Charakter. Die Wissenschaft ist somit nicht in dem Sinne wertfrei, daß dem Lebensprozeß oder einer bestimmten Kulturwirklichkeit entstammende Systemprobleme oder Wertideen keinen Einfluß auf die Methoden und Ergebnissen der Kulturwissenschaften ausüben. Vielmehr gehen sie grundsätzlich wertbezogen vor. Diese Beziehung auf Werte und Problem repräsentiert einen wissenschaftlich bedeutsamen Sachverhalt. In forschungslogischer Hinsicht ist dieser Sachverhalt von Relevanz, da die Werte und Probleme einer Kultur auf die Idealtypisierung als Konstruktionsprinzip historischer Individuen einwirken, mit deren Hilfe die Wissenschaft Einsicht in die Wirklichkeit zu gewinnen hofft. Diese Werte, die sowohl die Kulturwirklichkeit als auch die kulturwissenschaftliche Arbeit verbinden, finden im wesentlichen Ausdruck im Erkenntnisinteresse (selektiv gerichteter Aufmerksamkeit) der Forscher[11]. In ihnen findet eine Doppelstellung der Werte, einerseits als methodologischem Ausgangspunkt der Forschungstätigkeit und andererseits als Ordnungsprinzip in der geschichtlichen Wirklichkeit statt.

- Wie weit reicht der Einfluß dieser Werte, unter Annahme einer grundsätzlichen Wert- und Problembeziehung der Wissenschaften?

Drei mögliche Weberinterpretationen:

Die „orthodoxe Weberthese“ besagt, daß die Geltung praktischer Imperative als Normen und die Wahrheitsgeltung von Tatsachenaussagen zwei disjunktiven Sphären von Geltungsansprüchen angehören; das logische Grundverhältnis zwischen diesen beiden Satzklassen ist das einer Dichotomie oder strikten und exklusiven Heterogenität. Sollensaussagen können nicht aus Tatsachenaussagen abgeleitet werden, wie es beispielsweise in der Ideologie und Propaganda geschieht. Daraus folgt das Selbstverständnis einer „reinen Wissenschaft“ und des Beitrages zu rationalem, wissenschaftlichen Fortschritt, und die Zurückweisung jeglicher empirischer Wissenschaft in ethischer oder politisch-praktischer Absicht[12], sowie die strikte Trennung zwischen Wissenschaftsrolle und politisch engagierter, privater Rolle des Forschers. Die Vermittlung der Werte vollzieht sich nur bis in das Erkenntnisinteresse des Forschers hinein. Bei all dem wird die Webersche Lehre von der grundsätzlichen Wertbeziehung der Forschung ausgeklammert.

Bei der „schwachen Weberthese“ (Position des Internalismus ) wiederum, wird das Konzept der Wertbeziehung ausdrücklich mit einbezogen: es gibt keine schlechthin „objektive“ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens. Vermittelt über Erkenntnisinteressen wirken die Werte auf den Forschungsprozeß bei der Bewältigung der extensiven und intensiven Mannigfaltigkeit. Die gleichen, letztinstanzlich dem Lebensprozeß (der Kulturwirklichkeit) entstammenden Werte spielen in beiden Kontexten eine Rolle; sowohl im Bereich der Orientierung von Individuen und Gruppen bei der Themenwahl und Festlegung von Untersuchungsdimensionen ihres für kulturbedeutsam erachteten Gegenstandsbereichs; als auch in forschungslogischer und forschungs-soziologischer Hinsicht, da die auf Erkenntnisinteressen gestützte Auswahl der Untersuchungsdimensionen ein Problem der Konstitution des Untersuchungsgegenstandes und somit ein erkenntnislogisches darstellt. Da ebenfalls die Methode der Idealtypisierung zur Konstruktion historischer Individuen der Wertbeziehung unterliegt, wird die rigide Fassung der Dichotomiethese und damit verbunden das orthodoxe Modell ein Stück weit relativiert. Trotzdem kommt es nicht zu einer inneren Vermittlung des wissenschaftlichen Aussagensystems und den gesellschaftlichen Werten; sie sind lediglich deren Konstruktionsbedingung. Unabhängig von den äußeren psychologischen und sozialen Entwicklungen besteht der immanente Fortschritt der Wissenschaften in der Weiterentwicklung von, die Tatsachen immer besser beschreibenden, erklärenden und vorhersagenden Theorien.

Der dritten Interpretation („starke Weberthese“ / Position des Externalismus ) zufolge werden die äußeren gesellschaftlichen Werte, Probleme und Interessen zu einem inneren Prinzip des Aufbaus und der Veränderung wissenschaftlicher Theorien. Bei Weber lassen sich Momente einer Abnahme der Vermittlung innerer Bestimmungen wissenschaftlicher Theoriebildung mit äußeren Problemen, Interessen und Werten finden. Als Zentralreferenz seiner Kulturwissenschaft taucht die Kulturwertidee der Zweck-Rationalität [13] auf, die zum zentralen Bezugspunkt seiner sozialwissenschaftlichen Theoriebildung wurde. Trotzdem unterscheidet sich die, als normativ-praktisches Prinzip sich erweisende, Zentralreferenz als different gegenüber den fragwürdigen Ableitungsversuchen von Sollens- aus Tatsachenaussagen, als auch jeder Parteilichkeit für bestimmte Werte im Interesse von Propaganda und Ideologie gegenüber. Aus den praktischen Implikationen einer Theorie lassen sich nicht die Weisen, worin sie möglicherweise verwendet werden, logisch deduzieren. Hier müßte die Dichotomiethese zugunsten einer dialektischen Vermittlungsfigur aufgegeben werden, welche zuläßt, daß sich Sachverhalte bis zum Gegensatz voneinander unterscheiden und dennoch einander enthalten können.

Auch Weber erkannte, daß es angesichts der Verflechtungen der Wissenschaften mit den sozialen Verhältnissen, aufgrund ungeplanter Konsequenzen ihrer zweckgerichteten Handlungen, explizit zu Rückwirkungen der Theorie auf die Praxis kommt .

4. Der Positivismusstreit

Der zweite große Methodenstreit in der deutschen Soziologie, der in Anknüpfung an die Werturteilsproblematik stattfand, war der Positivismusstreit, welcher mittlerweile als klassisch gilt. Er fand seinen Ausgang im Oktober 1961 auf einer Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Tübingen und war ursprünglich als eine Grundlagendiskussion zur inneren Reformation des Verbandes gedacht. Als Protagonisten, dieses wissenschaftlichen Diskurses, welcher die Logik der Sozialwissenschaften im Allgemeinen zum Gegenstand hatte, standen sich Theodor Wiesengrund Adorno, als Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, und Sir Karl Raimund Popper, als Apologet des Kritischen Rationalismus [14] und Mitglied des Wiener Kreises, gegenüber.

Adorno teilt mit Popper die Ablehnung der Rickertschen Unterscheidung zwischen nomothetischer und ideographischer Wissenschaft, er spricht sich eindeutig gegen eine rigide Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften aus. Aus seinem hegelianisch-dialektischen Denken folgert er auch nicht die Abwertung des analytischen (Hegel: verständigen) Denkens in seinem Zuständigkeitsbereich; er wehrt sich nur gegen den Alleinvertretungsanspruch des DN-Schemas analytischer Philosophie.

Es wurde Adorno der Vorwurf der Gleichstellung von sozialen Gegensätzen mit logischen Kontradiktionen und des Fehlschlusses der ersten auf den zweiten gemacht, doch scheint er mit seiner These der gleichzeitigen Rationalität und Irrationalität der Gesellschaft mehr auf den „paradoxen Effekt“ ungeplanter und unbe-absichtigter Nebenfolgen zielorientierter Handlungen zu rekurrieren. Entwicklungen kehren sich gegen ihre eigenen Entwicklungsbedingungen in der Realität. Derartige Rückwirkungen mit negativer Selbstbezüglichkeit[15] werfen nun bestimmte logische Deutungsprobleme auf und stellen somit besondere Anforderungen an die analytische Logik.

Adornos Positivismuskritik hat augenscheinlich wenig mit Detailanalysen des logischen Positivismus zu tun (vielmehr hat er ein Bild des Datenpositivismus vor Augen), als es vielmehr eine Kritik gegen jede soziologische und philosophische Denkweise darstellt, welche gegensätzliche Interessen, Konflikte, Antagonismen oder Krisen im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Herrschaftsordnung verschleiern[16].

Adorno steht weiterhin der erkenntnistheoretischen Grundvorstellung des strikten Nominalismus antithetisch gegenüber; er postuliert die Existenz bestimmter Konstitutions-, Formations- und Entwicklungsprinzipien im Gegenstandsbereich selbst. Obwohl Weber und Popper dem Nominalismus eine höhere Bedeutung zugestehen, kommen beide nicht ohne die Annahme strukturierender Prinzipien im Gegenstandsbereich selbst aus. Ohne die Annahme von objektiven Strukturen, im Sinne von Regelmäßigkeiten im tatsächlichen Geschehen in der Natur, wären empirischen Hypothesen weder aufstellbar, noch durch Beobachtung zu falsifizieren, es wäre keine Formulierung nomologischer Gesetze als Prämissen für rationale Erklärungen realer Ereigniszusammenhänge möglich.

Adorno stimmt mit Popper desweiteren in dem Punkt überein, das Protokollsätze über einen einzelnen Sachverhalt grundsätzlich allgemeine Thesen und Begriffe einer Theorie implizieren. Allerdings postuliert Adorno ein methodisches Prinzip des Totalitätsbezuges der sozialwissenschaftlichen Forschung: alle sozialen Daten sind bis in ihre innerste Verfassung hinein faktisch von Beziehungen zu Prozessen und Strukturen des realen gesellschaftlichen Ganzen bedingt. Zur Verhältnisbestimmung von Singularität (Individuum) und Totalität bedient er sich der Hegelschen Kategorien der „Einzelheit und Allgemeinheit“. Er spricht sich explizit gegen die Vorstellung total vergesellschafteter Individuen und gegen die Ansicht eines funktional integrierten und reibungslos selbstgesteuerten Lebensprozesses aus. Dies entspricht dem Schlüsseltheorem seiner Zeitdiagnose, daß die okzidentale Zivilisation die totale Formierung und „Entsubjektivierung der Subjekte“ nicht leisten kann[17]. Das Verhältnis ist das der Vermittlung; durch die von der Totalität ausgehenden Einwirkungen auf die Individuen werden bestimmte Seiten des Sozialcharakters (Mead: „Me“[18] ) ausgebildet, wodurch sie (im Interesse der Selbsterhaltung) zugleich Anteil haben an der Reproduktion der materiellen und kulturellen Lebensbedingungen[19]. Die Vorstellung vom Totalitätsbezug der Daten und Einzelheiten, sowie die Annahme wesentlicher Strukturen und Prozesse der Totalität bezeichnete Popper als Holismus und Essentialsimus.

In Kongruenz zu Popper übt Adorno Kritik am Szientismus und Naturalismus. Das „Primat des Problems“ besteht für Adorno in einem realen Widerspruch, in gegenläufigen und selbstzerstörerischen Relationen innerhalb der Totalität oder zwischen Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit. Es bildet sich ein Spannungs-verhältnis innerhalb der Totalität und/oder zwischen Totalität und Einzelheit aus, dessen Grundcharakter auch innerhalb des Pols der Einheit evident wird. Die besondere Form der Darstellung der Konstellationen in der sozialen Wirklichkeit, beruht auf der Hegelschen Elementarfigur zweier, in einer Gegensatzrelation zueinander stehenden, Momente, die einander sowohl implizieren und Merkmale des jeweilig anderen beinhalten (Gleichzeitigkeit von Einschluß und Ausschluß /Hegel : „Vermittlung der Gegensätze in sich“). Adorno greift auf diese Elementarfigur – welche auch von der „starken Weberthese“ vorausgesetzt wird – auch bei der Verhältnisbestimmung von praktischen Problemen der Gesellschaft und den kognitiven Problemen der Wissenschaft zurück. Insofern bedeutet Gesellschaft für ihn „Problem im emphatischen Sinn“.

Beide Theoretiker vereint ein Kritikverständnis im Sinne des Widerspruchs gegen die starre Konformität der herrschenden Meinung (in der Forschung). Poppers Postulat eines „offenen Denkens“ kann als Kritik am verdinglichten Bewußtsein verstanden werden, welche für Adornos kritische Theorie ein Schlüsselmotiv der Ideologiekritik darstellt. Die immanente Kritik Adornos beinhaltet die Demonstration sogenannter „performativer Widersprüche“; den empirischen Nachweis, daß eine bestimmte Position latent Behauptungen seiner Gegenposition impliziert (Affirmation), welche sie manifest bestreitet (Negation). Es ist ein Verfahren der systematischen Widerlegung. Er kritisiert Poppers Gleichsetzung von Kritik mit dem Verfahren von Versuch und Irrtum. Hier spielt die These von der Vermittlung der Besonder- und Einzelheit durch die Gesellschaft eine entscheidende Rolle; alle soziale Einzeltatbestände werden durch das Ganze präformiert. Daraus leitet er die Notwendigkeit des „spekulativen Momentes“ im Denken ab. Kritik bedeutet für Adorno Gesellschaftskritik und radikale Aufklärung als Ausdruck einer kritischen Gesinnung. Mit dem Postulat, daß sozialwissenschaftliche Kritik über die Selbstkritik (der Begriffe, Thesen und Methoden) hinausgehend, zur Kritik des soziologischen Objektes werden muß; sowie der Behauptung, daß das Verhältnis von wissenschaftlicher Objektivität und Werten keineswegs eines der Disjunktion oder Dichotomie sei, tangiert Adorno implizit die Werturteils-problematik. Seiner Auffassung zufolge ist die Trennung von wertendem Verhalten und wissenschaftlicher Sachlichkeit mit dem geschichtlichen Stand der Verdinglichung verknüpft. Kritik bedeutet Kritik der instrumentellen Vernunft. Die Einbettung der Werte in die soziale Praxis erlaube es, die Verhältnisse an ihrem Begriff, den Faktizität beanspruchenden Normen und Idealen zu messen[20].

Poppers Kritikverständnis hingegen ist das einer bestimmten Form der Gesellschaftskritik: das der Institutionenkritik.

In Anschluß an seine Theorie des Primats der Gesellschaft vor dem Individuum, welches die Übermacht der verdinglichten Verhältnisse über den Willen und das Bewußtsein des Individuums repräsentiert, konstruiert Adorno seine Theorie des Subjekts. Sie bewegt sich im Kontext einer Dialektik von Bestimmung und Selbstbestimmung, deren Ursprünge in einer kritischen Analyse der Kantischen Freiheitsantonomie wurzelt.

4.1. Dialektik

- Was ist Dialektik?

Die im Anschluß an Fichte und Schelling von Hegel weiter entwickelte Dialektik ist nicht mehr nur eine logische Methode der Erkenntnis, sondern ontologisch und metaphysisch die eigentümliche Form der Selbstbewegung (Autopoiesis) der Wirklichkeit und des Denkens [21]. Seinem Denken liegt die Vorstellung zugrunde, daß Erkenntnis durch Sinnlichkeit, Verstand oder Vernunft möglich ist. Denken und Sein sind identisch, da das Sein an sich „Idee“ (objektive Vernunft) ist. Den Dingen selbst ist der Widerspruch, ihre Negation immanent. Die Aufhebung des Positiven durch seine Negation ist nicht Nichts, sondern nur die Negation des je Spezifischen, d.h. des besonderen Inhalts oder der besonderen Sache. Der dialektische Prozeß wird vorangetrieben durch das, den Begriffen und Dingen innewohnende, Bedürfnis nach Aufhebung von Widersprüchlichkeit. Das „Besondere“ stellt nur einen Fortschritt im Hinblick auf das Absolute, auf einen Zustand ohne Widersprüche dar.

Hegel zufolge besteht die Philosophie aus drei Formen; sie ist ihrem Inhalt nach abstrakt, dialektisch und spekulativ. Dem entspricht das 3-Stufen-Modell der Logik: 1. Das abstrakte oder verständige Denken; 2. Das dialektische oder negativ-vernünftige Denken; und 3. Das spekulative oder positiv-vernünftige Denken.

Die Wissenschaft habe vom Abstrakten aus zu beginnen, welches gleichzeitig das Einfache und Zugängliche (nach Hegel) sei. Das Konkrete ist immer schon das Abstrakte.

Das Dialektische ist die negative Vernunft, die Selbstreflexion der Analysis[22]. Ihr ist das Moment des eigenen Aufhebens endlicher Bestimmungen und des Übergangs in ihr Gegenteil immanent. Die Dialektik ist das im-manente Hinausgehen über die Verstandesbestimmungen, in welcher sich ihre Einseitigkeit und Beschränktheit als das, was sie ist, darstellt; nämlich ihre Negation. „Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm überhaupt die wahrhafte, nicht äußerliche Erhebung über das Endliche liegt“ (Hegel; Enzyklopädie; § 81).

Das Spekulative, als Ausdruck des unendlichen Denkens, hat - wie das Dialektische – die Kantischen Antonomien zur Grundstruktur. Antonomien beschreiben Gegensatzverhältnisse, welche simultan Einschluß-verhältnisse sind; zwei Sachverhalte schließen einander aus und beinhalten dennoch Eigenschaften des konträren Sachverhaltes (Thesis und Antithesis). Die Spekulation ist das positiv-vernünftige Denken und die eigentliche Aufgabe der Philosophie; die Erkenntnis des Entgegengesetzten in seiner Einheit, sowie die Einheit seiner inneren Gegensätze.

Für Karl Marx, der sich ausdrücklich auf Hegel beruft, ist Dialektik als Methode und Form der Gedankenentwicklung ideologiekritische (revolutionäre) Gesellschaftstheorie, indem sie ideelle Systeme immanent als Prozesse darstellt. Durch das Aufweisen der Negation offenbart sich die Mangelhaftigkeit des Systems und durch den Hinweis auf die Negation der Negation wird die Notwendigkeit der Aufhebung bewußt und wirksam.

In der marxistischen Diskussion wird Dialektik als ein Ausdruck gesetzmäßiger Notwendigkeit geschichtlicher Veränderung verwendet; als Einzelwissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung und Entwicklung in der Natur, der Gesellschaft und dem menschlichen Denken: die Lehren von der Negation der Negation in Natur und Gesellschaft als treibender Kraft der historischen Evolution; als Theorie und Methode der menschlichen Erkenntnis und des menschlichen Denkens in seinen allgemeinen Bestimmungen; oder als Anleitung zum praktisch-gestaltenden Handeln, als Nachweis von Entwicklungstendenzen und –gesetzen der menschlichen Gesellschaft, welche bewußt von der Arbeiterbewegung aufgegriffen und gestaltet werden müssen.

Ein Beispiel für die Struktur explizit dialektischer, vermittlungslogischer Argumentation findet sich in dem Kapitel über den „ Begriff der Aufklärung “ in der „ Dialektik der Aufklärung [23] “ von Horkheimer und Adorno.

Die Dialektik der Aufklärung wird dort als Tendenz zur Remythologisierung, innerhalb eines Prozesses der Rationalisierung/Entzauberung der Welt dargestellt. Aufklärung in ihrer ursprünglichen Intension wendet sich gegen den Mythos und den Aberglauben (Animismus) und schlägt dennoch in Mythologie zurück. „Das Prinzip der Immanenz, der Erklärung jeden Geschehens als Wiederholung, das die Aufklärung wider die mythische Einbildungskraft vertritt, ist das des Mythos selber“ (Horkheimer; Dialektik der Aufklärung; S.34). Es wird die These aufgestellt, daß Rationalität den Mythos oder zumindest Komponenten der mythischen Weltauffassung impliziere (vice versa ist bereits dem Mythos das positive Moment der Aufklärung immanent).

Dieses dialektische Denken ist eng an den Strukturprinzipien der Hegelschen Dialektik orientiert.

4.2. Der logische Positivismus des Wiener Kreises

Der Neo-Positivismus oder Logische Empirismus des Wiener Kreise betrachtet die Klärung der Wissenschafts- und/oder Alltagssprache als das Hauptgeschäft der analytischen Philosophie (von besonders hohem Einfluß auf ihr Wirken war Ludwig Wittgenstein). Diese philosophische Methode ist am Vorbild der exakten Naturwissen- schaften (Physik) und exakten Wissenschaftssprachen (Mathematik) orientiert. Ihre allgemeine Zielsetzung entstammt einem, von Carnap so bezeichneten, „wissenschaftlichen Humanismus“ der Praxis sozialer Bewegungen, nicht zuletzt der Arbeiterbewegung. Neben den politisch engagierten linken Mitgliedern des Wiener Kreises (R. Carnap, H. Hahn, E, Zilsel) kokettierte vor allem O. Neurath mit dem Marxismus, auch wenn sie alle die ihm zugrundeliegende philosophische Denkweise der Dialektik als unvernünftig und unanalysierbar zurückwiesen.

Das dem Logischen Positivismus zugrundeliegende Programm besteht in: 1. Einer antimetaphysischen Grundhaltung, welche weit über Kants Kritik der Metaphysik hinausgeht; 2. Der Idee des Fortschritts der (exakten) Wissenschaften durch exakte Wissenschaftssprache (Ideal einer Einheitswissenschaft und einheitlichen Methodensprache); 3. Der empiristischen Erkenntnistheorie; 4. Dem Theorem der technischen Anwendbarkeit nomologischen Wissens; 5. Dem Szientismus [24] und die ihm inhärente Idee einer an der Physik orientierten Einzelwissenschaft bzw. homogenen Wissenschaftssprache; 6. Der mit der empiristischen Metaphysik verbundenen Suche nach Elementarsätzen.

Der Positivismus sieht seine Aufgabe in der logischen Sprachanalyse mit den Mitteln der modernen Logik und Mathematik, sowie in vertiefender und klärender Reaktion auf die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften.

Die Rolle der Empirie [25] taucht im logischen Positivismus als das Schlüsselproblem der Basis- und Protokollsätze auf: induktiv gewonnene Untersuchungsergebnisse müssen als Protokollsätze festgehalten werden, welche die Basis der weiteren Erkenntnis sind. Das Gütekriterium der, den Tatsachenaussagen der Realwissenschaften entsprechenden, Aussagensystemen ist die logische Widerspruchsfreiheit (Logizität) ihrer Sätze.

Das empiristische Sinnkriterium basiert auf den Methoden und Möglichkeiten der Bewahrheitung (Verifikation) eines Satzes. Ihr liegen drei Prämissen zugrunde: 1. Empirisch signifikant (gehaltvoll) sind nur syntaktisch zulässige, d.h. nach allen Regeln der logischen bzw. syntaktisch-grammatischen Kunst gebildete und verknüpfte Sätze; 2. Synthetische Aussagen[26] sind nur dann empirisch sinnvoll, also wissenschaftlich gehaltvoll und zulässig, wenn über ihren semantischen (nicht-logischen; nicht-analytischen; empirischen) Wahrheitsgehalt geurteilt werden kann; Und 3. damit verbunden das Verifikations- bzw. Falsifikationsproblem (Carnaps 2- Stufentheorie der Wissenschaftssprachen: a). Aussagen sind nur dann empirisch signifikant, wenn sie aus Beobachtungssätzen logisch deduziert werden können; oder b). wenn sie in eine empirische Sprache übersetzt werden können).

Dem Erklärungsbegriff des logischen Positivismus liegt das Hempel-Oppenheimer- (HO-) Schema rationaler Erklärungen zugrunde, dessen logisches Prinzip der klassische (aristotelische) Syllogismus der Schlußfolgerung, mit seiner Unterscheidung von Obersatz (Prämisse ), Untersatz (Minorprämisse ) und Schlußfolgerung (Conclusio ), ist. Rein formallogisch besteht diese Figur aus einer Wenn-Dann-Klausel. Der Satzteil „wenn p...“ des Obersatzes heißt Antecedenz (Randbedingung); der Satzteil „... dann q“ heißt das Consequenz oder Explanandum (das zu Erklärende), während der Ober- und Untersatz zusammen genommen das Explanans (die Erklärungsgrundlage) bezeichnen. Diesem Modell ist das Moment immanent, daß nur das erklärt werden kann, was ohnehin schon in den Prämissen angelegt ist. Erklärungen bestehen in der logischen Ableitung des Explanandums aus dem Explanans. Das HO-Schema wird auch als deduktiv-nomologisches Erklärungsschema (DN-Schema) bezeichnet.

Der Praxisbegriff des logischen Positivismus des Wiener Kreises resultiert aus einem praktischen Interesse an der Rationalisierung sozialer Prozesse, über das Gebot der instrumentellen Vernunft (Effizienzsteigerung als Sozialtechnologie) hinaus und betrifft die uralte Debatte „utilitas vel honestas“ in der okzidentalen Ethik[27]. Carnap und Neurath vertreten die wissenschaftslogische These von der Sinnlosigkeit normativer (ethischer) Sätze, da sie weder als synthetische Aussagen empirisch überprüfbar sind, noch dem logischen Status analytischer Sätze entsprechen. Mit ihr hängt die Dichotomiethese, die Grundauffassung, das eine streng logische Disjunktion zwischen theoretischen Sätzen und solchen über praktische Gebote bzw. Entscheidungen zu beachten sei; sie entspricht der Hume-These, daß Sein- und Sollenaussagen in zwei völlig getrennten logischen Bereichen liegen, welche nicht vermengt werden dürfen. Beide bestreiten einen Vermittlungszusammenhang von Kulturwertideen bzw. Systemproblemen der damaligen Zeit.

Für den Wiener Kreis ist das Induktionsproblem von zentraler Bedeutung, hinsichtlich der Frage, ob Induktionsschlüsse von einer besonderen Menge von Beobachtungen auf eine allgemeine Regelmäßigkeit (Gesetz) logisch gültig sind, oder ob sich hinter diesen synthetischen Urteilen nicht allein der psychologische Habitus der Gewohnheit verbirgt. Nach D. Hume können wir sogenannte induktive Generalisierungen nicht als einen logischen Schluß analysieren; dem Induktionsprinzip ist die Regularitätsannahme (Regelmäßigkeit als Apriori) immanent. K.R. Popper teilt Humes Standpunkt und versucht den Diskurs um das Verhältnis von Existenzaussagen über Einzelfälle und Allaussagen zu lösen, indem er sein Falsifikationismusprinzip einführt, welches besagt, daß sich Allsätze durch singuläre Tatsachenaussagen (i.e. Protokollsätze) nicht bewahrheiten, sondern lediglich widerlegen lassen. Die Allsätze der Realwissenschaften sind somit nur hypothesenartige Vermutungsaussagen (wenn p, dann q), welche durch Negation der Behauptung (die sich, zusammen mit den Randbedingungen der Minorprämisse, aus der Hypothese ableiten läßt) über das Eintreten des Ereignisses q widerlegt werden können. Läßt sich durch Beobachtung feststellen, daß q nicht der Fall ist, so ist die Hypothese negiert bzw. falsifiziert. Logisch gesehen ist das Falsifikationismusverfahren deduktiv und somit nach dem HO-Schema analysierbar, und zeigt zudem, daß eine letztinstanzliche Verifikation hypothetischer Annahmen nicht möglich ist. Für die Praxis der Forschung folgt daraus, daß beim wissenschaftlichen Umgang mit Hypothesen und Theorien nicht die Bewahrheitung, sondern die Widerlegung versucht werden muß. Voraussetzung bleibt allerdings, daß sie semantisch und syntaktisch so angelegt sind, daß sie überhaupt widerlegt werden können, so sind metaphysische Sätze im strengeren Sinne nicht falsifizierbar. Am Grad der Widerlegbarkeit und ihrer Erklärungs- und Prognosefähigkeit bemißt sich die Qualität einer Theorie.

5. Traditionelle und kritische Theorie

5.1. Traditionelle Theorie

Nach Max Horkheimer wird in der traditionellen Forschung der Termini Theorie als ein Inbegriff von Sätzen über ein spezifisches Fachgebiet definiert, welche derart miteinander verknüpft sind, daß anhand der Gegebenheit lediglich einiger von ihnen die übrigen abgeleitet werden können (Deduktion). Ihr Grad der Vollkommenheit bemißt sich am Verhältnis der (möglichst geringen) Anzahl der höchsten Prinzipien zu den daraus deduzierten Konklusionen. Anhand der realen Gültigkeit, der Koinzidenz der abgeleiteten Sätze und den tatsächlichen erfahrbaren Ereignissen, wird der Wahrheitsgehalt der Theorie festgemacht. Wird jedoch deren Inkommensurabilität evident, so muß dies notwendig zur Revidierung oder Modifizierung des Aussagensystems führen (Falsifizierung). Im Hinblick auf die vermeintlichen Widersprüche zwischen Theorie und Erfahrung kann Theorie nicht mehr als hypothetischen Charakter beanspruchen.

Die Aufgabe von Theoriebildung besteht in der Verallgemeinerung von Tatsachen, in dem Sinne, daß der allgemeine Nutzeffekt gesteigert wird. Angestrebt wird das Ideal einer einzigen Methode, mittels deren Handhabung – setzt voraus, daß die Regeln des Deduzierens, des Zeichenmaterials, sowie das Verfahren des Vergleichs von abgeleiteten Sätzen mit der Feststellung von Tatsachen bekannt sind – die Aufhebung der Trennung der Einzelwissenschaften bewirkt werden kann. „Als Ziel der Theorie erscheint das universale System der Wissenschaft. Es ist nicht mehr auf ein besonderes Gebiet beschränkt, sondern umfaßt alle möglichen Gegenstände. Die Trennung der Wissenschaften ist aufgehoben, indem die auf verschiedene Bereiche bezogenen Sätze auf dieselben Prämissen zurückgeführt werden können“ (cf. Horkheimer; TukT; S.162f.).

Die Tendenz zur Anwendung mathematischer Ableitungen auf die gesamte Wissenschaft, durch welche sich die Ordnung der Welt in einem deduktiv gedanklichen Zusammenhang erschließt, gründet in der neueren Philosophie, wie es beispielsweise in der dritten Maxime der wissenschaftlichen Methode Descartes` in dessen „Discours de la méthode II“ postuliert wurde[28]. John Stuart Mill sah die allgemeinen Prämissen selbst noch als Induktionen, als Erfahrungsurteile an, während sie von rationalistischen oder phänomenologischen Positionen als evidente Einsichten bezeichnet und in der modernen Axiomatik als willkürliche Festsetzungen angesehen werden. Edmund Husserl begreift Theorie als ein in sich geschlossenes Sätzesystem einer Wissenschaft, als „eine systematische Verknüpfung von Sätzen in Form einer systematisch einheitlichen Deduktion“[29].

Der Begriff der Wissenschaft kann als ein bestimmtes Universum von Sätzen verstanden werden, welche der theoretischen Arbeit entstammen und durchgängig und widerspruchslos miteinander verknüpft sind.

Neben dieser basalen Grundvorausssetzung ist das Postulat der Freiheit von dogmatischen Einflüssen eine unerläßliche Bedingung für die Objektivität eines jeden theoretischen Systems.

5.1.1. Empirische Naturwissenschaften als Vorbild

Der Tendenz nach zielt dieser traditionelle Begriff von Theorie auf ein rein mathematisches Zeichensystem ab. In den Naturwissenschaften werden die logischen Operationen selbst so weit rationalisiert, daß die Theorie-bildung zur mathematischen Konstruktion reduziert wird. Deutlich wird dies daran, daß immer mehr Namen für empirische Gegenstände (als Bestandteile der Schlüsse und Sätze) durch mathematische Symbole substituiert werden. Auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind für diese Entwicklung empfänglich und folgen somit dem Vorbild der erfolgreichen Naturwissenschaften.

Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist die empirische Praxis seit Spencer, die emsige Sammelarbeit gewaltiger Mengen von Einzelheiten über bestimmte Probleme, besonders im angelsächsischen Raum, in deren Vollzug sich das Leben unter der industriellen Produktionsweise reproduziert.

Unter dem Primat der Verwertbarkeit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen, kommt den Geisteswissenschaften nur ein geringer Marktwert zu, erscheint die Formulierung abstrakter Prinzipien – wie die Erwägungen über Grundbegriffe, welche einst kennzeichnend für einen Teil der deutschen Soziologie waren – obsolet aufgrund ihrer mangelhaften Verwertungsmöglichkeiten.

Im Bewußtsein dieser Empiriker herrscht die Überzeugung, daß Theoriebildung eine müßige Angelegenheit, angesichts der Mannigfaltigkeit und Komplexität der gesellschaftlichen Probleme, sei. Die Arbeit an allgemeinen Prinzipien sollte sich im Umgang mit dem Material vollziehen und erlaube es nicht in absehbarer Zeit an eine umfassende theoretische Darstellung auch nur zu denken. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich hierbei die Methoden exakter Formulierung und mathematischer Verfahrensweisen, deren Sinn mit dem skizzierten Theoriebegriff aufs engste korreliert.

Im Prinzip wehren sich diese Empirizisten gegen eine, ohne eigenen Umgang mit den Problemen einer empirischen Fachwissenschaft, von „oben her“ entworfene Theorie. So ist in der gegenwärtigen Soziologie das vorherrschende methodische Ideal das einer induktiven Verfahrensweise: praktische Forschung habe mit der Beschreibung sozialer Phänomene zu beginnen und über deren eingehenden Vergleich zur Bildung allgemeiner Begriffe fortzuschreiten[30]. „Ob nun aber die höchsten Prinzipien durch Auswahl, durch Wesensschau (Durkheim[31] ) oder durch reine Festsetzung gewonnen werden, bedeutet hinsichtlich ihrer Funktion im idealen theoretischen System keinen Unterschied. Gewiß ist, daß der Wissenschaftler seine mehr oder minder allgemeinen Sätze an die neu auftretenden Tatsachen als Hypothesen heranbringt“ (ibid. Horkheimer; TukT; S.166).

Der hypothetische Charakter des „ Wesensgesetzes “ dient der theoretischen Erklärung, mittels der Herstellung von Beziehungen zwischen der reinen Wahrnehmung oder Konstatierung eines Sachverhaltes und der begrifflichen Struktur unseres Wissens. Signifikant für diese Subsumtion ist die Dialektik des gedanklich formulierten Wissens einerseits und des konkreten Sachverhaltes andererseits, welcher unter das zuerst genannte gefaßt werden soll. In Anwendung dieser Art der Einordnung auf die Erklärung historischer Ereignisse, entwickelte Max Weber die „Theorie der objektiven Möglichkeit“[32], welche besagt, daß die Aufgabe des Geschichtswissenschaftlers im Hervorheben des Zusammenhangs zwischen bestimmten, für den historischen Fortgang interessanten, Bestandteilen des Ereignisses und einzelnen determinierenden Vorgängen besteht, und nicht in einer möglichst vollständigen Aufzählung aller partizipierten Umstände. Wird nun eine bestimmte historische Verursachung behauptet, so impliziert dies, daß sich bei ihrem Fehlen infolge der bekannten Erfahrungsregeln unter den vorhandenen Umständen eine gänzlich andere Wirkung einstellen kann. Mit Hilfe dieser Erfahrungsregeln wird der wahrscheinliche Verlauf konstruiert, wobei das Ergebnis weggelassen wird und statt dessen das Explanans eingesetzt wird.

In diesen Regeln manifestieren sich die Formulierungen unseres Wissens über die ökonomischen, gesell-schaftlichen und psychologischen Zusammenhänge; ihre Anwendung ist eine Operation mit Konditionalsätzen, angewandt auf eine gegebene Situation. Derartiges Kalkulieren gehört zum logischen Gerüst der Geschichts- und Naturwissenschaften.

5.1.2. Verwertung theoretischer Erkenntnisse/technischer Fortschritt

Die unmittelbare Aufgabe der Theorie entspricht ihrem Wesen: die Handhabung der physischen Natur und bestimmter ökonomischer und sozialer Mechanismen, welche in einem Ordnungsgefüge aus Hypothesen vermittelt sind.

Mit der Funktion des Wissenschaftsbetriebes ist der technische Fortschritt der bürgerlichen Ordnung eng verbunden: indem einerseits die Tatsachen für das Wissen fruchtbar gemacht werden (ökonomische Verwertung) und andererseits das Wissen auf die Tatsachen angewandt wird. Nach Horkheimer besteht in dieser Arbeit ein Moment der fortschreitenden Umwälzung und Entwicklung der materiellen Grundlagen der Gesellschaft. „Soweit der Begriff der Theorie jedoch verselbständigt wird, als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu begründen sei, verwandelt er sich in eine verdinglichte, ideologische Kategorie“ (siehe Horkheimer; TukT; S.168). Die Relevanz neu entdeckter tatsächlicher Zusammenhänge für die Umstrukturierung bestehender Ansichten, sowie deren Anwendung auf bestehende Tatbestände kann nicht auf rein logische oder methodologische Elemente zurückgeführt werden, sondern wurzelt im Zusammenhang mit realen gesellschaftlichen Prozessen und steht somit in konkret historischem Zusammenhang. Ein geschichtliches Beispiel dafür bietet die Astronomie deren Erkenntnisweise genötigt war das revolutionäre kopernikanische System anzuerkennen und dadurch ein Teil des geschichtlichen Prozesses wurde, in welchem das mechanistische Denken zur Herrschaft gelangte.

Die Abhängigkeit der Veränderung wissenschaftlicher Strukturen von der jeweiligen sozialen Situation gilt auch für die speziellen Forschungsprobleme im Alltag. Der epistemologische Begriff der „Zweckmäßigkeit“ von Definitionen hängt nicht bloß von der Einfachheit und Folgerichtigkeit des Systems ab, sondern unter anderem von der Richtung und den Zielen der Forschung, welche weder aus ihr selbst erklärt oder abgeleitet werden können. Analog des Einflusses des Materials auf die Theorie ist die Anwendung der Theorie auf das Material nicht nur ein innerszientivistischer, sondern zugleich ein gesellschaftlicher Vorgang.

5.1.3. Pragmatismus- und Positivismuskritik

Am emphatischsten wird die Verflechtung der theoretischen Arbeit mit dem Lebensprozeß der Gesellschaft in den philosophischen Schulen des Pragmatismus und Positivismus deutlich, welche die Voraussicht und Brauch-barkeit der Resultate (hinsichtlich ihrer Prognosefähigkeit) als die Aufgabe der Wissenschaft bezeichnen.

Die Apologeten dieser philosophischen Schulen geben sich jedoch einem Zirkelschluß hin, da sie einerseits an ein unabhängiges, „suprasoziales“ Wissen und andererseits an die soziale Bedeutung ihrer Profession glauben. Dabei übersehen sie, daß sie selbst in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt und ihre Leistungen ein Moment der Selbsterhaltung und fortwährenden Reproduktion des Bestehenden sind. Dadurch, daß in der sozialen Arbeitsteilung der Gelehrte Tatsachen in begriffliche Ordnungen eingliedert und derart systematisiert, so daß jeder, der sich ihrer bedienen will oder muß, ein möglichst weites Tatsachengebiet beherrschen kann, entwirft der Wissenschaftler Theorie im traditionellen Sinne. Derartige theoretische Betätigung, als Ausdruck einer besonderen Art von Spontaneität, manifestiert sich in den Formen des Aufnehmens, Umformens und Durchrationalisierens des Tatsachenwissens, gleichwohl, ob es sich dabei um eingehende Darlegungen des Stoffes in der Geschichtswissenschaft, den deskriptiven Zweigen anderer Einzelwissenschaften oder um die Zusammenfassung von Datenmassen und das Gewinnen allgemeiner Regeln (wie in der Physik) handelt. Dabei ist ihm die Dialektik von Denken und Sein, Verstand und Wahrheit inhärent.

5.1.4. Abstraktion wissenschaftlicher Tätigkeit vom gesellschaftlichen Arbeitsprozeß als Ideologie

Wie bereits dargestellt wurde, ist die traditionelle Vorstellung von Theorie aus dem wissenschaftlichen Betrieb abstrahiert, wie er sich unter den Bedingungen der Arbeitsteilung manifestiert. Die Tätigkeit des Gelehrten entspricht allen übrigen Tätigkeiten, welche in der Gesellschaft verrichtet werden, ohne daß ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Tätigkeiten unmittelbar evident wird. Objektiv jedoch resultiert das gesamte Leben der Gesellschaft aus der Gesamtarbeit der verschiedenen Produktionszweige, so daß unter der kapitalistischen Produktionsweise alle Zweige – und somit ebenfalls die Wissenschaft – nicht als selbständig und unabhängig zu betrachten sind.

Unabhängig von ihrem Effizienzquotienten existieren die Momente des gesellschaftlichen (Re-) Produktions-prozesses. Auf diese spezifische, industriell-kapitalistische Produktionsweise, welche auf dem allgemeinen Tauschprinzip beruht, geht ebenfalls die Trennung von industrieller und agrarischer Produktion, von sogenannten leitenden und ausführenden Funktionen, Diensten und Arbeiten, sowie geistiger und manueller Verrichtung zurück. Sie sind weder ewige noch natürliche Verhältnisse. „Der Schein der Selbständigkeit von Arbeitsprozessen, deren Verlauf sich aus einem inneren Wesen ihres Gegenstandes herleiten soll, entspricht der scheinhaften Freiheit der Wirtschaftssubjekte in der bürgerlichen Gesellschaft. Sie glauben, nach individuellen Entschlüssen zu handeln, während sie noch in ihren kompliziertesten Kalkulationen Exponenten des unübersichtlichen gesellschaftlichen Ganzen sind“ (Horkheimer; TukT; S.171).

Dieses falsche Bewußtsein der bürgerlichen Gelehrten, unter der liberalistischen Herrschaft, manifestiert sich in den verschiedenen philosophischen Systemen, wie beispielsweise im Neukatianismus Marburger Prägung. Dieser Lehre zufolge besteht der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit darin, daß der kleine Ausschnitt aus der Mannigfaltigkeit der Ereignisse, welchen der Wissenschaftler erfährt, sich letztendlich mittels der Infinitesimal-rechnung aus dem Begriff des unendlich Kleinen herleiten läßt und in Form eines Differenzialquotienten ausdrückbar wird.

Während die wissenschaftliche Tätigkeit in Wirklichkeit ein unselbständiges Moment in der Arbeit, der geschichtlichen Aktivität der Menschen ist, wird er hier an deren Stelle gesetzt. Es findet eine Hypostasierung des Logos als Wirklichkeit statt; die Vernunft bestimmt die Ereignisse. Dadurch werden einzelne Züge der theoretischen Arbeit des Fachgelehrten zu universalen Kategorien, zu Momenten des Weltgeistes („Logos“) erhoben und die entscheidenden Züge des sozialen Lebens werden auf die theoretische Fähigkeit des Wissenschaftlers reduziert. Die „Kraft der Erkenntnis“ wird zur „Kraft des Ursprungs“ und unter „Erzeugen“ wird die „schöpferische Souveränität des Denkens“ verstanden. „Die Erzeugung ist Erzeugung der Einheit, und die Erzeugung selbst ist das Erzeugnis“ (Horkheimer; TukT; S.172).

5.1.5. Gesellschaftliche Präformation der Wahrnehmung

Horkheimer zufolge besteht die gegenwärtige Selbsterkenntnis der Menschen jedoch nicht in der mathe-matischen Naturwissenschaft, welche als ewiger Logos erscheint, sondern im Interesse an einer, „von vernünftigen Zuständen durchherrschten“, kritischen Theorie der bestehenden Gesellschaft. Dazu bedarf es einer Konzeption, welche die Trennung intellektueller Teilvorgänge von der gesellschaftlichen Praxis und den daraus notwendiger Weise entstehenden Einseitigkeiten überwindet. Zentrale Bedeutung kommt hierbei dem Verhältnis von Tatsache und begrifflicher Ordnung zu, allerdings nicht durch den epistemologischen Hinweis auf die der bürgerlichen Wissenschaft immanente Relativität des Verhältnisses von theoretischem Denken und den Tatsachen, sondern durch Reflexionen, die nicht allein den Wissenschaftler, sondern die kognitiven Individuen überhaupt betreffen.

Die gesamte erfahrbare Welt wird von jedem Individuum als Faktizität hingenommen und entsprechend der damit in Reziprozität stehenden traditionellen Weltauffassung interpretiert. Das ordnende Denken gehört mit zu den sozialen Reaktionen, die dahin tendieren, sich in einer den Bedürfnissen möglichst entsprechenden Weise anzupassen. Ein wesentlicher Unterschied besteht hier aber zwischen Individuum und Gesellschaft: die Faktizität der Welt, welche für den Einzelmenschen von außerordentlicher Bedeutung hinsichtlich seines Verhaltens ist, ist ebenso ein Produkt der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis. Unsere sinnlichen Wahrnehmungen sind in doppelter Weise gesellschaftlich präformiert: einerseits durch den historischen Charakter des wahrgenommenen Objektes und andererseits durch den historischen Charakter des wahrnehmenden Organs. Beide sind durch menschliche Aktivität präformiert.

Der Gegensatz von Passivität und Aktivität in der subjektiven Erfahrung der Wahrnehmung, welcher in der Erkenntnistheorie als der Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand auftritt, gilt für die Gesellschaft jedoch nicht in gleichem Maße wie für das Individuum.

Wo sich das Individuum als passiv und abhängig erfährt, ist die Gesellschaft, die sich aus Individuen zusammensetzt, ein „bewußtloses und insofern uneigentliches, jedoch tätiges Subjekt“ (Horkheimer; TukT; S.174). Dieser Unterschied in der Existenz von Individuum und Gesellschaft ist ein Ausdruck der Gespaltenheit; die Existent der Gesellschaft beruht entweder auf unmittelbarer Unterdrückung oder ist eine blinde Resultante der widerstrebenden Kräfte, gründet jedoch auf keinen Fall auf der bewußten Spontaneität der freien Individuen. „In der bürgerlichen Wirtschaftsweise ist die Aktivität der Gesellschaft blind und konkret, die des Individuums abstrakt und bewußt“ (Horkheimer; TukT; S.174).

Doch auch die menschliche Produktion enthält planmäßiges, ist somit vernünftig. Tatsächlich steckt auch in der gesellschaftlichen Praxis schon immer vorhandenes und angewandtes Wissen; die wahrgenommene Tatsache ist daher schon vor ihrer bewußten, vom apperzipierenden Individuum vorgenommenen theoretischen Bearbeitung durch menschliche Vorstellungen und Begriffe präformiert. Es findet eine Vermittlung des Tatsächlichen durch die gesellschaftliche Praxis als Ganzer statt.

Die Art und Weise wie im physiologischen Sinnesapparat des Menschen die Wahrnehmungen analysiert und systematisiert werden, ist ebensosehr das Resultat der modernen (industriellen) Produktionsweise, wie die Wahrnehmung eines Mannes irgendeines Stammes primitiver Jäger oder Sammler das Resultat ihrer spezifischen Existenzbedingungen, und freilich auch des jeweiligen Gegenstandes, ist. Auf den höheren Stufen der Zivilisation bestimmt die bewußte menschliche Praxis unbewußt nicht bloß die subjektive Seite der Wahrnehmung, sondern in höherem Maße auch das Objekt selbst. Dies geschieht selbst dort, wo es sich um die Erfahrung natürlicher Gegenstände als solcher handelt; ihre vermeintliche Natürlichkeit ist durch den Kontrast zur sozialen Welt bestimmt und insoweit von ihr abhängig. Die mögliche Unterscheidung von unbewußter Natur und der gesellschaftlichen Praxis in unserer sinnlichen Welt ist eine Aporie.

Das Individuum nimmt jedoch die sinnliche Realität als bloße Folge von Tatsachen in die begriffliche Ordnung bzw. die Systeme des Verstandes auf. Bei der Beurteilung von Objekten herrscht unter den Mitgliedern einer gegebenen Gesellschaft in der Regel eine bemerkenswerte Kongruenz. Diese Harmonie zwischen Wahrnehmung und traditionellem Denken, wie zwischen den Monaden als Erkenntnissubjekten, ist kein metaphysischer Zufall. „Die Macht des gesunden Menschenverstandes, des common sense, für den es keine Geheimnisse gibt, ferner die allgemeine Geltung von Ansichten auf den Gebieten, die nicht unmittelbar mit den gesellschaftlichen Kämpfen zusammenhängen, wie etwa den Naturwissenschaften, ist dadurch bedingt, daß die zu beurteilende Gegenstandswelt in hohem Maße aus einer Tätigkeit hervorgeht, die von denselben Gedanken bestimmt ist, mittels deren sie im Individuum wiedererkannt und begriffen wird“ (Horkheimer; TukT; S.176).

Kant geht in seiner >>Lehre von der bloß passiven Sinnlichkeit und dem aktiven Verstand<< dieser Problematik nach und versucht ihr Rechnung zu tragen durch seine idealistische Theorie einer >>prästabilisierten Harmonie<<; eines >>Präformationssystems der reinen Vernunft< <. Ihr zufolge sind die sinnlichen Erscheinungen vom transzendentalen Subjekt – also durch vernünftige Aktivität – schon vorgeformt, wenn sie von der Wahrnehmung aufgenommen und apperzipiert werden. Die subjektive Bestimmtheit des sinnlichen Materials, von der das Individuum nichts weis („transzendentale Affinität“) hat er in den wichtigsten Kapiteln der Kritik der reinen Vernunft näher zu begründen versucht. Er stellte sich die, dem empirischem Subjekt unbewußte, überindividuelle Tätigkeit in der idealistischen Form eins Bewußtseins an sich; einer rein geistigen Instanz vor. Er sah die Realität nicht als Produkt der im ganzen chaotischen, im einzelnen aber teleologischen, gesellschaftlichen Arbeit an.

5.1.6. Diskrepanz zwischen Theorie und sinnlichem Datum

Horkheimer zufolge, hat Kant begriffen, „daß hinter der Diskrepanz zwischen Tatsache und Theorie, die der Gelehrte in seinem fachlichen Geschäft erfährt, eine tiefere Einheit steckt, die allgemeine Subjektivität, von der das individuelle Erkennen abhängt. Die gesellschaftliche Aktivität erscheint als transzendentale Macht, das heißt als Inbegriff geistiger Faktoren“ (Horkheimer; TukT; S.177).

Er zollt der Kantischen Philosophie Hochachtung, vor allem für ihre inneren Schwierigkeiten der Begriffe des Ichs als transzendentaler Subjektivität; der reinen oder ursprünglicher Apperzipation und des Bewußtseins an sich wegen, welche ein Beweis für die „Tiefe und Aufrichtigkeit seines Denkens“ seien. Der Doppelcharakter der Kantischen Begriffe treffe genau auf die widerspruchsvolle Form der menschlichen Aktivitäten in der Neuzeit zu: das Zusammenwirken der Menschen innerhalb der Gesellschaft entspricht der Existenzweise ihrer Vernunft, sie wenden ihre Kräfte an und bestätigen ihr Wesen. Gleichzeitig ist ihnen jedoch dieser Prozeß mitsamt seinen Resultaten selbst entfremdet und erscheint ihnen mit all seinen Widersprüchen als unab-änderliche Naturgewalt, als übermenschliches Schicksal.

Die unaufgelöste Problematik des Verhältnisses von Aktivität und Passivität, Apriori und sinnlichem Datum, bei Kant, ist keine subjektive, sondern eine sachlich notwendige Unzulänglichkeit, welche später von Hegel aufgedeckt, entfaltet und am Ende im Medium einer höheren geistigen Sphäre versöhnt wurde. Hegel befreit sich vom allgemeinen Subjekt, indem er den absoluten Geist als das Allerrealste postuliert. Das Allgemeine hat sich ihm zufolge bereits adäquat entfaltet und ist identisch mit dem, was sich vollzieht. Die Vernunft ist affirmativ geworden, noch bevor die Wirklichkeit als vernünftig zu bejahen ist, sie ist nicht mehr bloß kritisch gegen sich selbst.

Horkheimer wertet diese Entwicklung, „angesichts der Ohnmacht der Individuen vor den von ihnen selbst erzeugten Verhältnissen“ als eine „Lösung, als private Behauptung, als persönlicher Friedensschluß des Philosophen mit einer unmenschlichen Welt“ (Horkheimer; TukT; S.178).

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß traditionelle Theorie – welche zum arbeitsteiligen Produktions-prozeß in seiner gegenwärtigen Form gehört - die Beurteilung des Gegebenen anhand eines auch im einfachsten Bewußtsein noch wirksamen, herkömmlichen Begriffs- und Urteilsapparates umfaßt, deren Revision durch Vereinfachung oder Bereinigung von Widersprüchen ein Teil der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis ist. Wissenschaftliche Theorien sind der Tendenz nach gegen alte Formen der Praxis gerichtet und üben somit eine positive soziale Funktion aus, indem sie der Möglichkeit nach Elemente eines „gerechten, differenzierten und harmonischeren kulturellen Ganzen“ (S.179) darstellen.

Durch seinen Problembezug legitimiert sich dieses theoretische Denken und kann auf seine vollbrachten Leistungen in Technik und Industrie verweisen. Der Hypothesencharakter der Aussagensyteme kompensiert sich dadurch, daß Hypothesenbildung selbst als eine gesellschaftlich notwendige und wertvolle Arbeit angesehen werden kann, welche an sich nicht hypothetisch ist. Hinsichtlich der Frage, ob den wissenschaftliche Bestrebungen selbst im strengen Sinne produktiv sind, läßt sich entgegnen, daß jegliche Fähigkeit, die zu Existenz der Gesellschaft in ihren gegebenen Formen beiträgt, durchaus nicht produktiv, d.h. für ein Unternehmen wertbildend sein muß. Sie kann trotzdem zu dieser Ordnung gehören und sie ermöglichen, so wie dies bei der Fachwissenschaft der Fall ist.

5.2. Kritische Theorie

Das von Horkheimer als „kritisch“ bezeichnete Verhalten erhält seine semantische Bedeutung weniger im Sinne der idealistischen Kritik der reinen Vernunft, als vielmehr von der dialektischen Kritik der politischen Ökonomie und bezeichnet eine wesentliche Eigenschaft der dialektischen Theorie der Gesellschaft [33]. Dieses Verhalten zielt weder seiner bewußten Absicht, noch seiner objektiven Struktur nach darauf ab, etwaige Mißstände beseitigen zu wollen – im Sinne der Ermöglichung einer besseren Funktionalität des strukturellen Ganzen – sondern es erkennt diese als notwendig mit dem ganzen Gesellschaftbau verknüpft an. „Sie begreift den vom blinden Zusammenwirken der Einzeltätigkeiten bedingten Rahmen, das heißt die gegebene Arbeits-teilung und die Klassenunterschiede, als eine Funktion, die menschlichem Handeln entspringend, möglicher-weise auch planmäßiger Entscheidung, vernünftiger Zielsetzung unterstehen kann“ (Horkheimer; TukT; S.181).

In der kritischen Theorie ist die Trennung von Individuum und Gesellschaft aufgehoben, welche dem Einzelnen die Schranken seiner Aktivität als natürlich gegeben erscheinen läßt. In den Trägern des kritischen Verhaltens selbst, entwickelt sich der antagonistische Charakter des gesellschaftlichen Ganzen in seiner aktuellen Gestalt zum bewußten Widerspruch: sie identifizieren sich selbst mit dem als Willen und Vernunft begriffenem Ganzen. Gesellschaft wird als außermenschlich vergegenständlichter Naturprozeß, als Mechanismus erfahren, da die auf Kampf und Unterdrückung beruhenden Kulturformen kein Ausdruck eines homogenen, selbstbewußten Willens, sondern Zeugnis der Herrschaft des Kapitals sind.

Geschichte kann nicht verstanden werden, solange die agierenden Individuen und Gruppen durch ihre Abhängig-keit von der sozialen Totalität auch im bewußten Handeln noch weitgehend fremdbestimmt werden. Dieser Widerspruch findet sich auch in den Begriffen des kritischen Denkens; durch das kritische Anerkennen der das gesellschaftliche Leben bestimmenden Kategorien (Wert, Arbeit, Produktivität), wird es zugleich verurteilt. In diesem dialektischen Charakter der Selbsteinschätzung liegt auch „die Dunkelheit der Kantischen Vernunft-kritik“ begründet. „Die Vernunft kann sich selbst nicht durchsichtig machen, solange die Menschen als Mitglieder eines vernunftlosen Organismus handeln. Der Organismus als natürlich wachsende und vergehende Einheit ist für die Gesellschaft nicht etwa ein Vorbild, sondern eine dumpfe Seinsform, aus der sie sich zu emanzipieren hat“ (Horkheimer; TukT; S.182). Ein auf diese Emanzipation hin ausgerichtetes Verhalten, welches die Veränderung des Ganzen zum Ziel hat, muß sich unter Umständen der traditionellen theoretischen Arbeit bedienen, wie sie sich innerhalb der Ordnung der bestehenden Wirklichkeit vollzieht, allerdings entbehrt es ihr des pragmatischen Charakters, im Sinne allgemein gesellschaftlich nützlicher Arbeit.

Dem traditionellen Denken ist sowohl die Genesis der bestimmten Sachverhalte, als auch die praktische Verwendung der Begriffssysteme, in die man sie faßt, ihrer Rolle in der Praxis entfremdet. Diese Entäußerung wird in der philosophischen Terminologie als Trennung von Wert und Forschung, Wissen und Handeln ausgedrückt. Untersuchungen über die soziale Bedingtheit von Tatsachen und Theorien unterscheiden sich grundsätzlich nicht von anderen fachlichen Forschungsproblemen.

Das Herauslösen der Ideologiekritik und der Wissenssoziologie aus der kritischen Theorie führt zur Reduktion der Selbsterkenntnis des Denkens auf die Enthüllung von Beziehungen zwischen geistigen Positionen und sozialen Standpunkten. Die Struktur dieses kritischen Denkens, deren Absichten über die der bestehenden sozialen Praxis hinausgehen, ist vergleichbar mit den der positivistischen Naturwissenschaften. Der Gegensatz zum traditionellen Begriff der Theorie wurzelt jedoch eher in der Verschiedenheit der Subjekte als der Gegenstände.

Primäres Ziel ihrer Tätigkeit bleibt eine Neuorganisation der Arbeit. Insofern aber die wahrgenommenen Sachverhalte als Produkte begriffen werden, welche grundsätzlich der menschlichen Kontrolle bedürfen, verlieren sie den Charakter bloßer Tatsächlichkeit.

Das kritische Denken ist durch den Versuch motiviert, über die Spannung real hinauszugehen, den Widerspruch zwischen der im Individuum angelegten Zielbewußtheit, Spontaneität, Vernünftigkeit und der für die Sozietät basalen Beziehungen des Arbeitsprozesses aufzuheben. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, daß „sich selbst widerstreitet, solange diese Identität nicht hergestellt ist“ (S.183). Wenn von Vernunft bestimmtes Handel zu den Menschen gehört, so ist die konkret gegebene soziale Praxis inhuman. Natur, als die einzigen vom Menschen abhängigen Verhältnisse, ihre Arbeitsbeziehungen, der Gang ihrer eigenen Geschichte, wird als historische und vergängliche Kategorie entlarvt.

Dem bürgerlichen Denken, daß das in der Reflexion auf sein eigenes Subjekt, mit logischer Notwendigkeit, das seinem Wesen nach abstrakte „Ego“, dessen Prinzip die Individualität ist, als autonom wähnt; sowie seiner Negation, der Gesinnung, ist das kritische Denken entgegengesetzt. „Es ist weder die Funktion eines isolierten Individuums noch die einer Allgemeinheit von Individuen. Es hat vielmehr bewußt ein bestimmtes Individuum in seinen wirklichen Beziehungen mit anderen Individuen und Gruppen, in seiner Auseinandersetzung mit einer bestimmten Klasse in der so vermittelten Verflechtung mit dem gesellschaftlichen Ganzen und der Natur zum Subjekt. Es ist kein Punkt wie das Ich der bürgerlichen Philosophie, seine Darstellung besteht in der Konstruktion der geschichtlichen Gegenwart“ (Horkheimer; TukT; S.184).

Ihr kohärent ist die Aufhebung der idealistischen Ideologie seit Descartes; der Vorstellung, daß das denkende Subjekt nicht der Ort ist, in dem Wissen und Objekt zusammenfallen und von welchen aus daher ein absolutes Wissen zu gewinnen wäre. Die beschränkte Freiheit des bürgerlichen Individuums erscheint in der Gestalt vollendeter Freiheit und Autonomie. In der Reflexion über den Menschen klaffen Subjekt und Objekt auseinander; ihre Identität liegt in der Zukunft und nicht in der Gegenwart. In dem Verlauf dieses konkret historischen Vorgangs ändert sich sowohl die gesamte soziale Struktur wie das Verhältnis des Theoretikers zur Gesellschaft überhaupt. Dies impliziert sowohl eine Änderung des Subjektes, als auch eine der Rolle des Denkens.

Die Annahme der wesentlichen Unveränderbarkeit des Verhältnisses von Subjekt, Theorie und Objekt unterscheidet die cartesianische Auffassung von jeglicher dialektischer Logik.

- Wie hängt nun das kritische Denken mit der Erfahrung zusammen?

Dem kritischen oder transzendierenden Denken wird vorgeworfen, daß es utopischen Phantastereien und längst überwundenen Illusionen nachhänge. In diesem Vorwurf wird jedoch ein Verständnis von Denken in einer abgelösten fachlichen und somit „spiritualistischen“ Weise evident, wie es sich unter den allgemeinen Bedingungen der gegenwärtigen Arbeitsteilung vollzieht. Die dem Arbeitsprozeß inhärenten Tendenzen erhalten, steigern und entfalten das menschliche Leben durch die gegensätzliche Bewegung progressiver und regressiver Kräfte.

Nach Horkheimer läßt sich aus historischer Sicht feststellen, daß sich trotz aller - nicht nur materieller - Zweckmäßigkeit der Klassenorganisation, jede ihrer spezifischen Formen als unangemessen herausgestellt habe; Sklaven, Leibeigene und Bürger haben immer schon ihr Joch abschütteln. Während das Individuum unter den gegebenen Verhältnissen genötigt ist, die Zwecke des Ganzen zu seinen eigenen zu machen, und diese im Ganzen wiedererkennt, besteht nun die Möglichkeit, „daß die ohne bestimmte Theorie und als Resultante desparater Kräfte eingeschlagene Richtung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, an deren Wendepunkten zuweilen die Verzweiflung der Massen ausschlaggebend war, ins Bewußtsein aufgenommen und zum Ziel gemacht (...) werden“ (Horkheimer; TukT; S.186) können.

Durch den geschichtlichen Gang gelangen die Menschen zur Erkenntnis ihres Tuns und werden damit des Widerspruchs in ihrer Existenz gewahr. Sie begreifen, daß die bürgerliche Wirtschaft so strukturiert ist, daß durch die individuellen Handlungen (gemeint ist damit die vermeintliche Sorge für das eigene Glück) die Gesellschaft reproduziert wird. Durch diese Dynamik kommt es einerseits zur Akkumulation ungeheurer intellektueller und materieller Macht, und Ohnmacht andererseits, was zur Deprivation und Hemmung der Entwicklung der Subjekte führt. Das Bewußtsein dieses Antagonismus entstammt der Erfahrung und nicht der Phantasie.

5.2.1. Die Idee einer „vernünftigen“ gesellschaftlichen Organisation

Die Idee einer vernünftigen, der Allgemeinheit entsprechenden sozialen Organisation, ist der menschlichen Arbeit immanent, ohne den Individuen bewußt zu sein. Zur Apperzeption dieser Tendenzen bedarf es „einer bestimmten Richtung des Interesses“, welches nach Marx und Engels im Proletariat erzeugt wird. Begründet in seiner Situation innerhalb der modernen Gesellschaft, erfährt das Proletariat den Zusammenhang zwischen einer Arbeit, die den Menschen in ihrem Kampf mit der Natur immer mächtigere Hilfsmittel zur Verfügung stellt, und der fortschreitenden Erneuerung einer administrativ geführten gesellschaftlichen Ordnung. Systemimmanente Phänomene wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Militarisierung, totalitäre Regime oder der gesamte Zustand der Massen zeugen nicht etwa von mangelnden technischen Möglichkeiten, sondern von obsoleten Produktions-verhältnissen. Die Entwicklung hat dahin geführt, daß die Anwendung der gesamten materiellen und intellektuellen Mittel der Naturbeherrschung dadurch verhindert wird, indem sie unter die partikularen, sich widerstreitenden Interessen der herrschenden Verhältnisse subsumiert werden. „Die Produktion ist nicht auf das Leben der Allgemeinheit abgestellt und besorgt auch die Ansprüche der Einzelnen, sondern auf den Machtanspruch von Einzelnen und besorgt zur Not auch das Leben der Allgemeinheit. Das hat sich aus dem fortschrittlichen Prinzip, daß es genügt, wenn die Individuen für sich selber sorgen, unter der gegebenen Ordnung des Eigentums zwangsläufig ergeben“ (Horkheimer; TukT; S.187).

Trotzdem führt die Situation des Proletariats in dieser Gesellschaft nicht notwendigerweise zur richtigen Erkenntnis. Gleichwohl wie groß die Erfahrung der Sinnlosigkeit als Fortbestehen und Vergrößerung der Not und des Unrechts auch sein mag, die Manifestation dieses Bewußtseins wird durch die von oben geförderte Differenzierung der sozialen Struktur und die nur in seltenen Augenblicken durchbrochene Gegensätzlichkeit von persönlichem und klassenmäßigem Interesse verhindert.

5.2.2. Die Bedeutung theoretischer Reflexion für den emanzipativen Prozeß

Das Ausweichen vor theoretischer Anstrengung, die Passivität im Denken des Intellektuellen wird ebenfalls zu Fessel der Massen. Sein kritisches Denken gehört als vorwärtstreibendes Element mit zu den Bedingungen ihrer Entwicklung. Die Unterordnung seiner intellektuellen Fähigkeiten unter die jeweilige psychologische Lage der Klasse, welche an sich die Kraft der Veränderung darstellt, beglückt ihn mit Macht- und Optimismusgefühlen, welche im Falle der Enttäuschung zu sozialem Pessimismus und Nihilismus führen kann.

Bestünde die wesentliche Aufgabe der kritischen Theorie in der Formulierung der jeweiligen Gefühle und Vorstellungen einer Klasse, so würde sie keine strukturellen Differenzen gegenüber der positivistischen Fachwissenschaft aufweisen. Es würde sich um die Deskription psychischer Inhalte handeln, die für spezifische Gruppen der Gesellschaft typisch sind; es wäre Sozialpsychologie.

Durch die bloße Deskription des bürgerlichen Selbstbewußtseins etwa gelangt man nicht zur Wahrheit über diese Klasse. Ebensowenig erlaubt die Systematisierung proletarischer Bewußtseinsinhalte die Rekonstruktion eines wahren Bildes ihres Daseins und ihrer Interessen. Es wäre lediglich traditionelle Theorie mit einer besonderen Problemstellung und nicht die intellektuelle Seite des historischen Prozesses seiner Emanzipation.

Das Verhältnis von Sein und Bewußtsein ist bei den verschiedenen sozialen Klassen unterschiedlich. Beispielsweise läßt sich anhand der Ideen, mittels deren das Bürgertum seine eigene Ordnung erklärt (gerechter Tausch, freie Konkurrenz, Harmonie der Interesse... etc.) – und welche als Prinzipien der gesamten Gesellschaft postuliert werden – schon auf ihren inneren Widerspruch und damit auch auf den Gegensatz zu dieser Ordnung schließen.

Das Registrieren und Einordnen in einen den Tatsachen möglichst angepaßten Begriffsapparat wäre die eigentliche, und die Vorhersage künftiger sozialpsychologischer Daten die letzte Aufgabe des unkritischen Theoretikers. „Das Denken, der Aufbau der Theorie, bliebe eine Sache, und sein Gegenstand, das Proletariat, eine andere“ (Horkheimer; TukT; S.189).

Seine wahre Funktion liegt in der Darstellung der sozialen Antagonismen nicht allein als Ausdruck der konkret historischen Situation, sondern ebenso als stimulierender, verändernder Faktor in ihr; er muß seine spezifische Aktivität als Einheit mit der beherrschten Klasse begreifen.

Sowohl der Prozeß der Auseinandersetzung zwischen den progressiven Teilen der Klasse und den Individuen, welche die Wahrheit über sie aussprechen, als auch die Auseinandersetzung zwischen diesen fortgeschrittensten Teilen, mitsamt ihren Theoretikern, und der übrigen Klasse, ist als ein Prozeß der Reziprozität zu verstehen, innerhalb welchem sich das Bewußtsein mit seinen befreienden Kräften entfalten kann.

Ein Ort der möglichen Spannung liegt hierbei in der Relation des Theoretikers zur Klasse, da die aggressive Kritik des Intellektuellen nicht nur gegen die Apologeten des Bestehenden gerichtet ist, sondern sich ebenso an konformistische, ablenkende und utopistische Tendenzen in den eigenen Reihen richtet.

Nach Hegel existiert die Einheit der sozialen Kräfte, von denen die Befreiung erwartet wird und welche zugleich ihr Unterschied ist, nur im Konflikt, welcher ständig die in ihm begriffenen Subjekte bedroht.

Eine intellektuelle Disziplin innerhalb der traditionellen Theorie ist die formale Logik, welche ebenfalls zum arbeitsteiligen Produktionsprozeß in seiner gegenwärtigen Form gehört. Diese intellektuelle Technik wird auch in Zukunft weiterentwickelt werden, da sich auch in kommenden Epochen die Gesellschaft mit der Natur auseinanderzusetzen hat. Theorie als Moment einer auf neue gesellschaftliche Formen abzielender Praxis jedoch, ist ihrer Funktion nach autonom. Das Denken des oppositionellen Theoretikers ist nichts Selbständiges, vom Kampf der Emanzipation zu Trennendes. Zwar bedient er sich auch traditioneller Kategorien, wie der Kenntnis und Prognose relativ isolierter Tatsachen, wissenschaftlicher Urteile und Problemstellungen, welche aufgrund seiner spezifischen Interessen von den üblichen abweichen und dieselben logischen Formen wie in der traditionellen Theorie aufweisen, doch wird deren positive Rolle in einer funktionierenden Gesellschaft, die vermittelte und undurchsichtige Beziehung der Befriedigung der allgemeinen Bedürfnisse, die Teilnahme am Reproduktionsprozeß des Ganzen, „alle diese Erfordernisse, um die sich die Wissenschaft selbst gar nicht zu kümmern pflegt; weil durch die soziale Position des Gelehrten ihre Erfüllung und Belohnung bestätigt wird,“ (Horkheimer; TukT; S.190) beim kritischen Denken in Frage gestellt.

5.2.3. Emphatische Kritik der Gegenwart

Das zu erreichende Ziel, der vernünftige Zustand, gründet in der Not der Gegenwart, jedoch ist in ihr noch nicht das Bild ihrer Überwindung enthalten. Die Theorie, welche es entwirft, steht nicht im Dienste einer bereits existierenden Realität und orientiert sich an der Idee einer künftigen Gesellschaft als einer Gemeinschaft freier Subjekte, wie sie bei den vorhandenen technischen Mitteln möglich erscheint. Diese Idee wird unter den herrschenden Verhältnissen stets reproduziert, als Einsicht, daß und wie die herrschende Irrationalität beseitigt werden kann. Sowohl die beurteilte Tatsächlichkeit, wie auch die zu einer vernünftigen Gesellschaft hin-treibenden Tendenzen werden nicht jenseits des Denkens durch dem Subjekt äußerliche Gewalten hervor-gebracht, in deren Produkt es sich dann wiedererkennt; sondern dasselbe Subjekt, welches die bessere Realität durchsetzen will, stellt sie sich auch vor. In der zukünftigen Epoche herrscht Übereinstimmung zwischen Denken und Sein, Verstand und Sinnlichkeit, sowie den menschlichen Bedürfnissen und deren Befriedigung, als dem Verhältnis vernünftiger Absicht und Verwirklichung. Der Wille, der sich auf die Gestaltung der Gesellschaft im Ganzen bezieht, ist schon in der dahin führenden Theorie und Praxis wirksam. Innerhalb der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden herrscht eine Einheit von notwendiger Disziplin, Freiheit und Spontaneität. Ihr Fehlen verwandelt die Bewegung in eine Angelegenheit ihrer eigenen Bürokratie und läßt sie zur Farce werden. Ein Schauspiel, welches bereits zum Repertoire der neueren Geschichte gehört.

Die Lebendigkeit der erstrebten Ordnung (bereits in der Gegenwart) kann jedoch nicht als Bestätigung betrachtet werden. Das allgemeine Interesse der kritischen Theorie besteht in der emphatischen Kritik der Gegenwart. Mittels Marxscher Kategorien wie Klasse, Ausbeutung Mehrwert, Profit, Verelendung und Zusammenbruch, werden Momente eines begrifflichen Ganzen evident, dessen einziger Sinn nicht in der Reproduktion der bürgerlich liberalistischen Ordnung, sondern in ihrer Transformation zum „Richtigen“ liegt. Da die kritische Theorie den herrschenden Denkgewohnheiten zuwiderläuft, erscheint sie der, zum Fortbestehen der Vergangen-heit beitragenden, zeitgeistigen Urteilsweise als subjektiv, spekulativ, ungerecht, einseitig und nutzlos. Auch mangelt es ihr an der Fähigkeit materielle Leistungen vorweisen zu können, da sich die von ihr bewirkten Veränderungen nur allmählich durchsetzen.

Auf dem emanzipativen Weg zu Assoziationen freier Menschen , kann es unmittelbar zu einer Forcierung der bereits bestehenden Konflikte kommen, was bereits in der Theorie selbst angelegt ist. Doch sollte dies nicht mit den fundamentalen Differenzen eines gespalteten gesellschaftlichen Ganzen, in welchem die ideologische und materielle Macht zur Aufrechterhaltung von Privilegien dient, verwechselt werden. Die Nachweisbarkeit ihrer realen Möglichkeit beim heutigen Stand der humanen Produktivkräfte, unterscheidet diese Idee von der abstrakten Utopie. Die Beurteilung der geschichtlichen Bedeutung ihrer Vorstufen ist erst möglich, wenn die Idee realisiert ist.

Es ist die Aufgabe des Theoretikers, innerhalb der avancierten Gruppen, die Weichen für diese Entwicklung zu stellen und sich dadurch in eine soziale Außenseiterrolle zu begeben und als weltfremder Utopist angesehen zu werden. Er hat ebenso damit umzugehen, daß die historische Bedeutung seiner Leistung nicht für sich selbst spricht, sondern davon abhängt, daß die Menschen für sie sprechen und handeln: sie gehört nicht zu einer bereits fertigen geschichtlichen Praxis.

5.2.5. Das Verhältnis von Intelligenz und Gesellschaft

Die anthropologische Genese der Fähigkeit zu Denkakten als intellektueller Verhaltensweise , wurzelt im wesentlichen in guten und schlechten Erfahrungen; daß die Bedingungen für den Eintritt eines bestimmten Effektes, der bei gleichen Voraussetzungen schon immer eingetreten ist, erkannt und unter Umständen selbständig herbeigeführt werden können. Es geht hierbei um die unmittelbare individuelle Selbsterhaltung. Einen Sinn dafür zu entwickeln hatten die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft ausreichend Gelegenheit.

Der traditionelle Sinn der Erkenntnis, einschließlich jeder Art von Erfahrung ist auch in der kritischen Theorie und Praxis enthalten, allerdings fehlt im Hinblick auf die wesentliche Veränderung – auf welche sie ja abzielt – die entsprechende konkrete Wahrnehmung so lange, bis sie wirklich eintritt. „Daher spielt das konstruktive Denken im Ganzen dieser Theorie gegenüber der Empirie eine bedeutendere Rolle als im Leben des gesunden Menschenverstandes“ (Horkheimer; TukT; S.195). Auf diesem Grund erwächst das besondere, problematische Verhältnis von Intelligenz und Gesellschaft im allgemeinen und in Zeiten sozialer Veränderungen im besonderen, wo Menschen, die „zuviel“ denken als gefährlich angesehen werden.

Die Möglichkeit, daß sich der Theoretiker durch seine Betätigung, eine Entwicklung zu beschleunigen, welche zu einer Gesellschaft ohne Unrecht führen soll, in Opposition zu den Ansichten begibt, welche beim Proletariat vorherrschen, ist immer gegeben. Doch hat dieser Konflikt nichts mit der individuellen Klassenlage oder der Form des Einkommens der Theoretiker zu tun. Nach fachsoziologischer Definition[34] entscheidet weder die Einkommensquelle, noch der faktische Inhalt seiner Theorie, sondern nur das formale Element seiner Bildung über die soziale Zugehörigkeit des Theoretikers. Die Möglichkeit des größeren Überblicks und Erkenntnis-vermögens soll die „Intelligenz“ als besondere soziale oder gar suprasoziale Schicht konstituieren. Ihr metaphysischer Status als Wesensmerkmal erlaubt es dem Theoretiker seine Aufgabe zu bewältigen; die Spannung zwischen seiner Einsicht und der unterdrückten Mehrheit, für die er denkt, zu verringern. Die Neutralität dieser Kategorie entspricht der abstrakten Selbsterkenntnis des Gelehrten. Die Mannheimische Konzeption führt, nach Horkheimer, zu einer Arbeitsteilung zwischen den Menschen, welche in sozialen Kämpfen auf den Gang der Geschichte einwirken, und dem soziologischen Diagnostiker, der ihnen den Standort zuweist.

Der formalistische Begriff des Geistes , welcher dieser Vorstellung zugrunde liegt, steht im Widerspruch zur kritischen Theorie, der zufolge nur eine einzige Wahrheit existiert, und deren positive Prädikate der Ehrlichkeit und inneren Konsequenz, der Vernünftigkeit, das Streben nach Frieden, Freiheit und Glück in ihrer semantischen Bedeutung keiner anderen Theorie und Praxis immanent sind. „Es gibt keine Theorie der Gesellschaft, auch nicht die des generalisierenden Soziologen, die nicht politisches Interesse mit einschlösse, über deren Wahrheit anstatt in scheinbar neutraler Reflexion nicht selbst wieder handelnd und denkend, eben in konkreter geschichtlicher Aktivität, entschieden werden müßte“ (Horkheimer; TukT; S.196).

Das arrogante Selbstverständnis des Intellektuellen, als bedürfe es zunächst einer nur von ihm zu gewähr-leistenden Denkarbeit, um zwischen revolutionären, liberalistischen oder faschistischen. Zielen und Wegen die Wahl zu treffen, ist obsolet und überflüssig. Die intellektuelle Avantgarde bedarf der Klugheit im Kampf und nicht der akademischen Belehrung über ihren sogenannten Standort. Die überparteiliche und daher abstrakte Konzeption der Intelligenz bedeutet eine Fassung der Probleme, welche die entscheidenden Fragen bloß verdeckt. Der Geist ist liberal und verträgt keinen äußerlichen Zwang und keine Anpassung seiner Erkenntnisse an den Willen irgendeiner Macht. Er ist vom sozialem Leben nicht losgelöst und schwebt nicht über ihr. Sofern er auf Autonomie, auf die Herrschaft der Menschen über ihr eigenes Leben wie die Natur abzielt, vermag er diese Tendenz als wirkende Kraft in der Geschichte zu erkennen. Wie sich aber der Geist ohne Interesse nicht zu erkennen vermag, so vermag er sie auch nicht ohne realen Kampf zum allgemeinen Bewußtsein zu machen: isoliert betrachtet, erscheint das Feststellen der Tatsachen als neutral. „Der abstrakte, als soziologische Kategorie festgehaltene Begriff einer Intelligenz, die dazu noch missionarische Funktion haben soll, gehört seiner Struktur nach zur Hypostasierung der Fachwissenschaft. Die kritische Theorie ist weder „verwurzelt“ wie die totalitäre Propaganda noch „freischwebend“ wie die liberalistische Intelligenz“ (Horkheimer; TukT; S.197).

5.3. Logisch-strukturelle Differenzen zwischen traditioneller und kritischer Theorie

Die logisch-strukturellen Differenzen zwischen traditioneller und kritischer Theorie ergeben sich aus der unterschiedlichen Funktion des jeweiligen Denkens.

Unter die obersten Sätze der traditionellen Theorie, welche Allgemeinbegriffe definieren, sollen alle Tatsachen des Gebietes subsumiert werden. Dazwischen existiert eine hierarchische Ordnung von Gattungen und Arten, zwischen denen spezifische Verhältnisse und Unterordnungen bestehen. Die Tatsachen sind Exemplare, Einzelfälle oder Verkörperungen der Gattungen. Auch wenn gewisse zeitliche Abfolgen dieser Verhältnisse im individuellen Erkennen bestehen, so jedenfalls nicht auf der Seite der Objekte; zwischen den Einheiten des Systems existieren keine zeitlichen Unterschiede. Allgemeine Züge dürfen nicht als latente Ursachen oder Kräfte in den konkreten Tatsachen aufgefaßt und als logische Verhältnisse hypostasiert werden.

Modifikationen des Systems werden nicht im Bewußtsein dessen vorgenommen, daß die Bestimmungen notwendig zu starr sind und sich als inadäquat erweisen müssen, da sich entweder das Verhältnis zum Gegenstand oder sich der Gegenstand selbst ändert, ohne selbst dabei seine Identität zu verlieren. Änderungen werden vielmehr als mangelndes Unvermögen unserer früheren Erkenntnis oder als Substitution einzelner Elemente des Gegenstandes durch andere erachtet. Analog wird auch in der diskursiven oder Verstandeslogik die lebendige Entwicklung (des Menschen vom Kind- zum Erwachsensein) begriffen; nach der positivistischen Interpretation handelt es sich bei beiden um verschieden Tatsachenkomplexe, ihre Logik vermag nicht zu erfassen, daß der Mensch sich verändert und doch mit sich identisch bleibt.

Die kritische Theorie der Gesellschaft beginnt ebenfalls mit abstrakten Bestimmungen; soweit sie die gegenwärtige Epoche behandelt, mit der Kennzeichnung einer auf Tausch begründeten Ökonomie. Marxsche Begriffe wie Wert, Ware und Geld fungieren dabei als Gattungsbegriffe, wenn beispielsweise Beziehungen vom konkreten sozialen Leben als Tauschbeziehungen beurteilt werden und vom Warencharakter der Güter gesprochen wird. Allerdings erschöpft sich diese Theorie nicht darin die Begriffe über Hypothesen auf die Realität zu beziehen. Vielmehr versucht sie die regulative Wirkung des Tausches aufzuzeigen, auf welcher die bürgerliche Ökonomie beruht. Die Konzeption des Prozesses zwischen Gesellschaft und Natur, die Idee einer einheitlichen Epoche einer Gesellschaft, ihre Selbsterhaltung, ...etc., entspringen bereits einer gründlichen, vom Interesse an der Zukunft geleiteten, Analyse des historischen Verlaufs. Dabei ist das Verhältnis der ersten begrifflichen Ordnung zur Welt der Fakten nicht wesentlich das von Gattungen und Exemplaren, sondern das durch sie bezeichnete Tauschverhältnis beherrscht infolge seiner Dynamik die gesamte soziale Realität.

Zwar müssen auch in der kritischen Theorie spezifische Elemente neu eingefügt werden, um von der basalen Struktur zur diffizilen Wirklichkeit gelangen zu können, doch geschieht dies nicht durch einfache Deduktion wie in der fachlich abgekapselten Theorie. Es bedarf hierbei der differenzierten Kenntnis der menschlichen Reaktionsweisen, um die gedankliche Entwicklung voranzutreiben. „Die kritische Theorie der Gesellschaft beginnt also mit einer durch allgemeine Begriffe bestimmten Idee des einfachen Warentausches; unter Voraus-setzung des sogenannten verfügbaren Wissens, der Aufnahme des aus fremden und eigenen Forschungen angeeigneten Stoffes wird dann gezeigt, wie die Tauschwirtschaft bei der gegebenen und der sich freilich unter ihrem Einfluß verändernden Beschaffenheit von Menschen und Dingen, ohne das ihre eigenen, von der fachlichen Nationalökonomie dargestellten Prinzipien durchbrochen verworfen würden, notwendig zur Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze führen muß, die in der gegenwärtigen geschichtlichen Epoche zu Kriegen und Revolutionen treibt“ (Horkheimer; TukT; S.200).

5.3.1. Existenzialurteile als Momente der kritischen Theorie

Der semantische Gehalt des hier gemeinten Begriffes der Notwendigkeit ist, wie derjenige der Abstraktheit der Begriffe, den entsprechenden Zügen der traditionellen Theorie zugleich ähnlich und unähnlich. Bei beiden Theorien beruht die Strenge der Deduktion darauf, wie die Hypothese vom Zutreffen allgemeiner Bestimmungen diejenige vom Zutreffen gewisser Verhältnisse mit einschließt.

Indem die kritische Gesellschaftheorie die gegenwärtigen Zustände aus dem einfachen Begriff des Tauschs heraus entwickelt, impliziert sie in der Tat diese Art der Notwendigkeit in generell relativ gleichgültiger, hypothetischer Form. Die Emphase liegt nicht darauf, daß überall dort, wo das Tauschprinzip vorherrscht, sich Kapitalismus entwickeln muß, sondern auf der Ableitung der kapitalistisch okzidentalen Gesellschaftsformen von dem Grundverhältnis des Tauschs überhaupt aus. Im Gegensatz zu den Fachwissenschaften, deren kategorische Urteile hypothetischer Natur sind und deren Existenzialurteile, welche, wenn überhaupt, in eigenen Kapiteln, beschreibender oder praktischer Teile vorkommen, ist die kritische Theorie der Gesellschaft als Ganze ein einzig entfaltetes Existenzialurteil [35]. „Es besagt, grob formuliert, daß die Grundform der historisch gegebenen Warenwirtschaft, auf der die neuere Geschichte beruht, die inneren und äußeren Gegensätze der Epoche in sich schließt, in verschärfter Form stets aufs neue zeitigt und nach einer Periode des Aufstiegs, der Entfaltung menschlicher Kräfte, der Emanzipation des Individuums, nach einer ungeheuren Ausbreitung der menschlichen Macht über die Natur schließlich die weitere Entwicklung hemmt und die Menschheit einer neuen Barbarei zutreibt“ (Horkheimer; TukT; S.201).

Innerhalb dieser kritischen Theorie sind die einzelnen Denkschritte, wenigsten der Intention nach, von der gleichen Strenge wie die Deduktionen in der fachwissenschaftlichen Theorie; jeder repräsentiert ein Moment in der Konstitution des umfassenden Existenzialurteils. Dabei können einzelne Teile in allgemeine oder besondere hypothetische Urteile verwandelt und im Sinne des traditionellen Theoriebegriffs verwendet werden. Hierbei entsteht nun die Problematik, daß bei manchen Theorien auf diese Weise Sätze entstehen, deren Beziehung zur Realität schwierig ist. Das hängt damit zusammen, daß die Darstellung eines homologen Gegenstandes als Ganzem wahr ist, und nur unter spezifischen Bedingungen einzelne von ihr losgelöste Teile in ihrer Isolierung auf isolierte Teile des Gegenstandes zutreffen. Diese Problematik, die evident wird, sobald Teilsätze der kritischen Gesellschaftheorie auf einmalige oder wiederholbare Vorgänge in der gegenwärtigen Gesellschaft angewendet werden, betrifft nur die Eignung der kritischen Theorie zu traditionellen Denkleistungen mit fortschrittlichem Zweck und nicht ihre Wahrheit im Allgemeinen. Die Inkompetenz der Fachwissenschaft (v.a. der zeitgenössischen Nationalökonomie) einen Nutzen aus ihr zu ziehen, liegt weder an ihr noch an der kritischen Theorie, sondern allein an ihren spezifischen Rollen in der Realität.

5.3.2. Der Begriff der Notwendigkeit und seine semantische Bedeutung als Einheit von Theorie und Praxis

Wie dargelegt, leitet auch die oppositionelle kritische Theorie ihre Aussagen über die realen Verhältnisse aus allgemeinen Grundbegriffen her und läßt daher diese Verhältnisse als notwendig erscheinen. Trotz der vermeintlichen Ähnlichkeit der beiden theoretischen Strukturen im logischen Sinne, im Hinblick auf deren Notwendigkeit, wird deren Gegensätzlichkeit evident, sobald zwischen logischer und sachlicher Notwendigkeit faktischer Abläufe differenziert wird.

Überträgt man die Erkenntnisse der Biologie auf die Gesellschaft, so könnte die Notwendigkeit, von welcher sie beherrscht wird, als natürlich gegeben verstanden und der besondere Charakter der kritischen Theorie deshalb bezweifelt werden, da die Prozesse in theoretisch ähnlicher Weise konstruiert werden, wie es in den Natur-wissenschaften der Fall ist. Die gesellschaftliche Entwicklung würde als eine bestimmte Ereignisreihe betrachtet werden, in deren Darstellung verschiedene Resultate aus verschiedenen Gebieten herangezogen würden. Gesellschaft wäre das Individuum, welches auf Grund fachwissenschaftlicher Theorie beurteilt würde.

Der entscheidende Unterschied besteht hinsichtlich des Verhältnisses von Subjekt und Objekt und damit der Notwendigkeit des beurteilten Geschehens. In den Fachwissenschaften wird die Sache von der Theorie überhaupt nicht tangiert; Subjekt und Objekt sind streng voneinander getrennt, obwohl deutlich wird, daß das objektive Geschehen ab einem gewissen Zeitpunkt durch den menschlichen Zugriff beeinflußt wird, und dieser Sachverhalt als Faktum in der Wissenschaft berücksichtigt werden müßte. Die Unabhängigkeit (und Transzendenz) des verdinglichten Geschehens von der Theorie gehört zu ihrer Notwendigkeit.

Zur progressiven Entwicklung der Gesellschaft gehört aber auch das bewußt kritische Verhalten. In der Konstruktion des historischen Verlaufs, als des notwendigen Produktes eines bestimmten ökonomischen Mechanismus, wird das ihm immanente Moment des selbst aus ihm hervorgehenden Protestes gegen diese Ordnung, sowie die Idee der Selbstbestimmung des menschlichen Geschlechts, d.h. eines Zustandes, in welchem die Handlungen der Subjekte nicht mehr einem Mechanismus, sondern ihren eigenen Entscheidungen entstammen, evident. Die Transformation der blinden in eine sinnvolle Notwendigkeit manifestiert sich im Urteil über die Notwendigkeit des bisherigen Geschehens. Aus der artifiziellen Trennung des Gegenstandes von der Reflexion über ihn, resultiert eine passive Geisteshaltung und der Konformismus. Jeder Teil der Theorie setzt die Kritik und den Kampf gegen das Bestehende in der von ihr selbst bestimmten Richtung voraus.

In der von der Physik ausgehenden Erkenntnistheorie ist auf die Verwechslung der Ursachen mit dem Wirken von Kräften hingewiesen worden und hat eine Vertauschung des Begriffs der Ursache mit dem der Bedingung und der Funktion stattgefunden. Es liegt im Wesen des registrierenden Denkens und nicht in der Natur, daß sich immer nur Erscheinungsreihen, niemals aber Kräfte und Gegenkräfte offenbaren. Durch die Anwendung dieses Verfahrens auf die Gesellschaft ergeben sich die Statistik und die deskriptive Soziologie. Für die traditionelle Wissenschaft ist entweder alles oder nicht notwendig, je nachdem, ob sie unter Notwendigkeit die Unabhängigkeit vom Beobachter oder die Möglichkeit absolut gewisser Prognosen versteht. Notwendigkeit erhält jedoch eine gänzlich andere semantische Bedeutung, sobald sich das Subjekt als denkendes und als nicht radikal von den sozialen Konflikten isoliert betrachtet, an denen es partizipiert; sobald es die Einheit von Erkennen und Handeln erfaßt. Sie ist die bewußte und zweckmäßige Organisation im Kampf der Gesellschaft gegen die unbeherrschte Natur. Ohnmacht der Menschen und Macht der Natur, Kräfte und Gegenkräfte, sind Momente dieses Begriffs der Notwendigkeit und beruhen auf der menschlichen Anstrengung, sich vom Zwang der Natur und den zur Fessel gewordenen Formen des sozialen Lebens, der juristischen, politischen und kulturellen Ordnung zu befreien. Sie sind Ausdruck eines realen Strebens nach einem Zustand, in dem die Notwendigkeit der Sache zu der eines vernünftig beherrschten Geschehens wird. Das Verständnis und die Anwendbarkeit dieser und anderer Begriffe des kritischen Denkens sind an die eigene Anstrengung und Aktivität, an den Willen im erkennenden Subjekt geknüpft; die ledigliche Steigerung ihrer logischen Prägnanz ist unzureichend.

Bei dieser Problematik handelt es sich nicht nur um ein Mißverständnis, sondern um den realen Gegensatz verschiedener Verhaltensweisen. In der kritischen Theorie ist der Begriff der Notwendigkeit selbst ein kritischer; er setzt den der Freiheit voraus, wenn auch nicht als einer real existierenden Kategorie. Die Imagination einer schon immer existierenden Freiheit, als einer bloß inneren Freiheit, ist dem Idealismus immanent. Evident wird hier die Inkommensurabilität radikaler, metaphysischer Gegensätze und Schulen. „Die Behauptung absoluter Notwendigkeit des Geschehens meint letzten Endes dasselbe wie diejenige der realen Freiheit in der Gegenwart: die Resignation der Praxis“ (Horkheimer; TukT; S.205).

In der Hypostasierung des cartesianischen Dualismus von Denken und Sein gründet die Inkompetenz, die Einheit von Theorie und Praxis zu denken und die Beschränkung des Begriffs der Notwendigkeit auf ein fatalistisches Geschehen. Seine Internalisierung erlaubt es dem Wissenschaftler nicht autonom zu handeln; er führt in seinem Denken das aus, wozu der geschlossene Kausalzusammenhang der Realität ihn bestimmt, oder er kommt als individuelle Einheit statistischer Größe in Betracht, in der eben die individuelle Größe keine Rolle mehr spielt. Als Vernunftwesen ist er ohnmächtig und isoliert.

Die kritische Theorie jedoch, welche zur realen Macht wird; das Selbstbewußtsein der Subjekte einer großen historischen Umwälzung beizuwohnen, geht über die für diesen Dualismus signifikante Mentalität hinaus. Die Erkenntnis dieses Tatbestandes bildet den ersten Schritt seiner Überwindung, geht aber nur in metaphysischer und unhistorischer Gestalt in das bürgerliche Bewußtsein ein. Dies wird deutlich in der vorherrschenden Überzeugung der Unveränderbarkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsform; die Menschen erfahren sich als passive Teilnehmer eines gewaltigen Geschehens, das vielleicht vorhergesagt, jedenfalls aber nicht beherrscht werden könne. Für sie bedeutet Notwendigkeit nicht Ereignisse, welche erzwungen werden können, sondern allenfalls solche, welche mit Wahrscheinlichkeit vorausberechnet werden können. Wo die Verflechtung von Wollen und Denken, Erkenntnis und Handeln eingestanden wird, wie beispielsweise in manchen Teilen der neuesten Soziologie, gilt dies nur unter dem Aspekt einer zu beachtenden Kompliziertheit des Objekts.

5.3.3. Theoriefeindlichkeit als Zeitgeist

Die gegenwärtige Theoriefeindlichkeit ist in Wahrheit gegen die verändernden Impulse der kritischen Reflexivität gerichtet. Es regt sich dort Widerstand gegen das Feststellen und Ordnen, wo es nicht mehr in neutralen, d.h. für die Lebenspraxis, in der gegebenen Form, unerläßlichen Kategorien stattfindet. In den Köpfen der Beherrschten macht sich ein Bewußtsein breit, daß das theoretische Denken die mühsam vollzogene Assimilation an die Realität gefährde; es herrscht allgemeine Aversion gegen jede Art intellektueller Autonomie. Von der Tendenz, Theorie allgemein als Negation der Positivität anzusehen, ist auch das harmlose traditionelle Denken nicht ausgenommen. Da die gegenwärtig progressivste Form der Reflexivität die kritische Gesellschafts-theorie ist und jede konsequent intellektuelle Anstrengung, die dem Humanismus verpflichtet ist, sinngemäß in sie einmündet, gerät Theorie überhaupt in Mißkredit. Selbst wissenschaftliche Aussagen, deren Tatsachen nicht in den gebräuchlichen Kategorien (am neutralsten wäre die mathematische Form) ausgedrückt werden, erfahren den Vorwurf, sie seien zu theoretisch.

Neben der auf den realen Machtapparat gestützten Herrschaft, bildet die Ideologie ein nicht zu unterschätzendes Element der sozialen Integration des durch die verschärften Klassengegensätze angegriffenen Gesellschaftsbaus. In ihr wird eine „Reaktion gegen den Bund von Unterdrückung und Metaphysik“ (S.207) evident, welche der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstammt. Damals hatte sich die bürgerliche Wirtschaftsweise bereits im Rahmen des Feudalismus entwickelt und das ihr entsprechende fachwissenschaftliche Denken brauchte sich nur von den alten dogmatischen Bindungen zu befreien. In der Transformation der gegenwärtigen zu einer zukünftigen Gesellschaftsform, soll sich die Menschheit erstmals selbst zum bewußten Subjekt konstituieren und aktiv ihre eigenen Lebensformen bestimmen. Dafür bedarf es, auch wenn die Elemente der künftigen Kultur bereits in der alten angelegt sind, einer bewußten Neukonstruktion der ökonomischen Verhältnisse. Die unreflektierte Theoriefeindlichkeit stellt hierbei ein inhibierendes Moment in der Entwicklung dar. „Wird die theoretische Anstrengung, die im Interesse einer vernünftig organisierten zukünftigen Gesellschaft die gegenwärtige kritisch durchleuchtet und anhand der in den Fachwissenschaften ausgebildeten traditionellen Theorien konstruiert, nicht fortgesetzt, so ist der Hoffnung, die menschliche Existenz grundlegend zu verbessern, der Boden entzogen. Die Forderung nach Positivität und Unterordnung, die auch in den fortschrittlichen Gruppen der Gesellschaft den Sinn für die Theorie abzustumpfen droht, trifft notwendig nicht allein die Theorie, sondern auch die Praxis der Befreiung.“ (Horkheimer; TukT; S.207).

Die gedankliche Entwicklung einzelner Teile der Theorie, welche die diffizilen Verhältnisse des liberalistischen und des Monopolkapitalismus aus dem einfachen Schema der Warenwirtschaft ableitet, steht in feststellbarer Relation zum geschichtlichen Prozeß (im Gegensatz zur zeitlichen Gleichgültigkeit deduktiver Ordnungsgefüge). Die wesentliche Bezogenheit der Theorie auf die Zeit liegt nicht in der Entsprechung einzelner Teile der Konstruktion zu historischen Epochen, sondern in der ständigen Modifizierung des theoretischen Existenzial-urteils über die Gesellschaft, welches durch ihren bewußten Kontext mit der historischen Praxis bedingt ist. Allerdings bedeuten ihre Änderungen keinen Umschlag in eine völlig andere Anschauungen; die Stärke der Theorie resultiert aus der Tatsache, das bei allem sozialen Wandel der Gesellschaft ihre ökonomisch basale Struktur des Klassenantagonismus und somit auch die Idee seiner Aufhebung erhalten bleibt. Die dadurch bedingten entscheidenden Wesensmerkmale können sich vor der historischen Emanzipation nicht ändern. Trotzdem bewirkt die geschichtliche Entwicklung der Gegensätze, in welche das kritische Denken verflochten ist, eine Differenzierung und Verschiebung der Bedeutung der fachwissenschaftlichen Erkenntnisse für die kritische Theorie und Praxis.

5.3.4. Abhängigkeit des Kulturellen vom Ökonomischen

Am Beispiel der über die Produktionsmittel verfügenden Kapitalistenklasse soll dies verdeutlicht werden. In der liberalistischen Periode des Kapitalismus war die ökonomische Herrschaft weitgehend mit dem juristischen Eigentum an den Produktionsmitteln verknüpft. Die soziale Domination der Klasse der Pivateigentümer drückte der gesamten Kultur der damaligen Zeit ihren Stempel auf. Doch mit der rapide fortschreitenden Entwicklung der Technik kam es zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals, und der Trennung der juristischen Eigentümer von der Leitung der sich bildenden Konzerne, wobei sich die Leitung gegenüber dem juristischen Eigentumstitel verselbständigte. Dieser ökonomische Prozeß bringt eine Änderung der Funktionsweise des juristischen und politischen Apparates, sowie der Ideologien mit sich; ohne die geringste Änderung der rechtlichen Definition des Eigentums, werden die Eigentümer gegenüber den Leitern und ihrem Stab zunehmend ohnmächtig. Die Division von der Produktion und der sinkende Einfluß bewirkt eine Persönlichkeitsveränderung der bloßen Inhaber von Besitztiteln dahingehend, daß sie immer ungeeigneter für sozial ausschlaggebende Positionen erscheinen, und daß letztendlich der monetäre Anteil, den sie noch aus dem Eigentum beziehen, als gesellschaftlich nutzlos und moralisch verwerflich angesehen wird. Es entstehen die mit dieser Entwicklung korrelierenden Ideologien von der großen Persönlichkeit und vom Unterschied der produktiven und parasitären Kapitalisten; die Idee eines der Allgemeinheit gegenüberstehenden Rechts verliert an Bedeutung. Von Seiten der über die private Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel herrschenden Klasse, welche das Kernstück der herrschenden Gesellschaftsordnung repräsentiert, werden politische Lehren produziert, mit dem Inhalt, daß das unproduktive Eigentum aufgehoben werden müßte. “Indem sich der Kreis der wirklich Mächtigen verkleinert, wächst die Möglichkeit bewußter Ideologiebildung, der Etablierung einer doppelten Wahrheit, bei der das Wissen den Insidern und die Version dem Volk vorbehalten bleibt, und der Zynismus gegen Wahrheit und Denken überhaupt breitet sich aus. Am Ende des Prozesses steht eine nicht mehr von selbständigen Eigentümern, sondern von industriellen und politischen Cliquen beherrschte Gesellschaft“ (Horkheimer; TukT; S.210).

Auch die Struktur der kritischen Theorie wird von dieser Entwicklung tangiert. Auf der einen Seite hat sie die juristischen Relationen auch früher nicht als Wesen, sondern als Oberflächen des gesellschaftlichen Sachverhaltes angesehen und weiß, daß die faktische Verfügung über die Produktionsmittel bei einer besonderen sozialen Gruppe bleibt, welche weniger im Inland, dafür aber im Weltmaßstab mit anderen ökonomischen Machtgruppen erbittert konkurriert. Der Gewinn wird immer noch von derselben Gruppe produziert und muß letztendlich durch dieselben Methoden gesteigert werden wie bisher. Andererseits scheint die, durch die ökonomische Machtkonzentration bedingte, Liquidierung jedes inhaltlich bestimmten Rechts, die in den Verhältnissen des autoritären Staates mündet, mit der Ideologie zugleich ein Kulturfaktor zu verschwinden, der neben einer negativen auch eine positive Implikation hat.

Indem die Theorie diese Vorgänge der inneren Struktur der Unternehmerklasse berücksichtigt, werden auch andere ihrer Begriffe differenziert; die Abhängigkeit der Kultur von den sozialen Verhältnissen muß sich mit diesen selbst bis in die Einzelheiten verändern. Die Deduktion politischer und moralischer Auffassungen der Individuen aus ihrer ökonomischen Situation war auch in der liberalistischen Periode des Kapitalismus möglich, als einer Gesellschaft, bestehend aus relativ unabhängigen Wirtschaftssubjekten, welche durch Kontrakte miteinander in Verbindung treten. Diese psychologisch vermittelte Abhängigkeit und die, von der Abhängigkeit von der Ökonomie durchherrschte Moral „gewann infolge ihrer Funktion im Individuum eine Art Festigkeit“ (S.211). Solche relative Unabhängigkeit des Individuums findet unter monopolkapitalistischen Verhältnissen jedoch ein Ende; es hat keinen eigenen Gedanken mehr. Das Produkt der herrschenden Bürokratie in Staat und Wirtschaft ist ein Massenglauben, dessen Anhänger insgeheim nur ihren atomisierten und daher unwahren Interessen folgen; sie handeln als reine Funktionen des ökonomischen Mechanismus. Der Begriff der Abhängigkeit des Kulturellen vom Ökonomischen verändert sich dahingehend, daß die Vernichtung des Individuums gleichsam vulgärmaterialistischer als früher zu verstehen ist. Die Erklärung sozialer Phänomene wird einfacher, da das Ökonomische die Menschen unmittelbarer und bewußter bestimmt und die relative Widerstandskraft und Substantialität der Kultursphäre im Schwinden begriffen ist; und zugleich komplizierter, weil die entfesselte ökonomische Dynamik, zu deren Agenten die meisten Individuen reduziert werden, immer neue Formen von Verhängnissen produziert. Selbst progressive Elemente in der Gesellschaft werden von der allgemeinen Ratlosigkeit ergriffen und entmutigt. Auch die Wahrheit ist in ihrer Gültigkeit an Konstellationen in der Wirklichkeit gebunden. Unter den spätkapitalistischen Verhältnissen und der Ohnmacht der Arbeiter, gegenüber dem Unterdrückungsapparat des autoritären Staates, geht der allgemeine intellektuelle Zustand der Massen rapide zurück; die Wahrheit ist nur noch kleinen Gruppen zugänglich.

5.3.5. Einheitlichkeit von (kritischer) Theorie und Praxis

Die beständige Umwälzung der sozialen Verhältnisse, welche sich unmittelbar aus der ökonomischen Entwicklung ergibt und im Aufbau der herrschenden Schicht evident wird, erfaßt nicht nur einzelne Zweige der Natur, sondern - im Sinn ihrer Abhängigkeit von der Ökonomie - auch die entscheidenden Begriffe der gesamten theoretischen Konzeption. Die eigentümliche Relevanz der Theorie als einheitlichem Ganzen gründet in der Bezogenheit in der konkret gegenwärtigen Situation. Sie befindet sich in einem fortschreitenden Entwicklungs-prozeß, der ebensowenig ihre Grundlagen aufhebt, wie das Wesen des von ihr reflektierten Gegenstandes, der gegenwärtigen Gesellschaft, ein anderer wird.

Durch das Herauslösen und isolierte Vergleichen einzelner Begriffe und Urteile aus dem theoretischen Gesamtkontext, entstehen Widersprüche, welche sowohl die historischen Entwicklungsstufen der Theorie als ganzer, wie auch die logischen Stufen innerhalb ihrer selbst betreffen. Beispielsweise macht es einen Unter-schied vom Begriff des Unternehmers zu sprechen, je nachdem, ob man sich dabei auf die Lehre der ersten Form bürgerlicher Wirtschaft, oder aber auf die Kritik der politischen Ökonomie des 20. Jahrhunderts bezieht, welche darunter den Monopolisten subsumiert. Die Vorstellung des Unternehmers macht wie er selbst eine Entwicklung durch. Die Widersprüche der für sich genommenen Teile der Kritischen Theorie gründen nicht in Irrtümern oder in mangelhaften Definitionen, sondern in dem sich historisch verändernden Gegenstand der Reflexion. Sie bildet keine Hypothesen über den Gang einzelner sozialer Phänomene, sondern konstruiert ein sich entfaltendes Bild des Ganzen; ein in die Geschichte einbezogenes Existenzialurteil. Der rationalistische und zugleich irrationalistische Charakter der bürgerlichen Menschen geht auf die ursprüngliche ökonomische Situation des Bürgertums zurück und ist bereits in den Grundbegriffen der kritischen Gesellschaftstheorie angelegt. Erst in den Kämpfen der Gegenwart, in denen das Bürgertum Veränderungen erfährt, manifestiert sich dieser Ursprung in seiner differenzierten Form, in deren Kontext Interesse und Aufmerksamkeit des theoretischen Subjekts andere Akzentuierungen bedingen. Da der Sinn letztendlich nur in Zusammenhang mit der gesamten gedanklichen Konstruktion begriffen werden kann, welche immer wieder modifiziert wird, haben Klassifikationssysteme von Arten und Unterarten, Definitionen und Spezifikationen von Begriffen - deren Bildung einem systematischen Interesse entstammt, auch nicht ganz nutzlos sind und aus der kritischen Theorie der Gesellschaft herausgelöst werden - nicht einmal den Gebrauchswert anderer fachwissenschaftlicher Begriffsinventare. Es besteht – nach Horkheimer - eine allgemeine Problematik, die kritische Gesellschaftstheorie in Soziologie zu transformieren.

Das Verhältnis von Denken und Zeit hat eine besonders problematische Implikation, da es im eigentlichen Sinn unmöglich ist von der Wandlung einer Theorie zu sprechen, da es bereits die Existenz einer Theorie voraussetzt. Im Grunde ist die Diskussion über Konstanz oder Wandelbarkeit von Wahrheit nur polemisch zu verstehen; sie ist gegen die Annahme eines absoluten, übergeschichtlichen Subjekts und gegen deren Auswechselbarkeit gerichtet. Mit der Kritischen Theorie ist der idealistische Glaube nicht vereinbar, daß sie selbst etwas die Menschen Übergreifendes repräsentiert und gar ein Wachstum aufweist. Sie assimiliert sich an künftige Situationen, ohne dabei ihren wesentlichen Lehrgehalt zu verändern. Ihre Agenten haben sie als Ganzes verinnerlicht und handeln diesem Ganzen entsprechend.

Auch in einer zukünftigen Gesellschaft bleibt die Beherrschung der Natur ein notwendiges Moment, auf welches sich die stetige Zunahme einer den Subjekten gegenüber selbständigen Wahrheit und das Vertrauen in den Fortschritt der Wissenschaften bezieht. Die Prämisse für Aussagen über die Dauer oder Veränderung dieses Wissens, nämlich der Fortgang der ökonomischen (Re-) Produktion in den gegenwärtigen Formen, ist in gewisser Weise mit der Auswechselbarkeit der Subjekte gleichbedeutend. Die klassenförmige Spaltung der Gesellschaft verhindert nicht die Identifikation der menschlichen Subjekte. Da das Wissen selbst ein Ding ist, deren Überlieferung die Menschheit bedarf, braucht sich der traditionelle Wissenschaftler nicht um seine Tätigkeit zu sorgen.

Das Streben nach einem Zustand ohne Unterdrückung und Ausbeutung, in welchem tatsächlich ein umgreifendes Subjekt, d.h. die selbstbewußte Menschheit existiert und in dem von einer homogenen Theoriebildung, von einem die Individuen übergreifendem Denken gesprochen werden kann, bedeutet noch nicht seine Realisation. Eine Bedingung ihres geschichtlichen Erfolges ist die Weitergabe der Kritischen Theorie, welche sich nicht auf Grundlage einer eingeübten Praxis und fixierten Verhaltensweisen vollzieht, sondern vermittels des Interesses an der Umwandlung, das sich zwar notwendiger Weise mit der herrschenden Ungerechtigkeit reproduziert, aber durch die Theorie selbst geformt und gelenkt werden soll, und dabei simultan auf sie zurückwirkt. Die kritische Theorie der Gesellschaft findet erst in ihrer Verwirklichung ihre Bestätigung, bis dahin währt auch der Kampf um ihre Fassung und Anwendung. In der heutigen Periode des Niedergangs, in der die ganze Macht des Bestehenden zur Preisgabe der Kultur und der Barbarei hindrängt, sind Träger der Attribute Solidarität und Treue eher die Ausnahme. Derartige Begriffe konstituieren Momente der richtigen Theorie und Praxis, von ihr losgelöst, verändert sie ihre Bedeutung, wie alle Teile eines lebendigen Zusammenhangs. Ihren wahren Sinn gewinnen Einzelurteile über Menschliches erst im Gesamtkontext.

Es gibt keine Kriterien für die kritische Gesellschaftheorie als Ganzer, da sie auf der Wiederholung von Ereignissen und somit auf einer sich selbst reproduzierenden Totalität beruht. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen vermag jedes Klassenbewußtsein ideologisch korrumpiert zu werden, unabhängig wie sehr sie ihrer Lage nach auch zur Wahrheit bestimmt sind[36]. „Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Übereinstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich, als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist, auf einen abstrakten Ausdruck gebracht, der materialistische Begriff des idealistischen Begriffs der Vernunft. In einer geschichtlichen Periode wie dieser ist die wahre Theorie nicht so sehr affirmativ als kritisch, wie auch das ihr gemäße Handeln nicht >produktiv< sein kann. An der Existenz des kritischen Verhaltens, das freilich Elemente der traditionellen Theorien und dieser vergehenden Kultur überhaupt in sich birgt, hängt heute die Zukunft der Humanität“ (Horkheimer; TukT; S.216). Eine Wissenschaft, welche die Trennung von Denken und Handel postuliert, und in imaginierter Selbständigkeit der Gestaltung der Gesellschaft dient, welcher sie angehört, hat jeden Anspruch auf Humanität verloren. Der Konformismus des Denkens, das Beharren auf der falschen Vorstellung, daß es ein in sich geschlossenes Reich innerhalb des gesellschaftlichen Ganzen ist, gibt das eigene Wesen des Denkens preis. Die Kompetenz autonom bestimmen zu können, was zu leisten und wem zu dienen sei, ist das signifikante Merkmal der denkerischen Tätigkeit. Ihre eigene konstitutionelle Beschaffenheit verweist sie deshalb auf die geschichtliche Veränderung; die Herstellung eines gerechten Zustandes unter den Menschen.

5.5.6. Kritik der politischen Ökonomie

Horkheimer hat auf den Unterschied zweier Erkenntnisweisen hingewiesen; auf die im Discours de la méthode von Descartes begründete Traditionelle Theorie und die auf der Marxschen Kritik an der politischen Ökonomie beruhende Kritische Theorie. Die im Betrieb der Fachwissenschaften dominierenden Theorie im traditionellen Sinn organisiert die Erfahrung auf Grund von Fragestellungen, die sich im Kontext der gesellschaftlichen Reproduktion ergeben. In den theoretischen Systemen sind die Erkenntnisse in einer Form konserviert, welche sie unter den gegebenen Umständen für möglichst viele Anlässe verwertbar machen. Ihr ist die soziale Genesis der Probleme, die realen Situationen, in denen die Wissenschaft gebraucht wird und die Zwecke, zu denen sie angewandt wird, äußerlich. Im Gegensatz dazu hat die kritische oder dialektische Gesellschaftstheorie die Menschen als die realen Produzenten ihrer gesamten geschichtlichen Lebensformen zum Gegenstand. Sie rekurriert auf die nicht bloße Feststellung und nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit vorausberechenbaren realen Verhältnissen, welche nicht nur von der Natur, sondern ebenso vom Menschen selbst abhängig sind. Die ihr immanente Art der Wahrnehmung, die Problemstellung und der Sinn ihrer Beantwortung zeugen von menschlicher Aktivität und dem Grad ihrer Macht.

Mit dem deutschen Idealismus hat die kritische Theorie der Gesellschaft die Vorstellung gemein, daß das Material der vermeintlich letzten Tatsachen mit der menschlichen Produktion in Beziehung steht, welcher dieses dynamische Element gegen die Tatsachenverehrung und den sozialen Konformismus verwendet. Die evident werdenden Tätigkeiten gelten dem Idealismus als geistig, dem überempirischen Bewußtsein, dem absoluten Ich oder Geist angehörig; ihre Überwindung fällt prinzipiell ins innere der Person, in ihre Gesinnung. Nach der materialistischen Auffassung hingegen, handelt es sich bei dieser basalen Tätigkeit um gesellschaftliche Arbeit, deren klassenmäßige Form allen menschlichen Reaktionsweisen, einschließlich der Theoriebildung, ihren Stempel aufdrückt. Die Rationalität der Prozesse, in denen sich die Erkenntnis und ihr Gegenstand konstituieren, sowie deren Unterordnung unter die Kontrolle des Bewußtseins, fallen mit dem Kampf um bestimmte Lebensformen in der Realität zusammen. Während die traditionelle Theoriebildung eine gegen andere (wissenschaftliche) Tätigkeiten abgegrenzte Disziplin innerhalb der Gesellschaft darstellt und blind gegenüber den Verflechtungen ihrer Tätigkeit mit historischen Tendenzen ist, hat die kritische Theorie in der Bildung ihrer Kategorien und ihrem Fortschreiten bewußt das Interesse an einer vernünftigen Organisation des menschlichen Lebens zur Grundlage. „Insofern bewahrt die kritische Theorie über das Erbe des deutschen Idealismus hinaus das der Philosophie schlechthin; sie ist nicht irgendeine Forschungshypothese, die im herrschenden Betrieb ihren Nutzen erweist, sondern ein unablösbares Moment der historischen Anstrengung, eine Welt zu schaffen, die den Bedürfnissen und Kräften der Menschen genügt. Bei aller Wechselwirkung der kritischen Theorie und den Fachwissenschaften, (...) zielt sie nirgends bloß auf die Vermehrung des Wissens als solchem ab, sondern auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen“ (Horkheimer; TukT; S.291). Ebenso, wie die griechischen Philosophien Platons und Aristoteles`, hat die neue dialektische Philosophie erkannt, daß die freie Entwicklung der Individuen von der vernünftigen Konstitution des gesellschaftlichen Ganzen abhängt. Durch ihr Bestreben den gegenwärtigen Zuständen auf den Grund zu gehen, wird sie zur Kritik der Ökonomie.

Doch Kritik ist nicht identisch mit ihrem Gegenstand, weder die Kurven der mathematischen Nationalökonomie, noch die positivistische oder existentielle Fachphilosophie vermögen den Zusammenhang mit dem Wesentlichen zu erfassen. Ihre Fachtermini haben die Relation zu den grundlegenden epochalen Verhältnissen und das Bewußtsein der Zugehörigkeit moderner Analysen zu einem auf die Realität rekurrierenden Ganzen der Erkenntnis verloren. Man überläßt diese Aufgabe anderen. Dadurch werden die herrschenden Kräfte von der Wissenschaft bestätigt und die Erkenntnis für ohnmächtig erklärt.

Im Gegensatz zum Betrieb der modernen Fachwissenschaften ist die kritische Gesellschaftstheorie auch als Kritik der Ökonomie philosophisch geblieben. Ihr Inhalt ist die Negation der die Wirtschaft durchherrschenden Begriffe: des gerechten Tauschs in die Vertiefung der sozialen Ungerechtigkeit, der freien Wirtschaft in die Herrschaft des Monopols, der produktiven Arbeit in produktionshemmende Verhältnisse und der Erhaltung der gesellschaftlichen Tätigkeit in die Verelendung der Völker. In Marx` Kapital bleibt die Erkenntnis des geschichtlichen Verlaufs des Ganzen das treibende Motiv; die Focusierung auf gesamtgesellschaftliche Tendenzen, welche selbst in den abstraktesten logischen und ökonomischen Reflexionen ausschlaggebend sind, repräsentiert die Differenz zu rein fachlichen Betrachtungen. Der philosophische Charakter der kritischen Theorie der Gesellschaft manifestiert sich in dem aufklärerischen Kampf gegen die harmonistischen Illusionen des Liberalismus, der Aufdeckung der ihm immanenten Widersprüche und der Abstraktheit seines Freiheitsbegriffs, welcher zur reaktionären Phrase verdreht wurde. Anstatt der Menschheit zu dienen, dient die Wirtschaft deren Beherrschung und das Interesse der Menschen auf ungehinderte Entfaltung und glückliche Existenz wird durch das Machtstreben der dominierenden Gruppe substituiert. „Der vulgäre Materialismus der schlechten Praxis, die der dialektische kritisiert, ist, durch idealistische Phrasen verdeckt, deren Durchsichtigkeit für die zuverlässigsten Anhänger ihren Reiz ausmacht, zur wahren Religion des Zeitalters geworden“ (Horkheimer; TukT; S.221). Durch die rigide Ablehnung sogenannter Werturteile durch das konformistische Fachdenken, sowie der praktizierten Trennung von Erkenntnis und praktischer Stellungnahme, wird dem Nihilismus der Machthaber zum Sieg verholfen. Die, das Glück aller Individuen zum Ziel habende, kritische Gesellschaftstheorie, verträgt sich – im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Dienern der autoritären Staaten – nicht mit dem Fortbestand des Elends. Im neueren Denken ist die, für die alte Philosophie die höchste Stufe des Glücks bildende, Selbstanschauung der Vernunft, in den materialistischen Begriff der freien, sich selbst bestimmenden Gesellschaft umgeschlagen. Dabei ist vom Idealismus einzig übriggeblieben, daß dem Menschen noch andere Optionen offenstehen, als im Bestehenden aufzugehen und Macht und Profit zu akkumulieren.

Die Manifestation einzelner Momente der Kritischen Theorie, mit konvertiertem Sinn, in der gegnerischen Theorie und Praxis, zeugt von der Verwirrung ihrer Vertreter durch die Niederlage der progressiven Bewegungen in den Ländern Europas. Der dialektische Begriff der Aufhebung der sozialen Verhältnisse, welche die gegenwärtige Entwicklung inhibieren, ist das zu erstrebende Ziel. Über die historische Bedeutung revolutionärer Elemente (wie die Überführung von Privat- in Staatseigentum) entscheidet erst die Natur des Ganzen; ihre Relevanz schützt sie nicht vor einer rückwärts gewandten Entwicklung. Mit dem obsoleten ökonomischen Organisationsprinzip der Gesellschaft ist auch ihr kultureller Verfall verknüpft. Da die Ökonomie die erste Ursache des Elends ist, hat sich die theoretische und praktische Kritik zunächst auf sie zu konzentrieren. Allerdings entspräche es einem undialektischen, mechanistische Denken, auch die Formen einer künftigen Gesellschaft nur nach ihrer Ökonomie zu beurteilen. Durch die historische Veränderung wird auch das Verhältnis der Kultursphären tangiert; die Umwälzung der gegenwärtig die Menschen beherrschenden Wirtschaft, erlaubt die Selbstbestimmung ihrer gesamten Beziehungen angesichts der natürlichen Notwendig-keiten. Dies gilt auch für die Periode des Übergangs, in der die Politik eine neue Selbständigkeit im Verhältnis zur Wirtschaft gewinnt. Erst an ihrem Ende lösen sich die politischen Probleme in Fragen reiner Sachverwaltung auf; bis dahin bleibt die Entwicklung unbestimmt.

Der kritischen Theorie der Gesellschaft zufolge, ist die gegenwärtige Ökonomie im wesentlichen dadurch determiniert, daß die über den Bedarf hinausgehend erzeugten Produkte, nicht direkt in Gesellschaftseigentum übergehen, sondern privat appropriiert und umgesetzt werden. Die Aufhebung dieses Zustandes rekurriert auf ein höheres wirtschaftliches Organisationsprinzip und nicht auf eine philosophische Utopie. Läßt sich allerdings eine staatlich kontrollierte, industrielle Produktion als historisches Faktum konstatieren, so muß dessen Relevanz für die kritische Theorie erst noch analysiert werden[37]. „Ob es sich um wahrhafte Vergesellschaftung handelt, inwiefern also darin ein höheres Prinzip sich entfaltet, hängt nicht etwa nur von der Änderung bestimmter Eigentumsverhältnisse, von der Steigerung der Produktivität in neuen Formen gesellschaftlicher Zusammen-arbeit ab, sondern ebenso von Wesen und der Entwicklung der Gesellschaft, in der sich all dies vollzieht. Es kommt darauf an, wie die neuen Verhältnisse der Produktion genau beschaffen sind“ (Horkheimer; TukT; S.223). Ausschlaggebend ist der Sachverhalt, daß an Stelle der alten gesellschaftlichen Privilegien keine neuen treten, daß in diesen vorläufigen Zustand die Ungleichheit nicht fixiert, sondern überwunden wird. Mit zum Begriff der Vergesellschaftung gehört der Entwicklungsstand aller wesentlichen Momente der realen Demokratie und Assoziation (z.B. das Problem, wie und was produziert wird; das der Beziehungen der Einzelnen zur Regierung, ... etc.). Die Kritik des Ökonomismus durch die dialektische Theorie beruht nicht in der Abkehr von ökonomischer Analyse, sondern auf der Insistierung ihrer Vollständigkeit und der historisch angedeuteten Richtung; sie urteilt nicht nach dem, was über der Zeit, sonder nach dem, was an der Zeit ist. Die dialektische Funktion der kritischen Gesellschaftstheorie gründet darin jede historische Epoche nicht allein anhand einzelner, isolierte Daten und Begriffe, sondern an ihrem ganzen und ursprünglichen Inhalt zu messen. Die Aufgabe der richtigen Philosophie heute ist es, zu verhindern, daß die konkreten ökonomischen und soziale Analysen zu entleerten, beziehungslosen Kategorien werden, welche die Realität verschleiern. Die Dependenz der Politik von der Ökonomie ist der Gegenstand der kritischen Gesellschaftheorie und nicht ihr Programm.

Bei aller ideologischer Entfremdung der kritischen Theorie, bezeichnet das dialektische Denken den progressivsten Stand der Erkenntnis, aus welchem letztendlich die Entscheidungen hervorgehen. Das kritische Denken setzt Stärke und Unabhängigkeit voraus, da es dem herrschenden Zeitgeist entgegengesetzt ist. Seine Wahrheit wird sich – so Horkheimer - durchsetzen, da das Ziel einer vernünftigen Gesellschaft bereits in jedem Menschen angelegt ist. Die Erfüllung der Möglichkeit hängt von historischen Kämpfen ab, bei denen der eigene Wille die entscheidende Rolle spielt. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die mit einem bestimmten Trieb und Willen verknüpfte Kritische Theorie keinen psychischen Heilzustand wie die Stoa oder das Christentum predigt. Philosophie, die bei sich selbst, bei irgendeiner Wahrheit, Ruhe zu finden meint, hat mit Kritischer Theorie nichts zu tun.

6. Epilog

Der Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“, der wohl wegen seines dichotomischen Titels und Aufbaus und seines allgemeinen Charakters berühmt wurde, erschien 1937 im zweiten Heft der Zeitschrift für Sozialforschung, dem Publikationsorgan des Horkheimer Kreises. Er entstand unter der Erfahrung des deutschen Faschismus und der Situation des Exils; in ihm formulierte Max Horkheimer die Grundlagen der neuen Forschungsperspektive des in die USA emigrierten Institutes für Sozialforschung. Horkheimer sah in seinem Aufsatz eine Gedenkschrift für das 70 Jahre zuvor erschienene erste Band von „Das Kapital“ von Karl Marx.

In dem Beitrag wird die dialektische Logik ausdrücklich als die der Kritik der politischen Ökonomie zugrunde liegende logische Struktur präsentiert. Die neue Etikettierung des gesellschaftstheoretischen Materialismus als „Kritische Theorie (der Gesellschaft)“ signalisiert allerdings in geringerem Maße Marxismus-Nähe als die alte Bezeichnung einer „materialistischen Theorie“. Trotzdem hat Horkheimers Kritik der politisch-ökonomischen Verhältnisse die Marxsche historisch-materialistische Geschichtsauffassung zur Grundlage.

Ihm zufolge besteht die Aufgabe der Sozialphilosophie in der Formulierung theoretischer Gesamturteile (Existenzialurteile) über die Gesellschaft. Der noch 1931 propagierten interdisziplinären Zusammenarbeit mit verschiedenen Einzeldisziplinen wird ebenso wie den pragmatischen und positivistischen Forschungsmethoden eine Absage erteilt. Ähnlich wie in seiner Direktoratsrede (gegenüber der klassischen Philosophie), entwickelt Horkheimer die Konturen der Kritischen Theorie an dem negativen Beispiel der traditionellen Theorie. Hierunter subsumiert er die vorherrschenden Forschungsmethoden des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs und stuft sie als Instrument der Selbsterhaltung des gesellschaftlichen Apparates ein. Apologeten der positivistischen Vorstellung, daß es möglich sei, die Welt der Tatsachen und die Welt des Wissenschaftlers zu trennen, „auf der einen Seite das gedanklich formulierte Wissen, auf der anderen ein Sachverhalt, der unter es gefaßt werden soll“ (Horkheimer; TukT; S. 167), seien unter anderem die Soziologen Emile Durkheim, Ferdinand Tönnies, Alfred und Max Weber, die der Gesellschaft eine abstrakte Theorie der Gesellschaft aufoktroyieren. Die wissenschafts-theoretische Vorstellung Objektivität wahren zu können und simultan dem menschlichen Fortschritt dienen zu können, wird als Illusion kritisiert; die scheinbare Freiheit der Wissenschaft ist ein Trugschluß genauso wie die scheinbare Selbständigkeit arbeitsteiliger Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Durch Spezialisierung, die Wahrnehmung intellektueller Teilaufgaben, wird die Totalität menschlicher Lebensprozesse verleugnet; soziale Prozesse können weder in Fachgebiete aufgegliedert, noch durch arbeitswillige Spezialisierung erfaßt werden.

Ein wesentliches Merkmal der kritischen Theorie der Gesellschaft ist ihr Selbstverständnis als eines bestimmten praktizierten menschlichen Verhaltens im alltäglichen Leben und nicht das einer akademischen Übung. Das kritische Handeln zielt nicht darauf ab einzelne Mißstände abzustellen, da diese notwendig mit der gesamten gesellschaftlichen Organisation verknüpft sind, sondern einen grundlegenden qualitativen Wandel herbeizu-führen. Auf Grund dieser Bestimmung versucht Horkheimer den Begriff des emanzipativen Klassenkampfs zu entwickeln. Mit dem Rückgriff auf Marxsche Kategorien versucht er die Kritische Theorie davor zu bewahren lediglich der Reproduktion der herrschenden, bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu dienen. Ziel der qualitativen Änderung ist eine gerechte und vernünftige Gesellschaft, in welcher die Menschen ihre Geschichte selbst bestimmen. Die Idee einer „Assoziation freier Menschen“ ergibt sich aus dem Stand der erreichten Produktiv-kräfte, wobei es darauf ankommt, gemeinsam mit der klassenbewußten Arbeiterschaft die Transformation der gesellschaftlichen Totalität zu betreiben.

In diesem Kontext fordert Horkheimer die Repolitisierung der Soziologie und erteilt dem Postulat der Werturteilsfreiheit eine deutliche Absage; alle Versuche traditioneller Soziologen, seit Marx, sich mit Rück-griffen auf anthropologische, philosophische oder wissenschaftstheoretische Postulate auf Distanz zur Arbeiter-frage zu begeben, werden verworfen. Auch Karl Mannheims Konzeption einer „freischwebenden Intelligenz“ als Versuch, sich wenigstens teilweise den politisch-ökonomischen Verhältnissen der Klassengesellschaft zu entziehen, wird eine Absage erteilt.

Mit dem Postulat der Konstruktion eines die Totalität erfassenden Existenzialurteils, wird allen Einzel-wissenschaften und einem an naturwissenschaftlichem Denken orientierten Positivismus eine Absage erteilt.

Die historisch-materialistische Geschichtsphilosophie, welche auf Karl Marx beruht, stellt einen deutlichen Trennungsversuch zur gesamten Soziologie seit Marx und verwirft die verschiedenen Versuche Soziologie als relativ autonome Einzeldisziplin im Wissenschaftsbetrieb zu etablieren. Die wichtigste Differenz zu Marx liegt in der Umorientierung von den ökonomischen Bedingungen hin zu den Phänomenen des Überbaus. Gewohn-heiten, Sitten, Kunst, Religion und Philosophie als kulturelle Momente bilden mit ihrer Verflechtung mit dem ökonomischen Prozeß dynamische Faktoren bei der Konservierung oder Transformation der gesellschaftlichen Totalität.

Von anderen Wissenschaftsrichtungen wird in diesem Kontext einzig die Psychoanalyse akzeptiert, da sie als Schlüssel zur Bearbeitung der Überbauphänomene angesehen wird. Ein zentrales Thema der im Exil lebenden Mitglieder der Frankfurter Schule war nicht zuletzt die rapide Assimilation der deutschen Arbeiterschaft an das nationalsozialistische Herrschaftssystem, bei welcher sich eine Verbindung von sozio-ökonomischen Strukturen und sozialpsychologischen Dispositionen geradezu aufdrängt.

Sowohl Horkheimers, als auch Adornos, Positivismuskritik stellt eine Kritik gegen jede soziologische und philosophische Denkweise dar, welche gegensätzliche Interessen, Konflikte, Antagonismen oder Krisen im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Herrschaftsordnung zu verschleiern versucht. Das kritische oder transzendierende Denken hat den Anspruch historische Alternativen zum status quo aufzuzeigen; wie auf Basis des gegenwärtigen Standes der technologisch-kulturellen Möglichkeiten eine vernünftige gesellschaftliche Organisation freier Subjekte möglich ist. Für beide Theoretiker manifestiert sich in den „traditionellen Theorien“ die gesellschaftliche Arbeitsteilung, sowie ihre Blindheit gegenüber ihrer Verflochtenheit mit historischen Tendenzen. Die Trennung von Theorie und Praxis stellt eine verdinglichte und ideologischen Kategorie dar.

Popper hingegen, insistiert auf der emphatischen Unterscheidung des Gewinnungs- und Begründungs-zusammenhangs der Forschung, einer Variante der Weberschen Dichotomiethese, und steht damit in Widerspruch zu Adornos und Horkheimers holistischen Theorem des Totalitätsbezuges eines jeden einzelnen Falles; jedes Datum von Gesellschaft ist durch sie als Ganzem vermittelt. Für Popper besteht der Gewinnungszusammenhang in der Klärung der Frage nach dem Zustandekommen des wissenschaftlichen Aussagensystems und der Begründungszusammenhang in dem forschungslogischen Problem der empirischen Überprüfung einer Theorie. Dem liegt ein methodisches Kritikverständnis zugrunde, während sich Adorno und Horkheimer auf einen praktischen Kritikbegriff berufen. Immanente Kritik bedeutet für beide explizit den Maßstab der Kritik dem zu überprüfenden System selbst zu entnehmen. Die Unterscheidung von Maßstab und Zustand fällt in die Sache selbst; der Gegenstand kann aus sich selbst heraus (immanent) kritisiert werden (Hegel). Ihr Sozialrealismus beruht auf Hegels Konzept objektiver Gedanken und impliziert eine Nominalismus-kritik. Auf diesem Prinzip beruht auch ihre Ideologiekritik als die Kritik der objektiven Gesellschaftsstrukturen, im Hegelschen Sinne als die Negation des Bestehenden: die Messung des normativen Anspruchs mit dem unmittelbar Gegebenen.

Es wird deutlich, daß die Kritischen Theorie große Legitimationsschwierigkeit hat, da sie eindeutig gegen den Begründungs- und Gewinnungszusammenhang von Theorien verstößt, indem sie die Dichotomiethese von Weber ablehnt und sich somit implizit gegen das Hume-Theorem wendet. Auch wenn Max Weber darauf hinweist, daß die Wissenschaft nicht in dem Sinne wertfrei ist, als vielmehr bestimmte Kulturwertideen oder einer bestimmten Kulturwirklichkeit (Lebensprozeß) entstammende Systemprobleme Einfluß auf die Methoden (Idealtypisierung) und Ergebnisse der Kulturwissenschaften ausüben, und er, wie auch Popper, die Existenz von objektiven Strukturen in der Wirklichkeit einräumt, ohne welche keine Formulierung nomologischer Gesetze als Prämissen rationaler Erklärungen realer Ereigniszusammenhänge möglich wären, so bleibt trotzdem das Ableiten von Sollens- aus Tatsachenaussagen eine logische Unmöglichkeit. Unter Annahme der Gültigkeit des Konzeptes der Wertbeziehung (daß sich bestimmte Kulturwertideen in den Erkenntnisinteressen der Forscher vermittelt sind, welche ausschlaggebend für die Analyse der extensiven und intensiven Mannigfaltigkeit sind) kommt es dennoch nicht zu einer inneren Vermittlung des wissenschaftliche Aussagensystems mit den Kulturwerten. Selbst wenn die gesellschaftlichen Werte zu einem inneren Prinzip des Aufbaus wissenschaftlicher Theorien werden (wie die Zentralreferenz der Weberschen kulturwissenschaftlichen Analyse auf die Kulturwertidee der Zweckrationalität), so unterscheidet sich dies immer noch von dem Verstoß gegen Humes-Theorem.

7. Literaturverzeichnis

- Adorno, Th.W., et. alt.; Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie; München, 1989.
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- Durkheim, Emile; Les règles de la méthode sociologique; Paris 1927.
- Fuchs-Heinritz, Werner; Lexikon zur Soziologie; Opladen, 1995.
- Habermas, Jürgen; Technik und Wissenschaft als „Ideologie“; Frankfurt/M., 1968.
- Hegel, Georg Wilhelm Friedrich; Encyclopaedie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830); 4. Aufl., Leipzig : Meiner, 1930. – LXXVI.
- Hegel, Georg Wilhelm Friedrich; Nürnberger und Heidelberger Schriften (1808-1817), Werke Bd.4; Werke : [in 20 Bd.]; Georg Wilhelm Friedrich Hegel. - Auf d. Grundlage d. Werke von 1832 - 1845 neu ed. Ausg..; 1. Aufl.; Frankfurt am Main, 1986.
- Husserl, Edmund; Formale und transzendentale Logik; Halle 1929.
- Horkheimer, Max; Traditionelle und kritische Theorie; In: Ders.; Gesammelte Schriften, Bd.4; Schriften 1936-1941; Frankfurt/M., 1988. (Sigle: TukT).
- Horkheimer, Max; „Dialektik der Aufklärung“, In: Gesammelte Schriften 1940-1950, Bd.5; Frankfurt/M., 1997.
- Korte, Hermann; Einführung in die Geschichte der Soziologie (3.Aufl.); Opladen, 1995.
- Marcuse, Herbert; Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft; München, 1998.
- G.H. Mead; Geist, Identität und Gesellschaft; Frankfurt, 1995.
- Pollock, Friedrich; Staatskapitalismus; In: Helmut Dubiel/Alfons Söllner (Hrsg.); Horkheimer, Pollock, Neumann, Kirchheimer, Gurland, Marcuse: Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939-1942; Frankfurt/M., 1981.
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- Ritsert, Jürgen; Studienskripte zur Logik der Sozialwissenschaften, Was ist Dialektik?, Skript 5; Frankfurt/M., 1995.
- Störig, Hans Joachim; Kleine Weltgeschichte der Philosophie; Frankfurt/M., 1998.
- Weber, Max; die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (1922); Tübingen, 1988.
- Weber, Max; >Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik<, In: Gesammelte Aufsätze; Tübingen 1922.
- Wiggershaus, Rolf; Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung und Politische Bedeutung; München, 1988.

[...]


[1] Max Horkheimer; Traditionelle und kritischen Theorie, In: Gesammelte Schriften, Bd.4; Schriften 1936-1941; Frankfurt/M., 1988; im folgenden zitiert als (Horkheimer; TukT; +Seitenzahl).

[2] Die Werturteilsproblematik ist das Schlüsselmotiv zur Verhältnisbestimmung von Theorie und Praxis. Im Werturteilsstreit ging es primär um die Klärung und Bewertung der tatsächlichen Beziehungen zwischen wissenschaftlicher Arbeit und gesellschaftlicher Praxis.

[3] Ihre Vermischung wird beispielsweise bewußt von Ideologien und der Propaganda betrieben.

[4] Die basale Beschränktheit praktischer Syllogismen wird auch nicht durch technische Imperative aufgehoben.

[5] Es ist schwer festzulegen welcher Diskurs wann und wo, der wievielte Methodenstreit war und wann er aufhörte. So gab es vor dem „ersten Methodenstreit“ einen „älteren Methodenstreit“ zwischen K. Menger und G. v. Schmoller, welcher sich um Fragen des „methodischen Individualismus“ drehte.

[6] Weber, Max; die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1922), In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre; Tübingen, 1988.

[7] Sind selbst Werte. Wie streng ist die Disjunktion zwischen wissenschaftlichem Urteil und Werturteil wirklich?

[8] „Extensive Mannigfaltigkeit“ beschreibt den unendlichen Strom des Weltgeschehens und „Selektion der intensiven Mannigfaltigkeit“ bezieht sich auf die Auswahl von Merkmalsdimensionen der jeweiligen Untersuchungsgegenstände.

[9] Dieser Sachverhalt betrifft auch die aktuelle Naturrechtsdebatte, in welcher sich die Positionen des Universalismus (es gibt bestimmte Naturrechtsnormen – z.B. Menschenrechte -, die zu allen Zeiten und zu allen Orten uneingeschränkt gültig sind) und des (Kultur-) Relativismus (es gibt keine universellen Normen, sondern nur regional-kulturell spezifische) gegenüberstehen.

[10] Die gegensätzlichen ontologischen Positionen des Realismus (es existiert nur das Allgemeine, realisiert am konkreten Sachverhalt) und des Nominalismus (das Allgemeinen ist das Nomen, es gilt nur der Einzelfall und das Besondere), dem zufolge Begriffe abstrahierte Konstruktionen sind, betreffen das sprachlogische Problem, ob und welchen logischen und empirischen Status Allgemeinbegriffe haben (Universalienstreit).

Ihnen entsprechen die sozialontologischen Positionen des Holismus (normativ-ganzheitliche Betrachtung; „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) und des Individualismus (konkret existieren nur die Individuen und ihre Präferenzen und Handlungen).

[11] Jürgen Habermas geht in seinem Aufsatz „Erkenntnis und Interesse“ soweit, daß er das Erkenntnisinteresse an Naturbeherrschung nicht nur zum allgemeinsten Prinzip der Orientierung der Naturwissenschaften erhebt, sondern zugleich als ein inneres Prinzip der Formierung naturwissenschaftlicher Aussagensyteme ansieht. Desweiteren klassifiziert er folgende Erkenntnisinteressen: a). für die empirisch-analytischen Wissenschaften; das technische Erkenntnisinteresse; b). für die historisch-hermeneutischen (Geistes-) Wissenschaften; das praktische Erkenntnisinteresse; und c). für die kritischen Wissenschaften; das emanzipative Erkenntnisinteresse. (vgl. Habermas, Jürgen; Erkenntnis und Interesse, In: Technik und Wissenschaft als „Ideologie“; Frankfurt/M., 1968).

[12] Dieses Postulat tangiert im besonderen die Fragen nach den Bedingungen der (Un-) Möglichkeit einer kritischen Gesellschaftheorie.

[13] Zweck-Rationalität bezeichnet im allgemeinen die erfolgreiche Strategie der Wahl und des Einsatzes von (alternativen) Mitteln zur Erreichung von bestimmten Zielen und Zwecken unter den Bedingungen und Zwängen einer gegeben Situation.

[14] Genaugenommen, kann K.R. Popper gar nicht als typischer Positivist ansehen werden, da er sich selbst explizit als Positivismuskritiker versteht und emphatisch gegen einige Thesen des Wiener Kreises ausspricht (i.e. Induktions- und Verifikationsfrage).

[15] Hegel hat sich ebenfalls explizit mit den, u.a. auch von Weber thematisierten, ungeplanten Folgen zweckgerichteter Handlungen beschäftigt. Ihm zufolge geht die Grundstruktur solcher negativer Rückwirkungen in den Begriff der Aufhebung ein. Er kann verstanden werden: a). als Negation; b). als Konservierung (von Ergebnissen einer vorhergehenden bestimmten Negation auf einer höheren Stufe); c). als Vernichten oder Zugrunderichten.

[16] Betrifft ebenfalls die Kontroverse mit dem amerikanischen Funktionalismus, dessen prominentester Vertreter Talcott Parson eine Theorie der sozialen Integration aufgestellt hatte, was ihm den Vorwurf der Parteilichkeit für den status quo einbrachte.

[17] Dieser Annahme liegt ein Verkehrungstheorem zugrunde: die gesellschaftliche Totalität hat einen Doppelcharakter; sie ist historisch eher Subsumtionsapparat und zugleich Lebensbedingungen bereitstellender Prozeß. Das Nicht-Intergrierte (i.e. Ungleichzeitige) ist für die Herrschaftsverhältnisse zweckdienlich; die Totalität reproduziert sich auch durch die Spontaneität der Individuen als Subjekte hindurch.

[18] G.H Mead bezeichnete diesen Sozialcharakter als „soziales Selbst“ oder „verallgemeinerten bzw. signifikanten Anderen“, in welchem die Haltungen all der bedeutsamen Anderen eingenommen und verinnerlicht werden. (vgl. G.H. Mead; Geist, Identität und Gesellschaft; S.177ff.). Hier beschreibt er eine gegenläufige Einheit bzw. Einheitliche Gegenläufigkeit von Gewohnheiten, welche sowohl der inneren Subsumtion (z.B. durch Triebunterdrückung) aufgrund von Herrschaft als auch den in Interaktionen vermittelten Fähigkeiten entstammt und der Selbsterhaltung im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Lebensbedingungen dient.

[19] Das Gegenmodell ist das einer Subsumtionsrelation: es hat repressiven Charakter und zeichnet sich durch Zwang, Verdinglichung, Entfremdung; Triebunterdrückung; ..etc. aus. Je mehr sich eine soziale Totalität dem (unmittelbaren) Subsumtionsmodell annähert, desto totaler und integraler sind seine Unterdrückungs-mechanismen und Zwangsgesetzlichkeiten, verbunden mit der Charaktermaskenbildung der Individuen.

[20] Dies ist jedoch keine Lösung des Maßstabsproblems, da auch er bestimmte, der pluralen in der Gesellschaft geltenden, Werte benennen und als zum normativen Selbstverständnis der Gesellschaft gehörig definieren muß.

[21] Hegel unterscheidet drei Grundformen der Logik: die Seins-Logik, Wesens-Logik und Begriffs-Logik.

[22] Nach Hegel ist das Prinzip des Verstandes die Analysis; das klare Unterscheiden. Es beruht auf der philosophischen Methode der resolutio (Zergliederung) et compositio (Zusammensetzung).

[23] Horkheimer, Max; „Dialektik der Aufklärung“, In: Gesammelte Schriften 1940-1950, Bd.5; Frankfurt/M., 1997.

[24] Der Begriff Szientismus leitet sich vom englischen „science“ ab, welches der angelsächsische Ausdruck für Naturwissenschaft ist. „Science is measurement und der Szientismus sind Ausdruck für die Bereitschaft, sich in allen Phasen der Theoriebildung und bei empirischen Untersuchungen am Vorbild der auf den höchsten Meßniveaus und mit einer logisch und mathematisch hoch elaborierten Sprache operierenden Naturwissenschaften auszurichten“ (Ritsert; Einführung in die Logik der Sozialwissenschaften; S.84).

[25] Nach der gängigen Meinung bedeutet Empirie, das Fundament all unserer Erkenntnis- und Denkoperationen; unsere Sinneseindrücke.

[26] Der Begriff „synthetisch“ bezeichnet induktiv gewonnene Aussagen.

[27] Das Verhältnis von „utilitas vel honestas“ beschreibt das Problem der Nützlichkeit und Sittlichkeit und ist von zentraler Bedeutung für die Gerechtigkeits- und Gleichheitsdebatte (cf. Jürgen Ritsert; Gerechtigkeit und Gleichheit; Münster 1997).

[28] Vgl. Descartes; Discours de la méthode, II; Leipzig 1911; S. 15.

[29] Cf. Edmund Husserl; Formale und transzendentale Logik; Halle 1929; S.89

[30] Horkheimer zufolge werden beispielsweise gedanklich-artifizielle Unterscheidungen zwischen Gemeinschaft und Gesell-schaft (Tönnies), zwischen mechanischer und organischer Solidarität (Durkheim) oder zwischen Kultur und Zivilisation (A. Weber) als Grundformen menschlicher Vergesellschaftung sofort problematisch, sobald sie auf konkrete gesellschaftliche Verhältnisse angewendet werden. Diese Begriffe oktroyieren der Gesellschaft eine abstrakte Theorie der Gesellschaft auf.

[31] Vgl. Emile Durkheim; Les règles de la méthode sociologique; Paris 1927; S.99

[32] Eine genaue Darlegung dieser Theorie findet sich bei Max Weber; >Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik<, in: Gesammelte Aufsätze; Tübingen 1922; S. 266 ff.

[33] Dialektik bedeutet für Horkheimer primär ein Denken in relativen Totalitäten, welche seiner kritischen Wissenschaftstheorie als Beleg für die Existenz einer Alternative zu den Borniertheiten der Fachwissenschaft und Metaphysik diente. T.W. Adorno hingegen sah in der Dialektik die Möglichkeit zur Entmythologisierung und Entzauberung eines breiten Spektrums von Phänomenen der Gegenwart. Beiden war die Überzeugung gemein, daß die Philosophie von der modernen Kunst mehr zu erwarten habe als von den Fachwissenschaften. Sie vereinte das Interesse an unverkürzter Erfahrung und Rationalität, sowie sie Überzeugung, daß diesem Anspruch nur eine historisch-materialistische Theorie genügen könnte. Dialektik bedeutet also wesentlich, „wie Hegel es in der Logik dargestellt hatte, in die Kraft des Gegners einzugehen und dessen Standpunkt durch Zuspitzung des abgestumpften Unterschiedes des Verschiedenen zum Gegensatz in Selbstbewegung zu versetzen“ (Wiggershaus; Die Frankfurter Schule; S.214).

[34] Horkheimer bezieht sich hierbei auf die wissenssoziologische Theorie Karl Mannheims von der spezifischen Lage und Denkweise der Intelligenz im bürgerlichen Zeitalter.

[35] Nach Horkheimer besteht ein Zusammenhang zwischen Urteilsformen und den historischen Epochen: das kategorische Urteil ist typisch für die vorbürgerliche Gesellschaft; während die hypothetische oder disjunktive Urteilsform für die bürgerliche Ordnung; und das Existenzialurteil für die kritische Gesellschaftstheorie signifikant ist.

[36] Marcuse zufolge ist es dem modernen kapitalistischen System gelungen, die Produktivkräfte so zu strukturieren, daß keine dialektische Negation der bestehenden Verhältnisse – im Marxschen Sinn – mehr möglich erscheint. „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen (Bourgeoisie und Proletariat; Anm. d. V.) derart verändert, daß sie nicht mehr die Träger historischer Umgestaltung zu sein scheinen. Ein sich über alles hinwegsetzendes Interesse an der Erhaltung und Verbesserung des institutionellen Status quo vereinigt die früheren Antagonisten in den fortgeschrittensten Bereichen der gegenwärtigen Gesellschaft“ (Marcuse; Der eindimensionale Mensch; S.15). Soziales Handeln wird nicht mehr durch Normen, Werte oder Überzeugungen bestimmt, sondern basiert nur noch auf der herrschaftlich gelenkten Befriedigung „falscher Bedürfnisse“. Aus der gezielten Umwandlung und Präformation bestimmter (bereits bestehender oder gar genuiner) Bedürfnisse in den herrschaftlichen Apparat reproduzierende, resultiert der soziale Unterdrückungsmechanismus, welcher das einst revolutionäre Subjekt, die Arbeiterklasse, in die bestehende Ordnung integriert und es seines revolutionären, emanzipativen Momentes beraubt. Die wissenschaftlich-technische Rationalität und Manipulation wird dazu verwandt, immer neue und effizientere Formen sozialer Kontrolle und sozialen Zusammenhalts zu finden. Die Ausgleichung der Klassenunterschiede als Ideologie verschleiert die real existierenden sozialen Antagonismen; es findet eine Substitution der Antagonismen durch äußere Feindbildkonstruktion und die industrielle Rüstungsproduktion statt. Selbst soziale Protestformen stehen nicht mehr im Widerspruch zum Status quo.

[37] Friedrich Pollock konstatierte in seinem Aufsatz „Stadien des Kapitalismus“ die Transformation des liberalistischen Privatkapitalismus in staatskapitalistische Form, bei welcher der Staat die Steuerung der kapitalistischen Prozesse übernimmt und zum sich Gesamtkapitalisten aufschwingt. Es findet eine Umwandlung der kapitalistischen Betriebe in Staatseigentum bzw. Aktiengesellschaften statt. Der Staat kontrolliert den Markt; es findet eine Aushebelung der Wirtschaftsgesetze (z.B. Preisfindung durch Wettbewerb) statt, sowie eine planwirtschaftliche Regelung von Produktion und Konsumtion (Planung der Bedürfnisse und deren Befriedigung). Die Staatsgewalt wird zum Garanten und Agenten der Wirtschaft und sorgt für eine grundlegende Neuordnung des Wirtschaftssystems. Für Pollock repräsentiert der Staatskapitalismus die höchste Form wirtschaftlicher Organisation, da für ihn Wirtschaftsgesetze und –Probleme nicht mehr existieren; sein Wachstumspotential erscheint grenzenlos. Seine demokratische, nicht die totalitäre, Organisation bildet die materielle Grundlage einer künftigen, emanzipierten gesellschaftlichen Organisation (vgl. Pollock, Friedrich; Staatskapitalismus; In: Helmut Dubiel/Alfons Söllner (Hrsg.); Horkheimer, Pollock, Neumann, Kirchheimer, Gurland, Marcuse: Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939-1942; Frankfurt/M., 1981).

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Details

Titel
Traditionelle und kritische Theorie - In: Horkheimer; Gesammelte Schriften, Bd.4.
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Der Werturteilsstreit und der Positivismusstreit II: der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie (HA)
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
59
Katalognummer
V6024
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Sebastian Muthig (Autor), 1999, Traditionelle und kritische Theorie - In: Horkheimer; Gesammelte Schriften, Bd.4., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6024

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