Mehr Vielfalt durch Rauchstopp. Ein Konzept zur Raucher-Entwöhnung mittels Hypnose, Motivationspsychologie und Verhaltenstherapie


Diplomarbeit, 2006

184 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Theorieteil
1. Einleitung
2. Tabakkonsum und Nikotinabhängigkeit
2.1 Konsumverhalten in Deutschland
2.2 Inhaltsstoffe einer Zigarette
2.3 Gesundheitliche Folgen des andauernden Konsums
2.4 Abhängigkeit
2.4.1 Kriterien
2.4.2 Erklärungsmodelle
2.4.2.1 Systemische Theorien
2.4.2.2 Lernpsychologische Theorien
2.4.2.3 Psychodynamische Theorien
2.4.2.4 Physiologische Aspekte
3.Methoden der Raucherentwöhnung in Deutschland
3.1 Nicht - hypnotische Programme
3.1.1 Allen Carr’s „Easyway“
3.1.1.1 Carr - Gruppen
3.1.1.2 Selbsthilfeliteratur: „Endlich Nichtraucher“
3.1.2 Ärztliche Beratungsangebote
3.1.2.1 Rauchersprechstunde
3.1.2.2 Beratung für Schwangere
3.1.3 Verhaltenstherapeutische Programme
3.1.4 Selbsthilfe - Literatur
3.1.5 Nikotinsubstitution
3.2 Hypnose – Programme
3.2.1 SmokeX
3.2.2 Qualmstopp
3.2.3 Das Tübinger Modell
3.3 Rückfallverhütung
4. Hypnose und Hypnotherapie
4.1 Hypnotherapie nach Milton H. Erickson
4.2 Der Hypnosystemische Ansatz
4.3 Begrifflichkeiten und Prämissen der Therapie
4.4 Empirische Belege
4.5 Abgrenzung zur „Showhypnose“
5. Erfolgsparameter und Hypothesen
5.1 Erfolgsparameter
5.2 Hypothesen und Fragestellungen

II. Empirischer Teil
6. Entwicklung des Programms „Rauchstopp“
6.1 Haltung des „Rauchstopp“ – Beraters.
6.2 Rahmenbedingungen und Ablauf
6.3 Hypnotische Interventionen.
6.3.1 Transparente Interventionen.
6.3.1.1 Ambivalenzarbeit
6.3.1.2 Dehypnotisieren der Eigensuggestionen
6.3.1.3 Sicherer Ort
6.3.1.4 Ideomotorik und Abschiedsdrehbuch
6.3.2 Indirekte Methoden
6.3.2.1 „My Friend John Technik“
6.3.2.2 Therapeutische und motivierende Geschichten.
6.3.2.3 Minimax - Interventionen
6.4 Selbsthypnose - Training.
6.5 Entspannungsmethoden
6.6 Verhaltenstherapeutische Elemente.
6.7 Motivationspsychologische Einflüsse.
6.8 Weitere Elemente
7. Methoden
7.1 Forschungsdesign
7.1.1 Experimentalbedingung
7.1.1.1 Gruppenhypnose - Setting
7.1.1.2 Einzelhypnose - Setting.
7.1.2 Vergleichsbedingung
7.2 Stichprobe
7.2.1 Rekrutierung der Stichprobe.
7.2.2 Beschreibung der Ausgangsstichprobe.
7.2.3 Beschreibung der Katamnesestichprobe
7.3 Messinstrumente
7.3.1 Soziodemographische Daten.
7.3.2 Fagerströmtest für Nikotinabhängigkeit FTNA
7.3.3 Symptomchecklist nach Derogatis SCL - 90
7.3.4 Creative Imagination Scale CIS
7.3.5 Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens VEV
7.4 Ablaufschema der Datenerhebung
8. Ergebnisse
8.1 Datenauswertung
8.2 Darstellung der Ergebnisse
8.2.1 Haupthypothese 1: Hypnosebehandlung vs. Vergleichsgruppe
8.2.1.1 Abstinenzraten zur letzten Sitzung und nach drei Monaten
8.2.1.2 Reduktion der Nikotinabhängigkeit zur letzten Sitzung und nach drei Monaten
8.2.1.3 Zigarettenkonsum nach der letzten Sitzung und zum Katamnesezeitpunkt
8.2.2 Haupthypothese 2: Einzel- vs. Gruppenbehandlung.
8.2.2.1 Abstinenzraten zu drei Messzeitpunkten
8.2.2.2 Reduktion der Nikotinabhängigkeit zu drei Messzeitpunkten.
8.2.2.3 Reduktion des Konsums zu drei Messzeitpunkten
8.2.3 Hypothese 3: Suggestibilität als Moderatorvariable.
8.2.4 Hypothese 4: Rauchverhalten
8.2.5 Hypothese 5: Psychische Belastung
8.2.5.1 Psychische Belastung anhand des Globalen Kennwertes GSI.
8.2.5.2 Differenzierte Betrachtung einzelner Skalen.
8.2.6 Hypothese 6: Erlebte Veränderung
8.2.7 Hypothese 7: Demographische Variablen
8.2.7.1 Alter
8.2.7.2 Geschlecht
8.2.7.3 Partnerschaft
8.2.7.4 Schulabschluss
8.2.8 Hypothese 8: Motivation
8.2.9 Weitere Ergebnisse
8.2.9.1 Differenzierte Erfolgsmessung in der Experimental- gruppe.
8.2.9.2 Zusammenhang zwischen der Abstinenz zu verschiedenen Messzeitpunkten
8.2.9.3 Vergleich der Dropout - Teilnehmer mit der Ausgangsstichprobe
9. Qualitative Auswertung
9.1 Qualitatives Vorgehen.
9.2 Erste Fragestellung: Motivation
9.3 Zweite Fragestellung: Zustandsumschreibung
9.4 Dritte Fragestellung: Gründe für den vorzeitigen Programm - Abbruch
10. Diskussion und Ausblick
10.1 Diskussion der Ergebnisse
10.2 Methodenkritik und Ausblick

Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literatur

Anhang A: Manual

Anhang B: Handouts

Anhang C: Fragebögen

Anhang D: Rekrutierung der Stichprobe

Anhang E: Statistische Auswertung
Anhang E1: Ergebnisse zur Stichprobenbeschreibung
Anhang E2: Ergebnisse zur Hypothese 1
Anhang E3: Ergebnisse zur Hypothese 2
Anhang E4: Ergebnisse zur Hypothese 3
Anhang E5: Ergebnisse zur Hypothese 4
Anhang E6: Ergebnisse zur Hypothese 5
Anhang E7: Ergebnisse zur Hypothese 6
Anhang E8: Ergebnisse zur Hypothese 7
Anhang E9: Ergebnisse zur Hypothese 8
Anhang E10: Weiter Ergebnisse

Anhang F: CD – Texte

Danksagung

Erklärung gemäß der Diplomprüfungsordnung für Psychologie

I. Theorieteil

1. Einleitung

„Silvesterabend, kurz vor Mitternacht wird die 'letzte Zigarette' angesteckt … Es währt nicht lange, und alle guten Vorsätze sind über Bord geworfen. … Man ist frustriert, es nicht geschafft zu haben – und raucht schließlich noch etwas mehr als vor dem Versuch… Mit dem Rauchen aufzuhören ist schnell beschlossen, nur schwer in die Tat umzusetzen – solange man nicht weiß, wie.“ (Carr, 1999: S.7)

Gute Vorsätze scheinen demnach einen schlechten Ruf und wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Dies wird auch durch eine Studie über den beschriebenen Neujahrsvorsatz zum Rauchstopp von Lichtenstein und Cohen (zit. nach Habicht, 2000) empirisch belegt.

Laut einer Pressenotiz aus dem Hamburger Abendblatt vom 31.5.2005 rauchen etwa 18 Millionen Menschen in Deutschland, von denen etwa ein Drittel aufhören möchte. Davon schaffen es lediglich 4% ohne fremde Hilfe. Davison und Neale (1998) berichten, dass nicht mehr als 10% der Raucher sogar kurzzeitig erfolgreich sind. Auch Schönberg (2000) zitiert eine Spontan - Remissions - Quote von nicht mehr als 10 - 15%. Bei einer Repräsentativbefra­gung gaben 30% an, nur zu rauchen, weil sie nicht davon loskommen (Steigert, 1989).

All diese Daten zum Rauchverhalten in Deutschland legen nahe, dass eine effektive psychologische Unterstützung der Rauchenden eine nützliche und notwendige Maßnahme ist. Das Konsumverhalten in Deutschland sowie verschiedene Theorien zur Erklärung des Rauch­verhaltens werden in Kapitel zwei beschrieben.

Kapitel drei beschäftigt sich mit verschiedenen Methoden der Raucherentwöhnung in Deutschland, wobei neben den Ansätzen, die Hypnose nicht explizit nutzen, vor allem ein­flussreiche hypnotherapeutische Konzepte beschrieben werden. Auffällig ist dabei, dass weni­ge Methoden dem Anspruch einer empirischen Validierung nachkommen, um sicher zu ge­hen, dass die Behandlung vor allem langfristig Erfolg verspricht und eine seriöse, schaden­freie Begleitung des Entwöhnungsprozesses garantiert.

Die vorliegende Studie hat es sich demnach zur Aufgabe gemacht, ein Konzept zur Raucherentwöhnung zu entwickeln und zu evaluieren, welches eine in Anbetracht der großen Zahl entwöhnungswilliger und -bedürftiger Raucher eine ökonomische Variante der Rauche­rentwöhnung darstellt. Daher wurde, in einem systemischen Rahmen eingebettet, ein Pro­gramm entworfen, welches mit der Hypnotherapie sensu Erickson (vgl. Erickson, Rossi & Rossi 1978; Erickson & Rossi 1981; 2004), als erwiesenermaßen effektiver Methode für Rau­cherentwöhnung, arbeitet. Diese Methode wird kombiniert mit verhaltenstherapeutischen und motivationstheoretischen Elementen. In Kapitel vier werden daher die theoretischen Grundla­gen der Hypnotherapie und des hypnosystemischen Ansatzes dargelegt, ehe in Kapitel fünf aus den voran stehenden Erkenntnissen Erfolgsparameter und Hypothesen für die vorliegende Studie abgeleitet werden.

Kapitel sechs beleuchtet die Konzeption des Programms näher, in dem der Ablauf dar­gestellt wird, aber auch die einzelnen Elemente der Behandlung in Herkunft und Zielstellung näher betrachtet werden.

Zur Evaluation dieses Konzeptes wurden zwei Experimentalgruppen einer Vergleichs­gruppe gegenübergestellt. In einer Experimentalgruppe bekamen die Teilnehmer eine Einzel­behandlung, in der zweiten wurden sie Gruppen bis maximal zwölf Personen zugeteilt. Die Raucher der Vergleichsgruppe lasen das Selbsthilfebuch von Allen Carr „Endlich Nichtrau­cher“ und sollten selbstorganisiert in einem der Experimentalbehandlung vergleichbaren Zeit­raum die Abstinenz anstreben. Das Forschungsdesign, die Stichprobe und die Datenerhebung werden in Kapitel sieben erläutert.

Kapitel acht stellt die quantitativen Ergebnisse der Studie vor, wobei folgende Punkte wesentlich sind:

Die hypnotherapeutische Untersuchungsgruppe hatte eine Erfolgsrate nach drei Mona­ten von 42,5% im Vergleich zu 20% in der Gruppe, die sich mit der Selbsthilfeliteratur be­schäftigte. Dieses Ergebnis ist jedoch statistisch nicht signifikant. Diejenigen Teilnehmer der Experimentalgruppe, die nach drei Monaten weiterhin rauchten, konnten sowohl ihre Nikotin­abhängigkeit wie auch den Konsum gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant reduzieren.

Keine bedeutsamen Unterschiede zeigten sich im Vergleich zwischen der Einzel- und der Gruppenbehandlung. Dies ist aufgrund des wachsenden Bedarfs an Raucherentwöh­nungen ein erfreulicher Befund, da es eine ökonomische Behandlung der Raucher stützt.

Ebenfalls nicht signifikant zeigte sich der Einfluss der Suggestibilität auf den Erfolg, was zeigt, dass es gelungen ist, ein Programm zu konzipieren, was nicht allein auf die Fähig­keit zur Hypnotisierbarkeit der Klienten aufbaut, sondern auch denen hilft, die von Hypnose allein nicht profitieren.

Weitere Befunde deuten darauf hin, dass die Stärke der Abhängigkeit, sowie das Aus­maß der aktuellen Symptombelastung einen Einfluss auf die Erfolgswahrscheinlichkeit haben. Dies würde in der Konsequenz bedeuten, dass Personen, die hierbei auffällig erscheinen, eine umfangreichere Behandlung, eventuell auch mit anderen Schwerpunkten, benötigen.

Die Teilnehmer der vorliegenden Untersuchung waren mit wenigen Ausnahmen stark bis sehr stark motiviert, so dass das erhobene Niveau der Motivation keine signifikanten Un­terschiede zwischen erfolgreichen und nicht-erfolgreichen Teilnehmern erkennen lies. Jedoch war der Motivationsmittelwert der Abstinenzler stets leicht erhöht.

Die Ergebnisse zur Rückfallverhütung und zur Entwicklung der Abstinenz zu den ver­schiedenen Messzeitpunkten stärkt die Ansicht, dass der Schwerpunkt einer Raucherentwöh­nung auf den langfristigen Strategien liegen sollte, die dem ehemaligen Raucher helfen, frei zu bleiben und mit eventuellen Rückfällen konstruktiv umzugehen.

Es zeigt sich außerdem, dass durch solch eine Kurzzeitbehandlung wenige Teilnehmer eine tiefgreifende Veränderung des Erlebens und Verhaltens wahrnehmen, wobei sich lediglich bei zwei Klienten (entspricht 3%) eine negative Veränderung zeigt. Dies kann als Beleg dafür gewertet werden, dass das Programm Rauchstopp nur äußerst selten zu einem negativen Aus­gang führt. Die Untersuchung der schadenfreien Wirkung einer Behandlung gehört zum Stan­dard moderner Therapieevaluation (Rossi; Freeman & Lipsey, 1999), geht jedoch aus keiner der in Kapitel drei zitierten Methoden hervor. Daher liefert dieser Befund auf dem Gebiet der Raucherentwöhnung neue Erkenntnisse.

In Kapitel neun wird drei qualitativen Fragestellungen nachgegangen, indem die Dar­stellung der Ergebnisse einer Beschreibung der Erhebungs- und Auswertungsmethode folgt. Hierbei zeigt sich, dass auf der Suche nach einem positiv konnotierten Begriff für die absti­nente Zeit der Begriff „frei“ am stimmigsten erscheint.

Bei der qualitativen Betrachtung der Motivation zum Rauchstopp offenbarte sich nicht der finanzielle Aspekt als überwiegend, sondern mehr die Hoffnungen und Befürchtungen hinsichtlich der Gesundheit und eine Steigerung des seelischen Wohlbefindens, was zeigt, dass viele Betroffene mit ihrem Status als Raucher nicht zufrieden sind.

Schließlich wurden die Teilnehmer befragt, die vorzeitig das Programm Rauchstopp beendet haben. Hierbei zeigt sich, dass bei den meisten Klienten nicht die Methode ausschlag­gebend war, sondern eher persönliche Gründe, wie Krankheit, Schicksalsschläge oder Ter­minprobleme.

Im zehnten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und diskutiert, ehe die Methode abschließend kritisch betrachtet und ein Ausblick für mögliche weitere For­schung auf diesem Gebiet gegeben wird.

Die formale Frage nach der Verwendung der femininen und maskulinen Form soll hier mit den Worten von Grawe, Donati und Bernauer (1995) beantwortet werden:

„Es ist auch uns nicht gelungen, das grammatikalische Geschlecht der Subjekte und Objekte unserer Sätze in eine ein-eindeutige Beziehung mit dem biologischen Geschlecht der Subjekte oder Objekte zu bringen, die wir jeweils meinten …“, daher „benutzen wir der Einfachheit halber durchgehend die männliche Form, wenn Frauen und Männer gleichermaßen als gram­matikalische Subjekte und / oder Objekte unserer Sätze gemeint sind.“ (S. X)

2. Tabakkonsum und Nikotinabhängigkeit

Zigaretten gehören in Deutschland zu den am häufigsten konsumierten Genussmitteln und damit zu einem weit verbreitetem Suchtstoff (BZgA, 2003, S.17). In diesem Kapitel soll daher die Bedeutung des Rauchens in Deutschland, das Suchtpotential und die gesundheit­lichen Folgen, sowie die Definition der ICD - 10 näher betrachtet werden.

2.1 Konsumverhalten in Deutschland

Eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes von 1999 ergab, dass etwa 26,7% aller Bundesbürger ab 15 Jahren regelmäßig rauchen, mit einem durchschnittlichen Konsum von täglich 15,4 Zigaretten. Dabei lassen sich auch deutliche Geschlechtsunterschiede erkennen, wobei diese Differenzen in den letzten Jahren geringer geworden sind: Männer rauchen mehr Zigaretten (16,4) pro Tag als Frauen (14,0) und beginnen bereits mit 18,5 Jahren (Frauen mit 19,7 Jahren) mit dem Rauchverhalten (BZgA, 2003, S.16f).

Der Beginn des Rauchverhaltens liegt im Kindes- und frühem Jugendalter. Eine Studie der BZgA (2005b) ergab, dass 38% der 12 - 15jährigen, denen das Rauchen per Jugendschutz­gesetz noch verboten ist, bereits einmal oder mehrfach geraucht haben. Bei den 12 - 17jährigen zählen sich 20% zu den gelegentlichen oder regelmäßigen Rauchern (21% der Jun­gen und 19% der Mädchen). Allerdings belegen diese Daten im Vergleich zu den Jahren 2001 und 2003 einen Rückgang um 8%. Dieser Trend lässt sich auch in der Konsummenge und der Nie - Raucherquote dieser Studie erkennen.

Untersuchungen legen nahe, dass im Konsumverhalten interkulturelle Unterschiede existieren. Habicht (2000) nennt Daten des Rauchverhaltens in Australien, wo sich gegenläu­fige Trends zeigen, v.a. in den Variablen Alter und Einkommen als Einflussgrößen.

2.2 Inhaltsstoffe einer Zigarette

Die bekanntesten Inhaltsstoffe sind Nikotin und Tabak. Wer regelmäßig raucht, nimmt pro Tag 20 – 40 mg Nikotin auf. Zum Vergleich nennt Jochims (2004), dass ein Kleinkind be­reits an einer verschluckten Zigarette sterben würde. Das Nikotin wird hauptsächlich durch Inhalation des verbrannten Tabaks in die Alveolen der Lunge aufgenommen, aber auch Kauen oder Schnupfen des Tabaks wird praktiziert (Köhler, 2001). Weiter führt Köhler aus, dass der euphorisierende Effekt des Nikotins für das Suchtpotential als Erklärung herangezogen wer­den kann.

Doch in einer Zigarette sind noch zahlreiche andere Stoffe enthalten. Im, auf der Verpackung nur zusammengefasst angegebenen, Kondensat sind etwa 3500 chemische Stoffe, neben dem Nikotin u.a. noch Phenole, Benzole, Sterine und Schwermetalle, wie Blei und Nickel. Im Tabakrauch lassen sich auch Gifte, wie Blausäure, Ammoniak oder Formaldehyde nachweisen (DHS, 2004). Ein weiterer bedeutender im Tabakrauch enthaltener Schadstoff ist das Gas Kohlenmonoxid in einer Konzentration, die man sonst nur in Autoabgasen findet (BZgA, 2003). Mehr als 20 enthaltene Stoffe gelten als krebserregend, weit mehr stehen noch unter Verdacht (Jochims, 2004).

Gerl (2004) führt an, dass heute auch Stoffe in Zigaretten enthalten sind, die kein ge­sundheitsgefährdendes Potential besitzen, sondern das Ziel verfolgen, das Rauchen ange­nehmer werden zu lassen. So sollen Stoffe wie Kakao und Honig dafür sorgen, dass der bei­ßende Geschmack des Tabaks nicht als störend wahrgenommen wird. Menthol und Anis wer­den zugegeben, damit der Raucher tiefer inhalieren kann. Weiterführende Erkenntnisse zu diesem Gebiet lassen sich u.a. bei Haustein (2001) finden.

2.3 Gesundheitliche Folgen des andauernden Konsums

Für einen 30 jährigen Raucher mit einem Konsum von 20 – 30 Zigaretten pro Tag liegt die Lebenserwartung etwa 6 Jahre niedriger als bei einem Nichtraucher. In der BRD schätzt man, dass 150.000 Menschen pro Jahr vorzeitig aufgrund von Tabakkonsum sterben (Schadé, 2000).

Viele der gravierenden gesundheitlichen Schäden treten erst nach einigen Jahrzehnten auf, so dass der Raucher das Gesundheitsrisiko lange Zeit verleugnen kann, was die Motivati­on zur Abstinenz sinken lässt (BZgA, 2003).

Dem Nikotin kann man einen Großteil des Suchtpotentials anlasten, sowohl physisch als auch psychisch. Letzteres geht auch auf die unmittelbaren Effekte der Nikotinzufuhr zu­rück: Neben oben erwähnter Euphorisierung kann man je nach Ausgangslage eine aktivie­rende oder sedierende Wirkung erleben. Ferner kann die Gedächtnisleistung kurzfristig gestei­gert werden (Köhler, 2001).

Die gesundheitsschädigenden Auswirkungen lassen sich jedoch eher auf andere In­haltsstoffe der Zigarette zurückführen.

Bedingt durch Rauchpartikel lassen sich zuerst nicht - bösartige Erkrankungen der Atemwege, z.B. obstruktive Bronchitis, nennen. Das Krebsrisiko liegt bei Rauchern für be­stimmte Krebsarten, wie Kehlkopfkrebs, Lungenkrebs oder Karzinome in der Mundhöhle, bis zu 27mal höher als bei einem Nichtraucher (Köhler, 2001; BzgA, 2003).

Als Gefäßgift lässt sich Kohlenmonoxid identifizieren, welches Arterienverengungen begünstigen. In Folge von Gefäßverschlüssen kommt es bei Rauchern daher überdurchschnitt­lich häufig zu Amputationen einzelner Gliedmaßen (Freund, 2005).

Neben diesen peripheren Verstopfungen kann es auch zu coronaren und zerebralen Verschlüssen kommen, was dann Herzinfarkte oder Schlaganfälle nach sich zieht.

Mehrere Autoren (Freund, 2005; BZgA, 2003) weisen daher darauf hin, dass die An­zahl täglich gerauchter Zigaretten, die als unbedenklich gelten kann, bei Null liegt, also dass es kein gesundheitsverträgliches Rauchen gibt.

2.4. Abhängigkeit

Die WHO nahm Rauchen erst 1978 in ihre Klassifikation als Sucht auf. Vorher galt selbst starkes Rauchen nur als Gewohnheit.

Die Tabakkonzerne beforschten bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhun­derts die suchterzeugende Wirkung des Nikotins und verfeinerten die Zugabe von weiteren Inhaltsstoffen in Zigaretten, um einen höheren Absatz zu erzielen. 1993 kam es zu einem in den Medien viel beachteten Prozess gegen die fünf großen amerikanischen Tabakkonzerne, bei dem alle Beteiligten schworen, sich keiner Forschung bewusst zu sein, die das Ziel hat, das Suchtpotential zu steigern (Mollenkamp, Levy, Menn, Rothfeder, 1998).

In diesem Abschnitt sollen zum einen die Kriterien der Abhängigkeit laut dem gän­gigen Klassifikationssystem ICD - 10 aufgeführt werden, wie auch einige mögliche Erklä­rungsmodelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung.

2.4.1 Kriterien

Die WHO führt in der ICD - 10 Tabakabhängigkeit unter „Störungen durch psycho­trope Substanzen“ (F17) auf. Den diagnostischen Leitlinien folgend müssen im vorangegan­genen Jahr mindestens drei der in Abbildung 1 aufgeführten Kriterien erfüllt gewesen sein.

Die BZgA (2003) führt an, dass unklar ist, welche der Substanzen neben Nikotin noch suchterzeugend wirken, weshalb man nicht von Nikotin- sondern von Tabakabhängigkeit spricht. Man misst der psychischen Abhängigkeit, die das Ritual des Rauchens und die situationsgebundene Wirkung des Tabakkonsums umfasst, eine große Bedeutung zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Kriterien für die Diagnose Tabakabhängigkeit (F17) laut ICD - 10. (Quelle: Dilling, 2000)

Ein wichtiges Kriterium, sowohl in der klinischen Diagnostik als auch für den ange­henden Nichtraucher persönlich, sind die Entzugserscheinungen. Hier herrscht Uneinigkeit in der Bewertung. Praktiker (Freund, 2005; Gerl, 2004) verkünden, dass die physischen Ent­zugserscheinungen nahezu zu vernachlässigen seien. Köhler (2001) führt dagegen an, dass un­zweifelhaft starke Entzugserscheinungen existieren. Bereits wenige Stunden der Nikotinabsti­nenz führen zu Symptomen wie Gereiztheit, Dysphorie, Schlafstörung, Konzentrationsproble­men oder verminderter Pulsfrequenz. Dies ist auf die eingestellte Nikotinzufuhr zurückzufüh­ren, da die Gabe des Stoffes oral oder transdermal zu einer Symptomlinderung führt. Eine be­friedigende physiologische Erklärung des oftmals jahrelang andauernden Cravings kann Köh­ler (2001) jedoch auch nicht finden.

Eine weitere Entzugssymptomatik liegt im Auftreten von Angstgefühlen, was physio­logisch durchaus mit der anxiolytischen Wirkung des Nikotins auf das Gehirn erklärt werden kann (Schweizer, 2003). Diese Autorin nennt auch ein, in der subjektiven Bewertung der Rau­cher oftmals gewichtiges, Kriterium, nämlich ein gesteigertes Hungergefühl und damit ver-bun­den ein Anstieg des Körpergewichtes. Dies ist die Gegenwirkung zu dem durch Nikotin her­vorgerufenen gewichtsreduzierenden Effekt, der durch eine Unterdrückung des Hungerge­fühls, sowie einer gesteigerten Fettsäureverbrennung hervorgerufen wird (Köhler, 2001)

2.4.2 Erklärungsmodelle

Zuerst soll betrachtet werden, wie das Rauchverhalten anfängt. Wer im Kindes- oder Jugendalter damit beginnt und täglich mehr als eine Zigarette raucht, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit zum abhängigen Raucher entwickeln (BZgA, 2003). Für viele Jugendli­che ist die erste Zigarette eine unangenehme Erfahrung, dennoch geht die Tendenz zum noch­maligen Versuch.

Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2003) zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit des Rauchens in unteren sozialen Schichten und schwierigen Familien­konstellationen wächst. Die Zigarette ist ferner ein Symbol der Zugehörigkeit zur Erwachse­nenwelt. Auch die Umgebung stellt einen Einflussfaktor dar. So steigt das Risiko, dass Kinder anfangen zu rauchen, stark an, wenn beide Elternteile eine Raucherkarriere „vorleben“ (vgl. auch Witte, 1981).

Im Folgenden werden einige theoretische Ansätze aufgezeigt, die erklären sol­len, warum das Rauchverhalten aufrechterhalten wird, wobei die systemische Betrachtung aufgrund der Relevanz für die vorliegende Arbeit einen besonderen Stellenwert einnimmt.

2.4.2.1 Systemische Theorien

Während die im Folgenden vorgestellten Erklärungsansätze das Individuum be-trachten, erweitert die Systemtheorie den Blick auf das Sozialgefüge, in welches der Raucher eingebun­den ist.

Wichtige Eigenschaften von Systemen, mit denen man es in den Sozialwissenschaften zu tun hat, sind Komplexität, Dynamik, Offenheit, Zufälligkeit und veränderbare Stabilität (Witte, 1981). Nach Willke (1993) sind soziale Systeme, so auch das System „Raucher“, ope­rativ geschlossen. Im Kern ist also das Rauchverhalten angelegt und aus diesem Verhalten entwickelt sich und handelt das System nach den Prinzipien der Autopoiesis (Maturana & Va­rela, 1980). In dieser Tiefenstruktur ist das System von seiner Umwelt unabhängig. Theore­tisch hat der Raucher unendlich viele Möglichkeiten, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, was als Kontingenz bezeichnet wird. Diese wiederum hängt vom Maß der Freiheitsgrade der Selbststeuerung ab, die den Selektions- und Entscheidungsprozess prägen. Maßgeblich dabei ist auch der Sinn, der die systemspezifischen Kriterien festlegt, z.B. durch Werte, Normen oder Überzeugungen. Narrative Ansätze der Systemtheorie sehen Sinnbildung im Erfinden von persönlichen Geschichten, mit denen der Raucher sich das Rauchverhalten plausibel macht (von Schlippe & Schweitzer, 2003).

Weitere genannte Eigenschaften waren Zufälligkeit, Dynamik und veränderbare Stabi­lität. Hierzu sagt Schmidt (2004) „Wer einigermaßen der Gleiche bleiben will, muss sich stän­dig verändern.“ (S.20). Diese Eigenschaften lassen sich damit erklären, dass Teile des Sy­stems unabhängig von einander handeln können und die Wahl einer kontingenten Option auch die Nichtberücksichtigung anderer Möglichkeiten beinhaltet (Willke, 1993). Demnach muss sich der Raucher in einem ständigen Entwicklungsfluss befinden, denn die Gründe für das Aufrechterhalten des Verhaltens ändern sich mit der Zeit.

Konkret lässt sich der Rauchbeginn als eine Auswahl aus kontingenten Möglichkeiten beschreiben, infolge dessen der Raucher die Komplexität der Umwelt mit immer derselben Auswahl des Rauchverhaltens reduziert. Das Suchtverhalten impliziert, dass die Freiheits­grade dieser Wahl sehr eingeschränkt sind, d.h. es fehlt dem Raucher die Sicht auf andere Al­ternativen. Ziel einer Behandlung wäre damit eine Erhöhung der Komplexität, der Alternativ­handlungen.

Ferner kann die Zigarette als Steuerungsmedium betrachtet werden, als ein „symbo­lisch codiertes Gerüst, welches jenen allgemeinen (generalisierten) Sinnzusammenhang ab­gibt, in welchen ganz unterschiedliche, spezifische Bedeutungen eingespannt werden können. … Medien können verstanden werden als Spezialsprachen … welche die Rationalität oder das Funktionsmodell eines bestimmten Systems … festlegen.“ (Willke, 1993, S.282)

Von Cranach (1990) weist außerdem auf die Geschichtlichkeit von Systemen hin, was bedeutet, dass die Aspekte der Vergangenheitsdeutung, des Gegenwartsverständnisses und der Zukunftsperspektive in die Selektion einfließen. So werden Bearbeitungsprozesse durch be­stehende Schemata und Kategorien, welche selbst aus anderen überdauernden Dispositionen und Handlungszusammenhängen entstehen, angeleitet. Ferner erklärt von Cranach auch hier das Wirken der Selbstrekursivität: Die Vergangenheit ist Teil des Selbstverständnisses und beeinflusst damit die Situationsorientierung, die Selbstüberwachung und Handlungssteuerung. Indem so Handlungen ausgelöst werden, wirkt sie selbst auch auf den historischen Prozess zu­rück.

Einen weiteren Aspekt der zeitlichen Dimension nennt Fiesel (1990), indem er auch die Zukunft einbezieht. Er führt an, dass alles auf dieser Welt dem zweiten Gesetz der Ther­modynamik unterliegt und somit der Entropie anheim fallen wird. Lediglich lebende Systeme besitzen die Macht und Fähigkeit, ihre Komplexität ständig zu steigern.

Der Raucher raucht also, weil dies in der Tiefenstruktur des Systems angelegt ist und sich daraus stets neu bildet, da es auf diese Erfahrungen und Bestandteile zurückgreifen kann (E.H. Witte, persönl. Mitteilung, 25.07.2005).

Hier liefert auch Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz einen Beitrag, die be­sagt, dass Kognitionen, die untereinander inkonsistent sind, das Individuum dazu motivieren, die Konsistenz zu erhöhen (Bohner, 2002). Der Raucher vermag es also stets, für sich selbst rationale Begründungen für sein Verhalten zu finden.

Ergänzend wird hier auch schon dem hypnosystemischen Ansatz vorgegriffen (Kap. 4.2), der maßgeblich von Schmidt (2004) begründet wurde. Dieser hat bei Süchten zwei Anteile identi­fiziert: Den Pflichtanteil und die Bedürfnisseite. Durch eine hohe Konzentration auf den erst­genannten Teil - und damit verbunden eine Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse - ver­sucht der Betroffene unbewusst sein Mangelerleben durch das Suchtmittel zu kompensieren. Über dieses Mittel kann das Ich nun in Kontakt mit den abgespaltenen Bedürfnissen kommen. Auch hier dient die Zigarette als Kommunikationsmedium. Schmidts Überlegungen führen dahingehend weiter, dass der Betroffene über das Definieren einer Krankheit sämtliche Kon­trolle über die Situation der Abhängigkeit nach außen delegieren kann, was wiederum zu Schwierigkeiten führt, wenn man die Beziehung zum Suchtmittel abbrechen will.

2.4.2.2 Lernpsychologische Theorien

In der Tradition von Bandura (1977) wird angenommen, dass sich das Rauchverhalten durch Lernen am Modell, z.B. den Eltern oder Peers, entwickelt. Durch klassische (vgl. Wat­son, 1913/1968) und operante Konditionierung wird das Verhalten dann gefestigt. Fiedler & Bless (2002) betonen die verstärkende Wirkung der Kognitionen. Die positiven Erwartungen an die Wirkung des Tabaks erhöhen demnach das Rauchverlangen.

Grossarth-Maticek (1979) spricht in diesem Zusammenhang von Programmen, also internalisierten Bewertungs-, Beziehungs- und Handlungsregeln, die in der Sozialisation ver­mittelt werden und das Verhalten zielgerichtet steuern können, wobei die Sozialisation der Vorgang ist, in dem ein Mensch in sein jeweiliges Umfeld passend geformt wird. Hierbei nimmt das Jugendalter hier eine wichtige Rolle ein, was die Parallelität zum Rauchbeginn aufzeigt (Durkin, 2002).

2.4.2.3 Psychodynamische Theorien

Freud sah die Entstehung des Rauchwunsches in der infantilen Sexualität begründet, genauer gesagt im Ludeln (Wonnesaugen). Er führte 1905 dazu aus:

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzumerken, daß jene Kinder dazu gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kinder … als Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken oder Rauchen mitbringen. (S. 83).

Das Rauchen hat Freud scheinbar den Männern vorbehalten, was sich aus der Entste­hungszeit des Aufsatzes erklären lässt. Um die Jahrhundertwende war es bei Frauen nicht weit verbreitet, zu rauchen. Wer es denn doch tat, hatte oft emanzipatorische Ziele damit verbun­den, wie Hill (1995) in ihrem historischen Roman nachzeichnet.

Somit wird der Griff zur Zigarette in der psychoanalytischen Tradition als Ersatzbe­friedigung gesehen. Über den Mechanismus, der demnach hier wirkt, sagt Freud (1917):

Die Analyse zeigt, daß dabei alle pervers genannten Regungen zur Äußerung kom­men, welche das Genital durch andere Organe ersetzen wollen. … wir sind … zu der Auffassung gelangt, daß den Körperorganen außer ihrer funktionellen Rolle eine sexuelle - erogene - Bedeutung zuzuerkennen ist … Dann ersehen wir auch, in wie ausgiebiger Weise gerade die Organe der Nahrungsaufnahme … zu Trägern der Sexualerregung werden können. (S.319)

Diese Theorie der oralen Ersatzbefriedigung wurde lange Zeit verfolgt, ehe man sich in den vergangenen drei Jahrzehnten langsam davon abgewendet hat (Witte, 1981), hin zu ei­ner funktionellen Betrachtung, beispielsweise als Eingangsritual ins Erwachsenenalter.

2.4.2.4 Physiologische Aspekte

Schweizer (2003) zitiert verschiedene Studien, die belegen, dass Nikotin an den Ace­tylcholin-Rezeptoren andockt, allerdings mit einer wesentlich stärkeren Verbindung als es das ACh vermag. Köhler (2001) stützt dies und nennt Acetylcholin den wichtigsten Neuro­transmitter. Man kann diese Rezeptoren, die beide im ZNS vorkommen, in zwei Typen unter­teilen: nikotinerg und muskarinerg. Köhler beschreibt die Effekte der Anregung cholinerger Neurone als Steigerung der Gedächtnisleistung (bei geringer Dosis Nikotin), Wirkung auf die Stimmung und den Schlaf. Schweizer nennt ergänzend noch eine verlangsamte Herzfrequenz bei hoher Nikotindosis.

Neuere Befunde deuten darauf hin, dass die Euphorisierung durch die Nikotinzufuhr durch indirekte Beeinflussung anderer Transmittersysteme zustande kommt, z.B. der dopami­nergen Rezeptoren, was zu einer Stimulierung dopaminerger Bahnen des so genannten meso­telencephalen Belohnungssystem führt (Köhler, 2001). Weitere Studien belegen, dass bei Rauchern eine deutlich höhere Dichte an Nikotinrezeptoren in den zerebralen Strukturen zu finden ist.

3.Methoden der Raucherentwöhnung in Deutschland

In Deutschland existieren derzeit zahlreiche Angebote, die Rauchern helfen sollen, von ihrer Sucht loszukommen. Das vorliegende Kapitel ist zweckmäßig im Sinne der Gesamt­arbeit unterteilt in Programme, die explizit keine hypnotischen Elemente enthalten (3.1) und Methoden, die Hypnose als einen Hauptbestanteil nutzen (3.2).

3.1 Nicht – hypnotische Programme

Aufgrund der Relevanz der Carr - Methode für die Vergleichsgruppe der vorliegenden Arbeit soll deren theoretische Betrachtung ausführlich stattfinden. Abschließend werden wei­tere Entwöhnungsprogramme im deutschsprachigen Raum genannt.

3.1.1 Allen Carr’s „Easyway“

Allen Carr ist eine der bekanntesten Methoden, mit dem Rauchen aufzuhören. Sofern nicht anders angegeben, bezieht sich der folgende Abschnitt auf die Internetseite der Allen Carr Gesellschaft Deutschland mit der URL: http://www.allen-carr.de. Nach einigen Infor­mationen zu Allen Carr`s Easyway - Methode wird getrennt auf das Gruppensetting (3.1.1.1) und das Buch „Endlich Nichtraucher“ (3.1.1.2) eingegangen.

Carr bezeichnete sich über 25 Jahre als Kettenraucher, ehe er 1983 einen Weg fand, rauchfrei zu werden – nach eigener Aussage, ohne schlechte Laune, Aggressivität, Gewichts­zunahme oder Einsatz von Willenskraft. Aus dieser Erfahrung heraus begann Carr, seinen Weg in Seminaren an über 20.000 Rauchern weiterzugeben, sowie das oben genannte Buch zu schreiben, welches mittlerweile in über 25 Sprachen übersetzt wurde.

Die Methode des Easyway soll die Einstellung zum Rauchen ändern. Die Fehler wer­den nicht dem Abhängigen zugeschrieben, sondern der Droge und der Einstellung der Gesell­schaft ihr gegenüber (Carr, 1999)

3.1.1.1 Carr - Gruppen

Derzeit gibt es etwa 50 lizenzierte Trainer, die den Kriterien der Gesellschaft entspre­chen. Dies umfasst den eigenen Erfolg mit der Easyway - Methode, eine entsprechende fach­liche Vorbildung (u.a. Ärzte, Psychologen, Pädagogen) und einer fundierten Ausbildung und regelmäßiger Fortbildung. Die Seminare finden in Tagungshotels statt und dauern etwa sechs Stunden in einer Gruppe von 15 Personen.

Neuberger (2003) hat in einer umfangreichen Untersuchung mit einer Stichprobe von 442 Seminarteilnehmern die Effizienz des Konzeptes untersucht. Laut dem Fagerström - Test war jede zweite Versuchsperson stark oder sehr stark nikotinabhängig. Die kurzfristige Er­folgsquote nach drei Monaten lag bei 61,8 % und nach einem Jahr betrug die langfristige Ab­stinenz noch 53,6%. Jeder fünfte hat in diesem Zeitraum an einem Aufbauseminar teilgenom­men. Entgegen der Ankündigung von Allen Carr hat jeder zweite abstinente Raucher von Entzugserscheinungen berichtet.

Zu diesen Zahlen soll jedoch der Unterschied in der Stichprobengröße erwähnt wer­den: Nach drei Monaten wurden 442 Personen befragt, nach einem Jahr betrug die Gesamt­menge verfügbarer Seminarteilnehmer nur noch 364 Personen, was zu einer vermutlich über­schätzten Erfolgsquote führt.

3.1.1.2 Selbsthilfeliteratur: „Endlich Nichtraucher“

In Deutschland erschien die Erstausgabe des Buches „Endlich Nichtraucher“ 1992 und gilt seitdem als Bestseller, mit etwa 2 Millionen verkauften Exemplaren.

Im Klappentext des Buches (Carr, 1998) wird angekündigt, dass es eine hilfreiche Be­gleitung für all jene ist, die bereit sind, das Rauchen aufzugeben. Dabei wird versprochen, dass dem angehenden Nichtraucher durch die Easyway - Methode die Entzugserscheinungen gelindert werden und ihm ein einfacher Weg aufgezeigt wird, mit dem Rauchen Schluss zu machen.

Die Inhalte basieren auf sich stets wiederholenden Suggestionen, welche das Ziel ver­folgen, dem Raucher eindringlich klar zu machen, wie verwerflich das Rauchen ist. Beispiel­haft folgendes Zitat aus dem letzten Kapitel mit der Überschrift: Finale: Helfen Sie, diesem Skandal ein Ende zu setzen!

Ich halte das Rauchen für den größten Skandal in der westlichen Gesellschaft, Atomwaffen eingeschlossen. … Sogar weniger hoch entwickelte Tierarten erken­nen die Notwendigkeit, ihren Nachwuchs vor den Fallstricken des Lebens zu war­nen. …. Die Heuchelei ist unglaublich. Unsere Gesellschaft entrüstet sich über Klebstoffsniffen und Heroinsucht. Verglichen mit dem Rauchen sind diese Pro­bleme bloße Schönheitsfehler … wer hat den größten Gewinn davon? Unser liebes Finanzministerium. Am Elend der Nikotinsüchtigen verdient es jährlich Milliarden von Mark, und die Tabakindustrie darf jährlich mit Millionensummen für den Dreck werben. (Carr, 1998, S.184f)

Damit kann als ein wesentliches Wirkmittel die Suggestion identifiziert werden. Harro (2002) definiert eine Suggestion als die Realisierung eines Gedankens und einer Assoziation von Vorstellungen, die das Nervensystem modifizieren. Ferner kann eine Suggestion auch als eine zwischenmenschliche Beziehung angesehen werden, die das Leben beeinflusst.

Kontrollierte Erfolgsstudien zur Effizienz dieses Buches liegen nicht vor und sind auch der Allen Carr Gesellschaft nicht bekannt. Auf Nachfrage verweist die Geschäftslei­tung (Kellermann, persönl. Mitteilung, 14.10.2005) auf die Verkaufszahlen und den dahinter vermuteten positiven und erfolgreichen Eindruck auf die Leserschaft.

3.1.2 Ärztliche Beratungsangebote

Im Rahmen der ambulanten ärztlichen Betreuung existieren derzeit ebenfalls Bera­tungsangebote für Raucher. Hierbei liegt der Fokus auf der zeitlichen Kürze, da ein umfang­reiches Programm für die meisten niedergelassenen Ärzte nicht realisierbar ist. Im folgenden werden zwei Ansätze beschrieben, wobei lediglich der psychologische Aspekt beleuchtet wird. Medikamentöse Ansätze, z.B. mit Zyban, werden in der Darstellung ausgespart.

3.1.2.1 Rauchersprechstunde

Die Konzeption der Rauchersprechstunde ist das Ergebnis der Arbeit des Deutschen Krebsforschungszentrums (2003) für Tätige in Gesundheitsberufen im Allgemeinen und Arzt­praxen im Besonderen. Die Gesamtdauer der Beratung wird mit 30 Minuten angegeben. Da­bei werden standardisierte Fragebögen zur Anamnese und eine Kohlenmonoxidmessung zur Kontrolle genutzt. Im Rahmen des WHO Projektes „Tabakabhängigkeit“ wurde dieses Kon­zept und die dazugehörigen und frei verfügbaren Vordrucke und Arbeitsblätter von 1997 – 2003 entwickelt.

3.1.2.2 Beratung für Schwangere

Die schädlichen Folgen des Nikotinkonsums sind oben beschrieben. Eine besondere Risikogruppe stellen allerdings Schwangere dar, da Nikotin bereits pränatal wirken kann. Vor diesem Hintergrund haben Brecklinghaus, Lang und Greiser (BZgA, 2004) ein spezielles Be­ratungsangebot für gynäkologische Praxen entwickelt. Dieses Programm wird in vier Schritte unterteilt: Exploration, Motivation, Verhaltensänderung und Erfolgssicherung, bzw. Rückfall­bewältigung.

3.1.3 Verhaltenstherapeutische Programme

Die oben beschriebenen ärztlichen Programme entstammen der verhaltenstherapeu­tischen Tradition. Kennzeichnend dabei ist der von mehreren Autoren beschriebene schritt­weise Ausstieg (Hallhuber, 1977, Gerl, 2004). In Deutschland favorisieren die Krankenkassen derzeit das Zehn - Schritte - Programm der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, 2003, LBK Hamburg, o.J.). In diesem Programm ist das Ziel die Totalabstinenz durch Veränderung der Bedingungen sowie der Konsequenzen des Rauchens an zehn Terminen zu je 90 Minuten. Es handelt sich um ein Gruppensetting mit drei Phasen: Verhaltensbeobach­tung, persönlicher Plan zur Konsumreduktion und Stabilisierung des neuen Verhaltens. Huber (1992) berichtet bei älteren verhaltenstherapeutischen Programmen eine langfristige Erfolgs­quote von durchschnittlich 30% in den USA, während die Ergebnisse in der BRD deutlich un­ter diesem Wert liegen.

3.1.4 Selbsthilfe - Literatur

Neben dem wohl bekanntesten Buches von Carr (1998) existieren noch einige Werke anderer Autoren, die mit Tipps und Anleitungen dem Raucher beistehen wollen. Beispielhaft seien hier Leibold (2004) und von Schönburg (2004) genannt. In dieser Literatur wird mehr oder weniger strategisch und umfangreich über die Gefahren des Rauchens aufgeklärt, die Motivation geweckt und Anleitungen zum Rauchstopp gegeben. Ferner werden alternative Behandlungswege aufgezeigt. Die größten Schwierigkeiten sollten dabei in der Selbstdiszipli­nierung und einem fehlenden fachlichen Feedback liegen (Gerl, 2004).

3.1.5 Nikotinsubstitution

Seit 1983 steht Nikotin in Deutschland als Medikament zur Verfügung. Die Darrei­chungsform umfasst aktuell Kaugummis, Nasensprays, Inhaliergeräte, Tabletten und Pflaster (Deutsches Krebsforschungszentrum, 2003). Nebenwirkungen sind dabei kaum zu erwarten, es kann beispielsweise zu vermehrten Speichelfluss oder Magenschmerzen führen, bzw. bei Pflastern allergische Hautreaktionen hervorrufen. Lediglich die Inhaler und das Nasenspray sind verschreibungspflichtig. Es wird empfohlen, diese Mittel nur als Ergänzung zu ei­nem Entwöhnungsprogramm zu verwenden.

Köhler (2001) weist auf die Gefahr einer Nikotinvergiftung hin, wenn zeitgleich ge­raucht wird, da der Körper somit eine stark erhöhte Dosis zu sich nimmt.

In einer kombinierten Methode mit Hypnose fand Schweizer (2003) keine signifikante Erfolgssteigerung durch die Zugabe von Pflastern und Habicht (2000) zitiert Ergebnisse, die geringe Effekte zeigen, jedoch von der Konsumhöhe abhängen.

3.2 Hypnose - Programme

In diesem Abschnitt werden drei weitgehend standardisierte Methoden aufgeführt, die im Großteil mit Hypnose arbeiten und für die Entwicklung des hier beschriebenen Programms einflussreich waren.

Es wird sich auf Autoren des deutschsprachigen Raums beschränkt, die im Rahmen der Milton Erickson Gesellschaft tätig sind.

3.2.1 SmokeX

Die SmokeX - Methode wurde 1990 von Gerl entwickelt und seitdem in Ausbildungs­seminaren gelehrt, sowie durch regelmäßigen Austausch innerhalb einer Arbeitsgemeinschaft weiterentwickelt (Jochims & Gerl, 2004).

Im Vordergrund steht das Ziel, dem Raucher in vier bis fünf Sitzungen einen Gewinn zu vermitteln, anstatt der Überzeugung, durch den Rauchstopp etwas zu verlieren. Zur Be­schreibung der Methode sind in Abbildung 2 Strategien und Techniken aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Angewandte Strategien und Techniken bei SmokeX (Quelle: Jochims & Gerl, 2004: S.112ff.)

SmokeX wird vornehmlich im Einzelsetting angewendet, aber es existieren auch Modelle für Gruppenbehandlungen nach demselben Konzept.

Den Ablauf der Sitzungen beschreibt Gerl (2004) in drei Phasen: Abklärung, Arbeit und Ab­schied. Es existieren keine wissenschaftlich kontrollierten Erfolgsstudien.

3.2.2 Qualmstopp

Die Methode „Qualmstopp“ wurde in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Freund entwickelt und seitdem in Ausbildungsseminaren weitergegeben (Freund, 2005). Prägend für Rahmenbedingungen und Ablauf ist der Kontext, in dem das Programm stattfin­det. Freund setzt es in einer Rehabilitationsklinik ein, wo ein Kurzzeitmodell mit Gruppenbe­handlungen durchgeführt wird. Es existieren standardisierte Anamnesebögen und Arbeitsblät­ter. Neben den Grundprinzipien der Hypnotherapeutischen Kommunikationsmuster, des Ref­ramings und des Utilisationsansatzes werden hauptsächlich ideomotorische Bewegungen ge­nutzt (Freund, 2004). Hierbei wird der bewusste Wunsch der Abstinenz durch unbewusste Trance - Phänomene unterstützt, mit dem Ziel den Körperwillen zu stärken und damit eine be­wusste und unbewusste (nicht steuerbare) Basis für den Erfolg zu suggerieren.

3.2.3 Das Tübinger Modell

Das Konzept dieses Modells wurde an der Universität Tübingen erarbeitet (Schweizer, 2003) und wurde von den beiden oben beschriebenen Methoden SmokeX und Qualmstopp in­spiriert. Es kann sowohl als Einzel- wie auch als Gruppentherapie angewendet werden. Die Grundidee besteht dabei im Abschied von der Zigarette, die den Raucher über einen langen Zeitraum begleitet hat und somit auch gewürdigt werden soll. Die vorwiegend hypnothera­peutische Arbeit findet in drei Sitzungen statt, in denen therapeutische Geschichten im Vor­dergrund stehen, deren Wirksamkeit bei Trenkle (2005) beschrieben ist. Ferner werden einige nicht - hypnotische Methoden genutzt, von denen beispielhaft die Kohlenstoffmonoxidmes­sung genannt werden soll. Im Vorfeld findet ein Einführungstreffen statt, im Nachhinein eine Katamnesesitzung.

3.3 Rückfallverhütung

Schwarzer (1996) betont, dass statt der kurzfristigen Abstinenz eher die Rückfallver­hütung in den Mittelpunkt klinischer Bemühungen gerückt werden sollte, da hier der Schlüs­sel für langfristigen Erfolg zu finden ist.

Auffällig ist dabei, dass nur wenige der oben genannten Methoden tatsächlich diesen Punkt beachten. Im Sinne einer zeitökonomischen Durchführung liegt der Fokus der meisten Angebote auf Entwöhnungsstrategien, die den kurzfristigen Erfolg fokussieren. Für hypnothe­rapeutische Raucherentwöhnung konnte Revenstorf (2003) mit sechs kontrollierten Studien eine langfristige Stabilität des Erfolges nachweisen, wobei dieser hauptsächlich über sugge­stive Methoden realisiert wird.

Minneker - Hügel (1995) nennt verschiedene Einflussfaktoren auf Rückfälligkeit: Ko­gnitive Faktoren (Erfolgserwartung, Motivation, Kontrollüberzeugung, Stressbewältigung), äußere Merkmale (Tageszeit, Orte, Konsumsituationen, soziale Unterstützung) und Psy­chische Faktoren (Entzugssymptome, Craving, negative Gefühlszustände, Copingverhalten).

4. Hypnose und Hypnotherapie

Hypnose gilt als eines der ältesten Heilverfahren der Menschheit, wurde allerdings erst ab dem 18. Jahrhundert systematisch untersucht und angewendet (Speziale - Bagliacca, 2000). Für eine genauere historische Beschreibung wird auf die Darstellungen von Peter (2000; 2001) und Mohr (2003) verwiesen.

Es existieren zahlreiche Definitionen von Hypnose und Trance (zu einer Kontoverse siehe Peter, 1989b; Coe, 1989). Der Begriff „Hypnose“ stammt von Braid, einem schottische Arzt, Mitte des 19. Jahrhunderts. Er benannte den Bewusstseinszustand, in dem er beispiels­weise chirurgische Eingriffe durchführte, nach dem griechischen Gott des Schlafes Hypnos (Kossak, 1999). Allerdings erkannte er schnell, dass es sich nicht um einen Schlafzustand, sondern eher um einen Zustand hoher Fokussierung handelt und bevorzugte fortan den Termi­nus Monoideeismus, also Ein - Ideeigkeit (Trenkle, 2004). Dennoch ist der Begriff Hypnose heutzutage gängig, um die Technik zu bezeichnen, während Trance den Zustand meint.

Harro (2002) definiert Hypnose als einen dissoziierten Bewusstseinszustand, der durch die Induktionstechnik des Therapeuten oder des Probanden selbst herbeigeführt wird und eine Kommunikation mit dem Körper und den seelischen Strukturen gestattet.

Schmidt (2004) bezeichnet „Trance“ als das gewünschte Ergebnis der Prozeduren, die als „Hypnose“ bezeichnet werden. Der Tranceprozess zeichnet sich dabei durch unwillkür­liches Erleben aus. Je mehr das Erleben des Probanden absorbiert ist, desto intensiver werden diese Prozesse empfunden. Vergleichbar ist dieser Zustand mit dem Flow - Erleben (Csiks­zentmihalyi, 1992; 2000).

Gerl (1998) beschreibt Trance als einen alltäglichen Zustand. Suggestibilität dagegen ist der operationalisierte Begriff, mit dessen Hilfe beschrieben wird, inwieweit ein Mensch als hypnotisierbar gilt. Verschieden Autoren (Krause, 2001; Mohr, 2003; Eberle, 2006) weisen darauf hin, dass die Fähigkeit, hypnotisiert zu werden, in der Bevölkerung ein normalver­teiltes Merkmal ist. Dementsprechend finden sich etwa 10% hochsuggestible Menschen und 10%, für die Hypnose nicht die geeignete Methode scheint. Die restlichen 80% verteilen sich dazwischen.

Im Rahmen dieses Kapitels sollen zwei Ansätze nachgezeichnet werden, die für die moderne Hypnose prägend sind, indem erst das Verständnis der Hypnotherapie von Erickson erläutert, ehe der neuere hypnosystemische Ansatz erklärt wird, in welchen das in dieser Arbeit untersuchte Programm eingeordnet werden kann.

Außerdem werden Begrifflichkeiten der beiden Ansätze ebenso wie deren Prämissen aufgeführt. Neben einer Betrachtung der empirischen Untersuchungen der hypnotherapeu­tischen Raucherentwöhnung erfolgt auch eine Abgrenzung zur Showhypnose.

4.1 Hypnotherapie nach Milton H. Erickson

Der moderne hypnotherapeutische Ansatz geht zu großen Anteilen auf den amerika­nischen Psychiater Milton H. Erickson (1901 – 1980) zurück. Bereits als Student begann er, bei Clark Hull über Trance - Zustände zu forschen (Erickson, 1964/1980). In Deutschland wurde der Hypnose - Ansatz vor allem durch J. H. Schultz und D. Langen erforscht und ver­breitet (Goleman, 1977b; Langen, 1979)

Erickson arbeitete an einer differenzierten und stark auf die subjektive Realität des Klienten zugeschnittenen Form der Hypnose (Revenstorf, 2001a). Neben dieser individuellen Ausrichtung lässt sich der Ansatz als ziel- und ressourcenorientiert beschreiben. Ericksons ganzheitliche Sichtweise berücksichtigte sowohl die aktuelle Lebensphase des Klienten wie auch dessen soziale Einbettung (Gerl, 1998). Eine Grundannahme bestand in der Überzeu­gung, dass der Klient, bzw. dessen Unbewusstes, bereits genug Informationen, Fähigkeiten und Ressourcen zur Lösung des Problems besitzt. Diese konnten dann in der hypnotischen Trance aktiviert und zielgeleitet eingesetzt werden. Dabei merken verschiedene Autoren an, dass Erickson nur bei einer vergleichsweise geringen Zahl seiner Behandlungen eine Trance - Induktion im herkömmlichen Verständnis eingesetzt hat (Goleman, 1977b; Schmidt, 2004). Viel öfter hat er sich stattdessen der Sprachmuster bedient, die zu einem Zustand fokussierter Aufmerksamkeit führen.

Ferner hat er den Klienten Aufgaben verordnet, die dann wiederum hypnotisch wirk­ten. Eine Erklärung dafür kann in der Nutzung der Kontextfaktoren zu sehen sein (Meiss, 2001). Harro (2002) erklärt, dass auf eine ritualisierte Induktion verzichtet wird und stattdes­sen ein Gespräch stattfindet, indem der Therapeut beobachtet und sich spezifischer Kommuni­kationsmittel bedient (auch als „Milton - Sprache“ bezeichnet, Freund, 2001: S.174). Der Pa­tient reagiert mit unbewussten Verhaltensweisen und es entsteht ein „sublimaler“ Dialog.

Eine übergeordnete Bedeutung erfährt der Utilisationsansatz (Erickson, Rossi & Rossi, 1978). Sowohl die Auswahl der Suggestionen als auch der Interventionen sollte die eigenen geistigen Mechanismen und Verhaltensprozesse des Klienten stimulieren. Die Behandlung ist demnach auf den Patienten zugeschnitten und es wird all das genutzt, was diesem bereits in­härent ist. Dieser Anspruch setzt eine genaue Beobachtung des Gegenübers voraus. Der Utili­sationsansatz gilt als einer der wichtigsten Beiträge Ericksons zur klinischen Hypnose.

Inhaltlich verwandt damit ist die Potentialhypothese, also die Annahme Ericksons, dass alle Grundkompetenzmuster für eine gesunde Lösung von psychischen, psychosoma­tischen oder interaktionellen Problemen im Erfahrungsspektrum der Beteiligten gespeichert sind (Erickson & Rossi, 1981).

4.2 Der Hypnosystemische Ansatz

Dieser Ansatz verbindet die Theorien der kompetenzaktivierenden Hypnotherapie von Erickson (Erickson & Rossi, 1981; Rossi, 1980) mit dem breiten Spektrum systemischer Me­thoden (zusammengefasst in von Schlippe & Schweitzer, 2003; Bökmann, 2000).

Beide Modelle gehen davon aus, alle Lebensprozesse mit dem Blick auf eine mögliche Beschreibung von Mustern zu verbinden (Schmidt, 2005). Die Idee autopoietischer, sich selbst organisierender Systeme prägt das Verständnis des Patienten und beide Theorien gehen von der Bildung von Unterschieden als Veränderungsmechanismus aus (Schmidt, 2004). Schmidt sieht den Vorteil des hypnosystemischen Ansatzes in einer schnellen und nachhal­tigen intrapsychischen und interaktionellen Änderung von Systemen mit Methoden der Auf­merksamkeitsfokussierung. Er führt unbewusste und unwillkürliche Prozesse als wertvolle Kräfte des Systems an, die therapeutisch aktiviert und genutzt werden können.

Ferner spielt die Sprache eine zentrale Rolle bei der Entwicklung, aber auch der Lö­sung menschlicher Probleme, woraus folgt, dass die Beratung ein interaktioneller Konstrukti­vismus ist, indem Therapeut und Klient durch Sprachbenutzung zu alternativen Zielen und Lösungen kommen (Empt & Schiepek, 1997)

In diesem Ansatz werden systemische Techniken, wie beispielsweise die Neu - Konstruktion der Realität oder das zirkuläre Fragen (von Schlippe & Schweitzer, 2003) fruchtbar mit den hypnotischen Methoden (vgl. 4.1 und 4.3) kombiniert. Ferner lassen sich hier auch die Annahmen der lösungsorientierten Kurzzeittherapie nach DeShazer (in Bamber­ger, 2001) wiederfinden.

Eine ausführliche Beschreibung des hypnosystemischen Gedankens findet sich bei Schmidt (2004: S.87 – 208).

4.3 Begrifflichkeiten und Prämissen der Therapie

In diesem Abschnitt werden Begrifflichkeiten in loser Reihenfolge erklärt, welche die Hypnotherapie nach Milton H. Erickson kennzeichnen. Die Auswahl erfolgte nach dem Krite­rium der Relevanz für das entwickelte Programm „Rauchstopp“.

Der Begriff des Unbewussten wird in einer anderen Bedeutung verwendet, wie bei­spielsweise in der Psychoanalyse. Erickson unterschied das rigide Bewusstsein und das krea­tive Unbewusste, als den im normalen Wachzustand nicht zugreifbaren Persönlichkeitsanteil, in dem individuelle Ressourcen abgespeichert werden. Einen umfangreichen Überblick über die kontroversen Definitionen und Ansichten des Unbewussten lässt sich bei Peter (1989a) finden.

Als Voraussetzung für Psychotherapie und Ergebnis der Utilisation lässt sich der Rapport betrachten (Revenstorf, Freund & Peter, 2001), also die Beziehung und der Kontakt zwischen Therapeut und Klient. Neben Empathie kann man den Rapport durch das Etablieren eines Yes - Sets fördern (Erickson, Rossi & Rossi, 1978). Hierbei werden mehrere Fragen in Folge gestellt, deren Antwort immer ein „Ja“ hervorlockt. Als Resultat entwickelt der Klient unbewusst eine „Ja - Haltung“.

Indirekte und offene Suggestionen fördern die Kommunikation mit dem Unbewussten. Während in der klassischen Hypnose Suggestionen als Befehle erteilt werden (plastische Bei­spiele bei Freud, 1895), nutzt die moderne Hypnose elegantere indirekte Suggestionen, wie Truismen, vage zeitliche Angaben, Scheinalternativen, Metaphern oder die Einstreutech­nik (Kossak, 1993).

Eine im Programm „Rauchstopp“ oft genutzte Technik ist die des „Nicht - Wissen, Nicht - Tun“ (Erickson & Rossi, 1981). Diese Formulierungen sind Synonyme für eine unbe­wusste und autonome Reaktionsbereitschaft, und steigern aufgrund des permissiven Charak­ters Rapport und Akzeptanz der Suggestion.

In Trance lassen sich verschiedene physiologische, psychosomatische und kognitive Phänomene beobachten (Revenstorf, 2001b), die auch zur Ratifizierung der Trance herange­zogen werden können (Erickson & Rossi, 1981), wobei hier die Katalepsie besondere Beach­tung finden soll. Als Katalepsie wird der Zustand zeitweilig aufgehobener Willkürbewegung bezeichnet (Erickson & Rossi, 2004), der durch Aufmerksamkeitsfokussierung, allmähliche körperliche Bewegungslosigkeit oder einer inneren Einstellung des Erforschens gefördert werden kann. Katalepsie kann damit zur Induktion einer Trance und als Grundlage weiterer hypnotischer Phänomene genutzt werden. Als solches kann das ideomotorische Signalisieren genannt werden (Erickson, 1961a/1980). Gemeinsam mit dem Klienten wird ein Signalsystem installiert, mit dem innere Kommunikation nach außen getragen werden kann. Erickson, Rossi & Rossi (1978) beschreiben dies wie folgt: „Die ideomotorische Bewegung kommt offen­sichtlich, bevor sie ‚wissen’, was die Antwort sein wird. (…) Sie werden ein Jucken, Prickeln, Wärme oder irgendeine andere Sensation im Finger ‚spüren’, bevor er sich bewegt.“ (S.108). Über Ideomotrik schrieb bereits James (1904/1966), dass eine aufkommende Idee in eine Handlung umgesetzt wird, solange keine gegenteiligen Gedanken wirken. Eine oft genutzte Variante der Ideomotorik ist die Hand- oder Armlevitation, die sich in einem autonomen Heben der Hand oder des Armes ausdrückt.

Ein weiteres Anliegen des indirekten Ansatzes ist das Initiieren unbewusster Suchpro­zesse (Erickson & Rossi, 1981) nach neuen Erfahrungen und vorhandenen Ressourcen. Auf­grund dieses unwillkürlichen Charakters kann es dazu kommen, dass der Klient von seinen ei­genen Reaktionen und Erkenntnissen überrascht ist.

4.4 Empirische Belege

Seit den 1920ern werden hypnotische Phänomene und die Wirksamkeit von Hypno­the rapie systematisch empirisch untersucht (Erickson, 1964/1980). Aus der Fülle der vorlie­genden Studien werden im Folgenden einige Ergebnisse in Kürze beschrieben.

In einer Metaanalyse von 19 kontrollierten Studien ließ sich die Wirksamkeit von Hypnose als eine spezifische Behandlungstechnik im Rahmen umfassenderer Behandlungs­pläne bei verschiedensten Symptomen und Beschwerden nachweisen (Grawe, Donati & Bern­auer, 1995).

Neuere Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass Tranceinduktion zu plastischen Veränderungen im Gehirn führt. Ferner ist das Farberleben unter Hypnose intensiver und es lässt sich mittels funktioneller Bildgebung ein erhöhter Grad an Absorbtion und Relaxation nachweisen. Weiterhin wurde nachgewiesen, dass Hypnose implizite Informationsverarbei­tung und Schmerzmodulation stimuliert (zusammengefasst bei Halsband, 2004).

Die Wirksamkeit hypnotherapeutischer Raucherentwöhnung fasst Agee (zitiert nach Gerl, 1997) zusammen und bestätigt empirisch die Indikation von Hypnose bei Raucherent­wöhnung sowohl für Einzel-, wie auch für Gruppenbehandlungen. Dabei variierten die Er­folgsquoten von 4 – 88% nach einem Katamnesezeitraum von einem Jahr. Besonders schwach sind die Effekte bei einmaligen Sitzungen, großen Gruppen oder standardisierten Suggesti­onen.

Hammond (1990) unterscheidet zwischen durchschnittlich erfolgreichen Hypnose-Behandlungen mit nur einem Termin (17% - 25%) und deutlich erfolgreicheren Methoden mit vier bis fünf Sitzungen (60% - 67%) bei Rauchern. Ferner stellt dieser Autor fest, dass hypno­tische Gruppenmethoden generell weniger wirksam sind, als die Einzelsitzungen, wobei man diesen Unterschied durch individuelle Suggestionen in einer Gruppe ausgleichen kann

Schweizer (2003) fand in einer kontrollierten Studie eine Erfolgsquote von 56% nach drei Monaten, bzw. 40,7% nach einem Jahr. Die Experimentalgruppe unterteilt sich in Grup­penteilnehmer mit einer Abstinenzquote von 54,5% nach drei Monaten, bzw. 42,5% nach einem Jahr und der vergleichenden Einzelbedingung mit 59,9% nach drei Monaten, bzw. 35,7% nach einem Jahr.

Habicht (2000) untersuchte in einer Literaturübersicht die Fragestellung, ob hypno­tische Methoden der Raucherentwöhnung den nicht - hypnotischen überlegen sind, konnte je­doch aufgrund der aktuellen Forschungslage ihre Hypothese weder bestätigen noch widerle­gen. Demgegenüber findet Revenstorf (2003) in einer Studienübersicht eine deutliche Überle­genheit der hypnotherapeutischen Raucherentwöhnung sowohl hinsichtlich längerfristigen Er­folgs, wie auch eines angemessenen Kosten - Nutzen - Verhältnisses.

Weitere Forschungsergebnisse für verschiedene Anwendungsgebiete der Hypnose-Therapie lassen sich bei Kossak (1993) oder Bongartz und Bongartz (1998) finden.

4.5 Abgrenzung zur „Showhypnose“

Gerl (1997) weist auf überhöhte Erwartungen der Wirkung von Hypnose seitens der Klienten vor allem bei der Raucherentwöhnung hin. Diese Erwartungen entstammen der viel­mals einseitigen Darstellung verschiedener Medien (Kossak, 1999) und dem Ruf der Bühnen­hypnose. Daher weisen zahlreiche Autoren auf eine Klärung von Vorurteilen vor Beginn der Therapie (u.a. Kossak, 1993; Eberwein, 2004).

Coe (1989) benennt das Ziel des Showhypnotiseurs als Entertainment, mit dem er sei­nen Lebensunterhalt verdient. In der Selbstdarstellung und Werbung behaupten sie, über Fä­higkeiten zu verfügen, die eine Willenskontrolle ermöglichen. Auf den unseriösen Charakter und die Gefahren weist Mohr (2003) hin und Gerl (1998) betont, dass „Macht“ kein Wesens­zug der Hypnose ist und lediglich in der Vorstellung derer existiert, die daran glauben.

Peter und Revenstorf (2001) erklären den Wirkmechanismus der Bühnenhypnose als unterhaltsam verpackten Suggestibilitätstest, in dessen Verlauf die scheinbare Macht des Hyp­notiseurs demonstriert wird und all jene Versuchspersonen aussortiert werden, die zu den Hochsuggestiblen gehören. Mit diesen Teilnehmern werden dann Experimente und Vorfüh­rungen durchgeführt (vgl. auch Fricker & Butler, 2004). Die so demonstrierten Phänomene können jedoch auch ohne Anwendung von Hypnose bei Versuchspersonen hervorgerufen werden (Goleman, 1977a).

5. Erfolgsparameter und Hypothesen

5.1 Erfolgsparameter

Das Hauptkriterium für den Erfolg des Programms Rauchstopp stellt die totale Absti­nenz zu zwei Messzeitpunkten dar: Bei der letzten Sitzung sowie drei Monate nach Be-endigung der Behandlung. In der Experimentalgruppe werden diese Daten zusätzlich noch zur vorletzten Sitzung erhoben.

Bei den Personen, denen eine totale Abstinenz nicht möglich ist, sollen als weitere Er­folgsparameter sowohl die Reduktion des Konsums, als auch geringere Werte im Fagerström-Test (FTNA) er­fasst werden.

5.2 Hypothesen und Fragestellungen

Aus den bisherigen theoretischen Erläuterungen ergeben sich verschiedene Hypothe­sen und Fragestellungen, deren Darstellung untergliedert in zwei Haupthypothesen, weiteren Hypothesen, sowie qualitativen Fragestellungen erfolgen soll.

Haupthypothese 1: Hypnosebehandlung vs. Vergleichsgruppe
Teilnehmer der Experimentalgruppe (Hypnose, vgl. Kap. 6) sind signifikant erfolgreicher als die der Vergleichsbedingung (Selbsthilfeliteratur „Endlich Nichtraucher“, vgl. Kap. 3.1).
Haupthypothese 2: Einzel- vs. Gruppenbehandlung
Die Erfolgsrate der Gruppenbehandlung ist nicht signifikant geringer als die der Einzelbe­handlung
Hypothese 3: Suggestibilität als Moderatorvariable
Klienten mit hohen Werten in der Creative Imagination Scale (CIS) profitieren mehr von dem vorliegenden Programm als jene mit niedrigen Werten.
Hypothese 4: Rauchverhalten
Die mit dem Fagerström Test für Nikotinabhängigkeit (FTNA) erfassten Werte stellen einen Prädiktor für die Abstinenz dar. Je höher die erreichten Werte, desto weniger erfolgreich ist der Klient.
Hypothese 5: Psychische Belastung
Je höher die mit der Symptom Check Liste (SCL-90) erfassten globalen Kennwerte, desto ge­ringer ist die Erfolgserwartung.
Hypothese 6: Erlebte Veränderung
Das Ausmaß der erlebten Veränderung durch die Behandlung, gemessen mit dem Fragebogen zur Veränderung des Erlebens und Verhaltens (VEV), geht mit dem Erfolg einher. Je mehr Veränderungen wahrgenommen werden, desto höher der Erfolg.
Hypothese 7: Demographische Variablen
Der Erfolg, gemessen mit der Abstinenz, ist unabhängig von allen erhobenen demogra­phischen Variablen.
Hypothese 8: Motivation

Je höher motiviert die Klienten sich einschätzen, desto größer die Erfolgserwartung.

Weiterhin werden drei qualitative Fragstellungen untersucht:

Fragestellung 1: Welche Motive geben Klienten für die Teilnahme an?
Hier wird erfragt, welche bewussten Motive Klienten zu Beginn nennen.
Fragestellung 2: Welcher Name kennzeichnet den rauchfreien Zustand?
Es wird exploriert, welche positiv konnotierten Begriffe Raucher für den Zustand des Nicht­rauchens finden.
Fragestellung 3: Warum wird die Behandlung abgebrochen?
Klienten, die sich entschlossen haben, das Programm vorzeitig zu beenden, wurden nach ihren Gründen befragt.

II. Empirischer Teil

6. Entwicklung des Programms „Rauchstopp“

Grundlage für die Entwicklung des Programms „Rauchstopp“ waren die Wirkfaktoren hypnotherapeutischer Raucherentwöhnung, die in Abbildung 3 dargestellt sind. Einzig die Be­dingung eines erfahrenen Therapeuten wurde nicht erfüllt. Weiterhin wirkten die in Kapitel 3.2 beschriebenen, bereits gut etablierten Methoden inspirierend. Ergänzend dazu wurden lern- und motivationstheoretische Interventionen eingebaut. Dies soll gewährleisten, dass auch die Menschen von der Raucherentwöhnung profitieren, die als gering suggestibel gelten (vgl. Krause, 2001; Mohr, 2003). Grawe und Caspar (1992) betonen die Nützlichkeit eines solchen systematischen und rationalen integrativen Vorgehens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Einflussfaktoren hypnotherapeutischer Raucherentwöhnung

nach Agee und Holyrod (zitiert nach Gerl & Freund, 2001)

6.1 Haltung des „Rauchstopp“ - Beraters

Die Grundhaltung des Beraters bei der Durchführung des hier beschriebenen Pro­gramms lässt sich am besten mit den Worten Ericksons (1964/1980) umschreiben: „At best operators can only offer intelligent guidance and then intelligently accept their subjects's be­haviors.“ (S.17).

Der Berater soll Bedingungen für die Möglichkeit von Selbstorganisation in mensch­lichen Systemen schaffen und sich am Anliegen des Klienten orientieren ohne normative Ziele zu setzen (Empt & Schiepek, 1997).

Ergänzend soll eine „hilfreiche Beziehung“ aufgebaut werden, die dem Klienten eine freie Entfaltung ermöglicht (Rogers, 1985) und durch die Verhaltensmerkmale des Beraters verwirklicht werden, die von Tausch (1973) als Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte, positive Wertschätzung und emotionale Wärme, sowie Echtheit und Kongruenz beschrieben werden.

Dies korrespondiert mit der Rolle des Beraters im systemischen Kontext, die von Schlippe und Schweitzer (2003) als die eines Experten für das Initiieren hilfreicher Prozesse beschrieben wird. Der Klient selbst ist der beste Experte für seine Situation.

In allen genannten Ansätzen ist Neugier (vgl. auch Empt & Schiepek, 1997) ein kenn­zeichnendes Berater - Merkmal: „Sie sind eher neugierig auf die (oft eigentümliche) Eigen - Logik ihrer Klientensysteme und versuchen deren Nützlichkeit für die Lebenspraxis ihrer Kli­enten wertzuschätzen.“ (von Schlippe & Schweitzer, 2003, S.52)

6.2 Rahmenbedingungen und Ablauf

Mit jedem Teilnehmer soll ein einführendes Telefonat geführt werden, in dem Fragen besprochen werden und bereits erste Interventionen stattfinden. Prior (2006) beschreibt die Anwendung von Suggestionen zum Seeding, die Erfolg suggerieren. In der psychologischen Forschung gilt das verwandte Phänomen des Primings, also der unbewussten Vorbereitung von Gedanken und Handlungen durch entsprechende verbale, auditive oder visuelle Reize, als gut untersucht (Bargh et al., 2001). Die Bezeichnung Seeding beschreibt das Säen von Sugge­stionen, mit deren Hilfe der Klient unbewusst eine entsprechende Haltung einnehmen kann (Erickson, Rossi & Rossi, 1978; Erickson & Rossi, 1981; 1991). Dementsprechend werden den Probanden beim telefonischen Erstkontakt Aufgaben bis zur ersten Sitzung gegeben, da­mit sie bereits gedanklich auf einen ressourcenorientierten Ansatz vorbereitet zum ersten Ter­min erscheinen (Prior, 2006). Dabei werden auch vergangene Misserfolge aus einer ressour­cenorientierten Sicht betrachtet. Dies bestätigend, zitiert Habicht (2002) Ergebnisse von Co­hen, die nahe legen, dass es sich beim langfristigen Rauchstopp um einen Prozess handelt, bei dem ein einmaliger Versuch nur ein schwacher Prädiktor für einen langfristigen Erfolg ist. Ferner wurde die Einwilligung jedes Probanden eingeholt, im Verlauf der Behandlung und im Nachhinein Fragebögen auszufüllen.

Das Konzept sieht in der Einzelbehandlung drei Sitzungen (Abb. 4) und im Gruppen­setting vier Termine (Abb.5) vor. Für jede Sitzung sind 90 – 120 Minuten und ein wöchent­licher Abstand vorgesehen.

Der Rauchstopp ist im Vorfeld der vorletzten Sitzung individuell vom Klienten mittels eines „Tages X“ festzulegen. Coelho (1985) folgend ist das Programm damit in eine Behand­lungsphase, in der dem Klienten das Aufhören erleichtert werden soll, und eine Aufrechter­haltungsphase unterteilt.

Ein Manual für den kompletten Ablauf des Programms ist in Anhang A dargestellt. Der standardisiert dargestellte Ablauf ist idealtypisch und kann in der Anwendung des Pro­gramms lediglich als Leitfaden verstanden werden, bei dem einzelne Interventionen in der Reihenfolge vertauscht oder ganz weggelassen werden. Dies ergibt sich aus dem Spagat zwi­schen der ericksonianischen Haltung der individualisierten Behandlung eines jeden Klienten und dem wissenschaftlichen Anspruch der Vergleichbarkeit durch standardisierte Durchfüh­rung (vgl. Erickson, 1967/1980).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Ablauf der Einzelsitzungen Abb. 5: Ablauf der Gruppensitzungen

Die Creative Imagination Scale (CIS, Wilson & Barber, 1978) ist das einzige Test-verfah­ren, welches gezielt im Programm als inhaltlicher Bestandteil eingesetzt wird, da dieser Test geeignet ist, dem Klienten eine erste Erfahrung mit Hypnose zu vermitteln. Die Integration weiterer psychologischer Testungen in den in Abbildung 4 und 5 dargestellten Ablauf findet sich in Kapitel 7.4.

In den folgenden Abschnitten werden die genutzten hypnotischen Methoden und Ent­spannungsverfahren, sowie verhaltenstherapeutische und motivationspsychologische Bestand­teile erläutert.

6.3 Hypnotische Interventionen

Für die Beschreibung der genutzten Methoden wird eine zweckmäßige Einteilung in die für den Klienten transparenten Interventionen und die indirekt eingebrachten Techniken gewählt.

6.3.1 Transparente Interventionen

Die hier beschriebenen Interventionen sind im Ablaufplan enthalten und werden den Klienten im Vorfeld erklärt und auf Wunsch im Nachhinein besprochen.

6.3.1.1 Ambivalenzarbeit

Schmidt (2004) beschreibt aus hypnosystemischer Sicht die Notwendigkeit, sowohl den Suchtteil, als auch den Lösungsteil zu würdigen, damit sich der Erlebnisteil des Suchtmit­tels nicht nach dessen scheinbarer Beseitigung als Untergrundorganisation wieder einschleicht und die Abstinenz unterminiert.

Daher wird die beim Rauchen dominante Hand des Klienten als die „Raucherhand“ definiert und folgerichtig die andere als die „Nichtraucherhand“. Dies impliziert bereits einen freien Teil und korrigiert das Ziel darauf, diese freie Hand dominant werden zu lassen (Freund, 2004). Dabei wird mit einer Katalepsie als Tranceinduktion gearbeitet (Ebell, 2004). Mittels verschachtelter Geschichten (die Texte sind dargestellt in Anhang A) werden indirekte Suggestionen zum Wechsel von der Raucher- zur Abstinenzseite gegeben. Der Ablauf der er­zählten Geschichten folgt der von Trenkle (2005) dargestellten Struktur A-B-A: Anfang der „Geschichte von der Steinpalme“ – Geschichte „Freier Wald“ – Ende der „Geschichte von der Steinpalme“ (erzählt nach Schweizer, 2003).

Eindrucksvoller Wirkmechanismus ist dabei die Ideomotorik. Während suggeriert wird, dass die Raucherhand immer schwerer wird, soll die Nichtraucherhand immer leichter werden und metaphorisch „die Oberhand gewinnen“. Als ideomotorisches Signal wird das un­willkürliche Zucken eines Fingers der Nichtraucherhand vereinbart, welches zeigt, dass das Unbewusste des Klienten, welches sich vormals für das Rauchen entschieden hatte, nun den Abstinenzwunsch mit vertritt (zur Wirkweise ideomotorischer Handlungen siehe auch Kunde 2004; Kunde, Kiese & Hoffmann, 2003; 2005).

Freund (2005) nennt dies die Stärkung des Körperwillens durch Zusammenführung von unbewussten und bewussten Willen, mit dem Rauchen aufzuhören. Auch Barber (1990) betont die Wichtigkeit, Ambivalenzen mit einzubeziehen, um den Widerstand des Klienten zu würdigen und ihm Raum zu geben.

6.3.1.2 Dehypnotisieren der Eigensuggestionen

Ziel dieser Intervention ist es, dem Klienten klar zu machen, mit welchen Eigensugge­stionen er selbst das Rauchverhalten bestärkt hat (O. Meiss, persönl. Mitteilung, 21.12.2004). Dafür wurde das Mittel einer Geschichte gewählt, bei der der Klient aufgefordert wird, die Welt aus den Augen eines Nichtrauchers zu betrachten. Ausgehend vom Gedanken, was ein Außerirdischer denken würde, wenn er von seiner rauchfreien Welt auf die Erde kommt (BZgA, 2005a), wird der Klient eingeladen, sich mit einem extraterrestrischen Forscher zu identifizieren, der das Rauchverhalten der Menschen beobachtet. Dabei werden verschiedene Szenarien geschildert, mit der anschließenden Frage, ob das jeweils Gehörte Spaß macht – ohne dabei eine Antwort zu geben. Ferner wird die Suggestion „Gewohnheiten sind Vorge­setzte, die man nicht sieht“ (Freund, 2005) mehrmals wiederholt.

Abgeschlossen wird diese Intervention von der Hausaufgabe, im Alltag selbst Situati­onen oder Werbebotschaften zu identifizieren, bei denen der außerirdische Forscher den Wahrheitsgehalt angezweifelt hätte. Dies ist aus systemischer Sicht ein Angebot, in einer an­deren Realität zu denken, nämlich die der Nichtraucher.

6.3.1.3 Sicherer Ort

Das Konzept des sicheren Ortes oder des „Wohlfühlortes“ wird in vielen hypnothera­peutischen Kontexten als Ressource genutzt (Schweizer, 2003). Der Klient soll sich dabei ei­nen Ort vorstellen, an dem er gern ist und zu dem er sich in bestimmten Situationen hin ima­ginieren kann. Dafür ist es nötig, diesen Ort zu identifizieren. In einem zweiten Schritt wird der Ort auf allen Sinneskanälen ausführlich vor dem inneren Auge beschrieben.

Zusätzlich soll sich der Klient selbst an diesem Ort sehen, als Nichtraucher ein Jahr in der Zukunft. Diese Nutzung der Zeitprogression bei angehenden Nichtrauchern beschreibt Martin (1991).

6.3.1.4 Ideomotorik und Abschiedsdrehbuch

In der letzten Sitzung ist der Abschied von der Zigarette als einem langjährigen Weg­begleiter (vgl. Schmidt, 2004; Freund, 2005) das übergeordnete Thema. Der Klient nimmt die Zigarette in der gewohnten Rauchhaltung in die Hand und geht über eine Fokussierung dieser Zigarette in einen Trance - Zustand. Dabei soll er ein individuelles Drehbuch (Trenkle, 2004) für seine persönlich optimale Abschiedsszene entwickelt. Der Berater gibt inhaltlich keine Vorgaben, leistet lediglich eine Steuerung des Prozesses. Durch den kataleptischen Zustand der Hand verliert der Klient dabei in diesem Verlauf die Zigarette. Die fallende Zigarette kann dann als Entscheidung des Unbewussten, freier Fall oder Signal für ein gültiges Ende utilisiert werden (Freund, 2005).

6.3.2 Indirekte Methoden

Diese indirekten Methoden (vgl. auch Erickson & Rossi, 1976) werden beiläufig je nach Situation eingesetzt, ohne dass der Klient davon erfährt. Damit kann ein neuer Gedanke eingeführt werden, der als Anstoß für weitere Überlegungen des Klienten dient.

6.3.2.1 „My Friend John Technik“

Erickson (1961b/1980) beschreibt diese Technik als das beiläufige Erzählen eines Er­lebnisses einer anderen Person. Dabei gehen Klienten leicht in Trance und identifizieren sich unbewusst mit dem Protagonisten der Erzählung, indem sie Parallelen zu ihrer eigenen Reali­tät ziehen. Es bleibt jedoch der Selbstorganisation des Individuums überlassen, welche Unterschiede das Gehörte in bestehende Strukturen einführt (vgl. Willke, 1993; von Schlippe & Schweizer, 2003; Schmidt, 2004)

Beim Programm Rauchstopp werden anonymisiert wahre Geschichten anderer Kli­enten erzählt, jeweils mit der Intention, das Nachdenken über andere Lösungsmöglichkeiten anzuregen oder Interventionen vorzubereiten. Dabei ist der Pool an verfügbaren Geschichten im Verlauf proportional zur Anzahl der Teilnehmer gewachsen.

Die Wirksamkeit einer solchen beiläufig erzählten Geschichte hängt davon ab, mit welchen Teilen der Erzählung sich der Klient identifiziert, bzw. ob er überhaupt eine Rele­vanz für sich erkennen kann. Denn auch hier gilt der von vielen Autoren beschriebene Grund­satz, dass der Empfänger die Botschaft macht (Berghaus, 2003, S.88f.; Schulz von Thun, 1981, S.45).

6.3.2.2 Therapeutische und motivierende Geschichten

Revenstorf et al. (2001) beschreiben die intendierte Wirkung einer therapeutischen Geschichte als die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu fesseln, dabei aber auch eine direkte oder indirekte Mitteilung zu geben. In Trance werden, wie oben erwähnt, therapeutische Ge­schichten eingefügt. Auch hier wird der Selbstorganisation des Individuums vertraut.

Den Klienten werden in der ersten Sitzung zwei Geschichten erzählt. Bei der ersten handelt es sich um eine Abwandlung der bei Watzlawick (2004, S. 27f.) zu findenden „Ge­schichte vom verlorenen Schlüssel“. Das Ziel dabei ist einerseits eine Verdeutlichung der Er­klärungen zur Definition von Hypnose, zum anderen aber auch ein Seeding für den weiteren Verlauf der Behandlung.

Die zweite Geschichte stammt von Peseschkian (1979) „Vom Mut eine Probe zu wa­gen“. Der Inhalt soll den Klienten ermutigen auch bei schwierigen Situationen das Ziel weiter anzusteuern.

6.3.2.3 Minimax - Interventionen

Prior (2002) hat eine Sammlung unscheinbarer Interventionen verfasst, die große Wir­kung entfalten. Es handelt sich dabei hauptsächlich um verbale Formulierungen, die beim Kli­enten eine neue Sicht hervorrufen können.

Dabei werden für das Programm Rauchstopp folgende Interventionen eingesetzt: Zur Umformulierung negativer Aussagen in positive Zielformulierungen wurde mit der Minimax-Intervention „…sondern“ nachgefragt (Beispiel zur Klientenäußerung: „Ich will auf der Ar­beit nicht mehr rauchen!“ „...sondern?“ „Ich will eher ...“). In einer weiteren Minimax - Tech­nik werden Aussagen, die in der Gegenwartsform getroffen werden, dahingehend umformu­liert, dass derselbe Satz begonnen wird mit: „In der Vergangenheit…“. Damit kann das Pro­blems zeitlichen als vergangen und die Lösung als Zukunft eingeordnet werden. Oftmals ge­nannte Generalisierungen (z.B. „Immer wenn ich Stress habe, rauche ich“) werden gemäß der Minimax - Intervention „Immer stimmt nie!“ zur Verdeutlichung der bereits bestehenden Ausnahmen, hinterfragt.

In ähnlicher Form nutzt Barber (1990) ebenfalls die Zeitformen, um zu suggerieren, dass das Rauchverhalten in die Vergangenheit einzuordnen ist, während die Zukunft anders gestaltet werden kann.

6.4 Selbsthypnose - Training

Selbsthypnose ist ein traditionelles Verfahren zur Aktivierung der eigenen Ressourcen. Bereits Schlunck (1950) schreibt dazu: „Zu solchen Heilungen brauchen wir keinen Wunder­doktor, denn in jedem von uns stehen Heilkräfte bereit, die wir nur wecken müssen…“ (S.6)

Es ist mittlerweile für viele Hypnosetherapeuten üblich, den Klienten in Selbsthypnose zu trainieren, um ihm eine neue Ressource beizubringen und die Dauer der Behandlung zu verkürzen, da der Klient selbst zu Hause weiterarbeiten kann (Trenkle, 2005). Anbar (2003) stellte fest, dass Selbsthypnose eine hilfreiche Fähigkeit für Patienten u.a mit Ängsten ist.

Watkins (1990) entwickelte ein Raucherentwöhnungsprogramm mit fünf Sitzungen, in denen Selbsthypnosetraining einen hohen Stellenwert hat. Die Erfolgquote liegt nach sechs Monaten bei 67%.

Im vorliegenden Programm sind Selbsthypnosetechniken als Rückfallprophylaxe ein­geplant. Daher werden in der vorletzten Sitzung eine CD (siehe Anhang F) sowie Anleitungspapiere (Anhang B) ausgegeben, um den Teilnehmern einen Einstieg in Ent-spannungs- und Selbsthypnoseverfah­ren zu geben. In der letzten Sitzung ist ein Besprechen der ersten Erfahrungen geplant. Die Selbsthypnoseübungen sind einschlägiger Literatur entnommen (Alman & Lambrou, 2004; Revenstorf & Zeyer, 2005).

6.5 Entspannungsmethoden

Alman und Lambrou (2004) empfehlen, einer Selbsthypnose - Übung eine Entspan­nungstechnik vorzuschalten. Daher wurden für die CD drei Entspannungstechniken aufge­nommen. Hierbei handelt es sich um die „Bewusstseinsprüfung“ nach Tausch (Tönnies, 2002, S. 22ff), sowie der Progressiven Relaxation (PR) in der weiter entwickelten Form von Ruuwe (Tönnies, 2002, S.82ff) und der passiven progressiven Muskelentspannung (nach Alman & Lambrou, 2002).

Die PR wirkt durch die gegensätzliche Erfahrung von Anspannung und Entspannung, die zentrale Vorstellungskomponente liegt in der muskulären Lockerung (Vaitl, 1993). Eine ausführliche Beschreibung der Methode findet sich bei Brenner (2002).

Einer Metaanalyse von Grawe et al. (1995) zufolge, gilt die PR als eine umfassend un­tersuchte Entspannungstechnik, die langfristig zu einer Verbesserung der jeweiligen Sym­ptome und vegetativen Stabilität führt.

Vaitl (1994) zeigt als Langzeiteffekt von Behandlungsansätzen mit Relaxationsmetho­den eine Blutdrucksenkung, wie es als Resultat pharmakologischer Behandlungen zu erwarten wäre und Hamm (1993) beschreibt die Wirksamkeit bei Spannungskopfschmerz bei Erwach­senen. Ohm (1992b) weist nach, dass die PR eine gute Eignung als Baustein in umfassenden Interventionsprogrammen hat. Um von diesen positiven Effekten langfristig zu profitieren, muss es dem Klienten je­doch gelingen, sie aus dem Lernumfeld in das reale Leben zu übertragen (Petermann & Vaitl, 1993; 1994).

6.6 Verhaltenstherapeutische Elemente

Ohm (1992a) weist darauf hin, dass sich zahlreiche Phänomene der Hypnotherapie per se in verhaltenstherapeutischen und lerntheoretischen Konstrukten erklären lassen. Eine wei­tere Verknüpfung zwischen der ehemals strikt behavioristisch ausgerichteten Verhaltensthera­pie und Beachtung des Innenlebens der Klienten, wie es u.a. die Hypnotherapie fokussiert, be­schreibt Mahoney (1978).

Bevor der Abschied von der Zigarette begangen wird, findet in Trance eine Übung statt, die dem Aufbau des Selbstwirksamkeitsgefühls dient. Bandura (1977) beschreibt mit di­rekten Erfahrungen, Modelllernen, verbalen Überzeugungen und emotionalen Empfindungen vier Quellen, aus denen sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit speist. Diese werden mittels verschiedener Techniken, wie Altersregression und –progression, in einer hypnotherapeu­tischen Einheit erkundet, wobei die hypnotische Anleitung wiederum in der Prozessführung, also dem Lenken des Aufmerksamkeitsfokus liegt. Auch Barber (1990) beschreibt eine Vari­ante, in Trance das Selbstwirksamkeitsgefühl bezogen auf die Abstinenz zu stärken.

Zur Rückfallprophylaxe erhalten die Klienten ein Informationsblatt mit 20 Tipps und Tricks, die in verhaltenstherapeutischer Tradition stehen (nach Schweizer, 2003).

6.7 Motivationspsychologische Einflüsse

In der ersten Sitzung bekommen die Teilnehmer Arbeitsblätter mit zwei Aufgaben zur Motivationssteigerung als Hausaufgabe ausgehändigt. Die erste Methode wurde von Oettingen et al. (2001, 2002) untersucht und dient der Bildung bindender Ziele (siehe Anhang B). Die Theorie be­sagt, dass eine Beschäftigung mit einem zukünftigen Ziel in dieser Art dissonante Kogniti­onen hervorruft, die bei gleichzeitiger Aktivierung dafür sorgen, dass man den benötigten Aufwand realistisch einschätzen kann.

Eine weitere Methode ist von Gollwitzer (1995, 1999) untersucht und fordert eine Pla­nung der Zukunft in einer „wenn…dann“ - Struktur. Situationen, in denen oftmals geraucht wurde, sollen so mit alternativen Strategien gefüllt werden. In der Hypnotherapie ist diese Methode unter dem Begriff der Posthypnotische Suggestionen bekannt (Erickson & Rossi, 1981), das Ergebnis als posthypnotisches Verhalten (Erickson & Erickson, 1941/1980). Stocksmeier (1984) nennt das Umfeld als wichtigste Rückfallgefahr, die damit in die Behandlung mit einbezogen werden soll. Die Verbindung relevanter Umweltreize mit hilfreichen Suggestionen bei hypnotherapeutischer Raucherentwöhnung beschreibt auch Garver (1990). Die positive Wirkung dieser mentalen Zukunftssimulationen gilt als empirisch gesichert (Taylor et al., 1998).

6.8 Weitere Elemente

In der ersten Sitzung werden die Teilnehmer aufgefordert, den angestrebten Zustand zu benennen. Es ist auffällig, dass in der deutschen Sprache keine komplementäre Bezeich­nung zu „Raucher“ existiert. Das systemische Verständnis zur Rolle der Sprache bei der Kon­struktion der Realität (von Schlippe & Schweitzer, 2003; Willke, 1993) legt nahe, dass nega­tiv konnotierte Ausdrücke wie „Nichtraucher“ eine Realität begünstigen, in der der Fokus stets auf dem zu vermeidenden Verhalten liegt. Auch Tönnies (2004, S.124) beschreibt den Mechanismus, mit der Aussage „ich rauche nicht mehr“ das Rauchverhalten ungewollt in den Vordergrund zu rücken. Wright (1990) nennt die Fokussierung auf positive Folgen eine der generellen Strategien, mit Gewohnheiten zu brechen, die dem Klienten teilweise auch ange­nehm sind.

Mit Hilfe der Minimax - Intervention „…sondern“ (Prior, 2002) soll der Klient eine positiv konnotierte Bezeichnung des Selbst und des angestrebten abstinenten Zustandes fin­den. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Für einen förderlichen Umgang mit Rückfällen wird die Technik des Reframings aus dem NLP genutzt (Bandler & Grinder, 2000). Wie auch Schmidt (2004) bestärkt, kann bei­spielsweise die Benennung des erneuten Griffs zur Zigarette als „Ehrenrunde eine kompetenzorientierte Definition von Prozessen sein, die bisher Rückfall genannt wurden…, indem der so genannte Rückfall als Lösungsversuch“ (S.365f.) anerkannt wird. Das Konzept des Reframings kann auch als die Arbeit mit einem „Inneren Team“ verstanden werden, was die Würdigung verschiedener Anteile in einer Person meint (Schulz von Thun, 1998)

Eine weitere dem NLP entstammende Technik wird nach Gerl (2004) als Swish - Mu­ster angewendet. Dabei imaginiert der Klient einen sicheren Ort in mehreren direkt aufeinan­der folgenden kurzen Trancen und ankert durch ein tiefes Ausatmen diesen angenehmen Ort, um ihn als Ressource zu festigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 184 Seiten

Details

Titel
Mehr Vielfalt durch Rauchstopp. Ein Konzept zur Raucher-Entwöhnung mittels Hypnose, Motivationspsychologie und Verhaltenstherapie
Hochschule
Universität Hamburg  (Psychologie / Gesundheitspsychologie)
Veranstaltung
Diplomarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
184
Katalognummer
V60323
ISBN (eBook)
9783638540285
Dateigröße
6224 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine Diplomarbeit in außergewöhnlichem Umfang: Neben einer Übersicht der gängigen Verfahren der Raucherentwöhnung wird eine Einführung in systemische Theorie und Hypnose gegeben, ehe daraus eine Konzeption der Raucherentwöhnung entwickelt wurde, die anschließend an 100 Personen evaluiert wurde, die sich in Einzelbehandlung, Gruppenbehandlung und Vergleichsbedingung aufteilen. Neben allen Handouts und Test ist auch ein umfangreiches Manual enthalten.
Schlagworte
Mehr, Vielfalt, Rauchstopp, Konzeption, Evaluation, Programms, Raucherentwöhnung, Elementen, Einflüssen, Diplomarbeit
Arbeit zitieren
Björn Riegel (Autor), 2006, Mehr Vielfalt durch Rauchstopp. Ein Konzept zur Raucher-Entwöhnung mittels Hypnose, Motivationspsychologie und Verhaltenstherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60323

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