„Eine Kurzgeschichte ist zwar im allgemeinen eine kurze Geschichte, aber nicht jede kurze Geschichte ist auch schon eine Kurzgeschichte“. In dieser simplen, aber durchaus treffenden Feststellung Helmut Prangs (1971), wird bereits auf die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung und der Abgrenzung gegenüber anderen Prosaformen hingewiesen. Die Fachwissenschaft bietet ein kaum überschaubares Spektrum von verwirrenden Theorien, um die Gattung der Kurzgeschichte mit ihren unzähligen Variationsmöglichkeiten greifbarer zu machen.
Ausgehend vom Begriff der Kurzgeschichte soll zunächst ein Einblick in die Theorie ihrer Entstehung gegeben werden, um daran anschließend fachwissenschaftliche Definitionsansätze zu erläutern. Hierbei wird zunächst das Augenmerk auf ältere Ansätze von 1900 bis zum Kriegsende gelegt. Danach werden modernere Konzeptionen in den Blickpunkt genommen.
Darüber hinaus beschäftigen sich die vorliegenden Ausführungen mit der zentralen Frage: Was macht eine (kurze) Geschichte denn eigentlich zur Kurzgeschichte? Es werden charakteristische Gattungsmerkmale aufgezeigt, anhand derer auch eine Abgrenzung zu anderen Kurzprosaformen vorgenommen werden kann. Schließlich soll nach einem kurzen Blick auf die historische Entwicklung, die Bedeutung der Kurzgeschichte für den Schulunterricht erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Wort und Begriff
III. Theorie der Kurzgeschichte
1. Entstehung
2. Vorbilder
3. Definitionsansätze
a) 1900-1945
b) ab 1945
IV. Die Kurzgeschichte
1. Grundbegriffe
2. Gattungsmerkmale
3. Verhältnis zu anderen Kurzprosagattungen
4. Historische Entwicklung
V. Die Kurzgeschichte im Schulunterricht
VI. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine fachwissenschaftliche Sachanalyse der Kurzgeschichte als literarische Gattung zu erstellen, um Lehrkräften eine fundierte Basis für die Gestaltung von Unterrichtskonzepten zu bieten. Dabei werden ausgehend von der Begriffsbestimmung und der theoretischen Entstehungsgeschichte die zentralen Merkmale der Gattung herausgearbeitet, um eine Abgrenzung zu anderen Kurzprosaformen zu ermöglichen.
- Begriffsbestimmung und Etymologie der Kurzgeschichte
- Theorien zur Entstehung und literaturhistorische Vorbilder
- Fachwissenschaftliche Definitionsansätze und Gattungsmerkmale
- Didaktische Möglichkeiten zur Vermittlung im Schulunterricht
Auszug aus dem Buch
3.Definitionsansätze
Bartels ist 1897 der erste Theoretiker, der den Versuch wagt, die Kurzgeschichte als unabhängige Kunstform zu definieren. Seines Erachtens liegt der Schwerpunkt auf dem Geschehen bzw. dem eigentümlichen Schicksal der Figuren. Die Kürze zwingt den Autor, sich auf das Notwendigste zu beschränken und nur den Kern des Geschehens wiederzugeben, wobei die Gefahr ins Oberflächliche, Nüchterne oder Trockene abzudriften allgegenwärtig sei.
M. Hoffmann (1903) hingegen stützt sich bei seinen Ausführungen auf E.A. Poes Philosophy of Composition. Hier scheint wichtig, dass aufgrund der vorgegebenen Kürze ein sorgfältiger Aufbau nötig ist, um eine nachhaltige Wirkung beim Leser hervorzurufen. „Da muß die Idee neu oder eigenartig, der Stil packend, die Darstellung interessant, die Beobachtung scharf sein, das Ganze muß mit künstlerischem Sinn entworfen und fein ziselisiert sein. […] Denn sie hat nichts weiter um dadurch wirken zu können.“ Poe bezeichnete dies als „unity of effect” bzw. „unity of impression”.
In den folgenden Jahrzehnten gelingt es nicht, zu einer präzisen Definition der Kurzgeschichte zu gelangen. Sei es der Versuch eine Eingliederung in die deutsche Anekdoten-Theorie vorzunehmen oder Martin Rockenbachs (1926) missverständliches Schlagwort vom „ 5-Minuten-Roman“. Keinem Theoretiker gelingt es wirklich, die Konturen der Kurzgeschichte klar zu umreißen. Erst Felix Langer (1930) scheint das Phänomen Kurzgeschichte theoretisch greifbar machen zu können. Besondere Beachtung schenkt er hierbei der offenen Form, dem Ausschnittscharakter und einer Wirkung, die durch Unverschlossenheit und qualitativ verstandene Kürze erzielt wird. Zudem stellt er eine dreiteilige Handlungsstruktur fest: ein alltägliches Ereignis, das sich mit einem Zufall verbindet, entwickelt sich zu einem spezifisch besonderen Fall, der dadurch zum erzählenswerten Geschehen wird. Er differenziert weiterhin zwischen der künstlerisch-anspruchsvollen Variante und der feuilletonistischen Kurzgeschichte, deren Pointe, definiert als „verblüffende Konklusion aus scheinbar unkomplizierten Prämissen“, nur als „Stimulans für Schnelleser“, als Ergebnis statt als „psychologischer Wegweiser“ fungiert.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Begriffsbestimmung der Kurzgeschichte ein und definiert das Ziel der Arbeit, eine theoretische Grundlage für den Unterricht zu schaffen.
II. Wort und Begriff: Dieses Kapitel beleuchtet die etymologische Herkunft des Terminus Kurzgeschichte als Lehnübersetzung des englischen Begriffs short story und dessen Bedeutungswandel.
III. Theorie der Kurzgeschichte: Hier werden Entstehungsfaktoren, internationale Vorbilder sowie verschiedene wissenschaftliche Definitionsansätze vor und nach 1945 detailliert analysiert.
IV. Die Kurzgeschichte: Das Kapitel erläutert die wesentlichen Grundbegriffe, spezifischen Gattungsmerkmale, das Abgrenzungsverhältnis zu verwandten Prosaformen sowie die historische Entwicklung der Gattung.
V. Die Kurzgeschichte im Schulunterricht: Dieser Abschnitt erörtert die Eignung der Kurzgeschichte für den Deutschunterricht der 10. Klasse und benennt didaktische Zielsetzungen.
VI. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Komplexität der Gattung zusammen und mahnt zu einer reflektierten, qualitätsorientierten Auswahl von Texten im Unterricht.
Schlüsselwörter
Kurzgeschichte, Short Story, Literarische Gattung, Didaktik, Erzähltechnik, Pointierung, Fokussierung, In medias res, Schicksalsbruch, Klaus Doderer, Schulunterricht, Epik, Prosa, Kurzprosa, Literaturtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Gattung der Kurzgeschichte, ihrer theoretischen Einordnung sowie ihrer praktischen Bedeutung für den Deutschunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Fokus stehen die Entstehungsgeschichte, der Bedeutungswandel des Begriffs, die formalen Gattungsmerkmale und die didaktische Anwendung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine fundierte Sachanalyse, die Lehrkräften als theoretisches Fundament zur Erarbeitung moderner Unterrichtskonzepte dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse und Zusammenführung bestehender Forschungsergebnisse und Definitionen (u.a. Doderer, Höllerer, Gelfert) vorgenommen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Analyse von Gattungsmerkmalen wie Fokussierung und Pointierung sowie eine historisch-chronologische Einordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kurzgeschichte, Erzähltechnik, Didaktik, Gattungsmerkmale und die Abgrenzung zu anderen Kurzprosagattungen geprägt.
Welche Rolle spielt die „Fokussierung“ bei der Analyse?
Die Fokussierung wird als moderne Erzähltechnik behandelt, die gegenüber der klassischen Pointierung die Situationsgeschichte prägt und den Leser stärker in den Deutungsprozess einbezieht.
Warum wird die Eignung für den Schulunterricht der 10. Klasse hervorgehoben?
Aufgrund ihrer Dichte, Übersichtlichkeit und der motivierenden, zeitgemäßen Thematik ist sie besonders geeignet, um Schüler zu eigenständigem Interpretieren und Reflektieren anzuregen.
Wie bewertet die Autorin die historische Entwicklung?
Die Autorin zeichnet die Entwicklung von den ersten skizzenhaften Anfängen über die Politisierung im NS-Regime bis hin zur Blütephase der Trümmerliteratur nach 1945 und der heutigen Vielfalt nach.
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- Daniela Götzfried (Author), 2004, Die Gattung Kurzgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60358