Unterweltsfahrten Orpheus - Eneas - Christus - Faustus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Motivation

2 Mythos – Mythologie – Unterweltsfahrten: Ein Zusammenhang

3 Unterweltmodelle
3.1 Hades – Orcus : Das Antike Unterweltmodell
3.2 Scheol – Gehenna – Hölle: Das christliche Unterweltmodell Exkurs: Die Unterwelt Dantes

4 Unterweltsfahrten
4.1 Orpheus
4.2 Eneas
4.3 Christus
4.4 Faustus

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Motivation

Die Frage, was nach dem Tod auf den Menschen zukommt, beschäftigt alle Kulturen seit jeher. Die Ungewissheit darüber verlangte nach Erklärungen und Aussichten um dem Tod den Schrecken zu nehmen und mit ihm umgehen zu können. Für die Griechen, Römer, Juden und Christen stand außer Frage, dass ein Reich nach dem Tod existiert und die Seelen der Verstorbenen aufnimmt. Die Unterwelt gilt dabei immer als heiß, als Reich von Asche und Staub[1], Dunkelheit und Qualen. Die Welt der Toten ist den Lebenden verschlossen und nie ist jemand aus ihr zurückgekehrt. Mythen, die sich um das Thema Unterweltsfahrt drehen, entstammen dem Wunsch des Menschen, etwas über dieses geheimnisvolle Reich in Erfahrung zu bringen. Doch nur Halbgöttern oder besonders begnadeten Menschen ist eine solche Reise vorbehalten und so bestehen sie stellvertretend für eine ganze Glaubensgemeinschaft das gefahrvolle Unternehmen. Sie durchbrechen das Gesetz des Todes und geben ihren Mitmenschen Kunde von ihren Erlebnissen im dunklen Reich. Die Unterweltsfahrt ist eines der Motive, die bar jedes realen Anhalts lediglich aus dem Wunschdenken der Menschen geschaffen wurde.[2]

Diese Arbeit will sich dem Mythos der Unterweltsfahrt nähern und Licht auf den dunklen Weg der Helden dieser Mythen werfen. Dies erfolgt nicht ohne vorher den Zusammenhang zwischen Mythos, Mythologie und Unterweltsfahrten herzustellen. Dem folgt zunächst ein Überblick über den Aufbau der antiken und christlichen Unterwelt, wobei genauer auf die Genese der christlichen Unterwelt eingegangen wird, da dieses Thema ein recht problematisches ist. Wenn die topographischen Gegebenheiten geklärt sind, begeben wir uns gemeinsam mit Orpheus, Eneas, Christus und Faustus auf den Weg in die Unterwelt und können danach Vergleiche bezüglich der Vorgehensweise anstellen. Ein abschließendes Fazit wird die Reise beenden.

2 Mythos – Mythologie – Unterweltsfahrten: Ein Zusammenhang

Die Frage, welche Bedeutung Unterweltsfahrten in der Mythologie haben, was sie mit dem Begriff Mythos verbindet, ist nicht einfach zu beantworten. Ein Mythos ist nicht einfach nur eine Erzählung oder Sage, wie es uns der denotative Inhalt des griechischen Wortes vermitteln will. In ihnen verdichten sich symbolisch Urerlebnisse zu religiöser Weltdeutung und erzählen dabei dennoch immer eine Geschichte.[3] In der Mythologie werden diese Urerlebnisse, wird diese alte überlieferte Stoffmasse über Götter und göttliche Wesen, Heroenkämpfe und Unterweltsfahrten bewegt. Der Mythos ist etwas Bewegliches, Stoffliches und Verwandlungsfähiges. Ein Fluss mythologischer Bilder strömt aus ihm hervor. Aber die Mythologie ist keine bloße Ausdrucksweise, für die man auch eine einfachere Form der Gestaltung hätte finden können.[4] Sie war, resp. ist gelebte Tradition, war, resp. ist für jenes Volk Ausdrucks-, Denk- und Lebensform. Einige Dinge sind durch nichts besser zu ersetzen als durch die Bildhaftigkeit eines Mythos. „Die Mythologie erkläre sich selbst und alles in der Welt, nicht, weil sie zur Erklärung erfunden, sondern weil sie auch diese Eigenschaft besitzt, erklärend zu sein.“[5] Vielleicht ist das tatsächlich die eigentliche Aufgabe eines Mythos: Dinge erklären. Dinge erklären, die ohne, dass sie in ein Bild, in eine Geschichte gekleidet werden, für den Menschen nicht oder nur schwer zu fassen sind. Obwohl gerade die antiken Mythen oft wie abenteuerliche Märchen zu lesen sind, deren Fantasmen kaum rational nachvollziehbar sind, stecken hinter ihnen Wünsche, Ängste und Bedürfnisse der Menschen. Dieser Zusammenhang wird gerade bei den Mythen zu Unterweltsfahrten deutlich. Die Unterwelt und damit die Zeit nach dem irdischen Ableben ist ein Bereich, in den der Mensch keinerlei Einblick haben kann, dies aber unbedingt möchte. Die Ungewissheit über den Zustand nach dem Tode lässt ihn Figuren an seiner Statt diese Reise machen.

Gleichzeitig begründen Mythen, sie antworten auf die Frage woher? Die Mythologie behandelt daher keine bloßen Ursachen, sondern, wie bereits erwähnt, Urstoffe oder Urzustände, die nie veralten, nie überwunden werden, sondern alles immer nur aus sich hervorgehen lassen. Sie bildet den Grund der Welt, auf dem alles beruht.[6] So beruht die christliche Idee von der Erlösung des Todes und der Aufhebung des letzten Tabus, der absoluten Gottesferne im Tode, auf der Unterweltsfahrt Christi - ein Mythos als Grundlage einer Erlösungsvorstellung.

Grundzug jeder Mythologie ist das Zurückgehen auf Ursprung und Urzeit.[7] Das naheliegendste Beispiel hierfür ist abermals die Hadesfahrt Christi. Er scheint direkt in die Vorzeit der Menschheit „zurückzureisen“, begibt er sich doch zu den Vätern des Alten Bundes und zieht allen voran Urvater Adam aus den Tiefen des Unterweltgefängnisses, begegnet also der ursprünglichsten Figur der Bibel überhaupt.

Auch in den in dieser Arbeit zu betrachtenden antiken Unterweltsfahrten stößt man auf Ursprüngliches innerhalb der Erzählungen. Allein mit Bezeichnungen scheint auf die Entstehung der Welt verwiesen zu werden. Das Reich des Todes heißt hier wie sein Beherrscher: Hades. Die Art und Weise, wie er zu seinem Reich kam, war dem antiken Menschen geläufig. Bei der Aufteilung der Welt unter ihm und seinen Brüdern fiel ihm das Unterweltreich zu. Rezipiert ein antiker Mensch eine solche Mythe, ist für ihn immer auch die Ursprungsidee der Welt präsent.

Was hat nun aber eine Unterweltsfahrt mit einem Mythos zu tun? Es wurde gesagt, dass ein Mythos etwas Ursprüngliches sei und sich mit der Frage nach dem Woher beschäftigt. Ist das Reich des Todes aber nicht eher mit der Frage nach einem Wohin verbunden und fragt nach den letzten Dingen und nicht nach den ersten? Diese Einwände scheinen berechtigt. Sie lassen sich aber durch die Vorstellung zurückweisen, dass mit dem Tod nicht alles endgültig endet und zwangsläufig in einem endlosen Unterweltaufenthalt mündet, sondern dass der Kreislauf des Lebens sich schließt und die Seele an ihren Ursprungsort zurückkehrt. So kehrt die christliche Seele dank der unendlichen Güte Gottes[8] nach dem Tode zu seinem Schöpfer zurück und somit nicht nur zu ihrem eigenen Ursprung, sondern zum Ursprung der Existenz überhaupt.

Auch der Mythos der Unterweltsfahrt ist in diesem Zusammenhang als Erklärungsversuch zu betrachten, der den Menschen ein Stück weit Angst nehmen und Hoffnung geben soll. Sicherlich ist der Weg zum Seelenheil in den im Folgenden beschriebenen Unterweltmodellen nicht immer einfach und die Vorstellungen, was bei einem Scheitern passiert, eher entmutigend; einen Anreiz zu einem guten irdischen Leben geben sie aber sicherlich.

3 Unterweltmodelle

Die Vorstellung einer Unterwelt als Reich des Todes und der Toten lässt sich in den meisten Religionen, Mythen und Sagen finden. Die Kelten hatten ebenso ihre Vorstellungen vom Jenseits wie die Griechen und Christen. Doch wie sah die Unterwelt der Antike und des Christentums nun genau aus? Wertvolle Quellen liefern uns Homer, Vergil, Dante und alte jüdische Schriften. Im folgenden Kapitel sollen das antike und das christliche Unterweltmodell gegenübergestellt werden und besonders die Ursprünge und die Entwicklung des christlichen Modells dargestellt werden.

3.1 Hades – Orcus : Das Antike Unterweltmodell

Ob nun Unterwelt, Hades oder Orcus – gemeint ist immer das Reich des Hades, das Reich des Todes. Hades ist hierbei sowohl der Name des Gottes als auch des Reiches, das von ihm regiert wird. Er erhielt sein Reich durch das Losverfahren bei der Aufteilung des Universums unter ihm und seinen Brüdern Zeus und Poseidon. Das Reich des Hades war gefürchtet. Von diesem Ort gab es keine Wiederkehr und auch ein Hoffen auf Erlösung gab es nicht. Über die ankommenden Seelen wurde gerichtet und sie wurden entsprechend ihren Taten im irdischen Leben entweder zur ewigen Bestrafung in den Tartarus, der von einem Feuerstrom und dreifachen Mauern umgeben war,[9] geschickt oder zur Belohnung auf die Insel der Seligen.[10] Nach Homer liegt der Tartarus unter dem Hades und ist das Gefängnis der Titanen, aus dem niemand wiederkehrt. Zeus droht den Unsterblichen, sie dorthin zu schicken.[11] War man erst einmal in die „elysischen Gefilde, am Ende der Welt, wo der blonde Rhadamanthes herrscht, dort, wo das Leben der Menschen am leichtesten ist, kein Schnee, keine kalten Winter und kein Regen, wo der linde Zephir über die Asphodeloswiese streicht“[12] eingegangen, hatte die verstorbene Seele keine Sorgen mehr.

Die Richter waren der kretische Held Rhadamanthes, für seine Gerechtigkeit und Weisheit bekannt, und sein Bruder Minos. Hier ging es bei den Qualen aber nicht um die Bestrafung moralischer Verfehlungen, sondern eher um Zeus` eigene Abrechnung.[13] Die Unterscheidung zwischen Hades und Tartaros zeigt bereits den Beginn der Differenzierung zwischen den Bestraften, die man später in der christlichen Unterteilung in Fegefeuer als obere Hölle und dem Reich Satans als untere Hölle wieder finden wird.[14]

Homer berichtet uns, wo der Eingang zum Hades zu finden sei, nämlich am Westende der Welt, hinter dem Fluss Okeanos, der die Erde umgab.[15] Jahrhunderte lang wendeten sich die Blicke bei dem Stichwort Hölle gen Sizilien und Italien, denn Vulkane, Sümpfe und ungastliche Landschaften schienen der geeignete Rahmen für die Vorstellung der Hölle zu sein.[16] Wie in Unterweltsvorstellungen üblich, war auch der Hades ein düsterer Ort, zu dem kein Licht drang und dementsprechend auch Pflanzen keine Chance zum Leben hatten.[17] Später setzte sich die Vorstellung durch, dass der Hades tief unter der Erde läge, von verschiedenen finsteren, schluchtartigen Orten aus erreichbar.[18] Der Hades bildete auch die Mündung für einige Flüsse. Sie setzen ihren Lauf unterirdisch fort, so wie der Archeron, der Fluss des Leidens. Ein weiterer Fluss, der Styx, wandte sich neunmal um den Hades. Er ist nach der Nymphe Styx benannt, die von dem Titanen Pallas geliebt wurde. Trotz ihrer Verbundenheit zu Pallas unterstützte sie die Götter im Kampf gegen die Titanen und wurde dafür geehrt.[19] Styx und Archeron umflossen den Hades. Sie waren nur mit dem Fährmann Charon überquerbar, der die Toten übersetzte.[20] Sein Nachen schleppte sich durch die Schlammfluten des Unterweltflusses. Charon ist sehr schmutzig, ein dichter, weißer, ungepflegter Bart hängt von seinem Kinn herab. Er ist ein kräftiger Mann, in dessen starren Augen Flammen lodern. Eine Mitfahrt gewährt er nur denen, die auf Erden bestattet wurden. Der zerlumpte Greis ist das Urbild späterer Darstellungen des Todes.[21] Auf der anderen Seite angekommen, wartete der Höllenhund Cerberus auf die Seelen und bewachte den Zugang zum Reich der wesenlosen Schatten, den unbestattete oder eines unnatürlichen Todes Gestorbene erst nach hundert Jahren des Umherirrens finden können.[22]

Trotz der oben genannten Hürden, die den Eingang in den Hades schwierig gestalten, kommt es zu relativ häufigen Besuchen in der Unterwelt, manche holen sogar Freunde und Verwandte zurück.[23] Das Motiv der Niederfahrt zur Hölle, das im späteren Christentum wieder auftaucht, war in der griechischen Antike sehr geläufig,[24] weshalb es sinnvoll ist, vor der Darstellung des christlichen Unterweltmodells das antike zu beschreiben.

3.2 Scheol – Gehenna – Hölle: Das christliche Unterweltmodell

Die Angaben zur christlichen Unterwelt sind recht dünn. Die meisten Informationen zu Topografie und Beschaffenheit des Reichs des Todes erhalten wir aus alten jüdischen Quellen, Apokryphen und einigen Apokalypsen. Auch wissen wir nicht, ob Jesus etwas in seinem Leben über die Hölle gelehrt hat. Im frühen Christentum des 1. Jahrhunderts ist in den Glaubensbekenntnissen nicht einmal die Rede von einer Hölle. Eine erste Erwähnung erfährt die Hölle 359 n. Chr. bei Marcus Arethusa. Eine Hölle der Qualen scheint es bis dahin in der Vorstellung der Christen noch nicht zu geben. Vielmehr entsteht der Eindruck, es handele sich um ein Äquivalent zum jüdischen Scheol.[25] Das hebräische Wort šeol für Unterwelt oder Totenreich hat in vielen Wendungen die gleiche Bedeutung wie die Worte für Grab, Grube, Erde oder Staub. Daher ergibt sich der Zusammenhang zwischen den Bedeutungen „In das Totenreich hinabsteigen“ und „ins Grab kommen“.[26] Auch das Wort Hölle, urgermanisch * haljó zur indogermanischen Wurzel * kel ´verbergen` bedeutet eigentlich „Raum in der Erde“ und meinte erst das Sippengrab, dann das Totenreich.[27]

[...]


[1] Vgl. Ions, Veronica, 1997, S.116.

[2] Vgl. Frenzel, Elisabeth, 1999, S. 713f.

[3] Vgl. Lexikon des Mittelalters, 2002, Band VI, S. 993.

[4] Vgl. Jung/Kerényi, 1999, S. 14f.

[5] Vgl. Ebd. S. 16.

[6] Vgl. Ebd. S. 18.

[7] Vgl. Ebd. S. 19.

[8] Bei dieser Aussage wird auf die moderne Theologie zurückgegriffen, die ewige Verdammnis als nicht vereinbar mit der Güte Gottes erachtet.

[9] Vgl. Frenzel, Elisabeth, 1999, S. 716.

[10] Vgl. Ions, Veronica, 1997, S. 128.

[11] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 32.

[12] Homer, 4. Gesang, 563 – 569 in: Minois, Georges, 1994, S. 31.

[13] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 30.

[14] Vgl. Ebd. S. 32.

[15] Vgl. Ions, Veronica, 1997, S. 128.

[16] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 68.

[17] Vgl. Ions, Veronica, 1997, S. 128.

[18] Vgl. Frenzel, Elisabeth, 1999, S. 716.

[19] Vgl. Ions, Veronica, 1997, S.128.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 68f.

[22] Vgl. Frenzel, Elisabeth, 1999, S. 716.

[23] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 30.

[24] Vgl. LeGoff, Jaques, 1984, S. 33.

[25] Vgl. Minois, Georges, 1994, S. 90f.

[26] Vgl. Barth, Christoph in: von Balthasar, Hans Urs, 1982, S. 77.

[27] TRE, 1986, Band 15, S. 445.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Unterweltsfahrten Orpheus - Eneas - Christus - Faustus
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Mythos im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V60522
ISBN (eBook)
9783638541817
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterweltsfahrten, Orpheus, Eneas, Christus, Faustus, Seminar, Mythos, Mittelalter
Arbeit zitieren
Claudia Thieler (Autor), 2005, Unterweltsfahrten Orpheus - Eneas - Christus - Faustus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60522

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