[...] Unter dem Vorsitz des luxemburgischen Premierministers Pierre Werner wurde ein Stufenplan „Wernerplan“ entwickelt, der innerhalb von zehn Jahren zu einer Europäischen Währungsunion führen sollte. Doch aufgrund zu divergierender politischer Ansichten innerhalb Europas, der Ölkrise und des Zusammenbruchs des Bretton Woods Systems scheiterte das Vorhaben. Dennoch bildete der Wernerplan eine wichtige Basis für die heutige EWWU, vor allem was die stufenweise Verwirklichung betrifft. 1989 begannen, im Auftrag des Europäischen Rates, unter dem Vorsitz des damaligen französischen EG-Kommissionspräsidenten Jacques Delors erneut Beratungen über eine EWWU, die schließlich erfolgreich 1992 im Vertrag von Maastricht verankert wurden.
Die Maastrichter Beschlüsse sind das Ergebnis eines, aufgrund vieler unterschiedlicher Motivationen und Ziele der Europäischen Staaten, hartumkämpften und langandauernden Verhandlungsprozesses der Staats- und Regierungschefs der EG-Mitgliedstaaten gewesen. Die Staats- und Regierungschefs mussten den gesamten Prozess festlegen, halbe Schritte hätten bei diesem Vorhaben, bei dem die nationale Kompetenz der Geldpolitik auf die Gemeinschaft übertragen wird, das Projekt jederzeit kippen können. Vor allem die deutschen und französischen Verhandlungspositionen gingen oft weit auseinander. Bonn stellte eine autonome Zentralbank mit dem Ziel der Wahrung der Preisstabilität, die Vermeidung übermäßiger Haushaltsdefizite sowie einen Ablauf der EWU, der von der Erfüllung der Konvergenzkriterien abhängig war, in den Mittelpunkt. Hingegen drängte Paris auf einen genau festgelegten Terminplan, der eine frühe monetäre Institutionalisierung forderte. Ferner sollte die EZB von einer starken Wirtschaftsregierung politisch kontrolliert werden. In der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden inwieweit Deutschland und Frankreich ihre Positionen durchsetzten konnten. Die Arbeit gibt zunächst einen Überblick über die Gründe sowie Kosten und Nutzen einer gemeinsamen Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Anschließend werden die unterschiedlichen Motivationen Deutschlands und Frankreichs für die WWU aufgezeigt. Bestandteil des zweiten Teils dieser Arbeit werden die Verhandlungen zur EWU sowie deren Ergebnisse, im Rahmen der Regierungskonferenzen von 1990-1991, sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wozu eine gemeinsame Europäische WWU?
2.1 Die ökonomische Situation in Europa Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre
2.2 Die Kosten und Nutzen einer europäischen Währungsunion
2.2.1 politische Notwendigkeit
2.2.2 ökonomischen Kosten und Nutzen
2.2.3 Die WWU- ein Zwilling?
3 Die Positionen Deutschlands und Frankreichs
3.1 Der Fall der Berliner Mauer und die Folgen für die EWU
3.2 Geopolitische Interessen und Ideologie
3.3 Ökonomische Interessen
3.4 Die deutsche Bundesbank und die Banque de Franc
3.5 Die nationalen Kompromisse
4 Die Regierungskonferenz über die Wirtschafts- und Währungsunion
4.6 Der Delors-Bericht
4.1 Organisation und Arbeitsweise der Regierungskonferenz
4.2 Zentrale Problembereiche
4.2.1 Haushaltsdisziplin und Konvergenz
4.2.2 Die Ausgestaltung der zweiten Stufe
4.2.3 Die Ausgestaltung der dritten Stufe
4.2.4 Kohäsion und Finanztransfers
4.2.5 Die Europäische Zentralbank
4.2.6 Die Äußere Währungspolitik
5 Die Verhandlungsergebnisse
5.1 Der Vertrag über die Europäische Union
5.1.1 Haushaltsdisziplin und Konvergenz
5.1.2 Die Ausgestaltung der zweiten Stufe
5.1.3 Die Ausgestaltung der dritten Stufe
5.1.4 Kohäsion und Finanztransfers
5.1.5 Die Europäische Zentralbank
5.1.6 Die Äußere Währungspolitik
6 Fazit: Frankreich verliert das Spiel-Deutschland macht die Agenda
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den komplexen Verhandlungsprozess zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) unter besonderer Berücksichtigung der unterschiedlichen Interessenlagen von Deutschland und Frankreich. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, inwieweit die beiden Akteure ihre jeweiligen Positionen bei der Ausgestaltung der Union durchsetzen konnten und wie der Kompromiss zur Einheitswährung zustande kam.
- Die ökonomischen und politischen Motivationen hinter der EWWU.
- Die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auf den Integrationsprozess.
- Die Rolle der deutschen Bundesbank versus die Interessen Frankreichs.
- Die Organisation und die zentralen Problembereiche der Regierungskonferenzen 1990-1991.
- Die Analyse der Verhandlungsergebnisse und die Umsetzung des Vertrags von Maastricht.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Fall der Berliner Mauer und die Folgen für die EWU
Mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 entstand plötzlich eine völlig neue Herausforderung an die europäische Währungsunion.
Die deutsche Bundesregierung, die stetig den Währungsprozess vorantrieb zeigte sich nun reservierter. Deutschland versuchte die Verhandlungen zur europäischen Währungsunion hinauszuzögern. Bundeskanzler Kohl stützte sich dabei vor allem auf das Argument, dass zunächst institutionelle Reformen, wie die Stärkung des europäischen Parlaments, notwendig sein.
Insbesondere Frankreich zeigte sich entsetzt über diesen Vorschlag und machte Deutschland den Vorwurf, dass die Einigung wichtiger sei, als die monetäre Union Europas. Auch der deutsche Außenminister Genscher wollte einen baldigen Beginn der Verhandlungen, da er die Angst der Partnerländer bemerkte, dass Deutschland das Interesse an der Integration verloren habe.13
Die Situation zwischen Frankreich und Deutschland spitze sich weiter zu, als der französische Präsident Mitterrand darauf drängte, dass noch lange zwei deutsche Staaten bestehen würden sowie die polnische Regierung in der Frage der deutsch-polnischen Grenze unterstützte. Aber durch eine Zusicherung von Bundeskanzler Kohl, nach den Wahlen in der DDR im März 1990, eine rasche Einigung zu erzielen sowie nach einigen deutsch-französischen Treffen beruhigte sich die Lage und man ging von den Diskussionen über die Integration der DDR in die EG zügig zu den Modalitäten über. Die deutsch-deutsche Einigung verlief nun parallel zu der europäischen Währungsunion.14
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Entwicklung der europäischen Währungsbestrebungen, vom Werner-Plan bis hin zu den Verhandlungen unter Jacques Delors, und stellt die unterschiedlichen deutschen und französischen Positionen dar.
2 Wozu eine gemeinsame Europäische WWU?: Dieses Kapitel beleuchtet die ökonomische Ausgangslage in Europa um 1990 sowie die politischen und wirtschaftlichen Gründe, die für eine Währungsunion sprachen.
3 Die Positionen Deutschlands und Frankreichs: Hier werden die divergierenden Interessen beider Staaten analysiert, insbesondere im Kontext der deutschen Wiedervereinigung und der Rolle der jeweiligen Notenbanken.
4 Die Regierungskonferenz über die Wirtschafts- und Währungsunion: Das Kapitel beschreibt den organisatorischen Ablauf der Regierungskonferenzen und behandelt zentrale Verhandlungsthemen wie Haushaltsdisziplin, Stufenmodelle und die EZB.
5 Die Verhandlungsergebnisse: Eine detaillierte Übersicht der im Vertrag von Maastricht festgelegten Regelungen, inklusive der Konvergenzkriterien und der Struktur des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB).
6 Fazit: Frankreich verliert das Spiel-Deutschland macht die Agenda: Das Fazit bewertet die Verhandlungsergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass die EWWU maßgeblich von deutschen Stabilitätsvorstellungen geprägt wurde.
Schlüsselwörter
Europäische Währungsunion, EWWU, Deutschland, Frankreich, Maastricht-Vertrag, Konvergenzkriterien, Europäische Zentralbank, Bundesbank, Währungsintegration, Haushaltsdisziplin, Preisstabilität, Regierungskonferenz, Deutsche Wiedervereinigung, Geldpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den politischen Verhandlungsprozess, der zur Einführung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) und dem Vertrag von Maastricht führte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Interessenkonflikt zwischen Deutschland und Frankreich, die ökonomischen Rahmenbedingungen der 90er Jahre und die institutionelle Ausgestaltung der Union.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die unterschiedlichen nationalen Positionen in den Verhandlungen aufeinanderprallten und welche Seite sich in welchen Punkten durchsetzen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse auf Basis von Fachliteratur, Berichten und Dokumenten zum europäischen Integrationsprozess.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die ökonomischen Voraussetzungen, die nationalen Positionen beider Staaten, der Ablauf der Regierungskonferenzen sowie die konkreten Verhandlungsergebnisse detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Maastricht-Vertrag, EWWU, Konvergenzkriterien, Europäische Zentralbank, Stabilitätspolitik, Integration und nationale Interessen.
Welche Rolle spielte die deutsche Wiedervereinigung für die Verhandlungen?
Die Wiedervereinigung wirkte als Beschleunigungsfaktor für die Verhandlungen, da Deutschland sein Interesse an der europäischen Integration unter Beweis stellen musste, um Befürchtungen der Partnerländer zu zerstreuen.
Warum wird im Fazit behauptet, dass Frankreich das "Spiel" verlor?
Obwohl Frankreich eine starke politische Kontrolle der EZB forderte, setzten sich letztlich deutsche Vorstellungen eines autonomen, auf Preisstabilität ausgerichteten Systems durch.
- Quote paper
- Sarah Stolle (Author), 2005, Die Verhandlungen zur Europäischen Währungsunion am Beispiel Deutschland und Frankreich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60546