Die Biographie hat in den letzten Jahrzehnten eine wahre Konjunktur erlebt. Allerdings wurde noch immer keine einheitlich anerkannte theoretische Grundlage bzw. eine allgemein gültige Definition gefunden. Dies erschwert zum einen den Umgang mit Biographien. Zum anderen wurde die Biographik im wissenschaftlichen Diskurs lange Zeit vernachlässigt, so dass es im theoretischen und praktischen Teil viel aufzuarbeiten gibt.
Im ersten Teil der Arbeit werden einige theoretische Aspekte der Biographie beleuchtet. Dazu gehören ein Definitionsversuch, ein Vergleich der traditionellen und der modernen Biographik und zuletzt eine Darstellung der Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute.
Im zweiten Abschnitt wird versucht diese Entwicklung und die damit einhergehenden Veränderungen am Beispiel von drei Mozartbiographen aufzuzeigen. Die ausgewählten Biographien sind aus den Jahren 1798 (Franz Xaver Niemetschek "Leben des K.K. Kapellmeisters Wolfgang Gottlieb Mozart"), 1856-1859 (Otto Jahn "W. A. Mozart") und 2003 (Dirk Böttger "Wolfgang Amadeus Mozart").
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Versuch einer Definition der Gattung Biographie
3. Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute
3.1. Überblick: Traditionelle vs. Moderne Biographik
3.2. Biographien im 18. Jahrhundert
3.3. Biographien im 19. Jahrhundert
3.4. Biographien im 20. Jahrhundert
4. Die Entwicklung der Biographie am Beispiel der drei Mozartbiographien
4.1. Niemetscheks „Leben des K.K. Kapellmeisters Wolfgang Gottlieb Mozart“ im ausgehenden 18. Jahrhundert
4.2. Die Mozartbiographie von Otto Jahn im 19. Jahrhundert
4.3. Die Mozartbiographie von Dirk Böttger im 20. Jahrhundert
5. Zusammenfassung
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Seminararbeit ist es, die Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart anhand von drei exemplarischen Mozart-Biographien zu untersuchen und dabei aufzuzeigen, wie sich die biographische Darstellung über verschiedene Epochen hinweg gewandelt hat.
- Grundlagen und Definitionsproblematik der Gattung Biographie
- Gegenüberstellung von traditioneller und moderner Biographik
- Analyse der Mozart-Biographie von Franz Xaver Niemetschek (18. Jh.)
- Untersuchung der Mozart-Biographie von Otto Jahn (19. Jh.)
- Betrachtung der Mozart-Biographie von Dirk Böttger (20. Jh.)
- Vergleichende Zusammenfassung der methodischen Ansätze
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Mozartbiographie von Otto Jahn im 19. Jahrhundert
In der Widmung zu Beginn des ersten Teiles bekennt Otto Jahn „Sie wissen, lieber Freund, wie diese Biographie entstanden ist und allmählich zu dem Umfange herangewachsen ist, vor dem ich jetzt selbst erschrecke.“ (S. VIII). Dies ist angesichts der insgesamt 2626 Seiten dieser Biographie verständlich. Allein das gesamte, sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis umfasst 18 Seiten. Dies erklärt sich meines Erachtens aus dem Anlass für die Biographie. O. Jahn ist der Meinung, dass man um Beethoven zu verstehen, Mozart kennen muss. Für den Autor sind also Begleitumstände und äußere Einflüsse sehr wichtig. Und genau dies lässt er auch in vierbändige Mozartbiographie einfließen, in der sämtliche Begebenheiten, die auch nur ansatzweise in Berührung mit Mozart oder seinem Umfeld gekommen sind, genannt werden und in der Regel wird auch ihre Stellung und Wirkung beschrieben.
Es handelt sich um eine chronologisch geordnete Biographie, die in der Gliederung sehr stark auf die verschiedenen Reiseziele und Aufenthalstorte Mozarts mit den dazugehörigen Jahreszahlen konzentriert ist (z. B. 2. Buch: Italien und Salzburg (1769-1777); 3. Buch: Mannheim, Paris, München (1777-1781)). Allerdings gibt es immer wieder Abhandlungen, die sich auf ein bestimmtes Thema beziehen und dabei schon Details offenbaren, auf die dann an späterer Stelle zurückverwiesen wird bzw. es wird auf Vorfälle, die schon beschrieben wurden, zur Verdeutlichung eines Charakterzuges oder einer Eigenschaft hingewiesen (z. B. bei der Beschreibung des väterlichen Einflusses auf Mozarts Entwicklung zu Beginn des zweiten Teiles, S. 3 ff.).
Des weiteren tritt Jahn als allmächtiger und allwissender Erzähler auf und gibt Kommentare ab und leitet die direkte Rede seiner Figuren ein. In diesem Falle besteht die direkte Rede fast vollständig aus Briefpassagen (z. B. III, S. S. 9 „»Ich gehe« schreibt er (24. März 1781) ...“). Diese werden aber in Dialogform in den Text eingefügt, so dass beim Leser das Gefühl entsteht, dass die Figuren ein Gespräch miteinander führen. Jahn leitet häufig nur von einer Briefpassage in die nächste über.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Kurze Einführung in die aktuelle Konjunktur der Biographie sowie die Vorstellung der drei für die Untersuchung ausgewählten Mozart-Biographien.
2. Versuch einer Definition der Gattung Biographie: Erläuterung der Schwierigkeit, eine allgemein gültige Definition für die Biographik zu finden, da sie sich zwischen Wissenschaft und Dichtung bewegt.
3. Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute: Detaillierter Überblick über die historische Entwicklung der Gattung von der traditionellen Heldenbiographie bis hin zu modernen Ansätzen.
4. Die Entwicklung der Biographie am Beispiel der drei Mozartbiographien: Untersuchung der spezifischen biographischen Ansätze von Niemetschek, Jahn und Böttger hinsichtlich Quellenarbeit, Erzählstil und Zielsetzung.
5. Zusammenfassung: Synthese der vorangegangenen Analysen und Aufzeigen der methodischen Unterschiede der Autoren anhand konkreter Beispiele.
6. Ausblick: Überlegungen zur Vielfalt der Biographieformen und die Notwendigkeit, eine einheitliche Definition zugunsten einer differenzierten Betrachtungsweise aufzugeben.
Schlüsselwörter
Biographie, Biographik, Mozart, Niemetschek, Otto Jahn, Dirk Böttger, Gattungsgeschichte, Literaturwissenschaft, historische Entwicklung, Individuation, Quellenauswertung, Erzählstil, Lebensgeschichte, Sozialgeschichte, Individualbiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung der biographischen Gattung und untersucht, wie sich die Art und Weise, das Leben einer historischen Persönlichkeit – hier Wolfgang Amadeus Mozart – darzustellen, über die Jahrhunderte gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definitionsproblematik der Biographie, die Unterscheidung zwischen traditioneller und moderner Biographik sowie der Einfluss des Zeitgeistes auf den biographischen Schreibstil.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Wandel der Biographik anhand von drei spezifischen Mozart-Biographien aus unterschiedlichen Jahrhunderten exemplarisch aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse der drei ausgewählten Primärquellen angewendet, wobei die strukturellen, inhaltlichen und erzählerischen Strategien der jeweiligen Biographen untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Biographik und die konkrete Analyse der Werke von Niemetschek, Jahn und Böttger.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Biographik, Gattungsgeschichte, Mozart, historische Kontextualisierung und Erzählstrategien geprägt.
Warum ist das Werk von Otto Jahn besonders umfangreich?
Das Werk von Otto Jahn ist mit über 2600 Seiten deshalb so umfangreich, weil der Autor ein möglichst lückenloses Bild anstrebte und sämtliche Begleitumstände und Einflüsse einbezog, um Mozart im Kontext seiner Zeit vollumfänglich zu verstehen.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Dirk Böttger?
Dirk Böttger bezeichnet sein Werk bewusst als „Portrait“. Er arbeitet mit einem modernen, datenlastigen Stil und nutzt viele visuelle Zusätze und farblich hinterlegte Kästen, um den Text für den Leser aufzulockern und die wissenschaftliche Argumentation zu unterstützen.
Welche Rolle spielen Anekdoten bei Niemetschek?
Niemetschek verwendet Anekdoten vorrangig im ersten Kapitel, um Mozarts Charakterzüge zu verdeutlichen und den Leser emotional anzusprechen, erhebt dabei aber einen Wahrheitsanspruch, der wissenschaftlich kaum haltbar ist.
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- Katja Schulz (Author), 2006, Entwicklung der Biographik vom 18. Jh. bis heute am Beispiel ausgewählter Mozartbiographien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60611