Das Thema „Erzählen“ ist ein kleiner Kobold: zunächst ist es mit einer positiven Konnotation verbunden, ohne dies genau erklären zu können und der Versuch das Thema einzufangen wird schwierig. ( die Erzähler wie die Kobolde sind ja auch so frei) „Erzählen“ fällt zwar in den Bereich der mündlichen Kommunikation, geht aber nicht darin auf. Ebenso bringt es ein Gliederungsproblem mit sich, was auch mit der genannten Freiheit zu tun hat, da Erzählungen als Form sprachlicher Kommunikation in ihren Spielarten, Gestaltungen, Funktionen etc. so unterschiedlich sein können. Die Fragen, die sich mir zum Thema Erzählen stellten, zielen auch nicht hauptsächlich auf eine Bestimmung, Einordnung ab. Die Arbeit soll vielmehr die Tätigkeit des Erzählens in den Mittelpunkt stellen. Was hat es damit auf sich? Warum erzählen wir so oft und so leidenschaftlich von uns? Wie lernen Kinder das „Erzählen“ und was gehört alles zu dieser Fähigkeit dazu? Kinder sind versessen auf Geschichte und melden zurück, wie gut sie diese gebrauchen können. Was entgeht also Kindern, die keine Geschichten erzählt bekommen? Macht es einen Unterschied, ob wir, Kinder, Jugendliche im Alltag oder in der Schule erzählen bzw. wie soll in der Schule erzählt werden. Noch ist die Frage offen: gibt es überhaupt eine linguistische Erzählforschung und wenn, beantwortet diese die Fragen? Beim Versuch, die Arbeit zu gliedern, wurde der Kobold „Erzählen“ in Schubladen gesteckt, was zur Folge hat, dass er aus einer anderen plötzlich wieder herausschaut. Angesichts der Komplexität des Themas wird die Leserin, der Leser sich nicht zu sehr stören, manches wiederholt zu lesen.
Inhaltsverzeichnis
1 Definitionen- Was ist Erzählen?
2 Zu den Begriffen
2.1 Das Verhältnis von Geschehen, Geschichte und Erzählung
2.2 Mündliches und schriftliches Erzählen
2.3 Erzählen und Berichten
2.4 Erzählen in der Schule und Erzählen im Alltag
2.5 Monologisches und dialogisches Erzählen
3 Funktionen und Motive von Erzählungen
4 Die Struktur von Erzählungen
5 Der Erzähl-Erwerb
6 Die Erzählfähigkeit
7 Fazit und didaktischer Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Erzählens aus sprachwissenschaftlicher Perspektive, mit besonderem Fokus auf die mündliche Kommunikation und deren Stellenwert im schulischen Kontext sowie im Alltag. Dabei soll ergründet werden, wie sich Erzählfähigkeit entwickelt, welche strukturellen Merkmale Erzählungen auszeichnen und wie Lehrkräfte das mündliche Erzählen gezielt fördern können, ohne dessen spontanen Charakter zu zerstören.
- Sprachwissenschaftliche Grundlagen und Definitionen des Erzählens
- Unterschiede zwischen mündlichem und schriftlichem Erzählen
- Strukturmodelle und narrative Schemata von Alltagserzählungen
- Einfluss der Erzählsituation auf die Erzählproduktion
- Didaktische Ansätze zur Förderung der Erzählkompetenz in der Schule
Auszug aus dem Buch
2.2 Mündliches und schriftliches Erzählen
Als erstes soll der Unterschied von mündlicher und schriftlicher Erzählung heraus gearbeitet werden. Im Alltag wird mündlich erzählt, in der Schule und in der Literatur überwiegend schriftlich.
Wenn wir im Alltag jemand eine gute Erzählerin, einen guten Erzähler, nennen, dann loben wir damit für gewöhnlich ihre, seine Kunstfertigkeit im mündlichen Erzählen. Und nur zum Teil meinen wir damit Dinge, die auch die gute schriftliche Erzählung auszeichnen, den treffenden Ausdruck etwa oder die Fähigkeit, Spannung zu erzeugen. Es gibt, so sagt Anna Fuchs, „ ein Arsenal von Kunsttechniken, die speziell an die mündliche Äußerung gebunden sind: gestische und mimische Darstellung, intonatorische Effekte aller Art zur Unterstreichung und Nachahmung (...)“
Zum „wirklich gekonnten Erzählen“ gehöre oft gerade „die Sparsamkeit im Einsatz vor allem der rein verbalen Mittel“ und schon Kinder wüßten „die Kunst der Andeutung zu schätzen“.
Ähnlich eine Beobachtung von Jochen Rehbein: In mündlichen Erzählungen wird zur Einführung der wörtlichen Rede fast nur das Verb sagen verwendet, zumeist übrigens im Präsens.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Definitionen- Was ist Erzählen?: Dieses Kapitel beleuchtet unterschiedliche theoretische Sichtweisen auf das Erzählen und dessen anthropologische Bedeutung für den Erfahrungsaustausch.
2 Zu den Begriffen: Hier werden zentrale Unterscheidungen zwischen Begriffen wie Geschehen, Geschichte und Erzählung sowie zwischen verschiedenen Erzählformen (mündlich/schriftlich, Alltag/Schule, monologisch/dialogisch) getroffen.
3 Funktionen und Motive von Erzählungen: Das Kapitel erörtert die kommunikativen und interaktiven Funktionen von Erzählungen, wie z.B. psychische Entlastung, Selbstdarstellung oder soziale Beziehungsstiftung.
4 Die Struktur von Erzählungen: Hier werden verschiedene Strukturmodelle und narrative Schemata vorgestellt, die helfen, den formalen Aufbau von Alltagserzählungen zu analysieren.
5 Der Erzähl-Erwerb: Dieses Kapitel behandelt die Entwicklung der Erzählfähigkeit bei Kindern und untersucht, wie sich die Fähigkeit, Geschichten zu strukturieren, über verschiedene Entwicklungsstufen hinweg ausbildet.
6 Die Erzählfähigkeit: Hier wird der Begriff der Erzählfähigkeit kritisch hinterfragt und in einem Modell mit drei Ebenen (Interaktion, Sachverhalte, Sprache) systematisiert.
7 Fazit und didaktischer Ausblick: Das Fazit fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und leitet daraus didaktische Konsequenzen für die Förderung des Erzählens im Deutschunterricht ab.
Schlüsselwörter
Erzählen, mündliche Kommunikation, Erzählfähigkeit, Erzähl-Erwerb, narrative Struktur, Alltagserzählung, Sprachwissenschaft, Erzählsituation, Erzähldidaktik, Deutschunterricht, Erzählschema, Interaktion, Erlebniserzählung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des Erzählens als sprachliche Tätigkeit und untersucht sowohl die theoretischen Grundlagen der Erzählforschung als auch deren Relevanz für den schulischen Unterricht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Begriffsdefinitionen, die Funktionen und Motive von Erzählungen, strukturelle Analysemodelle sowie der Erwerb der Erzählfähigkeit bei Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die komplexe Tätigkeit des mündlichen Erzählens zu schaffen, um daraus fundierte didaktische Hinweise für den Deutschunterricht abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse, in der verschiedene sprachwissenschaftliche und didaktische Positionen zum Thema Erzählen zusammengeführt und kritisch diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Untersuchung von Funktionen und Strukturen von Erzählungen sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Erwerb und der Förderung von Erzählfähigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Erzählen, mündliche Kommunikation, Erzählfähigkeit, Erzählschema, Sprachförderung und Erzähldidaktik.
Warum wird die schulische Fixierung auf die Erlebniserzählung kritisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass das normative Strukturmodell der Erlebniserzählung in der Schule die Kreativität einschränkt und die Vielfalt natürlicher, spontaner Erzählformen unterdrückt.
Welche Rolle spielt die Erzählsituation für die Struktur?
Die Erzählsituation wird als Variable verstanden, die maßgeblich bestimmt, wie eine Geschichte erzählt wird, wobei der Inhalt oft als Konstante fungiert.
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- Andrea Heinecke (Author), 2004, "Erzähl´mal" - Das Erzählen aus sprachwissenschaftlicher Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60616