Kinder mit Migrationshintergrund und der Übergang in die Sekundarstufe


Hausarbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I: Einleitung

II: Kinder mit Migrationshintergrund und der Übergang in die Sekundarstufe
1. Die Suche nach Arbeitern und die Manifestierung deren Kinder im deutschen Bildungssystem
2. Die Selektionsprozesse am Abschluss der 4.Jahrgangsstufe und die aktuellen Datensätze
3. Erklärungsansätze zur Bildungsungleichheit von Migrantenkindern am Übergang zur Sekundarstufe I
3.1 Mögliche Erklärungen in Abhängigkeit zu individuellen Merkmalen von Migranten
3.2 Mögliche Erklärungen in Abhängigkeit zu kontextuellen Merkmalen in Deutschland
4. Diskussion möglicher Lösungswege gegen den Bildungsmißerfolg von Migrantenkindern am ersten Bildungsübergang

III. Eine vielschichtige Perspektive zur Lösung von Bildungsungleichheiten

I: Einleitung

Seit den 50er Jahren ist Deutschland ein Einwanderungsland. Bis heute steigt die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund stetig an. Doch als „(...) Deutschland in den 1950er Jahren damit begann, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben, ging man davon aus, dass sie „Gastarbeiter seien, die sich als solche nur vorübergehend in Deutschland aufhalten (...) würden (...)“ (Diefenbach, S.225). Wie aber Max Frisch bereits schon sagte: „Wir riefen Gastarbeiter, es kamen Menschen”. Menschen, mit eigenen Bedürfnissen, mit ihrer eigenen Sprache, mit ihrer eigenen Geschichte und natürlich auch mit ihrer Familie. Deswegen ist die Fragestellung nach dem Status der Kinder mit Migrationshintergrund (oder Migrantenkinder) im deutschen Bildungssystem sehr aktuell und rückt durch die ansteigende Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund immer mehr in den Blickpunkt. Auch die deutsche PISA-2000-E-Studie geht von der Feststellung aus, dass heute "die multi-ethnisch zusammengesetzte Klasse (...) an vielen Schulen die Regel" sei (IS 3). In der vorliegenden Arbeit soll speziell der Sachverhalt des Übergangs von der Grundschule in die Sekundarstufe von Kindern mit Migrationshintergrund betrachtet werden. Da es allerdings, wie bereits erwähnt, um Menschen geht, und damit das Thema aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann und muss, ist es schwer, alle möglichen und nötigen Sachverhalte auszuführen, um dem Thema gerecht zu werden. Denn „[d]ie Kinder von Migrantinnen und Migranten sind keine homogene Gruppe. Aus diesem Grund sind differenzierte Lösungsansätze gefragt und keine Lösungen ‚von der Stange’, forder(...)n fast alle Expertinnen und Experten einhellig“ (IS 2). Weiterhin ist zu sagen, dass eine Fokussierung des ersten Bildungsübergangs sinnvoll erscheint, denn diese Entscheidung legt die Weichen für den weiteren Bildungsweg des Kindes und ist daher maßgeblich entscheidend für die Zukunftsperspektive des Kindes. Nach der Betrachtung der historischen Gegebenheiten zur Migration in Deutschland folgen einige aktuelle bildungsstatistische Daten in Bezug auf Migrantenkinder. Anschließend sollen die allgemeinen Nachteile und die bestehenden ethnischen Unterschiede am ersten Bildungsübergang beleuchtet werden. Der nächste Punkt soll ausführen, welche Erklärungen dieser Bildungsungleichheiten von Migrantenkindern zu deutschen Kindern möglich sind und auch welche Abhängigkeiten zu bestimmten Faktoren bestehen können. Die vorliegende Arbeit soll also versuchen, einen Überblick über die bisherigen soziologischen Untersuchungen und Erklärungen zu dem Thema zu geben. Abschließend sollen knapp mögliche Lösungsvorschläge diskutiert werden, wobei insbesondere Bezug zu den Diskussionsthemen des Seminars genommen werden soll.

II: Kinder mit Migrationshintergrund und der Übergang in die Sekundarstufe

1. Die Suche nach Arbeitern und die Manifestierung deren Kinder im deutschen Bildungssystem

Wie bereits oben erwähnt, ging man in den 1950er Jahren nicht davon aus, dass die Gastarbeiter, die man angeworben hatte, auf längere Sicht in Deutschland bleiben würden. Demzufolge war das Thema auf bildungspolitischer Ebene auch eher ein „randständiges Thema“ (Diefenbach, 2004, S.225) und wurde bis in die 1970er Jahre auch so behandelt. Mittlerweile ist das Thema der Bildungsbeteiligung und des Bildungserfolges von ausländischen Schülern im deutschen Bildungssystem durch den enormen Anstieg der Migrantenzahlen und damit auch durch den Anstieg der Schülerzahlen mit Migrationshintergrund aktueller denn je. Durch bestimmte politische Entwicklungen hat „(...) sich die Zahl der ausländischen Schüler zwischen 1965 und 1975 verzehnfacht“ (Diefenbach, 2004, S. 226). Der Anstieg der Schüler mit Migrationshintergrund an allgemeinbildenden Schulen von cirka 50.000 in den 1960er Jahren auf 950.490 Schüler, mit Migrationshintergrund, im Schuljahr 2000/2001, erscheint enorm. „Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und deshalb in der amtlichen Bildungsstatistik nicht identifizierbar sind“ (Diefenbach, 2004, S.227). (vgl. Diefenbach, 2004)

Die größte Gruppe, unter den Schülern mit Migrationshintergrund, nämlich 40,3%, besitzen die türkische Staatsangehörigkeit oder sind türkischer Abstammung, gefolgt von italienischen Schülern, die 10,4 % der Migrantenkinder ausmachen. Serbien, Montenegro und Kroatien machen zusammen 9% der ausländischen Schüler in Deutschland, aus wobei die Schüler aus der russischen Föderation nur 2,4 % der Migrantenkinder darstellen. (vgl. IS 11)

2. Die Selektionsprozesse am Abschluss der 4.Jahrgangsstufe und die aktuellen Datensätze

Das „europäische Schulsystem [teilt sich] am Ende der vierten Jahrgangsstufe in verschiedene Zweige auf, die entweder unmittelbar auf das Erwerbsleben vorbereiten, in berufliche Bildungsanstalten oder berufliche Lehrgänge nach hergebrachter Art führen oder auf akademische Studien vorbereiten“ (Franz Hess/Fitz Latscha/Willi Schneider, 1966; S.30). Durch die Entscheidung in Bezug auf die weitere schulische Laufbahn des Schülers werden sehr früh die Weichen gelegt für die weitere berufliche Entwicklung des Kindes. Hier ist also der zeitliche Knackpunkt, der möglicherweise auch über das Ausmaß und über Bildungsungleichheiten entscheidet (Vgl. Becker/Lauterbach, 2004). Demzufolge kann man annehmen, dass sich die Nachteile, die für Migrantenkinder in Deutschland bestehen, vor allem während des ersten Bildungsübergangs realisieren. Zum Schulsystem in Deutschland grundsätzlich gilt, dass die allgemein bildenden Schulen, die Sekundarstufe I, auf die Grundschulen aufbauen. In den meisten Bundesländern unterteilen sich die allgemein bildenden Schulen in verschiedene Arten von Schulen mit verschiedenen Abschlussmöglichkeiten. In der vorliegenden Arbeit sollen hierbei die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasiums betrachtet werden, obwohl es mittlerweile, in vereinzelten Bundesländern eine weitaus größere Anzahl von Schularten gibt. Ein weiterer Aspekt ist, dass „[di]e Aufnahme in eine weiterführende Schule (…) in der Regel auf der Grundlage einer Empfehlung der Grundschule [erfolgt], die allgemeine Angaben zur Entwicklung des Kindes in der Grundschule enthält und mit einer Gesamtbeurteilung über die Eignung für den Besuch weiterführender Schulen abschließt“ (IS 10). (vgl. IS 10)

Dazu werden die Noten aus dem Fach Deutsch und aus dem Fach Mathematik zu einer Durchschnittsnote zusammengefasst und gelten als das entscheidende Kriterium für den Übergang in die Sekundarstufe. (vgl. Kristen, 2002)

Nachdem die grundlegenden Strukturen des deutschen Bildungssystems zum ersten Bildungsübergang geklärt sind, sollen einige Ergebnisse zu Untersuchungen von verschiedenen Autoren präsentiert werden.

Die folgenden statistischen Daten, die „einige deskriptive Ergebnisse zur Plazierung der verschiedenen Migrantengruppen am ersten Bildungsübergang präsentier[en]“ (Kristen, S.541) sind aus dem Aufsatz von Kristen (2002) entnommen. Der Datensatz bezieht sich auf Informationen zu 3354 Schülern der vierten Klasse aus sechs verschiedenen Grundschulen in Baden-Württemberg, von denen 1228 Kinder einen Migrationshintergrund haben. (vgl. Kristen, 2000)

In Bezug auf die Schulwahl nach der Grundschule ist zu sagen, dass Migrantenkinder häufiger auf die Hauptschule wechseln als deutsche Kinder (fast 60% der Migrantenkinder und ungefähr 35% der deutschen Kinder). Dementsprechend wechseln auch weniger Migrantenkinder anschließend auf das Gymnasium als deutsche Kinder (18,2 % der Migrantenkinder und 34,5% der deutschen Kinder). Allerdings ist hier festzuhalten, „dass die ethische Zugehörigkeit nur dann eine Rolle spielt, wenn es um die Frage des Hauptschulbesuchs geht. Wenn dagegen klar ist, dass das Kind auf eine der beiden höheren Schulformen wechseln kann (...) dann verbleiben keine signifikanten ethnischen Unterschiede“ (Kristen 2002, S. 549). Zusammenfassend kann man sagen, dass deutsche Kinder eine zwanzigfach höhere Chance haben, eine höhere Schulform zu besuchen als Migrantenkinder. (vgl. Kristen, 2002)

Auch ist zu erwähnen, dass Migrantenkinder viel häufiger ohne Hauptschulabschluss Ihre Schullaufbahn „beenden“ als deutsche Kinder. Der prozentuale Anteil von deutschen Kindern, die einen Hauptschulabschluss erlangen ist gleich dem prozentualen Anteil der Migrantenkinder, die keinen erlangen können. (vgl. Diefenbach, 2004)

Nach Kristen sind Kontexteigenschaften wie die Zusammensetzung der Schüler in einer Klasse von Bedeutung für die Übergangswahl, demnach für die Entscheidung zwischen Hauptschule oder einer höheren Schulform. Primär ist festzuhalten, dass mit sinkendem Leistungsdurchschnitt der Klasse, also bei der Zusammensetzung von Schülern mit geringem Leistungsniveau auch die Übergangsrate in eine höhere Schulform sinkt. Zudem wurde festgestellt, dass sich, mit steigender Konzentration der Migrantenkinder in der Klasse, die Übergangsrate stark reduziert. Allein bei Steigerung des Migrantenanteils um 10% reduziert sich die Chance auf einen Übergang auf eine höhere Schule um 80%. Die ethnische Zusammensetzung einer Schulklasse aber auch der Migrantenanteil in der Schule stellen also eine bedeutsame Größe am ersten Bildungsübergang dar. Je höher die Konzentration der Migrantenkinder, desto ungünstiger sind die Konsequenzen in Bezug auf die Platzierung der Schüler am ersten Bildungsübergang.(vgl. Kristen, 2002)

Auch bestehen zwischen den verschiedenen Nationalitäten große Unterschiede.Vor allem türkische und italienische Schüler sind in den höheren Schulformen unterrepräsentiert. 75,3 % der türkischen Schüler und 81,7 % der italienischen Schüler besuchen später eine Hauptschule. Nur 60% der jugoslawischen Kinder besuchen anschließend eine Hauptschule. Im Gegensatz zu türkischen und italienischen Kindern ist das ein deutlich besseres Ergebnis. Auf höhere Schulformen verteilen sich jedoch Aussiedlerkinder am häufigsten. Nur 37,9% besuchen nach der Grundschule die Hauptschule. (vgl. Kristen 2002)

Für diejenigen Kinder, die nicht aus einem typischen Gastarbeiter-Land stammen, deren Eltern also nicht in den 1950er Jahren angeworben worden sind, bestehen deutlich bessere Chancen im Vergleich zu anderen Nationalitäten im deutschen Bildungssystem. Insbesondere Japaner, Franzosen, Griechen und US-Amerikaner haben häufig eigene Schulen und weisen daher einen ähnlichen Prozentsatz der Gymnasiasten auf wie deutsche Schüler. (vgl. Nauk 1994)

Die Betrachtung der Schulnoten ist gerade für das Fach Deutsch sehr interessant, da dieses Fach zusätzlich mit dem Fach Mathematik (wie oben bereits dargestellt worden ist) entscheidend für die Grundschulempfehlung und damit auch für den Übergang in die Sekundarstufe ist. Zusammenfassend kann man also festhalten, dass Schulnoten die zentralen Determinanten beim Übergang in die Sekundarstufe darstellen. Die Noten aus dem Fach Mathematik sollen allerdings auch vergleichend zu den Noten im Fach Deutsch betrachtet werden. Die ethnische Herkunft als Einflussgröße scheint, nach Kontrolle der Schulnoten, zwar unbedeutend zu sein, es lassen sich allerdings auch nach der Kontrolle noch einige Herkunftseffekte erkennen. Das bedeutet, dass nach der Kontrolle der Schulnoten die bereits dargestellten Differenzen zwischen den Nationalitäten bestehen bleiben. Gerade bei türkischen und italienischen Kindern bleiben große Unterschiede zu deutschen Kindern erhalten. Desweiteren wird deutlich, dass die Note oder die Leistungen im Fach Deutsch, auch nach der Kontrolle der Schulnoten, die einzige- und damit die Schlüsselrolle beim Übergang in die Sekundarstufe spielt. Zudem kristalliert sich bei der Betrachtung der Ergebnisse heraus, dass deutsche Kinder keine nennenswerten Notenunterschiede zwischen den beiden Fächern haben. Dagegen bekommen Migrantenkinder deutlich schlechtere Noten in Deutsch als in Mathematik. (vgl. Kristen, 2002)

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kinder mit Migrationshintergrund und der Übergang in die Sekundarstufe
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Hauptseminar Buildungssoziolgie
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V60631
ISBN (eBook)
9783638542586
ISBN (Buch)
9783638792721
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
10 Internetadressen
Schlagworte
Kinder, Migrationshintergrund, Sekundarstufe, Hauptseminar, Buildungssoziolgie
Arbeit zitieren
Sirin Tektas (Autor), 2006, Kinder mit Migrationshintergrund und der Übergang in die Sekundarstufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60631

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