Platons Phaidon - Der erste Unsterblichkeitsbeweis


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung

2 Der 1. Unsterblichkeitsbeweis der Seele (70d - 72e)

3 Kritische Würdigung des 1. Unsterblichkeitbeweises der Seele

4 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Versicherung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

Of all the famous men who ever lived, the one I would most like to have been was Sokrates. Not just because he was a great thinker […] No, the great appeal for me of this wisest of all Greeks was his courage in the face of death. Woody Allen, Complete Prose, S. 335

Obwohl sich die Platon Interpreten uneins über die Hauptthematik des Phaidon sind[1], ist eines der zentralen Themen des Dialoges die ‚Unsterblichkeit der Seele’. Der zuvor zum Tode verurteilte Sokrates wird an seinem letzten Tag von mehreren Freunden sowie Fremde, darunter auch Kebes und Simmias, besucht. Kebes und Simmias sind Anhänger des Pythagoreismus[2] und die Hauptdialogpartner von Sokrates im Phaidon.

Wider Erwarten scheint Sokrates trotz seines bevorstehenden Todes glücklich: „[...] Glücklich nämlich erschien mir der Mann [Sokrates], Echekrates, in seinem Verhalten und in seinen Worten, und so furchtlos und edel starb er [...].“[3]

Der Ausspruch von Sokrates: „Das also, Kebes, sage Euenos, und er solle wohl leben und, wenn er vernünftig sei, mir nachfolgen,“[4] führt zum ersten Widerspruch des Simmias und führt zu der von Sokrates aufgestellten These, dass Philosophie betreiben nichts anderes heißt als zu sterben bzw. tot zu sein.[5] Der Tod wird als Trennung der Seele vom Körper gesehen: „Und das sei das Tot-Sein, wenn der Körper , getrennt von der Seele, abgesondert ganz für sich ist [...].“[6] Da der Körper die Seele bei der Wahrheitsfindung (der Philosophie) stört und verwirrt, sollte ein ‚echter’ Philosoph die Trennung vom Körper und der Seele i.e. das Tot-Sein anstreben.[7] Falls nun das o.g. stimmt, d.h. Philosophie Tot-Sein bedeutet wäre es dann nicht wie Sokrates fragt: „[...] äußerst widersinnig, wenn ein solcher [i.e. ein Philosoph] den Tod fürchted ?“[8]

Obwohl Kebes und Simmias dem o.g. theoretisch beipflichten, befürchtet Kebes doch, dass die Homerische Auffassung der Seele als Lebenshauch stimmt[9], und diese beim Tod „[...] wie ein Lufthauch oder Rauch, nicht auch zerstoben ist und verflogen und nichts und nirgends mehr ist.“[10]

Nach diesem Einwand von Kebes folgt der erste von insgesamt vier Beweisen für die Unsterblichkeit der Seele. Der 1. Unsterblichkeitsbeweis[11] bedient sich eines ‚Kreislauf – Argumentes’[12] der Natur. Aus dem Werden von Gegensätzen aus Gegensätzen wie z.B. ‚Größeres aus Kleinerem’[13] wird das Leben aus dem Tod und vice versa postuliert. Der 1. Unsterblichkeitsbeweis der Seele im Phaidon ist das Thema dieser Hausarbeit und wird im zweiten Kapitel eingeführt und näher untersucht. Kapitel 3 würdigt den 1. Unsterblichkeitsbeweis der Seele kritisch. Kapitel 5 beschließt diese Hausarbeit mit den Schlussbetrachtungen.

2 Der 1. Unsterblichkeitsbeweis der Seele

Bei der Einführung des 1. Unsterblichkeitsbeweises knüpft ‚Sokrates’ bzw. Platon an eine „alte Rede“[14] an, die sich auf eine orphisch-pythagoreische Vorstellung bezieht.[15] In dieser Vorstellung kommen die Seelen der Toten in die Unterwelt und werden von dorther wiedergeboren.[16] Nach dem Verweis auf die „alte Rede“ beginnt das eigentlich Argument. Das Argument besteht im wesentlichen aus zwei Teilen[17]:

1. Der „Notwendigkeit der Entstehung aus dem Gegensätzlichen“[18] und
2. Der „Notwendigkeit einer zyklischen Regeneration“[19]

Im ersten Teil der Argumentation versichert sich ‚Sokrates’ zunächst zweier Prämissen: dem „Prinzip der Entstehung aus dem Gegenteil“[20] oder das einfache Werden und dem „Prinzip der Reziprozität“[21] bzw. dem zweifachen Werden. Er argumentiert, dass das ‚Kleinere aus dem Größeren entsteht’[22], das ‚Stärkere aus dem Schwächeren’[23], das ‚Langsamere aus dem Schnelleren’[24] sowie das ‚Schlechtere aus dem Besseren’.[25]

Von diesen Beispielen induziert Sokrates[26], dass:

„[...] alle Dinge auf diese Weise entstehen, nämlich aus entgegengesetzten die entgegengesetzten.“[27]

„Das ‚Prinzip der Reziprozität’ besagt, dass zwischen den Gegensätzen entsprechende Werdeprozesse stattfinden.“[28] So wird z.B. ein größeres Ding aus einem Kleineren durch den Prozess des Wachsen und aus einem größeren Ding wird ein Kleineres durch den Prozess der Abnahme[29]. Weitere Beispiele für Werdensprozesse sind das ‚Scheiden und Vermischen’[30], das ‚Abkühlen und Erwärmen’[31] und das ‚Wachen und Schlafen’[32]. Nachdem er (Sokrates) „Prinzip der Entstehung aus dem Gegenteil“[33] sowie das „Prinzip der Reziprozität“[34] eingeführt und mit Beispielen untermauert hat- überträgt er nun diese Prinzipien auf die Zustände Leben und Tod bzw. die Prozesse des Sterben und Wieder-Lebendig-Werden[35]:

„[...] Ich sage, das eine sei das Schlafen, das andere das Wachen, und aus dem Schlafen werde das Wachen, und aus dem Wachen das Schlafen, und die beiden Arten des Werdens seien zum einen das Einschlafen, zum anderen das Aufwachen. Ist Dir das hinreichend deutlich oder nicht?

Allerdings

Sprich also auch Du mir, sagte er, auf dieselbe Weise über Leben und Tod. Sagst Du nicht, dem leben sei das Tot-Sein entgegengesetzt?

Ich wohl.

Und dass sie auseinander entstehen?

Ja.

Was ist es also, das aus dem Lebenden entsteht?

Das Tote, antwortete er.

Was aber, fuhr er fort, aus dem Toten?

Notwendig, sagte er, muss man zugeben, das Lebende.

Aus dem Toten, Kebes, entsteht folglich das Lebende und die Lebenden.“[36]

Nach der o.g. Analogisierung geht es über zum zweiten Teil des 1. Unsterblichkeitsbeweises, der die „Notwendigkeit einer zyklischen Erneuerung[37] “ ‚beweisen’ soll. Um die zyklische Erneuerung zu ‚beweisen’, argumentiert ‚Sokrates’ , dass ein geradliniges fortschreiten des Werdens wie bei Endymion (einem Hirten, der von Zeus in den ewigen Schlaf gelegt wurde, damit seine Verehrerin, die Mondgöttin Selene sich ihm im Schlaf näher konnte[38] ) enden würde:

„[...] Denn wenn das auf die eine Art Gewordene dem anderen nicht immer entspräche, als ob es gleichsam im Kreis liefe, sondern das Werden gradlinige fortschreiten würde [...] - weißt du, dass dann alles am Ende dieselbe Beschaffenheit haben würde und sich im selben Zustand befände und aufhören würde zu werden?

Wie meinst du das? Fragte er.

Es ist nicht schwer zu verstehen was ich meine; sondern wenn es zum Beispiel das Einschlafen zwar gäbe, das Aufwachen aber entspräche ihm nicht, das aus dem Schlafenden würde, so begreifst du wohl, dass am Ende das Ganze dem Endymion als leeres Geschwätz erweisen würde und als etwas Nichtiges, weil auch alles andere dasselbe wie er erlitt, nämlich zu schlafen.“[39]

Mit einer Zusammenfassung der Konklusion, dass es tatsächlich das Wieder-Lebendig Werden und die Entstehung der Lebenden aus den Toten gibt, sowie einem Hinweis, dass die Guten ein besseres Sein der Seele zu erwarten habe als die Schlechten endet der 1. Unsterblichkeitsbeweis der Seele.[40]

An dieser Stelle sollen und die Vorraussetzungen und Hauptargumente des Beweises zur besseren Übersicht noch mal kurz zusammengestellt werden:

A. Das ‚Prinzip der Entstehung aus dem Gegenteil’:

1. Die Seelen der Toten sind in der Unterwelt[41]
2. Das Schöne ist dem Hässlichen entgegengesetzt, das Gerechte ist dem Ungerechten entgegengesetzt[42]
3. Kleineres entsteht aus Größerem[43]
4. Größeres entsteht aus Kleinerem[44]
5. Stärkeres entsteht aus Schwächerem, Langsameres aus Schnellerem, Gerechteres aus Ungerechterem[45]
6. Aus 3 – 4 folgt: Alle Dinge entstehen auf diese Weise: „nämlich aus entgegengesetzten die entgegengesetzten.“[46]


[...]

[1] Vgl. Platon, Phaidon, Einführung von Barbara Zehnpfennig, S. XII

[2] Vgl. Platon, Phaidon, Anmerkungen 17 und 18, S. 177

[3] Platon, Phaidon, 58e

[4] Platon, Phaidon, 61b

[5] vgl. Platon, Phaidon, 64a

[6] Platon, Phaidon, 64c

[7] vgl. Platon, Phaidon, 66a – 68b

[8] vgl. Platon, Phaidon, 68b

[9] vgl. Bächli und Graeser, Grundbegriffe der Antiken Philosophie, S. 179

[10] Platon, Phaidon, 70a

[11] vgl. Platon, Phaidon, 70c – 72d

[12] vgl. Ringleben, Erfahrung Gottes im Denken, S. 513

[13] vgl. Platon, Phaidon, 70e

[14] vgl. Platon, Phaidon, 70c

[15] vgl. Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 38

[16] Vgl. Sonnemans, Seele Unsterblichkeit – Auferstehung, S. 238

[17] vgl. Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[18] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[19] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[20] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[21] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[22] vgl. Platon, Phaidon, 70c

[23] vgl. Platon, Phaidon, 71a

[24] vgl. Platon, Phaidon, 71a

[25] vgl. Platon, Phaidon, 71a

[26] Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es sich hier nicht um den historischen Sokrates handelt, sondern um die Dialogfigur ‚Sokrates’, wie sie Platon im Phaidon darstellt. Inwieweit dieser ‚fiktive’ Sokrates der historischen Figur ähnelt ist umstritten.

[27] Platon, Phaidon, 71a

[28] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[29] vgl. Platon, Phaidon, 71b

[30] vgl. Platon, Phaidon, 71b

[31] vgl. Platon, Phaidon, 71b

[32] vgl. Platon, Phaidon, 71d

[33] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[34] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 39

[35] vgl. Platon, Phaidon, 71d – 72a

[36] Platon, Phaidon, 71c12 – 71d17

[37] Frede, Platons >Phaidon < : Der Traum von der Unsterblichkeit der Seele, S. 45

[38] Platon, Phaidon, Anmerkung 69, S. 185

[39] Platon, Phaidon, 72a12 – 72c3

[40] vgl. Platon, Phaidon, 772d – 72e

[41] vgl. Platon, Phaidon, 70c

[42] vgl. Platon, Phaidon, 70e

[43] vgl. Platon, Phaidon, 70e

[44] vgl. Platon, Phaidon, 71a

[45] vgl. Platon, Phaidon, 71a

[46] Platon, Phaidon, 71a

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Platons Phaidon - Der erste Unsterblichkeitsbeweis
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V60703
ISBN (eBook)
9783638543064
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platons, Phaidon, Unsterblichkeitsbeweis
Arbeit zitieren
Annett Göltenboth (Autor), 2006, Platons Phaidon - Der erste Unsterblichkeitsbeweis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60703

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