Sigmund Freud und der Fall Dora - Ein literarisches Werk oder wissenschaftliche Fallgeschichte


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freuds Fallgeschichten als literarisches Gebilde

3. Sigmund Freud und „Der Fall Dora“
a) Der erste Traum
b) Der zweite Traum

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit seinen wissenschaftlichen Studien über die Ursachen der Hysterie, der Traumdeutung und der Psychoanalyse, hat Sigmund Freud ein völlig neues Gebiet der Psychologie erschlossen. Einige seiner untersuchten und dokumentierten Fallgeschichten, mit denen er große Teile seiner Theorien begründet hat, erinnern allerdings eher an literarische Werke, als an wissenschaftliche Dissertationen. Selbst Freud fühlte die Notwendigkeit, den literarischen Charakter seine Fallgeschichten gegenüber seinen Fachkollegen zu legitimieren:

[…] und es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. […][1]

In dieser Hausarbeit möchte ich untersuchen, ob Sigmund Freud diese Art der Dokumentation absichtlich gewählt hat und welches Ziel er damit verfolgt haben könnte. Des Weiteren möchte ich mittels einer formalen Erzähltextanalyse an Textauszügen des „ Bruchstück einer Hysterieanalyse “ klären, ob sich die wissenschaftlichen Fallgeschichten Freuds mit literaturwissenschaftlichen Mitteln bearbeiten lassen.

2. Freuds Fallgeschichten als literarisches Gebilde

Die im 19. Jahrhundert üblichen wissenschaftlich, orientierten Krankengeschichten waren nach einem bestimmten Schema gegliedert. Als erstes erfasste man die manifesten Krankheitssymptome, als zweites beschäftigte man sich mit der Anamnese und als drittes verzeichnete man die erblichen Belastungen der Patienten. Die Darstellung der therapeutischen Maßnahmen und ihrer Wirkung schloss sich an. Die Epikrise, also das weitere Schicksal der Patienten, bildete den Schluss. Freuds Fallgeschichten sind Abkömmlinge dieser Art von Krankengeschichte, das traditionelle Schema bleibt bei ihm bestehen. Bei Freud ist die Fallgeschichte immer noch die empirische Basis zur Hypothesenbildung. In der Psychoanalyse gilt jede Behandlung als ein Experiment, welches man nicht wiederholen kann. Es werden auch über die Fallgeschichten verschiedene innovative Forschungspositionen vertreten. In der Art Freuds diese Fall- bzw. Krankengeschichten aufzuarbeiten, mutiert die traditionell kurze Kranken-geschichte zu einem umfangreichen Werk der „Seelengeschichte“. Der Analytiker wird zum Erzähler der heilenden Kur, die sich um ein psychisches Drama der „Wiederholung“ und des „Widerstandes“ zentriert[2]. Freuds These ist, dass die glatten und exakten Krankengeschichten der anderen Ärzte, die er „Autoren“ nennt, ein dubioses ärztliches Konstrukt sind, da seiner Meinung nach gerade Hysteriker/innen über keine kohärente Lebensgeschichte verfügen. Ein hervortretendes Krankheitsmerkmal ist, laut Freud, eben die bruchstückhafte Erinnerung an bestimmte Vorgänge in ihrem Leben, und die Unfähigkeit in chronologisch richtiger Reihenfolge Erlebnisse bzw. ihre Krankengeschichte wiederzugeben[3]. Also kann, nach Freuds Theorie, überhaupt keine chronologisch richtige und vollständige Lebensgeschichte bzw. Anamnese der Kranken erfolgen. Mit anderen Worten entscheidet die Erzählweise der Erkrankten über deren pathologischen Status. Bei der von Freud praktizierten Therapie der Hysteriekranken fällt die Anamnese mit der eigentlichen Behandlung zusammen. Durch das Erzählen und wieder bewusst machen bestimmter Ereignisse und Erinnerungen, tritt automatisch die Heilung ein. Das erste Beispiel für eine solche narrative Therapie ist der Fall der Anna O., die Freud mit einer Kombination aus Hypnose und erzählender Rekonstruktion behandelte, von der Patientin selbst „ talking cure “ getauft.

In Freuds zweiter großer Hysteriefallgeschichte, dem „Fall Dora“, reproduziert er selbst die Geschichte der Krankheit, ihrer Entstehung und die Therapie in dem 1905 erschienenen „ Bruchstück einer Hysterieanalyse “. Freud schreibt in seinem Vorwort dazu:

„[…]Vielleicht wird es mir am besten gelingen, den Zustand der Kranken und mein ärztliches Vorgehen anschaulich zu machen, wenn ich die Aufzeichnungen wiedergebe, die ich mir in den ersten drei Wochen der Behandlung allabendlich gemacht habe. Wo mir nachherige Erfahrungen ein besseres Verständnis ermöglicht hat, werde ich es in Noten und Zwischenbemerkungen zum Ausdrucke bringen.[…]“[4]

Freud übernimmt somit die Rolle des Erzählers. Welche Funktion er damit erfüllt ist umstritten. Horst Thomé vermutet, dass die argumentativen Defizite, die durch eine Überdehnung der Wissenschaft entstehen, durch Formen der literarischen Kohärenzbildung ausgeglichen werden.[5] Freud skizziert sich selbst im Vorwort des „ Bruchstücks “ als innovativer Forscher, er unterstreicht die ethische Qualität seiner Analysearbeit, da er mit seiner Methode die Wahrheit erkennt und er geht sozusagen ein Bündnis mit dem idealen Leser ein. Diese Sachverhalte haben erzählstrukturell gesehen, die Funktion, die auktoriale Verfügungsgewalt des Erzählers über seine Geschichte zu begründen. Das bedeutet auch, wer allwissend ist, darf sein Material so auswählen und zusammenstellen, dass dem Leser der innere Zusammenhang der berichteten Ereignisse anschaulich wird.[6] Allerdings verhält es sich bei einem auktorialen Erzähler eines fiktiven Werks so, dass er weiss was man eigentlich nicht wissen kann. Er hat Einblick in die Seele seiner Figuren und deren verborgenste Winkel, also eine Sichtweise, die dem realen Menschen im Umgang mit anderen verborgen bleibt. Also kann der auktoriale Erzähler niemals Figur seines Werkes sein, da er sonst den Grenzen der Menschheit unterworfen wäre und nicht mehr den empirisch unmöglichen Beobachtungsstandpunkt inne hätte. In Freuds Krankengeschichte tritt er zum einen als auktorialer Erzähler auf, also als derjenige der allwissend in die verborgenen Winkel von Doras Seele blicken kann und zum anderen aber als Teil der Geschichte, als behandelnder Arzt nämlich und somit liegt formal gesehen eigentlich eine Ich-Erzählung vor. Freud suggeriert durch die psychologische Deutungskompetenz eine Art Allwissenheit, von Thomé als „Aufblähung des Ich-Erzählers zur auktorialen Omnipotenz“[7] bezeichnet.

Nach der Theorie von Horst Thomé funktionalisiert das „ Bruchstück einer Hysterieanalyse “ drei, im 19. Jahrhundert sehr prominente, Romanformen.


[...]

[1] vgl. Renate Böschenstein: Analyse als Kunst. Thomas Mann und Sigmund Freud im Kontext der Jahrhundertwende. In: Literatur und Krankheit im Fin-de-Siècle (1890-1914). Thomas Mann im europäischen Kontext. Die Davoser Literaturtage 2000. Hg. v. Thomas Sprecher. Frankfurt/M. 2002, S. 73-94.

[2] vgl. Horst Thomé: Freud als Erzähler. Zu literarischen Elementen im „ Bruchstück einer Hysterieanalyse “. In: Darstellungsformen der Wissenschaften im Kontrast. Hg. v. Lutz Danneberg u.a.. Tübingen 1998. S. 471-492. Im folgenden Thomé 1998 genannt.

[3] vgl. Sigmund Freud: Bruchstück einer Hysterieanalyse. In: S. Freud: Hysterie und Angst. Studienausgabe Bd.6 Frankfurt/M. 2000, S. 83-186. Im folgenden Freud 2000 genannt.

[4] vgl. Sigmund Freud/Josef Breuer: Studien zur Hysterie. Frankfurt/M. 1979, S. 40/41.

[5] vgl. Thomé 1998, S. 477.

[6] vgl. Thomé 1998, S. 480.

[7] vgl. Thomé 1998, S. 482.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sigmund Freud und der Fall Dora - Ein literarisches Werk oder wissenschaftliche Fallgeschichte
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Johann Wolfgang Goethe Universität)
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V60740
ISBN (eBook)
9783638543316
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigmund, Freud, Fall, Dora, Werk, Fallgeschichte
Arbeit zitieren
Andrea Nau (Autor), 2005, Sigmund Freud und der Fall Dora - Ein literarisches Werk oder wissenschaftliche Fallgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60740

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