'Narrenliteratur' - Ulenspiegel und seine Kritik durch den 'Ständespiegel'


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Entstehungsgeschichte und Autorenfrage
II.I. Entstehungsgeschichte
II.II. Verfasserfrage

III. Namensgebung und Rezeptionsgeschichte
III.I. Name
III.II. Rezeptionsgeschichte

IV. Ulenspiegels Kritik durch den „Ständespiegel“
IV.I. Adel
IV.II. Klerus
IV.III. Gelehrten
IV.IV. Ärzten
IV.V. Bauern
IV.VI. Kritik an den Gilden und Zünften

V. Zusammenfassung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Kaum eine literarische Figur hat sich so lange über die verschiedenen Epochen bis heute erhalten wie die des „Ulenspiegels“: Spricht man heute von einem „Eulenspiegel“, dann hat man die Vorstellung von einem „originellen, scharfsinnigen Spaßmacher im Dienste des gesunden Menschenverstandes, der seiner Umwelt ironisch und humorvoll entlarvend den Spiegel vorhält“[1]. Die ursprüngliche „Ulenspiegelfigur“ bietet aber viel mehr Interpretationsmöglichkeiten, vor allem kritisiert sie ihre Umwelt sehr viel schonungsloser und direkter als wir von einem „Eulenspiegel“ erwarten können. Ich werde in meiner Hausarbeit zuerst zum besseren Verständnis die Entstehung des Ulenspiegelbuches und seine Entwicklung vorstellen, und danach genauer auf die genannte Kritik eingehen.

II. Entstehungsgeschichte und Autorenfrage

II.I. Entstehungsgeschichte

Die Entstehungsgeschichte des Ulenspiegelbuches und die damit verbundene Verfasserfrage stellen sich nach dem Fund eines Druckfragments 1969 durch den Juristen Peter Honegger[2] und eines weiteren durch Bernd Ulrich Hucker 1975. Das Fragment des ältesten bekannten Druckes stammt vom Jahre 1510 oder 1511 aus der Offizin von Johannes Grüninger[3] (1493-1531) in Straßburg, aus welcher auch der erste vollständig überlieferte Druck von 1515

(S 1515) hervorging: „Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Geboren uß dem Land zu Brunßwick […] gedruckt von Johannes Grieninger in der freien Stat Straßburg uff Sant-Adolffo-Tag im Jahr 1515“[4].

Weitere Druckorte waren Erfurt, Frankfurt, Köln, Ingolstadt, Augsburg und Eisleben, wobei die Auflagenhöhe sehr umstritten ist, da es keine zeitgenössischen Besitzvermerke gibt und von den Ausgaben S1510, S 1515 und S1519 jeweils nur noch ein Exemplar existiert. Jedoch verfügen die Ausgaben über ein vollständiges und ausführliches Impressum, d. h. mit Tag der Drucklegung, Standort des Offizins, Name des Druckers und der Druckort, woraus man schließen kann, dass das Ulenspiegelbuch durchaus eine viel rezipierte Lektüre war.

II.II. Verfasserfrage

Als Verfasser der Vorlage für den ersten Straßburger Druck der Grüningerscher Offizin kann mit größter Sicherheit der Braunschweiger Zollschreiber Hermann[5] Bote gelten. Er war der Sohn eines Braunschweigischen Schmiedemeisters und Ratsmitglieds, dürfte um 1463 geboren und zwischen 1520 und 1525 gestorben sein. Bei Handwerkserhebungen in den Jahren 1488 und 1513 hatte er als Amtsträger, aber auch als Spötter über die Gildenherrschaft den Zorn der Aufständischen zu erdulden: 1488 wurde er mit Hausarrest und Entzug des Zollschreiberamtes bestraft , 1513 sollt er gar hingerichtet werden, sofern seine eigenen Aussagen in seiner Chronik der Braunschweiger Handwerkeraufstände in diesem Punkt glaubwürdig sind. Bote ist als Verfasser verschiedener handschriftlicher und gedruckter Werke nachweisbar. Zwischen ihnen und dem Ulenspiegelbuch gibt es einige inhaltliche Bezüge. In einer der ihm zugeschriebenen Chronik findet sich auch der Hinweis, dass Ulenspiegel im Jahre 1350 zu Mölln an der Pest gestorben sei. Auffallend sind aber die formalen Parallelen: Bote zeigt eine Vorliebe für Akrosticha.[6] In seiner Chronik über die Handwerkeraufstände hat er seinen Namen in niederdeutscher Version als „HERMEN BOTE“ in den Anfängen der Kapitel 2 bis 10 verborgen. Und sein Name in hochdeutscher Version steckt auch in den Anfängen der Historien 90 bis 95 des Ulenspiegelbuches. Das Fehlen des „H“ kann sich aus einer späteren Umstellung des Anfangs der 89. Historie ergeben haben. Honegger sieht für das Verbergen des Namens in Akroticha folgenden Grund: „Die unvollständige Angabe des Geschlechtsnamens ´Bote` lässt sich damit erklären, die Niederschrift des Ulenspiegelbuches sei für den Verfasser nicht ganz ungefährlich gewesen“[7].

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die Vorlage für den Druck von 1510/11 nicht eine Übersetzung aus dem Niederdeutschen war, sondern ein hochdeutsches Manuskript mit niederdeutschen Relikten, ein Manuskript des Niedersachsen Hermann Bote, dafür sprechen auch einige Lesefehler des Setzers. Diese Druckvorlage hatte wahrscheinlich eine teilweise andere, stimmigere Reihenfolge der Historien. Die ursprüngliche Reihenfolge lässt sich rekonstruieren, wenn man die Historien in vier Gruppen nach einem dreiundzwanzig Buchstaben umfassenden Alphabet einordnet. Die Umordnung nach den akrotichen Gruppen ergibt stets einen besseren inhaltlichen Zusammenhang der Historien. Hermann Bote hat aber nicht nur die Geschichten über seinen Helden gesammelt und dabei vielleicht auf frühere Übersetzungen[8] zurückgegriffen, sondern auch rund ein Drittel seiner Geschichten aus anderen Quellen[9] der Schwankliteratur gespeist. Da bezweifelt werden muss, dass Bote fremde Sprachen beherrschte, darf vermutet werden, dass er dabei von anderen, etwa dem Kleriker Thomas Murner (1475-1537) und Heinrich Hamenstedt (gest. 1509), der in der 64. Historie auftritt, unterstützt wurde. Schon Murners Zeitgenosse und lutheranischer Gegner Martin Bucer (1491-1551) hat in einer Streitschrift des Jahres 1521 Murner die Autorenschaft am Ulenspiegelbuch zugeschrieben: „[…] herfür gebracht…die hoch ergründtn leer, mit namen, die narrenpschwerung, die schelmenzunfft, der greth millerin jahrtag, auch den ulenspeygel und andre schöne büchle mer“[10].

Mit Gewissheit ist Thomas Murner nicht der Verfasser des „Ulenspiegels“, doch als Bearbeiter des Manuskripts von Hermann Bote für den Druck bei Grüninger ist er nicht auszuschließen. Wem die Veränderungen der von Bote intendierten Reihenfolge anzulasten sind, bleibt eine offene Frage.

Zu der Person des Ulenspiegel selbst lässt sich sagen, dass er mit einiger Wahrscheinlichkeit gelebt hat, jedoch gibt es dafür keine urkundlichen Beweise. Er wurde möglicherweise um 1300 in Kneitlingen am Elm geboren, verbrachte sein Leben als fahrender Gesell und starb nach Auskunft der Chronik Botes im Jahre 1350 in Mölln an der Pest. Noch im 16. Jahrhundert will ein Besucher seinen Grabstein gesehen haben.

III. Name und Rezeptionsgeschichte

III.I. Name

Der Name Ulenspiegel ist als Familienname im Braunschweigischen seit 1337 mehrfach belegt. Er wird als Satzname erklärt, der aus „ul den Speigel“, „ul`n Speigel“ hervorgegangen ist; „ulen“ bedeutet ´reinigen, säubern, fegen`, vielleicht auch ´lecken`, und „Speigel“ heißt wie in der Jägersprache ´Hintern`. Die Drastik des Namens wurde offenbar später nicht mehr verstanden. Eine andere Deutung des Namens, von der auch Bote Gebrauch gemacht haben könnte, beruht darauf, dass niederländisch „wl“ (also „ul“ in der Bedeutung von ´Eule`) in metaphorischer Verwendung einen Dummkopf oder Schurken bezeichnen kann. Das Volksbuch wäre - was dem Inhalt entspräche - ein „Dummköpfe-„ oder „Schurkenspiegel“, also gleichsam ein Ständebuch, das die damalige Gesellschaft „von oben nach unten“ kritisch beleuchtet nach dem Muster zeitgenössischer „Spiegel“ – Literatur.[11] Das Titelbild, auf dem der Held mit Eule und Spiegel als Insignien ausgerüstet ist, belegt, dass später weder der alte Satzname noch der metaphorische Gebrauch des im Namen steckenden Wortes „ul“ verstanden worden ist.

[...]


[1] Streubel, Katrin: Die Eulenspiegelfigur in der deutschen Literatur der frühen Neuzeit und der Aufklärung. Diss. Phil. Köln 1988. S. 1

[2] Historien 33, 44, 46, weitere 15 bruchstückhaft

[3] Andere Schreibweise „Grieninger“

[4] Honegger, Peter: Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und Verfasserfrage. Neumünster 1973

[5] Andere Schreibweise „Hermen“

[6] Spiele mit Anfangsbuchstaben

[7] Honegger, Peter: Ulenspiegel. Ein Beitrag zur Druckgeschichte und Verfasserfrage. Neumünster 1973

[8] gemeint ist hier der Briefwechsel zwischen Dietrich von Niem(heim) und Johannes Schele von 1411:

[9] Wie der Verfasser selbst in der Vorrede erwähnt, Geschichten aus dem „Pfaffen Amis“ und des

„Pfaffen von Kalenberg“, sowie lateinische, französische und italienische Quellen

[10] siehe 6

[11] Vgl. Brant, Sebastian: Das Narrenschiff

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Details

Titel
'Narrenliteratur' - Ulenspiegel und seine Kritik durch den 'Ständespiegel'
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V60782
ISBN (eBook)
9783638543682
ISBN (Buch)
9783640531080
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrenliteratur, Ulenspiegel, Kritik, Ständespiegel
Arbeit zitieren
Daniela Wuest (Autor), 2005, 'Narrenliteratur' - Ulenspiegel und seine Kritik durch den 'Ständespiegel', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60782

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