Das 20. Jahrhundert wird als Zeitalter der rasantesten technischen Entwicklungen, Neuerungen und Entdeckungen angesehen. Als Zeitalter bahnbrechender Erfindungen der Postantike gilt jedoch auch das späte 15. bzw. 16. Jahrhundert, welches mit Buchdruck oder Schießpulver - im wahrsten Sinne des Wortes - revolutionär hervorstach. Selbstverständlich erfuhren sämtliche Neuerungen ihre Erwähnung in der Literatur, so z.B. in der Enzyklopädie Vergilios ‚De inventoribus rerum′, die tiefgreifend auf antike Inventores und moderne Erfindungen und Entdeckungen eingeht. Während diese Leistungen in der Literatur sehr ausführlich behandelt wurden, fehlte dagegen die Resonanz in der bildenden Kunst des 16. Jahrhunderts.
Jan van der Straet setzt sich als erster mit der Thematik - im damaligen Sinne - neuartiger Erfindungen und Entdeckungen in seiner Kupferstichserie Nova Reperta auseinander. Herausragend dabei ist, daß die 20 Blätter der Serie "als in sich geschlossener Zyklus bis ins 17. Jahrhundert hinein eine singuläre Stellung" besaßen.
Im Folgenden werde ich nun kurz auf den Lebensweg des Künstlers eingehen, so daß die Entstehung der Nova Reperta van der Straets und seine Entwicklung von der Malerei zur Kupferstecherei nachvollziehbar wird.
Anschließend beschäftige ich mich mit dem Gesamtwerk der Nova Reperta unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der heuristischen Literatur über Erfindungen und Entdeckungen zur Bildstecherkunst.
Daran anknüpfend gehe ich näher auf vier Einzelstiche, das Titelblatt, sowie Stiche, die sich mit der Entdeckung Amerikas, dem Astrolabium und der Erfindung des Kompasses auseinandersetzen, ein. Diese werde ich zunächst beschreiben und anschließend einer Analyse bzw. Interpretation unterziehen.
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Inhaltsverzeichnis
VORWORT
BIOGRAPHIE
NOVA REPERTA
Zur Entstehung und Vorgeschichte
Der Inhalt der Nova Reperta
Der Stellenwert der Erfindungen und Entdeckungen in der Literatur am Beispiel Cervantes
Die Bedeutung der Nova Reperta in Bezug auf die Literatur
Zum Aufbau der Kupferstichserie Nova Reperta
BETRACHTUNG EINZELNER KUPFERSTICHE
Titelblatt
AMERICA
LAPIS POLARIS, MAGNES
ASTROLABIVM
SCHLUßWORT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kupferstichserie „Nova Reperta“ von Johannes van der Straet, um aufzuzeigen, wie das Werk erstmals nachantike Erfindungen und Entdeckungen in einer zyklischen, bildlichen Form festhält und in den zeitgenössischen Kontext der heuristischen Literatur sowie der bildenden Kunst einbettet.
- Lebensweg und künstlerische Entwicklung von Johannes van der Straet
- Die Nova Reperta als Ausdruck eines neuen, selbstbewussten Fortschrittsdenkens
- Verhältnis der grafischen Darstellung zur zeitgenössischen Erfinderliteratur
- Detaillierte Analyse ausgewählter Kupferstiche und ihrer ikonographischen Symbolik
Auszug aus dem Buch
LAPIS POLARIS, MAGNES (Abb. 3)
Das Thema des zweiten Blattes beschäftigt sich ebenfalls mit einer Erfindung, mit der ein bestimmter Entdeckername verbunden wird. Flavius Amalfitanus wird als „primo inventor“ des Magnetismus genannt, obwohl das Phänomen schon viel länger bekannt ist.
„Den überaus großen Nutzen der Entdeckung des Kompasses für die Seefahrt loben auch die älteren Erfinderliteraten, doch wissen sie keinen Inventor zu nennen. [...] Wenn also Flavius Amalfitanus einer Überlieferung zufolge 1302 den Kompaß erfunden haben soll, so kann mit seiner Invention wohl kaum die Entdeckung der Wirkungsweise von Magneteisensteinen gemeint sein. Eher erscheint er glaubwürdig als Erfinder der Kompaßrose, einer sternförmigen Darstellung der Himmelsrichtungen.“
Das Sitzen des Flavius am Schreibtisch im geschlossenen Raum erinnert an das Motiv des Gelehrten in der Studierstube, wobei das Bildgeschehen auf diese einzige Person in dem Innenraum konzentriert ist. Es handelt sich in dieser Form, also Individuum im abgeschlossenem Raum, um eine einzigartige Bildkonstellation in der Nova.
Ähnlichkeiten lassen sich jedoch bei Dürers Hieronymusstich von 1514 oder in einer italienischen Ausformung des Themas, in der Darstellung Petrarcas in seinem Paduaner Studio, feststellen. In dem Kupferstich van der Straets sieht man Flavius Amalfitanus in der typischen Denkerhaltung Petrarcas sowie den zusammengekauerten Hund, der als Symbol für den wissenschaftlichen Forscherdrang steht. Die Einrichtungsgegenstände und vielmehr noch die wissenschaftlichen Arbeitsgeräte - Himmelsglobus, Quadrant, Winkelmesser, Lehrbücher - charakterisieren Amalfitanus als Gelehrten.
Zusammenfassung der Kapitel
VORWORT: Der Autor führt in die Bedeutung der Nova Reperta als erste künstlerische Auseinandersetzung mit modernen Erfindungen im 16. Jahrhundert ein.
BIOGRAPHIE: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg des Künstlers Johannes van der Straet, von seiner Ausbildung in Antwerpen bis zu seinem Wirken in Florenz.
NOVA REPERTA: Hier werden die Entstehung der Serie, ihre Einordnung in den literarischen Diskurs über Erfindungen und der strukturelle Aufbau der Kupferstiche analysiert.
BETRACHTUNG EINZELNER KUPFERSTICHE: Eine detaillierte ikonographische Analyse des Titelblatts sowie der Stiche zu Amerika, zum Kompass und zum Astrolabium erfolgt in diesem Abschnitt.
SCHLUßWORT: Die Arbeit schließt mit einer Würdigung der Bedeutung der Nova Reperta für das Verständnis von Erfindungen und deren kulturelle Relevanz über die Zeit hinweg.
Schlüsselwörter
Nova Reperta, Johannes van der Straet, Kupferstich, Erfindungen, Entdeckungen, 16. Jahrhundert, Amerigo Vespucci, Flavius Amalfitanus, Kunstgeschichte, Ikonographie, Wissenschaftsgeschichte, Technikgeschichte, heuristische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kupferstichserie „Nova Reperta“ von Johannes van der Straet als eine innovative visuelle Dokumentation nachantiker Erfindungen und Entdeckungen im 16. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts, die Entwicklung der Druckgrafik sowie das Verhältnis zwischen technischem Fortschritt und zeitgenössischer Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie van der Straet moderne Neuerungen in einen zyklischen, bildhaften Zusammenhang brachte und welche kulturelle Bedeutung diesen Darstellungen zukam.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die kunsthistorische Quellenanalyse, um die Kupferstiche im Kontext von Biografien, literarischen Vorbildern und ikonographischen Traditionen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Serie und eine detaillierte Einzelbildanalyse von Schlüsselwerken wie dem Titelblatt und den Stichen zu Amerika, Kompass und Astrolabium.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nova Reperta, Johannes van der Straet, Ikonographie, Wissenschaftsgeschichte und kulturelle Bedeutung des Fortschritts.
Inwiefern spielt das Titelblatt der Serie eine besondere Rolle?
Das Titelblatt dient laut Autor als komprimierte Zusammenfassung der Kernaussagen der Serie, indem es zentrale Erfindungen symmetrisch anordnet und durch allegorische Figuren (Vater Chronos) in einen zeitlichen Rahmen stellt.
Warum wird Flavius Amalfitanus im Kontext der Kompass-Darstellung als Gelehrter interpretiert?
Die Darstellung nutzt etablierte Bildmotive wie den Gelehrten in der Studierstube, wissenschaftliche Instrumente und typische Denkerhaltungen, um ihn als Symbolfigur für wissenschaftlichen Forscherdrang zu stilisieren.
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- Florian Schaffelhofer (Author), 1998, Johannes van der Straet - Nova Reperta, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6081