Die literarische Gattung Novelle. Theorien und Beispieltexte


Skript, 2002

32 Seiten


Leseprobe

Theorie der Novelle

A) Der Name: Herkunft, Bedeutung, Gebrauch

Anfänge der literarischen Novelle: anonym verfasste Biographien der altprovenzalischen Troubadoure aus dem 13. Jahrhundert. Die aus den Troubadour-Gedichten zusammengestellten Biographien erzählen Neues, nicht selten Außergewöhnliches, Geschichten von nicht alltäglichen Liebeserfüllungen und tragischen Verwicklungen.

Neu und aufregend zur Zeit ihrer Verbreitung: Bekenntnis zum persönlichen Schicksal, zum Erleben des einzelnen, dessen Glück durch mißliche äußere Entwicklungen gefährdet ist

Italienische Frührenaissance: aus den Toubadour-Biographien entwickelte sich die Novelle, abgeleitet aus dem italienischen Wort „novella“ für „Neuigkeit“

Urbild des Genres: Giovanni Boccaccios zwischen 1349 und 1353 entstandener Novellenzyklus Decamerone.

Neben zahlreichen Novellendichtungen in Italien entstanden im Einflussbereich des Decamerone u.a.;

Canterbury Tales von Chaucer (1391-1399)

Heptaméron von Margarete von Navarra (1559 posthum veröffentlicht)

Novelas ejemplares von Cervantes (1612)

Die Novelle avancierte zur populärsten Erzählform der Neuzeit

In Deutschland bürgerte sich der Begriff „Novelle“ erst relativ spät ein, auch wenn novellistisches Erzählen früher nachweisbar ist. Bsp.: Der arme Heinrich (Hartmann, zwischen 1185 und 1195), Moriz von Craûn (anonym, zwischen 1180 und 1190)

Lessing gab den Cervantes Titel 1751 noch mit „Neue Beispiele“ wider (unzutreffend),

Wieland verwendet den Begriff Novelle 1764 ausdrücklich in seinem Don Sylvio von Rosalva

Goethe hat den Begriff in den von Boccaccio angeregten Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten von 1795 nicht verwendet; erst 1827 wählt er dann die Gattungsbezeichnung als Titel für eine als mustergültig für das Genre empfundene Prosa-Erzählung.

Mit dem Novellenbegriff konkurrierten in der Goethezeit und später „Historie“, „Geschichte“, „Erzählung“ u. a.

B) Novellentheorie

Wieland hebt vor allem die Kürze hervor und verweist im Vergleich mit den großen Romanen auf die Simplicität des Plans und den kleinen Umfang der Fabel; im Gegensatz zum Märchen hat sich die Novelle „in unserer wirklichen Welt begeben“

Goethe beschreibt zentrale Struktur der Novelle: „denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ à Dominanz des Ereignishaften, Außergewöhnliches des Erzählten; Abgrenzung zum Roman: Standen dort die Personen und die Möglichkeiten personaler Einflussnahme auf die Geschehnisse im Vordergrund, so scheint in den Novellen mehr das Ereignis, die Begebenheit zu dominieren und den Einfluss des einzelnen zurückzudrängen; Vorrang des Objektiven.

Auffällig bei Wieland und Goethe: das Thematische wird nicht näher bestimmt à deutscher Sonderweg (Decamerone befasst sich vornehmlich mit der Liebe) à die am Strukturellen orientierte Theoriebildung setzt sich in der Romantik fort.

Friedrich Schlegel: Novelle lebt aus der Spannung zwischen Subjektivität und Objektivität. Aus romantischer Sicht drückt die Novelle die Einheit des Mannigfaltigen aus sowie die organische Verbindung von Subjektivem und Objektivem, Individuellem und Sozialem.

Friedrich Schleiermacher: Bindung der Novelle an die geselligen Verhältnisse und ihre Formen; Die Novelle duldet keine Alleingänge. Darin liegt ihr häufig hervorgehobener gesellschaftlichlicher Charakter begründet. Wer sich außerhalb des kollektiv Gültigen stellt, den holt das Gesetz, das Schicksal oder sein persönliches Verhängnis ein und räumt ihn ohne viel aufhebens aus dem Weg, zumindest aber erleidet er eine empfindliche Selbstbeschneidung (Friedrich Mergel/ Judenbuche: Wie ein Alp lastet die Heimat auf ihm und treibt ihn in die Selbstauslöschung; Cardillac/ Fräulein von Scuderi: Er erlebt das eigene Selbst als Unstern, das ihn in grausamer Konsequenz ins Verderben stürzt). Wichtig für das Novellenverständnis: Bewusstsein des einzelnen, in einem vorgegebenen sozialen Rahmen zu handeln, in dem er sich allein auszurücken vermag, der ihn aber zugleich auch in seinem eigenen Verhalten bedingt.

Wilhelm Schlegel: Novelle als Spiegel der Denkart des Zeitalters, die den Weltlauf darstellt wie er ist und daher in der wirklichen Welt zuhause sei. Erzählenswert ist das, was im täglichen Leben Gültigkeit besitzt. Die Objektivität der Novelle verbindet sie mit dem Drama à ähnlich wie im Drama die Peripetie, so leiste in der Novelle der Wendepunkt die Aufgabe, das Erzählte zu akzentuieren und in seinen Intentionen erkennbar zu machen.

Ludwig Tieck: Vertiefung der Auffassung vom Wendepunkt (=eigentliches Strukturprinzip der Novelle). Vor allem müsse es dem novellistischen Erzähler darum gehen, einen bestimmten einzelnen Vorfall in den Mittelpunkt zu rücken, der plötzlich, vom Alltäglichen ins Wunderbare und Einzigartige sich wendend, das Allgemeinmenschliche und eine höhere ausgleichende Wahrheit zu erkennen gebe.

à Charakteristisch ist für die romantischen Theorieentwürfe die Orientierung an Idealbildern des Ganzheitlichen. In dem Maße, wie sich die Einstellungen in der Restaurationsphase zu ändern begannen, änderte sich auch die Auffassung von der novellistischen Aussageintention:

Theodor Mundt (1845): Novelle im wesentlichen von den Verhältnissen her bestimmt; Aber die Verhältnisse, die objektiv gegebenen Lebensbedingungen, werden nicht länger als Erfüllung, sondern als Behinderung aktiver Entfaltung verstanden à Novelle spiegelt das einseitige Bestimmtsein des einzelnen durch die Verhältnisse, mit denen er sich nicht länger handelnd, sondern nur noch reflektierend auseinandersetzt

Deutlich treten in der theoretischen Erörterung der Novelle um die Jahrhundertmitte pessimistischere Töne hervor. Nachdem er auf das Ganze als die eigentliche Perspektive novellistischen Erzählens verwiesen hat, nennt Friedrich Theodor Vischer (1857) als ein zentrales Thema der Gattung den Menschen in der Krise, bedingt durch die schärfere Schneide des Schicksals, wie durch dunkle Erscheinungen des Seelenlebens à Schwergewicht wird auf den Einzelnen verlagert, in dem das Krisenhafte und Problematische hervortritt

Paul Heyse (!!!), (Meine Novellistik, 1900):

Novelle führt ein bedeutsames Menschenschicksal, einen seelischen, geistigen oder sittlichen Konflikt vor. Beherrschend für die Novelle ist ihr spezifisches Spannungsprofil, das Heyse an anderer Stelle auch als „Silhouette“ bezeichnet. Novellistische Motive müssen sich stets auszeichnen durch ihre Konfliktträchtigkeit, die sinnbildlich in einem Zeichen, das Heyse in Anlehnung an eine Novelle Boccaccios den „Falken“ nennt, Gestalt gewinnt. Gerade in der Orientierung am Konflikt kommt bei aller Betonung des individuellen Einzelfalls innerhalb der Novellenkonzeption Heyses das prinzipiell gespannte Verhältnis des einzelnen zu seinem sozialen Umfeld zum Tragen.

à Also: Novelle als Bericht über sittlich-existentielle Neuheiten

In der Novelle repräsentiert sich ein Konfliktfall. Sie demonstriert eine Ausnahmesituation, in der das Allerpersönlichste ausgetragen wird und die Moral Gelegenheit findet, sich zu erneuern.

Novelle verdichtet die Handlung, sammelt sie auf einen Punkt und vermag sie dadurch zur höchsten Gewalt zu steigern.

Einfache Grundzüge der Novelle, muss in wenigen Worten zusammenzufassen zu sein.

Theodor Storm:

Novelle braucht einen im Mittelpunkt stehenden Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert.

Gattung der Novelle erlaubt Reduktion auf das Wesentliche und besitzt die Fähigkeit, die tiefsten Probleme des Menschen zu behandeln.

„Ich kann nur einzelnes sagen: nur was geschehen, nicht wie es geschehen ist; ich weiß nicht, wie es zu Ende ging und ob es eine Tat war oder nur ein Ereignis, wodurch das Ende herbeigeführt wurde“

Die Novelle ist mit dem Geschehen befasst, mit seinen Inhalten, mit Auswirkungen , deren Ursachen verborgen sind. Über die Art und Weise des Geschehens, seine mögliche Planung und Steuerung vermag der Novellist nichts auszusagen. Das Geschehen scheint auf den isolierten Einzelfall reduziert. Täter und Verursacher bleiben namenlos, im dunkeln liegen Anfang und Ende des Geschehens.

Menschliches Dasein sieht sich Kräften ausgeliefert, die jeder Kontrolle, jedem Eingreifen entzogen scheinen. Gründe für das, was geschieht, sind ebenso wenig ausfindig zu machen wie Sinn und Ziel des Geschehenen. Die Novelle gestaltet Ereignisse, das, was dem einzelnen des Wortes wahrster Bedeutung vor Augen steht bzw. gestellt wird, ohne es in seinen Antriebsgründen erkennen und verstehen zu können. In der Novelle wird dem Menschen die Welt unerklärlich fremd.

Friedrich Spielhagen:

Individueller Charakter steht im Zentrum der Novelle, der indes durch eine besondere Verkettung der Umstände in einen Konflikt hineingezogen wird, dessen Ausgang abhängig ist von der Eigentümlichkeit des Helden. Die Akzentuierung des individuell unverwechselbaren Charakters macht den wesentlichen Unterschied zur älteren Novelle mit ihrer Betonung der Verkettung der Umstände aus.

Paul Ernst:

Strenge Strukturierung der Gattung: Entscheidend ist für den Aufbau, die Konzentration auf den außergewöhnlichen Vorfall, in dem sich ein ganzes Menschenschicksal entscheidet. Im eigentlichen novellistisch ist aber für Ernst nur das an Charakter und Umstände geknüpfte menschliche Leben.

Dominanz des prozesshaften Geschehens/Ereignisses in der Novelle à Mensch wird aus dem Mittelpunkt verdrängt.

C) Novellenforschung

Zwei Richtungen: 1.: idealtypisch und normsetzend; 2.: historisch und interpretierend

Oskar Walzel: Konstituiv für die Gattung der Novelle ist vor allem geselliges Zusammensein àDieser Ansatz betont die soziale Eingebundenheit des Erzählgenres.

André Jolles: Novellen sind keine Geschichten von Einzelpersonen, sondern die Geschichten dessen, was mit ihnen geschehen ist; Integration des Menschen in ein Ganzes.

Arnold Hirsch: In der Novelle geht es um die Darstellung des Allgemeinmenschlichen in einem objektiven und einmalig-unerhörten Bild.

Hermann Pongs: das zentrale Ereignis der Novelle gestaltet den Einbruch des Dämonischen ins Menschenleben.

Johannes Klein: In der Novelle wird zum Schicksal, was an einem Menschen geschieht. Die Person tritt zurück; In der Novelle bricht die Entwicklung durch Verwicklung eher ab.

Benno von Wiese spricht eher von novellistischem Erzählen; symbolische Verdichtung des Erzählens.

Strukturmerkmale: unerhörte Begebenheit, Wendepunkt, Leitmotiv, Rahmen, Zyklus, Falke

Winfried Freund: Der Prozess als kategoriale Strukturkonstante bildet meiner Meinung nach den Kern novellistischer Gestaltung. In der Novelle dominiert die Handlung über die Person, das Ganze über den einzelnen, das Objektive über das Subjektive. Der Mensch ist der Bestimmte, nicht der Bestimmende. Dort, wo er glaubt, die Richtlinien des Handelns noch selbst in der Hand zu haben, beginnt sich das Handeln zu verselbständigen und ihn in ein Netz selbstfabrizierter Bedingung zu verstricken

Die Gattung der Novelle erreicht in der Zeit der Restauration nach 1848 im poetischen Realismus einen Höhepunkt. Die Novelle wird zum Spiegel des gesellschaftlich-geschichtlich und existentiell bedingten Menschen. In dem Maße, wie die Zweifel an der Souveränität des Menschen wachsen, nimmt sich die Novelle seines Scheitern an.

D) Novellentechnik

Sofern man das gewisse Techniken nicht zum alleinigen gattungsdefinitorischen Maßstab erhebt, kann sich deren Kenntnis als durchaus hilfreich erweisen. Im folgenden sollen die wichtigsten Strukturelemente, wie sie die Novelle im besonderen Maße aufweist vorgestellt und erläutert werden:

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Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die literarische Gattung Novelle. Theorien und Beispieltexte
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neue Deutsche LIteratur)
Autor
Jahr
2002
Seiten
32
Katalognummer
V6087
ISBN (eBook)
9783638137584
ISBN (Buch)
9783656650416
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zusammenfassung diverser Literatur als Grundlage für Prüfungen. Insbesondere wird auf die Kriminalnovelle eingegangen und ausgewählte Beispiele genannt.
Schlagworte
Kriminalnovelle, Novelle, Novellentheorie, Novellentypologie
Arbeit zitieren
Florian Schaffelhofer (Autor), 2002, Die literarische Gattung Novelle. Theorien und Beispieltexte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6087

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