A) Der Name: Herkunft, Bedeutung, Gebrauch
Anfänge der literarischen Novelle: anonym verfasste Biographien der altprovenzalischen Troubadoure aus dem 13. Jahrhundert. Die aus den Troubadour-Gedichten zusammengestellten Biographien erzählen Neues, nicht selten Außergewöhnliches, Geschichten von nicht alltäglichen Liebeserfüllungen und tragischen Verwicklungen.
Neu und aufregend zur Zeit ihrer Verbreitung: Bekenntnis zum persönlichen Schicksal, zum Erleben des einzelnen, dessen Glück durch mißliche äußere Entwicklungen gefährdet ist
Italienische Frührenaissance: aus den Toubadour-Biographien entwickelte sich die Novelle, abgeleitet aus dem italienischen Wort ,,novella" für ,,Neuigkeit"
Urbild des Genres: Giovanni Boccaccios zwischen 1349 und 1353 entstandener Novellenzyklus Decamerone.
Neben zahlreichen Novellendichtungen in Italien entstanden im Einflussbereich des Decamerone u.a.;
Canterbury Tales von Chaucer (1391-1399)
Heptaméron von Margarete von Navarra (1559 posthum veröffentlicht)
Novelas ejemplares von Cervantes (1612)
Die Novelle avancierte zur populärsten Erzählform der Neuzeit
In Deutschland bürgerte sich der Begriff ,,Novelle" erst relativ spät ein, auch wenn novellistisches Erzählen früher nachweisbar ist. Bsp.: Der arme Heinrich (Hartmann, zwischen 1185 und 1195), Moriz von Craûn (anonym, zwischen 1180 und 1190)
Lessing gab den Cervantes Titel 1751 noch mit ,,Neue Beispiele" wider (unzutreffend),
Wieland verwendet den Begriff Novelle 1764 ausdrücklich in seinem Don Sylvio von Rosalva
Goethe hat den Begriff in den von Boccaccio angeregten Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten von 1795 nicht verwendet; erst 1827 wählt er dann die Gattungsbezeichnung als Titel für eine als mustergültig für das Genre empfundene Prosa-Erzählung.
Mit dem Novellenbegriff konkurrierten in der Goethezeit und später ,,Historie", ,,Geschichte", ,,Erzählung" u. a.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Theorie der Novelle
A) Der Name: Herkunft, Bedeutung, Gebrauch
B) Novellentheorie
C) Novellenforschung
D) Novellentechnik
E) Novellentypologie
F) Novellenmuster
G) Der Perspektivismus der Novelle
Geschichte der Novelle
Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre
Clemens Brentano: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl
E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi
Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
Judenbuche als Novelle???
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattung der Novelle mit einem spezifischen Fokus auf die Kriminalnovelle. Ziel ist es, die strukturellen Merkmale und die historische Entwicklung dieses Genres darzulegen sowie exemplarisch zu zeigen, wie Kriminalnovellen als Spiegel gesellschaftlicher Bedingungen und individueller psychologischer Prozesse fungieren.
- Theoretische Grundlagen und Definitionsmerkmale der Novelle
- Strukturelle Techniken wie Wendepunkt und unerhörte Begebenheit
- Die Kriminalnovelle als Subgenre und ihre soziologische Verankerung
- Interpretationsansätze zu zentralen Werken der deutschen Literatur
Auszug aus dem Buch
UNERHÖRTE BEGEBENHEIT:
Spätestens seit Goethe hat man die Novelle mit dem Begriff der BEGEBENHEIT verknüpft. Überdies liefert das Diktum der die synonym gebrauchte Wendung des EREIGNISSES. Beide Begriffe verweisen auf wirklich Vorgefallenes, auf etwas, was einmalig und unwiederholbar zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort geschehen ist; Novelle befasst sich mit dem Realen – novellistische Fiktion erzählt eine Begebenheit mit dem Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeit
Die Novelle, so könnte man definieren, ist die für wahr vorgestellte Fiktion eines unpersönlichen wirklichen Geschehens, in das sich der einzelne verwickelt sieht. „Unerhört“ kann das Außergewöhnliche und Außerordentliche meinen, das sowohl tragisch als auch utopisch zu verstehen ist, mit der möglichen Wendung ins Katastrophale oder ins Wunderbare
Die Novelle führt den Menschen in extremen Situationen seines Daseins vor, auf dem Höhenweg zur Erfüllung, meistens aber auf dem abschüssigen Weg in den Abgrund. In der unerhörte Begebenheit offenbart sich im exponierten Einzelfall das äußerste, was dem einzelnen widerfahren kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Theorie der Novelle: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Herkunft sowie die evolutionäre Entwicklung der Gattungsbegriffe und Novellentheorien von der Romantik bis hin zur Moderne.
Geschichte der Novelle: Dieser Teil bietet detaillierte Einzelanalysen kanonischer Werke (u.a. von Schiller, Brentano, Hoffmann und Droste-Hülshoff) und deren Einordnung in die novellistische Struktur.
Judenbuche als Novelle???: Hier wird kritisch hinterfragt, inwieweit Annette von Droste-Hülshoffs Werk die klassischen Kriterien einer Novelle erfüllt oder als Kriminalgeschichte zu klassifizieren ist.
Schlüsselwörter
Novelle, Kriminalnovelle, unerhörte Begebenheit, Wendepunkt, Theorie, Literaturgeschichte, Sozialpsychologie, Schiller, Brentano, E.T.A. Hoffmann, Droste-Hülshoff, Strukturmerkmale, Motiv, Schicksal, Gesellschaftskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen systematischen Überblick über die literarische Gattung der Novelle, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der spezifischen Ausprägung der Kriminalnovelle liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition der Novelle, ihre zentralen Strukturmerkmale (wie Wendepunkt und Unerhörtheit) sowie die Analyse literarischer Texte unter Berücksichtigung ihrer gesellschaftlichen und psychologischen Hintergründe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Einordnung der Gattung sowie die Demonstration, wie Novellen durch den kriminellen Akt gesellschaftliche Normen und individuelles Scheitern reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historisch-soziologische Aspekte mit strukturalistischen Gattungstheorien verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Gattungsmerkmale und eine vertiefende Untersuchung von Fallbeispielen, unter anderem von Friedrich Schiller und Annette von Droste-Hülshoff.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Novelle, unerhörte Begebenheit, Wendepunkt, gesellschaftlicher Kontext und Kriminalgeschichte.
Wie bewertet der Autor das Ende von Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre"?
Der Autor interpretiert den Schluss als eine moraldidaktische Utopie, die die Gattungsgrenzen überschreitet und eine Reintegration des Individuums in eine normierte Gesellschaft thematisiert.
Welche Rolle spielt die "unerhörte Begebenheit" in der Analyse der Judenbuche?
Der Autor stellt fest, dass das traditionelle Verständnis der "unerhörten Begebenheit" auf Droste-Hülshoffs Werk nur bedingt anwendbar ist, da hier eher eine Akzentverlagerung vom rein Ereignishaften auf das psychologische Schicksal der Hauptfigur stattfindet.
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- Florian Schaffelhofer (Author), 2002, Die literarische Gattung Novelle. Theorien und Beispieltexte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6087