Seit Beginn der Nachkriegszeit hat sich die Gesellschaft rasant und grundlegend gewandelt. Die Veränderungen erstrecken sich auf fast alle Bereiche des sozialen Lebens, dazu gehören unter anderem soziale Abläufe, familiäre Lebens-, sowie Schul- und Arbeitswelten und die Vielfalt körperlicher und psychischer Erkrankungen. Diese soziokulturell, sozioökonomisch und gesellschaftlich-politisch beobachtbaren Wandlungsprozesse in den letzten Jahrzehnten erfassen längst auch die Kinder, die heutzutage in veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufwachsen, und man infolge dessen durchaus von einem Wandel des sozialen Zustandes „Kindheit“ sprechen kann. Diese „veränderte Kindheit“ hat wiederum zum Teil schwerwiegende Änderungen für die Verläufe und Ergebnisse des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, sowie deren Handlungsweisen zur Folge. So stellt jeder von uns direkt erhebliche Unterschiede zu unserer eigenen Kindheit fest, wenn uns Großeltern von ihrer Kindheit erzählen, und unter welchen Bedingungen sie damals aufgewachsen und in die Gesellschaft integriert worden sind.
Im Folgenden soll versucht werden, den Beginn, sowie den geschichtlichen Ablauf des Wandels der Kindheit seit den 1940er Jahren überblicksartig darzustellen. Den Fragen, inwieweit gesellschaftliche Veränderungsprozesse das Wesen von Kindheit verändert haben, und wie die sozialen Lebenszusammenhänge von Kindern gegenwärtig aussehen, soll auf den Grund gegangen werden. Dabei wird anhand ausgewählter Generationsvergleiche und Modernisierungsprozesse in der Kindheit aufgezeigt, dass sich durch verschiedenste äußere Einflüsse ein Wandel der Kindheit vollzogen hat, der sich in mehreren Erscheinungsformen erfassen lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einblick in die historische Entwicklung von Kindheit
3. Die Nachkriegskinder und die Konsumkinder – Kindheitsverläufe zweier Generationen
3.1. Charakteristiken typischer Kindheit der 40er Generation
3.2. Charakteristiken typischer Kindheit der 40er Generation
4. Veränderungsaspekte heutiger Kindheit
4.1. Veränderte Grundstrukturen heutiger kindlicher Lebensbedingungen
4.1.1. Wandel sozioökonomischer Rahmenbedingungen
4.1.2. Wandel der familiären Lebenswelt
4.1.2.1. Reduktion der Geburtenrate
4.1.2.2. Müttererwerbstätigkeit
4.1.2.3. Vielfalt an Familienkonstellationen
4.2. Die Rolle der Medien für die Kindheit
4.3. Veränderte räumliche Lebensbedingungen der Kinder
4.3.1. Allgemeine Veränderungen in der Großstadt
4.3.2. Veränderte Wohn- und Außenbereiche
4.3.3. Modell der Verinselung des kindlichen Lebensraumes
4.4. Zeiterleben in heutiger Kindheit
4.5. Spiel- und Freizeitverhalten im Wandel
4.6. Vom Befehlen zum Verhandeln – Veränderungen des Erziehungsverhaltens
4.6.1. Gewalt in der Erziehung
4.6.2. Die Erziehungsnormen des Verhandlungshaushalts und ihre Konsequenzen
4.7. Verhalten und Reaktionen der Kinder in Anbetracht der Veränderungen
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den soziokulturellen Wandel von Kindheit in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, wie gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, veränderte familiäre Strukturen und neue Medieneinflüsse das Wesen des Kindseins sowie die Sozialisationsbedingungen nachhaltig transformiert haben.
- Historischer Vergleich der Kindheitsverläufe zwischen der Generation der 1940er und 1960er Jahre.
- Analyse der sozioökonomischen Rahmenbedingungen und der räumlichen Einengung des kindlichen Lebensraums.
- Untersuchung der Mediatisierung und Kommerzialisierung als prägende Faktoren heutiger Kindheit.
- Evaluierung des Wandels vom autoritären Befehlshaushalt zum partnerschaftlichen Verhandlungshaushalt.
- Betrachtung der psychologischen und sozialen Folgen für Kinder in einer leistungsorientierten Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
4.3.3. Modell der Verinselung des kindlichen Lebensraumes
Mit dem traditionellen, nunmehr veralteten Modell des einheitlichen Lebensraumes hat Pfeil 1965 den Lebens- oder Streifraum der früheren Straßenkinder beschrieben, welcher meist eine zusammenhängende Einheit innerhalb einer Wohnumgebung darstellt. Der Lebensraum, in den das Kind hineinwächst und seine Erfahrungen sammelt, ist gleichbedeutend mit einem nicht frei wählbaren, schicksalhaften Raumsegment, in dem alle einzelnen Bedingungen fest miteinander verbunden sind. Mit den inhaltlichen und gesellschaftlichen Umständen und Konflikten in diesem Raumabschnitt muss das Individuum leben und sich auseinandersetzen. Das Modell besagt, dass sich die Aneignung der räumlichen Welt mit zunehmendem Alter der Kinder, ohne Beteiligung ihres Bewusstseins, allmählich in konzentrischen Kreisen ausdehnt und damit ihren Lebensraum von der eigenen Wohnung ausgehend, nach und nach in die weitere Umgebung erweitert. Dieser einheitliche Lebensraum ist für jeweils mehrere Menschen für lange Zeit derselbe, während der verinselte Lebensraum, der von Zeiher entwickelt wurde, für jeden ein anderer ist, da jeder seine individuelle Inselzusammenstellung hat.
Zeihers Modell der Verinselung hat Pfeils traditionelles Modell abgelöst, da die Raumaneignung moderner Kinder aufgrund ihrer veränderten Lebensweise unter anderen Bedingungen geschieht als Pfeil es dargestellt hat. Der Begriff der „Verinselung“ des Lebensraumes hat seine Berechtigung, denn Kinder erfahren ihre Wohnumgebung nicht mehr als einen einheitlichen Lebensraum, den sie selbständig, in altersgemäßen Schritten bzw. in konzentrischen Kreisen erobern und aktiv durchstreifen können, sondern als einzelne unüberschaubare und unzusammenhängende „Inseln“, die im Gesamtraum verstreut sind, wie z. B. Spielplätze und Sportanlagen, zu denen sie gebracht und gefahren werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den rasanten gesellschaftlichen Wandel und stellt die These auf, dass heutige Kinder in grundlegend veränderten Rahmenbedingungen aufwachsen, die einen Wandel der „Kindheit“ als sozialen Zustand begründen.
2. Einblick in die historische Entwicklung von Kindheit: Das Kapitel beschreibt den historischen Ursprung des Begriffs „Kindheit“ im Spätmittelalter und grenzt diesen von der vorangegangenen Epoche ab, in der Kinder lediglich als kleine Erwachsene galten.
3. Die Nachkriegskinder und die Konsumkinder – Kindheitsverläufe zweier Generationen: Hier werden die kriegsgeprägten Erfahrungen der 40er-Generation den Bedingungen der aufwachsenden 60er-Generation gegenübergestellt, wobei der Fokus auf dem Übergang von Mangel zu materiellem Wohlstand liegt.
4. Veränderungsaspekte heutiger Kindheit: Dieses zentrale Kapitel analysiert systematisch die Faktoren der Modernisierung, darunter Mediatisierung, räumliche Verinselung, veränderte Zeitstrukturen und den Wandel der Erziehungsnormen.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass der Wandel in nur 60 Jahren tiefgreifend war, und plädiert für einen bewussten Umgang mit den Herausforderungen, um Kindern trotz Technokratisierung einen natürlichen Erlebnisraum zu erhalten.
Schlüsselwörter
Kindheit, Sozialisation, Nachkriegszeit, Modernisierung, Verinselung, Individualisierung, Mediatisierung, Erziehungsverhalten, Verhandlungshaushalt, Lebensbedingungen, Kindzentriertheit, Familienwandel, Generationenvergleich, Spielverhalten, Raumaneignung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation der Kindheit in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und beleuchtet, wie sich die Lebensbedingungen von Kindern durch den sozioökonomischen und gesellschaftlichen Wandel verändert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Wandel familiärer Strukturen, der Einfluss von Medien, die Veränderung des kindlichen Spielraums durch Verstädterung sowie die Verschiebung erzieherischer Normen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Aufwachsensbedingungen und Lebenslagen von Kindern seit den 1940er Jahren zu analysieren und aufzuzeigen, inwieweit diese Veränderungen das heutige Kindsein prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und dem Vergleich von Generationserfahrungen sowie der Anwendung soziologischer Theorien zum Strukturwandel der Kindheit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der „Verinselung“ des Lebensraums, der Rolle der Medien, dem Zeitdruck durch Terminpläne sowie dem Paradigmenwechsel vom autoritären Befehlshaushalt zum Verhandlungshaushalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kindheitswandel, Sozialisation, Verinselung, Mediatisierung, Verhandlungshaushalt und gesellschaftliche Modernisierung geprägt.
Was genau bedeutet das „Modell der Verinselung“?
Es beschreibt, dass Kinder ihre Umwelt nicht mehr als zusammenhängenden, selbst zu erforschenden Streifraum wahrnehmen, sondern als unverbundene „Inseln“ (z. B. Schule, Sportverein), zwischen denen sie transportiert werden müssen.
Wie hat sich das Erziehungsverhalten laut der Autorin gewandelt?
Die Autorin stellt einen Wandel vom traditionellen Befehlshaushalt hin zu einem Verhandlungshaushalt fest, bei dem die kindlichen Bedürfnisse stärker in den Fokus rücken, was jedoch auch neue Anforderungen und Stressfaktoren für Kinder mit sich bringt.
- Quote paper
- Britta Brokate (Author), 2006, Kindheit im Wandel. Veränderte Bedingungen des Kindseins seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60935