Kindheit im Wandel. Veränderte Bedingungen des Kindseins seit dem Ende des zweiten Weltkrieges


Vordiplomarbeit, 2006

28 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

1. Einleitung

Seit Beginn der Nachkriegszeit hat sich die Gesellschaft rasant und grundlegend gewandelt. Die Veränderungen erstrecken sich auf fast alle Bereiche des sozialen Lebens, dazu gehören unter anderem soziale Abläufe, familiäre Lebens-, sowie Schul- und Arbeitswelten und die Vielfalt körperlicher und psychischer Erkrankungen. Diese soziokulturell, sozioökonomisch und gesellschaftlich-politisch beobachtbaren Wandlungsprozesse in den letzten Jahrzehnten erfassen längst auch die Kinder, die heutzutage in veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufwachsen, und man infolge dessen durchaus von einem Wandel des sozialen Zustandes von „Kindheit“ sprechen kann. Diese „veränderte Kindheit“ hat wiederum zum Teil schwerwiegende Änderungen für die Verläufe und Ergebnisse des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, sowie deren Handlungsweisen zur Folge. So stellt jeder von uns direkt erhebliche Unterschiede zu unserer eigenen Kindheit fest, wenn uns Großeltern von ihrer Kindheit erzählen, und unter welchen Bedingungen sie damals aufgewachsen und in die Gesellschaft integriert worden sind.

Als Hauptmerkmal gegenwärtiger Kindheit wird häufig genannt, das Kinder und Jugendliche, wie wohl nie zuvor in der Geschichte, an biographischen Möglichkeiten und Risiken des Aufwachsens und Großwerdens teilhaben. So besteht zum Beispiel eine eingeschränkte bzw. verschobene Chance sinnliche Erfahrungen zu machen, da Verkehr und Bauweise den Unternehmensraum der Kinder einschränken. Infolge Dessen wird es für die Kinder immer schwieriger, sich ihre Lebenswelt zu erschließen und gesellschaftliche Fähigkeiten zu erwerben. Auf der anderen Seite ist Kindheit heute verstärkt Medien- und Konsumkindheit, die geprägt ist durch Fernsehprogrammvielfalt, die ihnen die Wirklichkeit aus zweiter Hand liefert. Sie wachsen auf in dicht besiedelten Wohngebieten, und verbringen die meiste Zeit in der elterlichen Wohnung mit Videoclips und aufwändigen Computerspielen. Darüber hinaus gibt es immer mehr Einzelkinder, immer mehr berufstätige Eltern, die Zahl der allein erziehenden Mütter und Väter steigt, und bereits im Kindergarten strömen fremde Verhaltensweisen und Gewohnheiten auf die Kinder ein, die Jungen und Mädchen aus anderen Kulturkreisen mitbringen. Infolge dieser Prozesse sind Kinder heute mit denen früherer Jahrgänge nicht mehr zu vergleichen.

Im Folgenden werde ich versuchen, den Beginn, sowie den geschichtlichen Ablauf des Wandels der Kindheit seit den 1940er Jahren überblicksartig darzustellen. Den Fragen, inwieweit gesellschaftliche Veränderungsprozesse das Wesen von Kindheit verändert haben, und wie die sozialen Lebenszusammenhänge von Kindern gegenwärtig aussehen, möchte ich im darauf folgenden Teil meiner Arbeit auf den Grund gehen, und dabei anhand ausgewählter Generationsvergleiche und Modernisierungsprozesse in der Kindheit aufzeigen, dass sich durch verschiedenste äußere Einflüsse ein Wandel der Kindheit vollzogen hat, der sich in mehreren, von mir im Anschluss dargestellten Erscheinungsformen erfassen lässt. Abschließend werde ich kurz die Konsequenzen und Ergebnisse der beobachtbaren Veränderungen in den Aufwachsensbedingungen und Lebenslagen von Kindern herausarbeiten.

2. Einblick in die historische Entwicklung von Kindheit

Bis zum Ende des Mittelalters gab es kein Wort für „Kindheit“ als eine eigenständige Lebensphase in der Biographie eines Menschen. Es gab allenfalls einen Abschnitt, in dem Kleinkinder nicht ohne fremde Hilfe auskommen konnten, doch nach einer verhältnismäßig spät erfolgten Entwöhnung nahmen sie sofort ihren Platz unter den Erwachsenen ein. Der Begriff „Kind“ bezeichnete eher ein Verwandtschaftsverhältnis als eine Altersangabe[1]. Die Einstellung zu Kindern veränderte sich jedoch allmählich. Im Spätmittelalter, etwa im 14. Jahrhundert, nahmen Kinder nicht mehr ausschließlich am Erwachsenenleben teil, sondern wurden in Seminaren und Schulen erzogen und gebildet, was schließlich zur Entstehung des Begriffs „Kindheit“ führte. Darüber hinaus fand man immer mehr Gefallen daran, mit Kindern zu spielen und sich mit ihnen zu vergnügen[2].

Da ich mich in der vorliegenden Arbeit vornehmlich auf den Wandel der Kindheit seit dem Ende des zweiten Weltkrieges konzentriere, möchte ich an dieser Stelle auf die weiteren Entwicklungen der folgenden Jahrhunderte nicht weiter eingehen und mich nun dem Wandel der Sozialisations- und Lebensbedingungen der Kinder vergangener Jahrzehnte widmen.

3. Die Nachkriegskinder und die Konsumkinder – Kindheitsverläufe zweier Generationen

Preuss-Lausitz bestätigt, dass geschichtlich einmalige soziale Bedingungen zu jeweils charakteristischen Kindheitserfahungen führen, welche im Endeffekt die Sozialisationsgeschichte einer Generation kennzeichnen. Diese Gesamterfahrungen sowie die erlebte Erziehung, ihre Auswirkungen und unterschiedlichen Folgen, werde ich hier im Folgenden aufzeigen, indem ich die Generation der 40er Jahre mit der der 60er Jahre vergleiche, denn gerade diese Generationen spiegeln sehr deutlich einen Umbruch wieder wie keine Generation zuvor.

3.1. Charakteristiken typischer Kindheit der 40er Generation

Die Jahre um 1940 waren geprägt durch einen Mangel an allem und der ständigen Suche nach etwas Essbarem. Die Väter der Kinder dieser Generation waren im Krieg und später manchmal noch Jahre in der Gefangenschaft. Auch die wenigen Ausnahmen, die aus irgendeinem Grund vom Kriegsdienst freigestellt waren, lebten meist nicht bei ihren Familien, die auf dem Land untergebracht waren. Das bedeutet, das die meisten Kinder die ersten Lebensjahre vaterlos aufwuchsen und diese Zeit mit den Geschwistern und der Mutter verbrachten, die den Mittelpunkt der Familie darstellte und deren Versorgung selbständig übernahm. Bei der Rückkehr des Vaters kam es nicht selten zu familiären Konflikten aufgrund geringer Autoritätsanerkennung der Kinder in Bezug auf ihren Vater[3].

Wohnungsnot und räumliche Enge, indem man mit mehreren Personen in ein bis zwei Zimmern wohnte, wo niemand ein Kinderzimmer und viele nicht einmal ein eigenes Bett hatten, hatte es schon in der historischen Familie gegeben, doch nach dem Bombenkrieg und nach Aussiedlung und Vertreibung der Menschen aus den Ostgebieten, war sie außerordentlich groß geworden. Infolge dessen haben auch nicht viele Angehörige dieser Generation die Kinderjahre fortdauernd an einem Ort verbracht. Aufgrund der geschilderten Wohnsituation war es nicht üblich, und auch kaum erwünscht, auch noch Freunde mit nach Hause zu bringe, deshalb spielten die Kinder solange es irgend ging draußen im Freien und in Trümmern zerfallener Gebäude mit dem was die Umgebung so hergab, oder man musste sich selbst etwas anfertigen, wie z. B. Drachen bauen, Angeln basteln oder Flöten und Pfeile schnitzen, denn Spielzeug war äußerst rar. In dieser Hinsicht war Spielen auch mit Arbeit verknüpft[4].

Generell verrichteten Kinder vielfältige Arbeiten im Haushalt, wie Thurnwald schildert[5]. Über die Arbeit und räumliche Nähe waren die Kinder also am Leben der Erwachsenen beteiligt, aber darüber hinaus verlief ihr Alltag weitgehend getrennt, und die Kinder waren der elterlichen Kontrolle entzogen. Die Eltern zeigten nicht die Tendenz zu einem kindgerechten oder gar kindzentriertem Verhalten, sie waren froh wenn nichts passierte und sie sich unbehelligt von den Kindern ihrer Arbeit widmen konnten[6]. Körperliche Strafe und Prügel gehörten zu den gängigen Erziehungsmitteln, die diese Generation erleben mussten. Als Folge ist oft zu beobachten, dass diese Personen bei den eigenen Kindern die antiautoritäre Erziehung anwenden.

3.2. Konsumkinder : Charakteristiken typischer Kindheit der um 1960 Geborenen

Diese Generation, die nach Abschluss des Zeitabschnitts des Wiederaufbaus geboren wurde, findet ein Leben in einer relativ geordneten Welt vor. Es besteht nicht mehr die kriegsbedingte Form der unvollständigen oder auch erweiterten Familien, und noch nicht die, erst in den 70er Jahren entstandenen, neuen Varianten des Zusammenlebens wie Wohngemeinschaften usw. Die Familie, in der diese Kinder aufwachsen, entspricht in ihrem Gefüge und Vorstellungen weitgehend dem herkömmlichen Bild der bürgerlichen Kleinfamilie mit guter materieller Versorgung und beständigen Verhältnissen, in der sich Eltern wieder mehr um die Kinder kümmern[7]. Zwar besteht noch eine Familienstruktur mit bürgerlichen Wertvorstellungen, die nach außen eine klare Abgrenzung und innerlich eine klare Rollentrennung zwischen den Ehepartnern einerseits, und zwischen den Eltern und den Kindern andererseits beibehält: der Vater, aus beruflichen Gründen außer Haus, beansprucht die Rolle des Patriarchen, doch ist eine gewisse Liberalisierung im Erziehungs- und Bildungsverhalten unübersehbar[8]. Weiterhin werden die vielfältigen Spielmöglichkeiten im Freien eingeschränkt. Vermehrtes Spielen zu Hause und vorgefertigtes Spielzeug gewinnen an Bedeutung, und die Verbreitung des Fernsehens, die beinhaltet, dass Kinder zu Trägern des Massenkonsums werden, findet ihren Anfang.

4. Veränderungsaspekte heutiger Kindheit

Fest steht, dass in den letzten Jahrzehnten stetige soziale Entwicklungs- und Veränderungstendenzen, die kurz mit den Stichworten „Kommerzialisierung“[9], „Privatisierung“[10], „Individualisierung“ und vor allem auch „Mediatisierung“[11] beschrieben werden können, die Gesellschaft als Ganzes verändert haben.

Den sozialen Trend zur Individualisierung hat Ulrich Beck in seiner Individualisierungsthese von 1986[12] aufgegriffen, und im Rahmen dessen mithilfe dreier Dimensionen verdeutlicht, dass Menschen aus ihren geschichtlich – gemeinschaftlichen Gesellschafts- und Lebensformen wie z.B. Klasse, Schicht, Umfeld und Familie herausgelöst werden, und neue individualisierte Existenzlagen in der heutigen Industriegesellschaft entstehen. Die Normalbiographie eines Menschen wandelt sich quasi zur Wahlbiographie[13]. Diese neuen Lebenslagen betreffen natürlich nicht nur das Alltagsleben von Erwachsenen, sondern stehen auch im Zusammenhang mit dem veränderten Rahmen des Aufwachsens von Kindern. Da Kindheit als menschliche Seinsweise in einer bestimmten Lebensaltersphase bestimmt wird, in der Erziehung die Ausbildung und die Sozialisierung des Ich gewährleisten soll, ist mit Wandel der Kindheit die Veränderung dieser Seinsweise, sowie die Veränderung der erzieherischen Formen, Bedingungen und Inhalte der Ausbildung und der Sozialisierung des Individuums in jenem Lebensaltersabschnitt gemeint[14]. Hier ist die Frage, die ich im Folgenden versuchen werde zu klären, wie sich Kindheit verändert und welche Richtungen diese Veränderung nimmt.

4.1. Veränderte Grundstrukturen heutiger kindlicher Lebensbedingungen

Zur Veränderung der Bedingungen, in denen Kinder heute leben und aufwachsen, kam es vor allem durch den prägenden Wandel soziostruktureller Rahmenbedingungen, wozu einschneidende sozioökonomische und familienstrukturelle Veränderungen zählen, die in den letzten Jahren das Bild unserer Gesellschaft charakterisieren.

4.1.1. Wandel sozioökonomischer Rahmenbedingungen

In den letzten Jahrzehnten kam es zur Entwicklung einer zunehmenden Zersiedelung der Landschaft, was hohe Wohndichten in den Ballungsgebieten zur Folge hat, sodass für die Kinder kaum mehr natürliche Spielräume vorhanden sind. Hier spielt die immer stärker werdende Zunahme des Straßenverkehrs eine Rolle, und zwar in dem Sinne, dass es durch den Besitz eines Autos zu einer gesellschaftlichen Beweglichkeit kam, das heißt man wurde zunehmend zum Pendler von einem Ort zum anderen. Auf die Veränderung der Wohn- und Straßenverhältnisse möchte ich jedoch später noch präziser eingehen. Was die Mobilität betrifft ist noch eine weitere Form zu verzeichnen, und zwar die Bildungsmobilität, also eine Verschiebung des Befähigungsbedarfs in der Gesellschaft hin zu höheren Qualifikationen.

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass der sozioökonomische Wandel der Rahmen- und allgemeinen Lebensbedingungen an einer Reihe von Größen abgelesen wird, die durchweg auf der Grundlage deutlich gestiegenen Wohlstands und Lebensstandards in unserer Gesellschaft im Vergleich zu anderen Ländern, verknüpft werden, was eine Reihe von Variablen einbezieht, unter anderem die Pluralisierung von Wertorientierungen und Lebensstilen quer zu den gesellschaftlichen Schichten, die gesunkene Arbeits- und gestiegene Freizeit und die Technisierung[15] vieler Lebensbereiche, wie Wohnen und Haushalt, was dazu geführt hat, dass Kinder Arbeitsvorgänge nicht mehr direkt erfahren, und Sinnzusammenhänge zwischen einzelnen Abläufen kaum nachvollziehen können[16].

[...]


[1] Vgl. Bründel, Heidrun/Hurrelmann, Klaus : Einführung in die Kindheitsforschung. 1996, S. 16.

[2] Vgl. ebd., S. 17.

[3] Vgl. Geulen, Dieter / Schütze, Yvonne: Die „Nachkriegskinder“ und die „Konsumkinder“. In: Preuss-Lausitz, Ulf et al.: Kriegskinder – Konsumkinder – Krisenkinder. 1991, S. 30.

[4] Vgl. Geulen, Dieter / Schütze, Yvonne: Die „Nachkriegskinder“ und die „Konsumkinder“. In: Preuss-Lausitz, Ulf et al.: Kriegskinder – Konsumkinder – Krisenkinder. 1991, S. 34f.

[5] Vgl. Thurnwald, H.: Gegenwärtige Probleme Berliner Familien. 1948. Zitiert nach Geulen, Dieter / Schütze, Yvonne: Die „Nachkriegskinder“ und die „Konsumkinder“. In: Preuss-Lausitz, Ulf et al.: Kriegskinder – Konsumkinder – Krisenkinder. 1991, S. 35.

[6] Vgl. Geulen, Dieter / Schütze, Yvonne: Die „Nachkriegskinder“ und die „Konsumkinder“. In: Preuss-Lausitz, Ulf et al.: Kriegskinder – Konsumkinder – Krisenkinder. 1991, S. 34.

[7] Vgl. ebd., S. 42.

[8] Vgl. ebd., S. 44.

[9] Kulturelle Werte wirtschaftlichen Interessen unterordnen.

[10] Umwandlung von staatlichem Vermögen in privates Vermögen.

[11] Die zunehmende Ausbreitung der Medien in allen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen.

[12] Vgl. Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. 1986. Zitiert nach Sünker, Heinz: Kindheit zwischen Individualisierung und Institutionalisierung. In: Melzer, Wolfgang et al.: Wandlungen der Kindheit. 1993, S. 19.

[13] Vgl. Sünker, Heinz: Kindheit zwischen Individualisierung und Institutionalisierung. In: Melzer, Wolfgang et al.: Wandlungen der Kindheit. 1993, S. 19.

[14] Vgl. Melzer, Wolfgang / Timmermann, Dieter: Wandel von Kindheit und öffentlicher Erziehung. In: Melzer, Wolfgang et al.: Wandlungen der Kindheit. 1993, S. 35.

[15] Die Beherrschung des Menschen und seiner Umwelt durch die Technik.

[16] Vgl. Melzer, Wolfgang / Timmermann, Dieter: Wandel von Kindheit und öffentlicher Erziehung. In: Melzer, Wolfgang et al.: Wandlungen der Kindheit. 1993, S. 35.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kindheit im Wandel. Veränderte Bedingungen des Kindseins seit dem Ende des zweiten Weltkrieges
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V60935
ISBN (eBook)
9783638544986
ISBN (Buch)
9783638667715
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheit, Wandel, Veränderte, Bedingungen, Kindseins, Ende, Weltkrieges
Arbeit zitieren
Britta Brokate (Autor), 2006, Kindheit im Wandel. Veränderte Bedingungen des Kindseins seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60935

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