Wie die Midgardsschlange die Mitte des Erdballs umarmt, umrahmt auch Kriemhild mit ihrer Lebensgeschichte das ganze Nibelungenlied. Sie tritt in der ersten Strophe als Titelheldin auf und stirbt erst in der letzten Strophe einen einsamen Tod. Kriemhild bildet das Zentrum der Handlung und einen Kreis um das Leben aller Protagonisten. Sie ist die Mittelpunktgestalt, da sie sich für den Gang der Fabel als unentbehrlich erweist . Der Schwerpunkt der Handlung wird von ihrem Schicksal und ihrer persönlichen Geschichte determiniert. Sie trägt gleichzeitig zur Vereinheitlichung der Siegfried- und Burgundensage bei und hält damit das ganze Nibelungenlied leitmotivisch zusammen. Andere Protagonisten werden nur genannt, sofern sie für Kriemhild von Bedeutung sind. Damit determiniert sie das Schicksal der anderen, ihre Handlungsweisen sind es, die im Nibelungenlied über das Leben und den Tod der Protagonisten entscheiden. Das Schicksal Kriemhilds wird zum Schicksal aller. Dieses Schicksal wird dem Publikum von Anfang an durch die Vorausdeutungen vor Augen geführt. Schon in der ersten Aventüre wird Kriemhild als wohlbehütetes, hübsches Mädchen dargestellt und zugleich auch als Rächerin und Verantwortliche des Untergangs der Burgunden. Darüber hinaus wird ausgehend von Kriemhild das Minnemotiv eingeführt und das weitere Schicksal der Burgundenprinzessin und vor allem das der Burgunden mit diesem Motiv verbunden. Infolgedessen kann Kriemhild als die eigentliche Protagonistin des Nibelungenliedes angesehen werden.
In der folgenden Arbeit soll nun speziell auf das strukturtragende Prinzip der Kriemhild-Figur im Nibelungenlied eingegangen werden. Zur Darstellung des Strukturprinzips habe ich spezifische Aventüren ausgewählt, an denen zu sehen ist, wie Kriemhild den Handlungsverlauf bestimmt und weiterführt. So wird zu Beginn auch auf ihre Rolle als höfische Dame hingewiesen. Hier soll unter anderem noch die gesellschaftliche Stellung Kriemhilds im Nibelungenlied beschrieben werden. Danach wird kurz auf die Träume Kriemhilds eingegangen, die sich als schicksalhafte Vorausdeutung des Handlungsverlaufes erweisen. Nicht zuletzt erhält der Königinnenstreit, der als Wendepunkt der Geschichte gilt, eine dementsprechende Darstellung. Der Schwerpunkt der Arbeit soll allerdings auf der Beschreibung von Kriemhilds ‚leit’ und ihrem Racheplan liegen.
Struktur des Nibelungenliedes
1. Einleitung
2. Kriemhild als strukturtragendes Prinzip
2.1. Die 1. Aventüre
2.1.1. Kriemhild als höfische Dame
2.1.2. Die gesellschaftliche Stellung Kriemhilds
2.1.3. Kriemhilds Falkentraum
2.2. Die 12. Aventüre: Streitanbahnung
2.3. Die 14. Aventüre: Der Königinnenstreit
2.4. Die 15. Aventüre: Täuschung Kriemhilds durch Hagen
2.5. Die 16. Aventüre
2.5.1. Kriemhilds Ebertraum
2.5.2. Kriemhilds Bergtraum
2.6. Die 17. Aventüre
2.6.1. Kriemhilds ‚leit’
2.6.2. Kriemhild verbleibt in Worms
2.6.3. Kriemhilds Motiv der Rache
2.7. Die 19. Aventüre
2.7.1. Der Hortraub
2.7.2. Kriemhilds doppeltes ‚leit’
2.8. Die 20. Aventüre
2.8.1. Etzels Brautwerbung um Kriemhild
2.8.2. Kriemhilds Rachegedanken
2.9. Die 21. Aventüre: Kriemhilds Leben am Etzelhof
2.10. Die 23. Aventüre: Die hinterlistige Einladung Kriemhilds
2.11. Die 28. Aventüre: Kriemhilds Konfrontation mit ihren Verwandten
2.12. Die 31. Aventüre: Kriemhilds Provokationen
2.13. Die 33. Aventüre: Kriemhild verliert Ortlieb
2.14. Die 39. Aventüre: Kriemhilds Hortforderung und Rache
3. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Kriemhild als zentrales, strukturtragendes Prinzip im Nibelungenlied. Dabei wird analysiert, wie ihr Handeln und Schicksal den Verlauf der Fabel bestimmen und die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Teilen des Epos sicherstellen.
- Kriemhilds Rolle als handlungsbestimmende Titelheldin
- Die Bedeutung von Kriemhilds Träumen als schicksalhafte Vorausdeutungen
- Der Königinnenstreit als zentraler Wendepunkt der Handlung
- Kriemhilds Wandlung von der höfischen Dame zur rachsüchtigen Protagonistin
- Rechtliche und gesellschaftliche Aspekte der Frauenrolle im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Kriemhild als höfische Dame
Ein weiteres Indiz dafür, dass Kriemhild die Mittelpunktgestalt ist, ist die Tatsache, dass sie als erste Gestalt vorgestellt wird. Kriemhilds Brüder, die Könige Gunther, Gernot und Giselher, die nach dem höfischen Zeremoniell eigentlich vor ihr genannt werden müssten, weil sie einen höheren Rang besitzen, tauchen dagegen erst in den Strophen vier und fünf auf, und auch dort nur in Bezug auf Kriemhild. Der Dichter war mit den höfischen Gesellschaftsregeln seiner Zeit sehr wohl vertraut, in denen besonderes Augenmerk auf die Etikette gelegt wurde und die Reihenfolge der Personennennung sicherlich nicht zufällig erfolgen konnte. Die Abfolge der Nennung der Namen im Nibelungenlied erfolgte daher absichtlich, und zwar bewusst im Hinblick auf die Bedeutung Kriemhilds als Titelfigur.
Daraus lässt sich wiederum die große Bedeutung Kriemhilds für den weiteren Verlauf des Geschehens erkennen. Die Vorstellung der Könige erfolgt durch feststehende Epitheta, wie die adelige Abstammung, Macht, Tapferkeit, Freigebigkeit und großes Gefolge, so Haug und Schulze. Die Burgundenprinzessin steht unter dem Schutz der drei Könige, welche sich fürsorglich um sie kümmern. Schulze sieht in diesem Schutz eine Art Vormundschaft, der Kriemhild unterliegt. Bereits in der zweiten Strophe erfährt man gleichsam, dass allein Kriemhilds wegen viele Helden ihr Leben verlieren werden. Damit signalisiert uns die letzte Zeile, dass alle weiteren Ereignisse „in Beziehung zu Kriemhild stehen, ja durch sie verursacht werden“:
„Ez wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn, daz in allen landen niht schœners mohte sîn, Kríemhílt geheizen: si wart ein schœne wîp. dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp.“ (2)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt Kriemhild als zentrale Mittelpunktgestalt des Nibelungenliedes vor, deren Lebensgeschichte die Handlung leitmotivisch umrahmt.
2. Kriemhild als strukturtragendes Prinzip: In diesem Kapitel wird analysiert, wie Kriemhild durch ihre Rolle als höfische Dame, ihre Träume und ihre Entwicklung zur Rächerin den Handlungsverlauf des Epos maßgeblich bestimmt.
2.1. Die 1. Aventüre: Die Einführung der Titelfigur zu Beginn verdeutlicht ihre übergeordnete Bedeutung, wobei ihre Schönheit und ihr späteres Schicksal bereits in der ersten Aventüre thematisiert werden.
2.1.1. Kriemhild als höfische Dame: Kriemhilds privilegierte Nennung und ihre gesellschaftliche Einordnung durch die höfische Etikette unterstreichen ihre Rolle als Zentrum der Handlung.
2.1.2. Die gesellschaftliche Stellung Kriemhilds: Die Untersuchung zeigt die rechtliche Abhängigkeit Kriemhilds von der männlichen ‚Muntgewalt’ und ihre Verpflichtung zum Gehorsam innerhalb der höfischen Gesellschaft.
2.1.3. Kriemhilds Falkentraum: Der erste von drei Träumen Kriemhilds dient als schicksalhafte Vorausdeutung auf den Tod Siegfrieds.
2.2. Die 12. Aventüre: Streitanbahnung: Hier werden die Ursprünge des Konflikts zwischen Brünhild und Kriemhild analysiert, insbesondere die Zweifel an Siegfrieds Rechtsstellung.
2.3. Die 14. Aventüre: Der Königinnenstreit: Dieser Wendepunkt der Geschichte markiert den schlagartigen Ausbruch der Feindschaft, die sich an Fragen von Rang und Macht entzündet.
2.4. Die 15. Aventüre: Täuschung Kriemhilds durch Hagen: Hagen gelingt es durch Manipulation, Kriemhild das Geheimnis der Verwundbarkeit Siegfrieds zu entlocken, um den Mord vorzubereiten.
2.5. Die 16. Aventüre: Dieses Kapitel behandelt die vergebliche Warnung Kriemhilds durch ihre Träume vor dem drohenden Tod Siegfrieds.
2.5.1. Kriemhilds Ebertraum: Die Symbolik der Wildschweine deutet im Ebertraum erneut auf das drohende Unheil durch die Burgunden hin.
2.5.2. Kriemhilds Bergtraum: Der zweite Traum Kriemhilds mit der Motivik der stürzenden Berge präzisiert die Vorhersage von Siegfrieds gewaltsamem Tod.
2.6. Die 17. Aventüre: Die unmittelbaren Folgen nach Siegfrieds Ermordung und Kriemhilds erste Reaktionen stehen hier im Mittelpunkt.
2.6.1. Kriemhilds ‚leit’: Kriemhild erkennt in ihrem Schmerz die Täuschung Hagens und identifiziert ihn als Mörder Siegfrieds.
2.6.2. Kriemhild verbleibt in Worms: Die Entscheidung Kriemhilds, entgegen dem Wunsch Siegmunds in Worms zu bleiben, wird als strategischer Schritt für ihre geplante Rache interpretiert.
2.6.3. Kriemhilds Motiv der Rache: Die Blutrache wird als notwendige Antwort auf den Mord an Siegfried analysiert, die Kriemhild lange vorbereitet.
2.7. Die 19. Aventüre: Die Ereignisse am Ende des ersten Teils des Epos bereiten die Grundlage für Kriemhilds späteren Rachefeldzug.
2.7.1. Der Hortraub: Durch die Versenkung des Nibelungenhortes versucht Hagen, Kriemhilds materielle Machtbasis für die geplante Rache zu zerstören.
2.7.2. Kriemhilds doppeltes ‚leit’: Das durch den Mord an Siegfried und den Verlust des Schatzes verstärkte Leid prägt Kriemhilds weiteres Handeln nachhaltig.
2.8. Die 20. Aventüre: Der Beginn des zweiten Teils zeigt die Bemühungen um eine neue Eheschließung Kriemhilds und ihre Instrumentalisierung Etzels.
2.8.1. Etzels Brautwerbung um Kriemhild: Die Werbung wird als notwendige Voraussetzung für den weiteren Racheplan Kriemhilds dargestellt.
2.8.2. Kriemhilds Rachegedanken: Kriemhild nutzt die Ehe mit Etzel gezielt als Mittel zur Umsetzung ihrer langjährigen Rachepläne.
2.9. Die 21. Aventüre: Kriemhilds Leben am Etzelhof: Kriemhild festigt ihre Position am Hunnenhof, verliert dabei jedoch nie ihr eigentliches Ziel der Vergeltung aus den Augen.
2.10. Die 23. Aventüre: Die hinterlistige Einladung Kriemhilds: Durch die Einladung ihrer Verwandten an den Etzelhof bereitet Kriemhild das finale Aufeinandertreffen vor.
2.11. Die 28. Aventüre: Kriemhilds Konfrontation mit ihren Verwandten: Die Begrüßung der Gäste bei ihrer Ankunft macht die verbleibende Feindseligkeit Kriemhilds deutlich.
2.12. Die 31. Aventüre: Kriemhilds Provokationen: Durch geschickte Manipulation versucht Kriemhild den endgültigen Bruch zwischen den Burgunden und den Hunnen zu provozieren.
2.13. Die 33. Aventüre: Kriemhild verliert Ortlieb: Der Tod des gemeinsamen Sohnes mit Etzel involviert diesen unumkehrbar in Kriemhilds Vergeltungsaktion.
2.14. Die 39. Aventüre: Kriemhilds Hortforderung und Rache: Die abschließende Hortforderung dient der formalen Rechtfertigung der Hinrichtung Hagens und beendet die Handlungsfäden.
3. Resümee: Das Resümee fasst die radikale Wandlung Kriemhilds von der edlen Prinzessin zur eiskalten Rächerin zusammen und würdigt die Leistung des Dichters.
Schlüsselwörter
Kriemhild, Nibelungenlied, Rache, Blutrache, Siegfried, Hagen, Höfische Gesellschaft, Strukturprinzip, Hortraub, Königinnenstreit, Mittelalter, Epik, Heldenlied, Vergeltung, Frauenrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rolle der Kriemhild als zentrales strukturierendes Element im Nibelungenlied und analysiert ihre Entwicklung über den gesamten Verlauf des Heldenepos.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf Themen wie die höfische Gesellschaft, das Motiv der Blutrache, die Macht von Träumen als Vorbedeutung und die sich wandelnde Rolle einer Frau in einem heroischen Epos.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kriemhild durch ihre Handlungen den Verlauf der Fabel bestimmt und wie ihre individuelle Wandlung die Tragik des Epos maßgeblich konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse erfolgt literaturwissenschaftlich durch die Untersuchung ausgewählter Aventüren des Nibelungenliedes unter Einbeziehung und kritischer Auseinandersetzung mit existierender Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert chronologische Abschnitte des Liedes, von der Einleitung und ersten Vorstellungen über die zentralen Konflikte wie den Königinnenstreit bis hin zu den finalen Racheakten und der Hortforderung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kriemhild, Rache, Strukturprinzip, Nibelungenlied, Höfische Gesellschaft und Vergeltung charakterisieren.
Warum bleibt Kriemhild nach Siegfrieds Tod in Worms, obwohl sie dort so viel Leid erlitten hat?
Die Forschung diskutiert dies kontrovers; während einige Wissenschaftler dies auf die Konzeption des Dichters zurückführen, deuten andere dies als bewusste, strategische Entscheidung Kriemhilds, um ihre Rache besser planen zu können.
Was ist die Bedeutung der Hortforderung in der 39. Aventüre?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Hortforderung nicht primär auf Goldgier zurückzuführen ist, sondern als formale Rechtfertigung dient, um Hagen zur Rechenschaft zu ziehen und die beleidigte Ehre wiederherzustellen.
Inwiefern beeinflusst der Königinnenstreit den weiteren Handlungsverlauf?
Der Königinnenstreit gilt als Wendepunkt, da er die verborgene Feindschaft offenlegt und durch die öffentliche Demütigung die Kausalkette in Gang setzt, die letztlich in den Untergang der Burgunden mündet.
- Arbeit zitieren
- Karoline Ehrlich (Autor:in), 2006, Kriemhild als Strukturprinzip - Am Beispiel ausgewählter Aventüren des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60975