Die Frau in Sendero Luminoso


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Sendero Luminoso ( SL) – PCP: Ein Überblick

III. Die Rolle der Frau in Sendero Luminoso
III 1. Die Anfänge
III.2. Frauen in der Organisation – Ämter und Posten
III.3. „Die Frauen von Guzmán“
III.4. Die Frau in Sendero Luminoso – eine quantitative Untersuchung

IV. Die Attraktivität von Sendero Luminoso

V. Das zwiespältige Verhältnis zwischen Sendero Luminoso und der mujer senderista

VI. Schlussfolgerungen

I. Einleitung

In dieser wissenschaftlich – historischen Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle und Bedeutung die Frau in der terroristischen Organisation der „Leuchtende Pfad“ (Sendero Luminoso – SL) in den 80er und Anfang der 90er Jahre gespielt hat.

Der Ursprung von Sendero Luminoso sowie dessen Ideologie, Machtstruktur und nicht zu letzt der Verlauf und das Ende „seiner Revolution“ ist in unzähligen Buchpublikationen, Zeitungsartikeln und anderen Medienberichten dokumentiert und diskutiert worden. Jedoch ist die Anzahl derjenigen Arbeiten, die sich auf die Rolle und die Bedeutung der Frau als Mitglied und Kämpferin innerhalb der Organisation beschränkt haben, äußerst gering. Als einzige, sich ausschließlich dieser Thematik widmenden Publikation, möchte der Autor dieser Hausarbeit, das Werk von Robin Kirk, „Grabado en piedra: las mujeres de Sendero Luminoso“, hervorheben. Alle anderen Quellen, die für diese Arbeit benutzt und konsultiert wurden, beschränken sich in ihren Werken und Artikeln lediglich auf einigen Seiten mit dem Titel dieser Hausarbeit, was die relativ hohe Anzahl von benutzten Quellen erklärt.

Um ein flüssiges, aufbauendes und logisches Lesen dieser Hausarbeit zu ermöglichen, hat der Autor sich entschlossen, nach einem knappen, historischen Überblick, bezüglich der Auswirkungen der Modernisierung im Peru des 20. Jahrhunderts, näher auf die Struktur der Organisation, sowie auf die wichtigsten, historischen Ereignisse und Auswirkungen des Bürgerkrieges, einzugehen. Anschließend wird die Rolle der Frau innerhalb der Organisation ausführlich behandelt und diskutiert. So wird auf die Bedeutung der mujer senderista seit der Existenz des „Leuchtenden Pfades“ eingegangen, und es werden die verschiedenen Positionen und Ämter, die sie inne hatte, erläutert; ferner wird eine quantitative Untersuchung der mujer senderista vorgenommen. Danach hinterfragt der Autor, worin die Attraktivität des „Leuchtenden Pfades“ für viele weibliche Mitglieder bestand, bevor abschließend auf das ambivalente Verhältnis der mujer senderista innerhalb der Organisation, eingegangen wird.

Peru in den 60er Jahren

Nach dem zweiten Weltkrieg und verstärkt in den 60er Jahren verbreitete sich in Peru ein Prozess der Industrialisierung, Urbanisierung und Migration, der eine ungleiche Modernisierung mit sich brachte. Als Konsequenz dieses Prozesses begann das oligarchische Modell der Dominierung, basierend auf der Ausbeutung der indigenen, ruralen Mehrheit der Bevölkerung durch die urbane, weiße Minderheit, nachzulassen. Bauern und Feldarbeiter begannen, auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in die Städte zu emigrieren. Während die alten Strukturen immer mehr zerbrachen, zwangen die neuen sozialen Nachfragen den Staat aktiv zu intervenieren, um dieses sozial und ethnisch so gegensätzliche Land vor dem Zerfall zu bewahren.

Die Expansion des nationalen Schulsystems, beginnend in den 50er Jahren, führte zu einer größeren Beteiligung von Schülern, vor allem jedoch von Schülerinnen.[1] Dieser Prozess war der erste Schritt, der Hauptimpuls, um die Stellung der Frau in der sozialen, politischen und ökonomischen Struktur des Landes zu verändern. Es kam allmählich zu einem Bruch der Isolation der Frau innerhalb ihres gewohnten und traditionellen familiären Umfeldes, zu steigender politischer sowie sozialer Partizipation, und zu wachsendem Zugang zu Ausbildung und Kastellanisierung.[2] Immer mehr Frauen studierten und versuchten, in den Arbeitsmarkt zu gelangen. Jedoch führten diese Veränderungen – aufgrund eines ungleich verteilten Zuganges zu Bildung und Arbeit – zu einer Verschärfung der Unterschiede zwischen den Klassen, sowie zwischen Land- und Stadtbevölkerung; hierbei besonders innerhalb der weiblichen Bevölkerung. Die Zugangsmöglichkeiten für Frauen, insbesondere für Akademikerinnen zum Arbeitsmarkt, waren sehr beschränkt. Somit begann sich die weibliche Bevölkerung, als Ausdruck ihres Protestes und ihrer Frustration, vermehrt in verschiedenen Bewegungen und Organisationen zu beteiligen und zu organisieren.

Die militärische Regierung unter General Velasco, die sich 1968 an die Führung putschte, zerstörte die traditionellen, sozialen und politischen Strukturen des Landes und setzte große soziale und ökonomische Reformen durch.[3] Im Zuge der radikalen Politik unter der Militärregierung Velasco´s kam es zur Entwicklung von wichtigen, sozialen, zivilen Protestbewegungen, die von linken und sozialistischen Parteien unterstützt wurden, sowie zur Bildung diverser, nationaler Organisationen und Vereinigungen.

Mitte der 70er Jahre erlitt die peruanische Wirtschaft einen herben Rückschritt. Dies führte zu wirtschaftlichem Chaos und sozialem Protest, immer mehr begleitet von einer wachsenden, weiblichen Partizipation. So bildeten sich, im Zuge der anhaltenden ökonomischen Probleme, der aufkommenden, feministischen Bewegung, und mit Hilfe der Unterstützung der linken Parteien, in den 70er Jahren soziale und feministische Frauenorganisationen.[4] Doch hatte innerhalb dieser angespannten und kritischen, politischen, sozialen und ökonomischen Situation des Landes auch eine Organisationen seinen Ursprung, welche das Land über viele Jahre hinweg terrorisieren sollte: Sendero Luminoso – PCP.

II. Sendero Luminoso (SL) – PCP : Ein Überblick

Der PCP – SL ("Partido Comunista del Peru – Sendero Luminoso“) ist eine peruanische Terrororganisation, die gemäß maoistischen, leninistischen und marxistischen Grundsätzen eine politische Neuregelung in der peruanischen Provinz Ayacucho und danach im ganzen Land zu erreichen versuchte. Im Jahre 1970 spaltete sie sich von der kommunistischen Partei Perus (PCP) ab, und trat noch im selben Jahr durch politische Agitation in Erscheinung. Hauptsächlich rekrutierte sie sich zu diesem Zeitpunkt aus Studenten der Universität von Ayacucho, an der der Gründer und Anführer des Sendero Luminoso, Abimael Guzmán, als Philosophieprofessor lehrte. Die Ideologie der Organisation basiert auf Ideen Mao Tsé - Tungs und des peruanischen Schriftstellers José Mariátegui.[5] Ziel ist es, durch einen mit allen Mitteln geführten, bewaffneten Kampf die Regierung und die bestehende Gesellschaftsordnung gänzlich zu zerstören – als Voraussetzung für die Schaffung einer neuen, sozialistischen Ordnung.

Während sich nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1980 die Mehrheit der Linksparteien im Bündnis "Izquierda Unida" (IU) zusammenschlossen und an den Wahlen teilnahmen, rief Sendero Luminoso zum Wahlboykott auf und erklärte stattdessen den bewaffneten Kampf. Nach einer Reihe von Attentaten und Bombenanschlägen spitzten sich die Auseinandersetzungen zu und führten bis zum offenen Guerilla - Kampf, Massakern und zahlreichen Menschenrechts - verletzungen, welche entsprechende Gegenschläge des Militärs zur Folge hatten. Zwei Jahre nach seiner Amtseinführung gelang es schließlich dem Präsidenten Fujimori im September 1992, die Führer der inzwischen vereinigten Gruppen Sendero Luminoso und MRTA [6] festzunehmen. Danach ließen die Aktivitäten der Guerillas nach und die peruanische Regierung entwaffnete einen großen Teil der Kämpfer durch ein Amnestieangebot. Heute existieren nur noch ein paar wenige senderistas, die hauptsächlich mit dem Drogenhandel Geschäfte machen.

Im Jahre 2003 stellte die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission ihren Abschlussbericht vor . [7] Sie hatte die blutigsten und gewalttätigsten zwanzig Jahre in der Geschichte Perus (1980-2000) mit fast 70.000 ermordeten Menschen, unzähligen Vergewaltigungen, Entführungen, und anderen Menschenrechtsverletzungen aufgearbeitet. Unmissverständlich stellte die CVR klar, dass der Partido Comunista del Perú – Sendero Luminoso, der Hauptverantwortliche für das Morden und Verschwinden der fast 70.000 Menschen gewesen ist. So hatte er 54% der Opfer direkt zu verantworten.

Um einen radikalen Umbruch der traditionellen, sozialen Gesellschaftsverhältnisse zwischen Mann und Frau und das Ende der Ausbeutung und der Unterwerfung der Frau zu erreichen, wie es SL anstrebte, war besonders die Partizipation der Frau an der lucha armada für SL von großer Bedeutung. So gab es unzählige „damas de la muerte“, welche militärische Kommandos und Todesschwadronen anführten, und in allen Ebenen der Organisation präsent waren (strategisch, logistisch, militärisch). Die staatlichen Autoritäten erklärten, dass ein Drittel der des Terrorismus Angeklagten, Frauen seien, und laut Geheimdienstinformationen existierten mindestens acht Frauen (von insgesamt 19) innerhalb des Comité Central der Organisation. Der „Leuchtende Pfad“ selbst erklärte, dass 40% seiner Mitglieder Frauen seien.[8] So gilt dieser als erste Guerilla - Organisation, der die Frau militärisch und (laut seiner Ideologie zumindest) vollkommen gleichwertig gegenüber den männlichen Mitgliedern inkorporierte, aktiv und in großem Ausmaß Frauen rekrutierte und in führenden Posten einsetzte. Stets die Klasse und nicht das Geschlecht ist von Bedeutung gewesen. Im Gegensatz zum großen Vorbild Senderos, Mao Tsé – Tung, der zwar behauptete, dass der Erfolg der Revolution von den Frauen abhängig sei; jedoch stieg die Proportion innerhalb der Roten Armee im Vergleich von Frau zu Mann nie über das Verhältnis 1 zu 18, und viele der weiblichen Mitglieder waren lediglich Ehefrauen von Generälen der Roten Armee.

III. Die Rolle der Frau in Sendero Luminoso

III.1. Die Anfänge

In der Gruppe, in der sich in den 60er Jahren die Macht von SL in Ayacucho konzentrierte, bekannt als die „heilige Familie“ (la sagrada familia), hatten die Frauen bereits eine wichtige Rolle inne, auch wenn ihre politische Identität oftmals verbunden war mit der ihres Partners oder Ehemannes.

Bereits im Jahre 1965 hatte Guzmán als Arm der kommunistischen Partei das Movimiento Popular de Mujeres in Ayacucho gegründet. Der Frauenanteil der Universität in Ayacucho, an der er lehrte, galt als besonders hoch: im Jahre 1968 studierten 30% Frauen, hauptsächlich in den Departamentos „Sozial – und Erziehungswesenwesen“ und „Geburtenhilfe“. Guzmán konzentrierte sich, um neue weibliche Mitglieder zu rekrutieren, besonders auf den Bereich des Erziehungswesens, wo die Frauen die Mehrheit darstellten.

Die in den 70er Jahren gegründeten Frente Femenino Popular und das Frente Estudiantil Revolucionario waren verantwortlich für die Gewinnung von neuen weiblichen (universitären) Mitgliedern, die aus einfachen oder schlechten Verhältnissen kamen. Ebenso erarbeitete SL eine marxistische Analyse bezüglich der Situation und der Stellung der Frau innerhalb der Geschichte. Catalina Arianzen veröffentlichte hierzu das Werk: El marxismo de Mariátegui y el movimiento femenino, welches als Pflichtlektüre für die senderistas galt. In diesem Werk wird die These von Engels von der Diskriminierung und Ausbeutung der Frau erläutert und unterstützt.[9]

[...]


[1] So avancierte Peru zu einem der Länder Lateinamerikas, welches am meisten in den Bildungssektor investierte. Zwischen 1960 und 1981 wurden 40 neue Universitäten gegründet.

[2] Im Jahre 1955 wurde das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt (nicht für Analphabetinnen).

[3] So setzte eine radikale Reform der Wirtschafts- und Sozialstruktur ein. Zu den am stärksten einschneidenden Aktionen gehörten die Verstaatlichung eines Teiles der Landwirtschaft und der Industrie sowie der ausländischen Banken. Vor allem die Bauern waren die Leidtragenden, die vom Staat in allen Belangen (sozial, kulturell, ökonomisch) nicht berücksichtigt wurden.

[4] Die ersten vier Frauenorganisationen Perus formierten sich die in den 70er Jahren: Flora Tristán, Manuela Ramos, Mujeres en Lucha und Frente Socialista de Mujere s.

[5] Der Name Sendero Luminoso stammt aus einem Zitat aus einem Buch des sozialistischen Politikers, Journalisten und Schriftstellers José Carlos Mariátegui.

[6] Das Movimiento Revolucionario Tupac Amaru (MRTA) gründete sich Anfang der 80er Jahre, hatte jedoch wesentlich weniger Anhänger und Mitglieder als Sendero Luminoso.

[7] Die Comisión de la Verdad y Reconciliación (CVR) wurde im Jahre 2001 von der damaligen Übergangsregierung eingesetzt.

[8] Siehe Kirk, Robin (1993), S. 14.

[9] Siehe: < http://www.solrojo.org/pcp_doc/pcp_0475.htm >

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Frau in Sendero Luminoso
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophische Fakultät - Historisches Seminar)
Veranstaltung
Rasse, Klasse und Geschlecht als Grundkategorien der Geschichte Lateinamerikas
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V61012
ISBN (eBook)
9783638545594
ISBN (Buch)
9783656804673
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Sendero, Luminoso, Rasse, Klasse, Geschlecht, Grundkategorien, Geschichte, Lateinamerikas
Arbeit zitieren
Adrian Oelschlegel (Autor:in), 2006, Die Frau in Sendero Luminoso, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61012

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