Tiere helfen Menschen: Fell und Flosse als Therapie


Diplomarbeit, 2006

88 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mensch-Tier-Beziehung
2.1 Kontakt mit dem Tier – ein menschliches Bedürfnis
2.1.1 Von der heilsamen Notwendigkeit des Tierkontakts

3. Tiergestützte Therapien
3.1 Definition und Entwicklung „Tiergestützter Therapie“
3.2 Definition „Behinderung“
3.3 Grundlagen des Einsatzes von Tieren in therapeutischen Prozessen
3.3.1 Wie Tiere unsere Lebensqualität beeinflussen
3.3.2 Förderung der sozialen Kontaktbereitschaft
3.4 Wissenswertes zum Umgang mit Tieren
3.5 Tiere, die sich als Therapietier eignen
3.6 Bio-psycho-soziales Wirkungsgefüge hilfreicher Tiereffekte
3.7 Stärkung der körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte durch Tiere
3.7.1 Auswirkungen auf den Körper
3.7.2 Anregungen des Geistes
3.7.3 Wirkung auf das seelische Befinden
3.8 Tiergestützte Therapie kritisch betrachtet
3.8.1 Ethische Aspekte der Nutzung von Tieren als Co-Therapeuten
3.8.2 Schwierigkeiten tiergestützter Therapieformen

4 Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Mensch und Tier
4.1 Kommunikation zwischen Mensch und Tier
4.2 Gefühle finden Ausdruck
4.3 Lernen mit Tieren

5 Delfintherapie
5.1 Eignung von Delfinen als therapeutisches Medium
5.2 Delfintherapie in der Institution „Island Dolphin Care“ in Florida
5.2.1 Institution
5.2.2 Klientel
5.2.3 Therapieverlauf
5.2.4 Zielsetzungen
5.2.5 Zwei Fallbeispiele aus der Praxis
5.2.5.1 Fortschritte der Kinder bei „Island Dolphin Care“
5.2.6 Entwicklungen von Kindern während und nach einer Delfintherapie
5.2.7 Das Besondere der Delfintherapie

6. Therapeutisches Reiten als Alternative zur Delfintherapie
6.1 Therapeutisches Reiten in Deutschland als Fortsetzung der
Delfintherapie in den USA
6.1.1 Die drei Formen des therapeutischen Reitens
6.2 Pferde und ihre Eignung für Therapien mit behinderten Menschen
6.3 Die Erfolge des therapeutischen Reitens

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Tiere helfen Menschen - Fell und Flosse als Therapie

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier könnte authentischer nicht sein. Tiere akzeptieren Menschen ohne Arme, ohne Worte, ohne Lebensfreude, so wie sie sind.

1 Einleitung

„Tiere helfen Menschen“ lautet das Thema der vorliegenden Diplomarbeit. Für viele Menschen klingt diese Aussage sicher sehr unglaubwürdig. Ich wurde jedoch durch eigene Erfahrungen aus tiergestützten Therapien für behinderte Menschen, die mit Pferden und Delfinen durchgeführt wurden, überzeugt davon, dass Tiere als Co-Therapeuten eine enorme Auswirkung auf den Menschen haben können. Auch private Erlebnisse mit Tieren ließen mich diesen Standpunkt stets weiter vertreten.

Ich werde die Gründe und Argumente dafür, dass Tiere in der Lage sind, Menschen mit ihrer bloßen Anwesenheit, vor allem aber mit ihrer Zugewandtheit zu helfen, aufführen.

Ich Laufe meiner Arbeit werde ich empirische Belegungen, dass Tiere die Fähigkeit besitzen, Menschen unterstützend zur Seite zu stehen und sie sogar zu fördern, die ich der Fachliteratur zum Thema entnommen habe, heraus stellen.

Einleitend möchte ich meine Motivation für dieses Thema erläutern. Ich habe seit meiner frühesten Kindheit Kontakt zu Tieren, weil mein Großvater bei uns zu Hause sein halbes Leben lang Brieftauben, Hühner und Kaninchen gehalten hat, an deren Pflege und Aufzucht ich mich, je älter ich wurde und je mehr Verantwortungsgefühl ich entwickelte, zunehmend beteiligte. Je mehr mein Opa die Tiere vernachlässigte, weil es ihm nicht sehr wichtig war, dass sie es z.B. in ihrem Stall sauber hatten, desto größer wurde meine Besorgnis um und mein Engagement für sie. Für meinen Großvater waren Tiere vorrangig Nahrungsproduzent und Nahrungsmittel. Für mich wurden sie aber immer mehr zu Vertrauten und Wesen, mit denen ich gerne meine Zeit verbrachte. Hier stieß die Beziehung zwischen meinem Großvater und mir oft an ihre Grenzen.

Es gab im Laufe der Zeit so einige Tiere, die ich mir zu Eigen machte und vor dem Tod beschützte, indem ich mich mit meinem Großvater in heftige Diskussionen begab.

Er gab mir immer häufiger nach und viele Kaninchen und auch mein weißes Huhn starben schließlich an Altersschwäche.

So baute sich also meine Beziehung zu diesen Lebewesen in meiner Kindheit auf. Irgendwann begann ich dann zu reiten und entwickelte eine enge Beziehung zu einem Pferd, das ich pflegen durfte.

In meinem Studium legte ich einen Schwerpunkt auf „Heil- und Sonderpädagogik“, weil mir der Umgang mit und die Förderung von behinderten Menschen bisher immer große Freude bereitet hat. Mein Projektpraktikum absolvierte ich dann beim therapeutischen Reiten und ein weiteres privates Praktikum, mit dem Hintergrund darüber meine Diplomarbeit zu schreiben, in einer Organisation für Delfintherapie in Florida.

Um meiner Ausgangsfrage „Helfen und heilen Tiere Menschen?“, deren Beantwortung ich mir zum Ziel dieser Arbeit gesetzt habe, systematisch auf den Grund zu gehen, gliedert sich die vorliegende Diplomarbeit wie folgt:

Zu Beginn der Arbeit werde ich die Beziehung zwischen Mensch und Tier beschreiben und hier einen Bogen hin zu der heute vorhandenen Möglichkeit, Menschen durch Therapien mit Tieren zu helfen, spannen.

Im dritten Kapitel stelle ich die theoretischen Grundlagen und die Praxis tiergestützter Therapie dar und ergründe, inwieweit Tiere in der Lage sind auf Körper, Geist und Seele des Menschen positiv einzuwirken. Darüber hinaus setze ich mich mit den kritischen Aspekten tiergestützter Therapien auseinander, da man sowohl die ethischen Aspekte, als auch die Schwierigkeiten, die diese Therapieformen in sich bergen, in keinem Fall vergessen darf.

Ich beziehe mich bei all meinen Ausführungen hauptsächlich auf seelisch, körperlich und geistig behinderte Menschen, da ich meine Erfahrungen bei tiergestützten Therapien mit diesen Personen gesammelt habe und weil gerade behinderte Menschen tierische Hilfe gern und häufig in Anspruch nehmen und dieser besonders bedürfen.

Aufgrund der persönlichen Praxiserfahrung und um das Thema einzugrenzen, gehe ich größtenteils auf Therapien mit Delfinen und Pferden ein.

Im vierten Kapitel der Arbeit beschäftige ich mich mit den Prozessen in der Interaktion zwischen Mensch und Tier und mache deutlich, wie sich eine Beziehung zwischen Mensch und Tier entwickelt und vor allem, wie diese Beziehung zu dem Tier den Menschen in vielerlei Hinsicht bereichern kann.

Hierbei möchte ich unter anderem auch die besondere Wirkung von Tieren auf Menschen aufzeigen und erläutern, welchen Nutzen Pädagogen, Erzieher und Therapeuten hieraus für ihre Arbeit ziehen können.

Ein Tier kann beispielsweise ein starker Motivator in einem Lernprozess eines Kindes sein und einem Kind soziale Kompetenzen vermitteln.

Im fünften Teil der Arbeit geht es spezifisch um die Delfintherapie und ihre Wirkung auf behinderte Menschen. Im Anschluss an einige allgemeine Ausführungen berichte ich im Besonderen über meine eigenen Praxiserfahrungen und zwei ganz spezielle Fallbeispiele von Kindern, die an einer Delfintherapie teil genommen haben.

Ich zeige im sechsten Kapitel der Arbeit die Alternativmöglichkeit „Therapeutisches Reiten“ in Deutschland zur „Delfintherapie“ in den USA auf, um Eltern und Pädagogen anzuregen, mit dem therapeutischen Reiten an die Delfintherapie anzusetzen und die behinderten Menschen weiter zu fördern.

Mein Fazit über die Ergebnisse der Arbeit stellt den siebten und letzten Teil dar.

Um beim Lesen nicht das Gefühl der Benachteiligung entstehen zu lassen, verwende ich in der vorliegenden Diplomarbeit bei in der Einzahl genannten Personenbezeichnungen mal die weibliche, mal die männliche Form.

2 Die Mensch-Tier-Beziehung

Das Tier scheint heutzutage für den Menschen eine zweifache Bedeutung als eine Art Partner zu haben. Einmal kann es als soziale Ergänzung dienen oder aber als eine Ergänzung der eigenen Wesensmerkmale, des eigenen Selbst. Viele Menschen sehen ein Tier als Familienmitglied an, manche behandeln es wie ihr eigenes Kind, das sie versorgen müssen. Es dient auch häufig als sozialer Ersatz im Alter, bei Einsamkeit, nach erlebten Enttäuschungen mit Menschen oder als Ausgleich bei fehlenden Sozialkontakten.

Tiere gehören in der heutigen Zeit allerdings längst nicht mehr selbstverständlich zu unserem Leben. Sehr viele Menschen kommen nur mit ihnen in Kontakt, wenn sie sie beispielsweise in Form eines Stück Fleisches verzehren. Ansonsten sehen einige Menschen Tiere oft nur noch als Krankheitsüberträger und wollen sich keinesfalls unnötig mit Tieren abgeben.

Im Folgenden möchte ich einen kurzen Abriss der interessantesten Aspekte in der Mensch-Tier-Beziehung von den Anfängen bis zur Gegenwart machen, um die eigentliche Basis für das Thema dieser Arbeit zu schaffen. Das Tier hat in der Geschichte Europas stets eine große Rolle im Leben des Menschen gespielt.

In der Urgeschichte, zur Zeit der Jäger und Sammler, war es dem Menschen ebenbürtig und er besaß keine besondere Macht über das Tier. Tiere waren für den Menschen seit Anbeginn der Zeit zum einen Nahrungs- und zum anderen Gefahrenquelle.

In der griechischen und römischen Antike, im germanisch-keltischen Altertum, im Mittelalter, der frühen Neuzeit und dem 19. und 20. Jahrhundert haben Tiere in Ernährung und Jagd, als Arbeitskraft, in der militärischen Nutzung, im Vergnügen für den Menschen, in Religion und Kult, in der Literatur, in der bildenden Kunst und auch als Gegenstand in der Wissenschaft einen Stellenwert. (vgl. dazu ausführlich Dinzelbacher 2000, 5ff)

In vielen Religionen, Überlieferungen, Märchen, Sagen und Legenden ist das Handeln der Tiere oft sehr vermenschlicht dargestellt worden. Häufig verwandeln sich Menschen in Sagen oder Märchen in Tiergestalten oder Tiere werden zu menschlichen Wesen.

Tiere wurden in früheren Zeiten mit dem Menschen häufig auf die gleiche oder eine höhere Ebene gestellt und in Kulturen und Religionen sogar als Gottheiten angesehen.

Vor allem im alten Ägypten war die Bedeutung der Tiere immens. In keiner anderen antiken Kultur hatte die Tierwelt einen so hohen Stellenwert. Das Tier war hier allgegenwärtig. Es fand sich in Hieroglyphen, der alten, ägyptischen Schrift. Es wurde zum treuen Gefährten des Menschen. Es diente auch als Nahrungsquelle und unersetzlicher Helfer für den Ackerbau. Neben diesen profanen Aspekten ließ sich das Tier im alten Ägypten auch aus der Sphäre des Göttlichen nicht wegdenken. Tiergestaltige Götter und heilige mumifizierte Tiere zeugten von der großen Bedeutung, die die Tierwelt damals für die Menschen hatte. (vgl. Germond 2001, 34)

Das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wurde erst um ca. 10.000 vor Christus mit dem Sesshaft-Werden des Menschen gestört. Es kam von der frühen Gleichstellung erstmals zur Unterdrückung des Tieres durch den Menschen. Als das Nomadenleben für sie nicht mehr ihren Lebensinhalt bedeutete, begannen die sesshaft gewordenen Menschen plötzlich, Tiere ihrer Freiheit zu berauben. Sie sperrten sie zu ihrem Nutzen ein, um sie schneller und sicherer, als dies bei der Jagd möglich war, zur Verfügung zu haben. Tiere erhielten so bessere Überlebenschancen und unterwarfen sich teilweise freiwillig den Menschen z.B. wenn sie feststellten, dass sie sich ihre Nahrung nicht mehr selbst beschaffen müssen. Viele Tiere waren nur in der Lage zu überleben, wenn sie sich den Menschen unterwarfen. Diese Art von Macht über die erstmals gefangenen Tiere entstand durch Domestikation, was die Umwandlung von wilden Tieren in Haustiere meint. Domestikation war vorerst in seiner Urform nur ein Einsperren und Unterdrücken von Tieren, wurde aber durch die Zucht, um ganz bestimmte Rassen hervor zu bringen, zusätzlich zu einer Art Umwandlungsprozess, der es den Haustieren möglich machte, sich an ihre neuen Lebensbedingungen optimal anzupassen (vgl. Zimen 1988, 238).

Von einer Symbiose zwischen Mensch und Tier, also einem Zusammenleben zu beidseitigem Nutzen, konnte hier schon nicht mehr gesprochen werden.

Die Ausbeutung der Haustiere und vor allem der Nutztiere, wie sie offiziell bezeichnet wurden, begann kurz nach der Domestikation zum einen durch den Wunsch nach mehr Fleisch, Milch und Eiern und zum anderen durch die extremen Züchtungen.

Diese Entwicklung hin zur Degeneration des Tieres ist mit Sicherheit die Kehrseite der Medaille (vgl. Zimen, 1988, 163).

Abschließend kann man zu diesem Aspekt sagen, dass die Domestikation zwar für den Menschen von Vorteil war und er sich ohne sie gar nicht hätte weiter entwickeln können, dass sie allerdings für die Tierwelt viele Nachteile, wie die Überzüchtung bis hin zur Degeneration, bedeutete.

Die jüngste und intensivste Form der Domestikation ist, dass Tiere nicht nur für eine bestimmte Funktion in den Dienst des Menschen gestellt werden, sondern schon durch ihre bloße Existenz hilfreich sein sollen, was der Hauptgedanke der tiergestützten Therapie ist (vgl. Greiffenhagen 1991, 22).

Wie also entstand bei uns Menschen schließlich das Interesse daran, Tiere für therapeutische Zwecke zu nutzen? Wer legte den Grundstein und wie entwickelten sich Praxis und Forschung?

Auf diese Fragen gehe ich in Kapitel 3.1 ein, wo ich unter anderem die Entwicklung der tiergestützten Therapie beschreiben werde.

2.1 Kontakt mit dem Tier – ein menschliches Bedürfnis?

Laut Angabe des Deutschen Tierschutzbundes leben in bundesdeutschen Haushalten rund 20 Millionen Haus- und Heimtiere, darunter allein 5,2 Millionen Katzen und 4,8 Millionen Hunde.

Vergegenwärtigt man sich diese Zahlen und dazu die Tatsache, dass hier eine steigende Tendenz zu beobachten ist, fällt schnell die Unstimmigkeit der Mensch-Tier-Beziehung unserer heutigen Zeit auf. Auf der einen Seite stellt man Tierliebe fest, die die Bereitschaft nach sich zieht, alljährlich so viel für Tiere auszugeben, auf der anderen Seite aber die Ausbeutung von Tieren durch Massentierhaltung, lange Schlachttiertransporte, Tierversuche und die Pelzindustrie (vgl. Rheinz 1994, 30).

Es ist wohl möglich, dass die Tierliebe des Menschen sich gerade aus den Auswirkungen der Zivilisation heraus entwickelt hat. Viele Menschen haben überhaupt keinen Bezug mehr zur Natur und fügen ihr, ohne darüber nachzudenken, Schaden zu.

Sie haben sich von der Natur völlig entfernt und leben in einer nur noch multimedialen, aber naturfeindlichen Welt.

Konrad Lorenz formulierte diese Erkenntnis folgendermaßen: „Der Wunsch ein Tier zu halten, entspringt meistens dem uralten Grundmotiv, (...), nämlich der Sehnsucht des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies der freien Natur“ (Lorenz 1992, 161).

Ich denke aber, dass die Erklärung der dem Menschen verloren gegangenen Natur und ihr durch das Tier wieder näher kommen zu wollen, nicht die einzige Erklärung für die große Tierliebe des Menschen ist. Ein Tier stellt für viele Menschen einen Kontrast zu der heute eher kühlen und kopfgeprägten Gesellschaft dar. Man nähert sich einem Tier immer ganzheitlich, kann es berühren und streicheln, es versorgen und schließlich auch eigene Emotionen zeigen. Hierfür ist im zwischenmenschlichen Bereich oft keine Gelegenheit geboten. Man wird als Gegenleistung dazu vom Tier freudig erwartet und mit Zuneigung belohnt. Auf eine Aktion folgt eine Reaktion. Es findet also eine Rückmeldung statt. Viele Menschen sprechen mit ihren Tieren. Sie sind in ihren Augen ein Individuum und haben wie sie selbst eine Identität. Wahrscheinlich macht auch gerade die Tatsache, dass die Tiere nicht sprechen können, sie zu attraktiven Gesprächspartnern, weil sie weder bewerten, noch kritisieren können.

Die Beziehung des Nutztierhalters zum Tier muss allerdings scharf von der „Sehnsucht des Kulturmenschen nach einem verlorenen Paradies der freien Natur“ getrennt werden. Hier handelt es sich auf der einen Seite um das Tier als Nahrungsproduzent und -lieferant, auf der anderen Seite um das Tier als Bildnis der Freiheit und Natur.

2.1.1 Von der heilsamen Notwendigkeit des Tierkontakts

Tiere bedeuten für Kinder eine Art Zugang zu einer anderen Welt. Viele Kinder betrachten Tiere als beseelte Mitgeschöpfe. Sie leiden mit ihnen, wenn sie krank oder verletzt sind. Sie trauern um sie, wie sie um Menschen trauern, wenn sie sterben (vgl. Pietrzak 2001, 17). Sie sprechen mit ihnen, wie mit einem Freund.

„Tiere regen die Fantasie der Kinder an, sie bedeuten den Zugang zu einer anderen Welt. Eine Welt ohne Worte in der die Geste zählt, denn über Körpersprache verständigen sich Mensch und Tier. In dieser Welt hat jeder seinen Wert, ob er nun schön oder hässlich, krank oder gesund, arm oder reich ist“ (Pietrzak 2001, 17).

Für Kinder ist es nicht wichtig, ob das Tier wunderschön aussieht oder gar ein teures Rassetier ist. Kinder kümmern sich auch um hässliche Tiere (vgl. Pietrzak 2001, 17).

Wer ein Tier streichelt, streichelt auch immer seine eigene Seele und sich selbst. Der Grund dafür ist, dass der Mensch beim Streicheln eines Tieres seine Zuneigung erfährt, und sich somit ein Gefühl von Geborgenheit bei beiden einstellt. Der Mensch hat dadurch vor allem das Gefühl gebraucht zu werden. Nur wer Liebe gibt, kann auch Liebe empfangen.

Menschen reagieren emotional auf Tiere. Sie können sich vor ihnen fürchten, Ekel empfinden, ihnen gegenüber sehr neugierig sein oder sich über die Anwesenheit eines Tieres außerordentlich freuen. Genau wie das Tier instinktiv oder intuitiv reagiert, reagiert auch der Mensch ohne Kontrolle seines Verstands auf das Tier. Es ist keine kopfgesteuerte Reaktion. Das Tier schmiegt sich beispielsweise entweder an den Menschen oder gibt Drohgebärden von sich. Der Mensch erfährt hierdurch etwas über sich selbst, denn die Reaktion des Tieres ist nicht veränderbar. Das Tier zeigt dem Menschen, wie er ihn wahrnimmt. An dieser Stelle beginnt der Mensch meistens aktiv zu werden und die Wünsche und Stimmung des Tieres zu erkunden.

Hierbei lernt ein Mensch sich auf sein Gegenüber einzustellen, heraus zu finden, wie der andere sich fühlt und mal nicht die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. (vgl. Pietrzak 2001, 18f)

„Auch wenn wir Menschen von gleicher Art sind, so lehren uns doch die Tiere auf wortlose Weise zu verstehen, zum Beispiel, Körpersignale zu lesen und danach zu handeln, Vorsicht walten zu lassen und behutsam zu sein, oder auch mal einen kleinen Klaps zu geben, wenn die Aufdringlichkeiten zu weit gehen, als Grenzen zu setzen“ (Pietrzak 2001, 19).

Durch den Umgang mit einem Tier kann ein Kind viele soziale Verhaltensweisen erlernen. Ein Mensch ist sein Leben lang auf andere Menschen angewiesen.

Er kann diese von anderen Menschen für ihn nötige Zuwendung allerdings nur erhalten, wenn er selbst auch fähig ist, sie anderen zu schenken. Beim Erlangen dieser Fähigkeit helfen die Tiere den Menschen (vgl. Pietrzak 2001, 20).

Für einen Menschen ist es nämlich oft viel einfacher sich gegenüber einem Tier zu öffnen. Ein Tier verstellt sich nicht. Es verhält sich dem Menschen gegenüber so, wie es fühlt. Aus dieser Perspektive ist es also einfacher, soziale Verhaltensweisen wie Empathie im Umgang mit einem Tier zu erlernen, als von Menschen, bei denen man oft nicht sicher sein kann, ob sie in ihrem Verhalten uns gegenüber authentisch sind.

Außerdem setzt ein Tier beispielsweise durch Drohgebärden deutlich seine Grenzen, wenn der Mensch sich ihm gegenüber falsch verhält. Auch dies macht es leicht z.B. eine soziale Kompetenz, wie die Grenzsetzung, zu erlangen.

3. Tiergestützte Therapien

3.1 Definition und Entwicklung „Tiergestützter Therapie“

Wichtig ist es für diese Arbeit erst einmal zu erklären, was genau eigentlich eine „Tiergestützte Therapie“ ist, ausmacht, bedeutet und vor allem, wie sie sich entwickelt hat.

„Als Therapie bezeichnet man in der Medizin Maßnahmen zur Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. Ziel der Therapie ist die Heilung, die Beseitigung oder Linderung der Symptome oder die Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Funktion“ (http://www.ilexikon.com/Therapie.html).

Tiere können in psychologisch und physiologisch ausgerichteten Therapien sinnvoll eingesetzt werden. Sie können dem Therapeuten dabei helfen, den Klienten in den heilenden Prozess hineinzuführen. Hierzu bedarf es selbstverständlich auch eines professionellen Therapeuten, der den Heilungsprozess zusammen mit dem Klienten und dem Tier in Gang setzt, ihn überwacht und in die richtige Richtung führt.

An dieser Stelle muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass Tiere kein Allheilmittel gegen alle Beschwerden sind und sie auch einen Menschen, der den Klienten beisteht, nicht ersetzen können. Tiere sind jedoch im Therapieprozess wirksam, weil sie dem Patienten nahe sein können, geduldig sind und stets auf ihn reagieren.

Zuerst wurden „Tiergestützte Therapien“ in angelsächsischen Staaten angewandt. Die wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Thema begannen in den USA. In Belgien machte man die ersten Versuche, Tiere in therapeutischen Prozessen einzusetzen. Im 18. Jahrhundert gab es in England eine Anstalt für Geisteskranke, in der Kleintiere gehalten und von den Patienten versorgt wurden. In den Behinderteneinrichtungen von Bethel in Bielefeld vertraut man seit dem 19. Jahrhundert auf die Heilkraft von Tieren. Die Haltung von Tieren, wie z.B. von Hunden, Katzen, Schafen und Ziegen ist dort gestattet.

Die gesundheits- und sozialwissenschaftliche Erforschung der hilfreichen und heilenden Wirkung von Tieren auf Menschen ist also relativ neu. Anfang der 60er Jahre stellten Tier- und Humanmediziner, Psychologen, Pädagogen und andere Bio- und Sozialwissenschaftler eher zufällig die positiven Einflüsse von Tieren bei Behandlungs- und Beratungsprozessen fest. Daraufhin folgten einige geplante Versuche und Studien zur wissenschaftlichen Erforschung des helfenden und heilenden Einsatzes von Tieren.

Diese weltweite Bewegung für tiergestützte Therapien entwickelte sich in den sechziger Jahren. Es entstand der neue Wissenschaftszweig „Mensch-Tier-Beziehung“ mit dem Schlagwort „pet facilitated“, dem englischen Ausdruck für tiergestützt (vgl. Greiffenhagen 1991, 14f).

„Der entscheidende Anstoß für diesen neuen therapeutischen Ansatz kam Anfang der 60-ger Jahre dann aus den USA. Der Kinderpsychiater Boris Levinson hatte in seiner Praxis oft mit Kindern zu tun, die Störungen in ihrem Gruppenverhalten zeigten. Levinson bemerkte, dass die Kinder viel besser ansprechbar waren, wenn er seinen Hund, einen Retriever, dabei hatte. Diese Erfahrung veranlasste ihn, Tiere in sein Behandlungskonzept einzubeziehen. Er kurbelte die Forschung zu der Wirkung von Tieren auf den Menschen vor allem mit seinem Buch „Tierorientierte Kinderpsychiatrie“ an (vgl. http://www.lebenmittieren.de/1000/htm/indext.htm).

Ende der 70er Jahre entstand dann eine Gesellschaft zur Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung, die Human/Companion Animal Bond. In den 80er Jahren organisierte diese Gesellschaft, bestehend aus Wissenschaftlern verschiedenster Fakultäten, zahlreiche, internationale Symposien mit Referenten aus aller Welt. Sie untersuchten und veröffentlichten einzelne Auswirkungen von Tieren auf Menschen.

Die Untersuchungsaktivitäten beinhalten die Bewertung und Weiterentwicklung von praktischen, tiergestützten Therapie- und Beratungsprozessen. Hiermit wurden die Grundsteine zum Einsatz von Tieren in Therapie- und Beratungsprozessen gelegt (vgl. http://www.lebenmittieren.de/1000/htm/indext.htm).

Dr. Boris Levinson, das Psychologen-Ehepaar Sam und Elisabeth Corson, die Soziologin Erika Friedmann und der Mediziner Aaron Katcher zählen zu den Gründern der sogenannten „pet facilitated therapie“.

1794 wurde in England die Anstalt „York Retreat“ gegründet, „das älteste Beispiel eines bewussten Einsatzes von Tieren“ (Greiffenhagen 1993, 166). „York Retreat“ unterschied sich zu allen anderen damaligen Anstalten dadurch, dass dort bewusst auf die Erhaltung des Selbstwertgefühls der Patienten wert gelegt wurde. Die Patienten bekamen die Aufgabe, sich um die dort lebenden Tiere zu kümmern.

Auch in Bielefeld Bethel machte man sich nebenbei erwähnt 100 Jahre später diese Erkenntnis zu Nutze: „Tiere gehörten von Anfang an in das Konzept der Behandlung von Epileptikern und anderen geistig und psychisch gestörten Patienten“ (Greiffenhagen 1993, 167).

Inzwischen werden Tiere häufig und in vielfältiger Weise als therapeutische Begleiter eingesetzt. In Deutschland gibt es z.B. seit Jahren Tierbesuchsdienste, mit denen private TierhalterInnen oder auch Tierheime mit ihren Tieren Kinder- und Jugendeinrichtungen, Alten- und Behinderteneinrichtungen, Schulen und Kliniken besuchen. In einigen sozialen Einrichtungen, wie Kinderheimen oder Strafvollzugseinrichtungen, wurde das Halten von Tieren inzwischen sogar in das Konzept integriert (vgl. Otterstedt 2001, 10ff).

Die bekanntesten Formen tiergestützter Therapien sind das therapeutische Reiten und die Delfintherapie. Mit diesen beiden Therapieformen werde ich mich im Folgenden eingehend auseinander setzen und sie untersuchen.

Aber auch Hunde werden besonders häufig für therapeutische Zwecke eingesetzt. Außerdem gibt es auch Projekte mit Kleintieren wie Katzen oder Kaninchen, Nutztieren wie Eseln, Ziegen oder Schafen, sowie Therapieformen mit Lamas und Alpakas (vgl. dazu ausführlich Otterstedt 2001, 138ff).

Erst seit einigen Jahren gibt es Symposien zu diesem Themenbereich, wodurch der fachliche Austausch angekurbelt werden soll und die Arbeit mit Tieren als Helfer, Begleiter oder Co-Therapeut/Pädagoge bekannt gemacht und anerkannt werden soll. Dieses Ziel hat auch eine berufsbegleitende Fortbildung zu diesem Thema, die seit 2001 erstmals in Wedemark bei Hannover angeboten wird (vgl. http://www.lernen-mit-tieren.de/).

Tiergestützte Therapie heißt also nichts anderes, als eine Therapie mit einem Menschen unter Einbeziehung von Tieren als Hauptwirkungsgefüge und -bestandteil dieser Therapie durchzuführen. Hierbei hilft das Tier dem Therapeuten, dem Menschen zu helfen und beide, sowohl der Therapeut, als auch das Tier, sind am angestrebten Heilungsprozess des Menschen gleich beteiligt.

Bekannte Autoren, wie Dr. Carola Otterstedt, Prof. Dr. Eberhardt Olbrich, Sylvia Greiffenhagen und Antonius Kröger bestätigen nun, dass der Kontakt zu Tieren dem Menschen gut tut und zu Heilzwecken verwendet werden kann. Im Laufe der Arbeit gehe ich auf derartige Aufzeichnungen und Untersuchungen einzelner Autoren näher ein.

Tiere sollen in der Lage sein, dass Nervensystem zu stärken und das Wohlbefinden eines Menschen zu steigern. Die Steigerung des Selbstwertgefühls durch die Zuneigung der Tiere, die Erweiterung der Empathiefähigkeit durch das „Nicht-Sprechen-Können“ des Tieres, die Übernahme von Verantwortung, die Aufforderung der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt und die möglichen Erfolgserlebnisse, die der Mensch im Umgang mit Tieren hat, helfen schwierige Lebenssituationen zu stabilisieren.

Es gab sicherlich schon viel früher Versuche und Erfolge bei der Einbindung von Tieren in die Konzepte sozialer Einrichtungen. Leider wurde aber die Erkenntnis der positiven Wirkung von Tieren, oft mit großem Erfolg in der Praxis angewandt, nur unzureichend bis gar nicht dokumentiert, da allein die gegenwärtigen Ergebnisse zählten.

Greiffenhagen formulierte das plötzliche Interesse und die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit wie folgt: „Die Einsicht, dass Tiere den Menschen nicht nur Fleisch liefern, Lasten tragen und Gesellschaft leisten, sondern helfen und heilen können, führte zu einer weltweiten Bewegung, die inzwischen auch die BRD erreicht hat“ (Greiffenhagen 1991, 15).

Die Mensch-Tier-Beziehung wurde somit, auch im deutschsprachigen Raum durch vereinzelt gegründete Vereine, wie dem „Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung“, kurz ITEM, zu einer von vielen Fachbereichen untersuchten Wissenschaft.

3.2 Definition „Behinderung“

An dieser Stelle möchte ich die Definition der Weltgesundheitsorganisation für den Begriff „Behinderung“ abgeben, da es in dieser Arbeit vorwiegend um die Therapie von körperlich, geistig und seelisch behinderten Menschen geht. Nach dem „...international weitgehend anerkannten Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation zur Beschreibung von Behinderung“... werden „drei Dimensionen der Betrachtung unterschieden“ (Bleidick 1998, 11).

„Einmal wird die Schädigung (impairment) von Organen oder Funktionen des Menschen angesprochen. Als zweiten Punkt benennt man die Beeinträchtigung (disability) des Menschen, der aufgrund seiner Schädigung in der Regel eingeschränkte Fähigkeiten im Vergleich zu nicht geschädigten Menschen gleichen Alters besitzt. Das dritte Kriterium dafür, dass ein Mensch eine Behinderung hat, kann die Benachteiligung (handicap) dieses Menschen im körperlichen und psychosozialen Feld, in familiärer, beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht aufgrund seiner Schädigung und Benachteiligung, bedeuten“ (vgl. Bleidick 1998, 11).

Dies ist selbstverständlich nur ein sehr kleiner Teil dessen, was Behinderung für jeden einzelnen Menschen bedeutet.

„Berücksichtigen muss man hier auf jeden Fall noch, dass das Behindertsein eines Menschen ein komplexer Prozess von Ursachen und Folgen, unmittelbaren Auswirkungen, individuellem Schicksal und sozialen Konsequenzen ist“ (vgl. Bleidick 1998, 12).

3.3 Grundlagen des Einsatzes von Tieren in therapeutischen Prozessen

Einige wichtige wissenswerte Informationen und auch Argumente dafür, dass Tiere Menschen helfen und einen heilenden Prozess in ihnen in Gang setzen können, die ich an dieser Stelle für erwähnenswert halte, gibt Carola Otterstedt in ihrem Buch „Tiere als therapeutische Begleiter“ dem Leser mit auf den Weg.

„Tiere tun uns Menschen gut, ob wir gesund oder krank sind. Tiere fordern und fördern uns in unserem Alltag und in schwierigen Lebenssituationen. Tiere sind keine Therapeuten. Und doch können sie in einer Behandlung unterstützend, begleitend wirksam werden. Mehr noch, Tiere können Impulse für einen heilenden Prozess in uns geben“ (Otterstedt 2001, 9).

Als wichtigste Grundlage ist auf jeden Fall zu benennen, dass man vorher sicher stellen muss, dass der Klient, der eine tiergestützte Therapie bekommt, keine Angst vor dem in der Therapie eingesetzten Tier haben darf. Wenn dies der Fall ist, sollte man sich überlegen, ob die Therapie sinnvoll ist, bzw. ob dem Klienten die Angst vor dem Tier vor und während der Therapie genommen werden kann, was natürlich wiederum sehr gewinnbringend für das Selbstbewusstsein des zu Therapierenden wäre.

Menschen und Tiere hatten schon immer eine Beziehung zueinander, die sich allerdings mit der kulturellen Entwicklung des Menschen sehr verändert hat. Heute sind Tiere nicht mehr nur Jagdgefährten und Arbeitskraft, sondern vielmehr sind sie für viele Menschen zu Freunden und Partnern im Alltag geworden. Tiere begegnen Menschen unvoreingenommen und mit bedingungsloser Akzeptanz. Wenn soziale Kontakte zu anderen Menschen durch ein hohes Alter, eine schlimme Krankheit oder eine Behinderung eingeschränkt sind, kann die Begegnung mit Tieren für diese Menschen von sehr großer Bedeutung sein (vgl. Otterstedt 2001, 10ff).

Schlecht für eine Therapie ist es, wenn beim Klienten durch den Umgang mit Tieren Allergien ausgelöst werden. Hier muss man vorsichtig sein. Allerdings sollte man es auf jeden Fall immer versuchen, da der Umgang mit Tieren auch oft erst ein gutes Immunsystem schafft, so dass Allergien erst gar nicht mehr ausgelöst werden.

Psychisch sollte der Patient für eine tiergestützte Therapie so gesund sein, dass es nicht zu Aggressionen gegen das Tier kommt.

3.3.1 Wie Tiere unsere Lebensqualität beeinflussen

Ich denke, dass viele Tiere in der Lage sind Menschen auf verschiedenste Art zu helfen und ihre Lebensqualität positiv zu beeinflussen. An dieser Stelle möchte ich hierfür einige Beispiele geben. Jedoch muss ich zu diesem Punkt auch von Anfang an sagen, dass ich Tiere keinesfalls als Garantie einer perfekten Sozialisation oder als Wundermittel gegen psychische und physische Krankheiten ansehe. Tiere können menschliche Hilfen nicht ersetzen, sondern sie positiv ergänzen.

Die Berührungen zwischen Mensch und Tier und das weiche Fell des Tieres, das man beim Streicheln fühlt, haben eine beruhigende Wirkung auf beide. Man spürt eine Art Dankbarkeit des Tieres für die Aufmerksamkeit, die der Mensch ihm zuteil werden lässt. Dies vermittelt wiederum auch dem Menschen ein positives Gefühl.

Durch den Umgang mit Tieren werden die Nerven des Menschen gestärkt, da er mit vielerlei nicht gerade einfachen Situationen umgehen muss, die das Tier durch sein Unwissen verursacht. Des weiteren bin ich der Meinung, dass Tiere durch ihre offene Art und ihr hübsches Wesen dem Menschen jeden Tag neue Lebensfreude einflössen können.

Die Begegnung mit einem Tier und die daraus resultierende Beeinflussung der Lebensqualität des Menschen beschreibt Otterstedt wie folgt:

„Eine Begegnung umfasst die gegenseitige Wahrnehmung, die Annährung, den Kontakt, die allmähliche Loslösung und den Abschied. Begegnen sich Mensch und Tier, sind es gerade diese einzelnen Phasen einer Begegnung, welche spannungs- und erwartungsvolle Momente in sich bergen, die auf unsere Seele eine unmittelbare Wirkung haben können“ (Otterstedt 2001, 23).

Wir wenden uns dem Tier zu. Da es uns immer so annimmt, wie wir sind, anders als in vielen Beziehungen von Mensch zu Mensch, öffnen wir uns für das Tier. Diese Öffnung ist leicht für den Menschen, wenn er sich durch das Gefühl des Angenommen-Werdens vom Tier von selbstbezogenen Ängsten und Zweifeln bereits gelöst hat.

Der Mensch traut sich mehr zu, weil das Tier ihm dieses Gefühl vermittelt. Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl werden größer und die körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte werden gestärkt.

Wenn ein Tier dann noch von sich aus den Kontakt zu uns sucht, wird der heilende Prozess in uns besonders stark gefördert (vgl. Olbrich/ Otterstedt 2003, 24ff).

Bestimmte Tiere, wie z.B. Hunde, sind in der Lage Menschen vor anderen gefährlichen Menschen oder Situationen zu schützen oder aber Kontakte zu anderen Menschen herzustellen. Tiere zwingen den Menschen zu Bewegung und heben das Gefühl der Einsamkeit auf, wenn man z.B. allein wohnt. Die täglichen Spaziergänge mit einem Hund beispielsweise stärken das Herz und verbessern die Durchblutung. Für psychisch Kranke oder entwicklungsgestörte Menschen kann das Tier die Tore zur Gesellschaft öffnen. Vor allem autistischen Kindern kann es helfen, Sozialverhalten zu erlernen oder soziale Kontakte zu knüpfen. Oft hört man auch von Beispielen über Kinder mit Down Syndrom. Sie haben besonders große Freude am Umgang mit Tieren, machen hierbei große Entwicklungs- und Lernfortschritte.

Leichter Umgang und positive Beeinflussung des Menschen entstehen auch vor allem dadurch, dass Tiere keine dummen Fragen stellen, nicht wie andere Menschen diskutieren wollen, einem nichts verbieten, geduldig sind und den behinderten Menschen zuhören. Die Erwartungslosigkeit in der Beziehung zwischen Mensch und Tier scheint ein Aspekt für die Partnerschaftlichkeit zu sein.

Gerade alten Menschen kann die Beziehung zu einem Tier das Bewusstsein eines Lebenssinnes erhalten.

3.3.2 Förderung der sozialen Kontaktbereitschaft

Ich bin der Meinung, dass es durchaus möglich ist Menschen, die schlechte Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen gemacht haben, durch den Umgang mit Tieren, eine neue Vertrauensbasis und auch Beziehungsfähigkeit erlernen, erwerben und neu aufbauen können.

Auch wenn diese Menschen wenig soziale Fähigkeiten besitzen und kein Vertrauen mehr zu anderen Menschen aufbauen wollen, weil sie bereits häufig enttäuscht wurden, kann man versuchen, sie vorerst durch den Umgang mit einem Tier neues Vertrauen zu einem Lebewesen schöpfen zu lassen.

Das glaube ich deshalb, weil das Tier oft der beste Freund des Menschen sein kann und ihm dann bedingungslose Liebe und Akzeptanz entgegen bringt, was viele Menschen unserer Gesellschaft seelisch, geistig oder körperlich behinderten Menschen verwehren.

Menschen jeden Alters, die wenig Vertrauen in die eigene Person haben, können durch die Zuneigung von Tieren Selbstbewusstsein aufbauen, ihre eigene Identität stärken, Vertrauen gewinnen und wieder leichter neue zwischenmenschliche Kontakte knüpfen.

Vor allem auf der sozialen Ebene sind Tiere gute Lehrmeister für den Menschen. Tiere haben keine Probleme sich gegenseitig zu beschnuppern, wenn sie sich kennen lernen wollen oder sich z.B. Zähne fletschend anzubellen, wenn sie sich nicht leiden können. Menschen dagegen sind in sozialer Hinsicht oft eher zurückhaltend. Tierbesitzer sollen nachweislich viel einfacher Kontakte zu anderen Menschen knüpfen können und allgemein als kontaktfreudiger gelten. Sie führen erwiesenermaßen sogar die besseren Ehen. Erklärt werden diese Phänomene damit, dass Tiere genügend Gesprächsstoff bieten, um Paaren über evt. vorhandene Kommunikationsprobleme hinwegzuhelfen und eine Art Vermittlerrolle zwischen den beiden Partnern übernehmen. Bedenken, dass sich Menschen mit Tieren von der übrigen Umwelt abkapseln, können ausgeräumt werden, da gerade sie als „soziales Gleitmittel“ (Greiffenhagen 1993, 51) gelten und als Beziehungsstifter oder sogenannte „Eisbrecher“ (vgl. Greiffenhagen 1993, 52-54).

So können sich bereits Kinder beim Umgang mit Tieren die wichtigsten Werkzeuge für ein gutes, soziales Miteinander aneignen. Hierunter fallen Stärken wie Einfühlungsvermögen, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein.

Hundebesitzer z.B. können wohl ein Lied davon singen, dass Menschen, die gemeinsam mit einem Hund ihr Alltagsleben bestreiten, durch das Verhalten oder einfach das süße und schöne Erscheinungsbild ihres Hundes, das bei vielen Menschen Begeisterung auslöst, häufig in Kontakt mit fremden Menschen kommen. Der Hund fördert die menschliche Kontaktbereitschaft. Man unterhält sich beim Spaziergang mit anderen Hundebesitzern über den eigenen Vierbeiner.

Fremde wollen den eigenen Hund streicheln oder etwas über ihn wissen oder Hunde nehmen die Kontaktaufnahme zu fremden Leuten selbst in die Hand, indem sie z.B. auf sie zu laufen oder an ihnen schnuppern. In solchen Fällen entsteht meistens ein Gespräch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Tiere helfen Menschen: Fell und Flosse als Therapie
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
88
Katalognummer
V61050
ISBN (eBook)
9783638545846
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Tiere können in psychologisch und physiologisch ausgerichteten Therapien sinnvoll eingesetzt werden. Sie können dem Therapeuten dabei helfen, den Klienten in den heilenden Prozess hineinzuführen. Hierzu bedarf es selbstverständlich auch eines professionellen Therapeuten, der den Heilungsprozess zusammen mit dem Klienten und dem Tier in Gang setzt, ihn überwacht und in die richtige Richtung führt.
Schlagworte
Tiere, Menschen, Fell, Flosse, Therapie
Arbeit zitieren
Daniela Baumgartl (Autor), 2006, Tiere helfen Menschen: Fell und Flosse als Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61050

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