Der Zwang der Zwanglosigkeit - Das Gespräch und seine Regeln in der Salonkonversation des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2006

23 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge im 17.Jahrhundert
2.1 Das 17. Jahrhundert und seine Gegensätze
2.2 Stile des Barock

3. Geschichte der Salonkultur und der Salonbegriff
3.1 Der Salonbegriff
3.2 Das Hotel der Marquise de Rambouillet und sein Einfluss auf die Salonkultur

4.Autoren des Salons und über die Regeln der Konversation
4.1 Mademoiselle de Scudéry- Konversation über die Konversation
4.2 Baltasar Gracián- Über die kluge Konversation
4.2.1 Biographisches
4.2.2 Über die kluge Konservation
4.3 Ralph Waldo Emerson- Zwiegespräch

5. Die Regeln der Konversation in Bezug auf Gespräche in der Gegenwart

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Konversation verbindet Menschen unterschiedlichster Art und Herkunft. Die Sprache, die dabei verwendet wird, verrät vieles über den Redner. Sie kann durch die verwendeten Vokabeln oder die sprachliche Gewandtheit die gesellschaftliche Stellung des Redners offenbaren. So kann ein Mensch niederer sozialer Herkunft einen anderen Wortschatz haben, als ein gesellschaftlich besser gestellter. Aber was spielt bei der Konversation darüber hinaus noch eine Rolle?

Nach der Zeit, in der der 30-jährige Krieg die Menschen hat leiden lassen und der Ton rauer geworden war, entwickelte sich eine Sprachkultur voll Höflichkeit und Moral auch jenseits des Hofes, in den Salons der Pariser Damen. In diesen Salons wurde das Gespräch erstmals zu jener Kunstfertigkeit erhoben, in der Esprit, Geschmack, Lebensart und erlesene Höflichkeit miteinander konkurrierten. „Le bon langage“ nahm ihren Ausgang in den Salons des 17. Jahrhunderts.

In dieser Arbeit soll anfangs ein Einblick in die Epoche und ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe erläutert werden. Anschließend wird der Begriff Salon, sowie seine Entwicklung und Bedeutung in Frankreich dargestellt. Dabei spielen mehrere Literaten eine große Rolle. Die Ausführungen beschränken sich auf die Gedanken von Madeleine de Scudéry, Baltasar Gracián y Morales und Ralph Waldo Emerson, da diese zu bestimmen versuchten, was ein Gespräch ausmacht und Regeln der Konversation zu formulieren. Ein Beispiel dafür ist ein Zitat von Mlle. de Scudéry:

„Die Konversation ist das gesellschaftliche Band aller Menschen. Aber was ist denn das eigentlich, was man Konversation nennt? Wenn die Leute nur um ihrer Geschäfte willen miteinander reden, kann man das eigentlich nicht so nennen. Wenn der Richter über seinen Prozess redet, der Kaufmann mit einem anderen verhandelt oder der General Befehle erteilt, all das kann man nicht Konversation nennen. Denn all diese Leute mögen zwar von ihren Interessen und Geschäften reden, ohne doch das angenehme Talent der Konservation zu besitzen, das wohl seltener ist als man glaubt.“ (Madeleine de Scudéry. Konversation über die Konversation. In: C. Schmölders 1979. S. 166) (Du darfst nicht die Zitierweisen mischen! Entweder Fußnoten oder in Klammern!)

In einem kurzen Schlusskapitel soll diskutiert werden, in wie weit die Regeln der Konversation in unsere Zeit übertragbar oder wieder zu finden sind.

2. Geschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge im 17.Jahrhundert

2.1 Das 17. Jahrhundert und seine Gegensätze

Das 17.Jahrhundert wird der Kulturepoche des Barock zugeordnet. Der Barock war der in Europa vorherrschende Kunststil von etwa 1600 bis 1750. Sein Ursprung lag in Italien und verbreitete sich über ganz Europa und in einigen Kolonien. Barock ist eine europäische Erscheinung. Die Bezeichnung dieser Epoche geht auf das 17. Jahrhundert zurück und leitet sich vom portugiesischen „barroca“ oder vom italienischen „barocco“ (schief, eigenartig) ab, in Anklang an „pérola barroca“ (unregelmäßig geformte Perle). Es wird eine Beeinflussung durch den französischen Namen des Syllogismus „baroco“ angenommen, mit dem in der Renaissance das verschnörkelte Denken und Argumentieren der Scholastik verspottet wurde. Erwin Panofsky, ein bedeutender Kunsthistoriker des 20.Jahrhunderts, favorisiert diese Bedeutungsherleitung: „Derart kam es zustande, dass das Wort „Baroco“ dazu diente, alles Wild-Verworrene, Unklare, Wunderliche und Nutzlose zu kennzeichnen“. Demgemäß wurde die Bezeichnung „barock“ zunächst abwertend gebraucht und steht heute auch für verschnörkelt, überladen und vereinzelt für seltsam-grotesk. Die geistige Grundlage des Barock ist eine andere als die der vorangegangenen Epoche der Renaissance: Nicht mehr Optimismus, sondern Pessimismus prägt das Lebensgefühl. Die Zeitereignisse (Dreißigjähriger Krieg) haben den mittelalterlichen Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits wieder belebt. Die Barockliteratur wurde stark durch den 30-jährigen Krieg beeinflusst. Das Land war verwüstet und die Politik, sowie die literarischen, geistigen Erfahrungen waren stark durch den Krieg geprägt. Daraus resultierte eine ausgeprägte Beschäftigung mit Themen wie „Vanitas“ (Vergänglichkeit), „Memento mori“ (Gedenke, dass du sterben musst/Gedenke des Todes) und „Carpe diem“ (Nutze den Tag). Die Autoren stellten oft Begriffe antithetisch gegenüber; typisch waren die Gegenüberstellung von Leben und Tod, Gegenwart und Unendlichkeit, Schein und Sein. Der Bevölkerungsrückgang war besonders auf die Pest zurückzuführen, die sich in den von Flüchtlingen überfüllten Städten ausbreitete. Von 15-17 Millionen Menschen ging die Bevölkerung auf ca. 5 Millionen Menschen zurück.

Die Zeit war von Gegensätzen geprägt. Während Glaubenskriege und Hexenverfolgung eine große Rolle spielten, wurden bedeutende Entdeckungen in der Mathematik und in den Naturwissenschaften gemacht. Die prunkvolle und absolutistische Hofkultur stand dem Elend und der Unbildung der Bevölkerung gegenüber, die unter dem Krieg gelitten hatten. Trotzdem waren die Menschen zu der Zeit der Ansicht, dass alles so von Gott gegeben und gewollt sei. Wenn der Mensch leide, sei dies eine Aufforderung, sich Gott noch mehr hinzuwenden. Auch soziale und politische Verhältnisse wurden als gottgegeben hingenommen. So waren die feudalistische Gesellschaftsform und die absolutistische Herrschaft ein von Gott bestimmter und deshalb unveränderbarer Zustand.

Besonders erkennbar ist diese Struktur im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Ludwig der XIV. übernahm die Alleinherrschaft und Frankreich stieg zur Führungsmacht in Europa auf, was in Friedensverträgen festgehalten wurde. Der Absolutismus fand seinen reinsten Ausdruck am Hof von Ludwig den XIV. und wurde in ganz Europa imitiert. Die Kultur blühte unter feudalistischer Förderung auf, und in Bauwerken, Gartenanlagen und anderem wurde das Repräsentative und Monumentale bis hin zum Übertriebenen angestrebt.

2.2 Stile des Barock

In der Architektur fand der barocke Stil seine volle Ausgestaltung. Die Barockarchitektur steht für Repräsentation. Charakteristisch ist vor allem die extreme Komplexität der Linien und Formen, sowohl am Außenschmuck, als auch in der Raumgestaltung. Vergeblich sucht man gerade Linien in der Barock-Architektur: Bewegte, ineinander greifende Formen sind typisch für diese Stilrichtung. Mathematik und Geometrie waren die Lieblingswissenschaften dieser Zeit, nach ihren Regeln von Regelmäßigkeit, Ordnung und Symmetrie wurden Schloss, Park, Stadt und Landschaft gestaltet, um mitunter das Wirken des Fürsten nach außen hin zu demonstrieren. Beispielhaft für den barocken Schlossbau in ganz Europa ist das Königschloss von Versailles.

Auch die Musik wurde durch gegensätzliche Stilelemente gekennzeichnet und in der Zeit des Frühbarock entstand die Oper zur Unterhaltung der höheren Stände. Bekannte Komponisten dieser Zeit waren in Deutschland Händel und Bach.

In der Malerei dominierten dynamische Bildwelten, sowie religiöse und weltliche Themen und Landschaftsdarstellungen.

„Die zentralen Autoren der Literatur des Barock waren für die Germanistik Opitz, Lohenstein, Gryphius, Grimmelshausen, Ziegler. An dieser Stelle zeigt sich die Konstruiertheit der „Epoche", die von wenigen „großen" Autoren ausgeht, besonders deutlich: Der Dichter Grimmelshausen war zu seiner Zeit ein relativ unbekannter Autor, entdeckt wurde er erst in den 1920er Jahren. Der zu seiner Zeit berühmte Nürnberger Dichter Sigmund von Birken hingegen ist heute weithin unbekannt. Die Poetiken des 17. Jahrhunderts bereiteten der Germanistik an dieser Stelle Schwierigkeiten, weil sie vergleichsweise „unliterarische" Gattungen wie die Oper, die Kantate und das Ballett diskutieren. Dies liegt an dem aus der Ästhetik des 19. Jahrhunderts stammenden Literaturbegriff, für den es nur Epik, Drama und Lyrik gibt. Im Barock so wichtige Gattungen wie die Schäferdichtung und die Gelegenheitsdichtung können auf dieser Grundlage weder eingeordnet noch verstanden werden.“[1]

Die Literatur war eingeteilt in drei Gattungen. Jede Gattung hatte verbindliche Inhalte und vorgeschriebene Formen. Die Regeln für diese Gattungen waren in so genannten Poetiken oder Dichtungslehren festgehalten. Diese Poetiken stützten sich auf antike Vorbilder (Poetiken oder Rhetoriken/ Redelehren), die man übernahm oder aber auch erweiterte. Große Bedeutung hatte z.B. die Lehre von den Stilebenen. Sie ordnete alle Dichtungen drei Stilen zu. Der „hohe Stil“ war durch eine würdevolle, wohlklingende Sprache gekennzeichnet, der „niedere“ durch eine einfache; die Sprache des „mittleren Stils“ lag dazwischen. Dichtungen des hohen Stils durften nur erhabene, heroische, ernste Themen behandeln; komische Themen gehörten zum mittleren, derbe zum niederen Stil. Diese Einteilung in Stile war auch Ausdruck des ständischen Denkens der damaligen Zeit. Man teilte auch die Gesellschaft in drei Stände ein, die den Stilen entsprachen: Adel/Hof - Bürger/Stadt - Bauern/Land.[2]

3. Geschichte der Salonkultur und der Salonbegriff

3.1 Der Salonbegriff

Aus der germanischen Wortfamilie „Saal“ (althochdeutsch und mittelhochdeutsch „sal“, Maskulinum/Neutrum, aus „salaz, saliz“, Bezeichnung des germanischen Einraumhauses) entwickelten sich die entsprechenden romanischen Wortfamilien (französisch „salle“, italienisch „salla“, im Femininum). Daraus entstand der italienische Begriff „salone“ und später der französische Begriff „salon“. Dieser Begriff steht für einen großen, reich dekorierten, von Säulen getragenen Saal, der häufig zwei Stockwerke umfasste. Das Wort „salon“ ist erst ab dem Jahre 1664 in der französischen Sprache zu finden, denn vorher und auch zum Teil später noch hießen die Räume, in denen die Damen ihre Gäste empfingen „cabinet“, „alcove“ oder „chambre“. „Chambre bleue“ nannten beispielsweise Zeitgenossen den „Blauen Salon“ der Marquise de Rambouillet. Zunächst wurden mit dem französischen Salonbegriff Empfangs- und Repräsentationsräume in Schlössern („salon de reception“) bezeichnet. Besonders bewundernswert ist der „Salon de la Paix“ oder der „Salon de la Guerre“ in Versailles. Im Zedlerschen Universallexikon von 1735 wird der Begriff mit der deutschen Bezeichnung „Haupt-Saal“ übersetzt. Mit der Zeit veränderte sich nicht nur die Gestaltung und Nutzung der „Salon“ genannten Räume, sondern auch der Gebrauch des Begriffs. Erst 1807, in Madame de Staels Roman Corinne, wird der Begriff „Salon“ in dem Sinne gebraucht, dass ein Salon als Ort der Konversation und als gesellschaftliche Institution gekennzeichnet ist, eingeschlossen der Begriff des literarischen Salons. Zuvor gebrauchte man Begriffe wie „assemblee“, „cercle“ oder „compagnie“.[3]

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur, Stand: 29.08.06, 13.40 Uhr

[2] http://www.pohlw.de/literatur/epochen/barock.htm, Stand: 29.08.06, 14.00 Uhr

[3] P. Wihelmy-Dollinger: Die Berliner Salons. Mit historisch-literarischen Spaziergängen. Berlin: de Gruyter 2000. S. 29f

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Details

Titel
Der Zwang der Zwanglosigkeit - Das Gespräch und seine Regeln in der Salonkonversation des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Paderborn
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V61074
ISBN (eBook)
9783638546041
ISBN (Buch)
9783638667814
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde im Fach Sprachwissenschaft für das Lehramt Deutsch geschrieben. Sie beeinhaltet eine Auseinandersetzung mit dem Thema Salon und die Sprache des 17. Jahrhunderts in Frankreich.
Schlagworte
Zwang, Zwanglosigkeit, Gespräch, Regeln, Salonkonversation, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Melanie Bitterberg (Autor), 2006, Der Zwang der Zwanglosigkeit - Das Gespräch und seine Regeln in der Salonkonversation des 17. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61074

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