[...] Denn wer nicht lesen und schreiben kann, verfügt nicht über die „einfachsten“ Grundfertigkeiten und wird oftmals als Dummkopf abgewertet. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass der Großteil funktionaler Analphabeten entweder einen Hauptschul- oder einen Sonderschulabschluss haben. Dass solche Annahmen höchst eindimensional sind, soll in dieser Arbeit näher ausgeführt werden. Die Biographieanalysen funktionaler Analphabeten zeigen, dass Schulpflicht und Analphabetismus in Deutschland keinen Widerspruch darstellen. Hierzulande hat man es mit einem Ursachengefüge zu tun, das neben individuellen Faktoren schulische, familiäre und soziale Faktoren einschließt, die sich ihrerseits wiederum wechselseitig bedingen. Die Ursachen für die Entstehung von Analphabetismus sind überwiegend multikausal und nicht auf einen Umstand zurückzuführen. Fördermaßnahmen für Erwachsene gibt es seit ca. 25 Jahren; Analphabetismus wurde als bundesrepublikanische Wirklichkeit erkannt und angegangen. Zu Beginn hatte man keine Erfahrung im Schriftspracherwerb erwachsener Analphabeten, weshalb auf Methoden des Anfangsunterrichts zurückgegriffen werden musste. Diese Methoden wurden jedoch bald an die Lebenswelt der erwachsenen Lerner angepasst. Neben der Erwachsenenbildung, die an den VHS-Kursen stattfindet, hat sich bisher noch kein nachhaltiges schulbegleitendes Konzept zur Prävention von Analphabetismus durchgesetzt. Vielmehr sind die gesamten Förderkonzeptionen so angelegt, dass sie erst greifen, wenn es bereits zu spät ist. Den hier aufgeworfenen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. In Kapitel zwei werden die in der Literatur vorgefundenen Begriffsdefinitionen erläutert und gegeneinander abgegrenzt. Kapitel drei befasst sich mit der Entdeckung von Analphabetismus in Deutschland und dessen quantitativen Ausmaß. Dazu werden die PISA- und die IALS-Studie erläutert, die quantifizierte Aussagen über die Lesekompetenz der Deutschen treffen und diese in einen internationalen Kontext stellen. Kapitel vier unternimmt eine Ursachenanalyse des Phänomens Analphabetismus; dabei werden die Sozialisationsinstanzen Familie und Schule betrachtet, um darzustellen, welche Probleme den Analphabetismus begünstigen können. Kapitel fünf stellt mögliche Alltagstrategien funktionaler Analphabeten dar und zeigt auf, wie es möglich ist, dass Analphabeten weitestgehend unentdeckt leben können. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Struktur
2. Begriffsbestimmung
2.1 Primärer/totaler Analphabetismus
2.2 Sekundärer oder funktionaler Analphabetismus?
2.2.3 Funktionaler Analphabetismus
2.3 Kompetenzgruppeneinteilung
2.4 Legasthenie in Abgrenzung zum funktionalen Analphabetismus
3. Entdeckung des Analphabetismus in Deutschland
3.1 Analphabetismus als historisch wandelbare Größe
3.2 Quantitative Dimension von Analphabetismus
3.3 IALS und PISA-Studie zur Ermittlung der Lese- und Schreib-kenntnisse
3.3.1 IALS-Studie
3.3.2 PISA-Studie
3.3.3 Bewertung der Studien
4. Kausalanalyse
4.1 Familiensituation
4.1.1 „Lesesozialisation in der Familie“
4.1.2 Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Analphabetismus
4.2 Schulsituation
4.2.1 Schulimmanente Faktoren
4.3 Individuelle Faktoren
5. Alltagsstrategien von Analphabeten
5.1 Kompensation schriftsprachlicher Defizite
6. Prävention und Fördermaßnahmen
6.1 Alphabetisierung in VHS-Kursen
6.1.1 Methodische Ansätze an den Volkshochschulen
6.1.2 Praxis in den Alphabetisierungskursen
6.2 Family Literacy
6.3 E-Learning, www.ich-will-schreiben-lernen.de
6.3.1 Umsetzung
6.3.2 Aufbau
6.4 Pilotprojekt „Elementare Schriftkultur“
6.4.1 Durchführung des Projektes
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Erscheinungsformen des Analphabetismus in Deutschland, trotz bestehender Schulpflicht. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf das komplexe Ursachengefüge, welches neben individuellen Voraussetzungen auch schulische, familiäre und soziale Faktoren umfasst, um daraus pädagogische Förderkonzepte abzuleiten.
- Definition und Abgrenzung von Analphabetismus-Formen
- Kausalanalyse familiärer und schulischer Einflussfaktoren
- Bewertung internationaler Studien wie IALS und PISA
- Alltagsstrategien und Kompensationsmechanismen Betroffener
- Analyse und Vorstellung von Präventions- und Fördermaßnahmen
Auszug aus dem Buch
4.1 Familiensituation
Döbert-Nauert spricht von negativen Lebenswelt- und Ich-Erfahrungen der Betroffenen, die in Vergangenheit und Gegenwart zu finden sind. Damit sind Erfahrungen gemeint, die durch desolate Familienverhältnisse (z.B. Vernachlässigung, Ablehnung, Gleichgültigkeit) verursacht werden, in der Schule ihre Fortsetzung finden und sich im Erwachsenenalter (Abwertung der eigenen Person) manifestieren. Es entsteht eine Diskriminierungskette, die sich vom Elternhaus, über die Schule bis in das Erwachsenenalter erstrecken kann.
Die familiäre Situation funktionaler Analphabeten ist durch typische Parameter geprägt, die sich in fast allen Biographieanalysen funktionaler Analphabeten finden lassen. Neben Gewalterfahrungen und Vernachlässigung sind die Familien der Betroffenen häufig von Armut gekennzeichnet.
Genuneit unterscheidet zwei Kategorien von Armut, unter denen die Familien funktionaler Analphabeten zu leiden haben. Zum einen macht er eine ökonomische Armut aus, da funktionale Analphabeten oft von unsicheren wirtschaftlichen Bedingungen berichten, in denen sie aufgewachsen sind. In der Vergangenheit mussten Kinder schon sehr früh das familiäre Budget durch Nebenverdienste aufbessern, was sie daran hinderte, regelmäßig am Unterricht teilzunehmen. Man kann von einer Deckungsgleichheit der Landkarte des Analphabetismus und der Armut sprechen.
Als zweite Kategorie nennt der Autor die kommunikative Armut. Bezüglich dieser beschreiben Betroffene eine Familiensituation, in der weder gelesen noch vorgelesen wurde und in der die verbale Kommunikation zwischen den einzelnen Familienmitgliedern verkümmerte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Struktur: Die Einleitung beleuchtet das Paradoxon des Analphabetismus trotz Schulpflicht und skizziert das multikausale Ursachengefüge sowie den Aufbau der Arbeit.
2. Begriffsbestimmung: Hier werden zentrale Begrifflichkeiten wie primärer und funktionaler Analphabetismus definiert, gegeneinander abgegrenzt und in Kompetenzgruppen eingeteilt.
3. Entdeckung des Analphabetismus in Deutschland: Das Kapitel behandelt die historische Wahrnehmung sowie die quantitative Erfassung durch PISA- und IALS-Studien und bewertet deren Aussagekraft.
4. Kausalanalyse: Es wird untersucht, wie familiäre Sozialisationsinstanzen und schulische Rahmenbedingungen zur Entstehung von Analphabetismus beitragen können.
5. Alltagsstrategien von Analphabeten: Dieses Kapitel erläutert, wie Betroffene ihre Schriftsprachdefizite im Alltag durch Vermeidung und Kompensation tarnen.
6. Prävention und Fördermaßnahmen: Hier werden Strategien zur Prävention und verschiedene Förderkonzepte wie VHS-Kurse, Family Literacy und E-Learning vorgestellt.
7. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion über das mangelnde Problembewusstsein in Politik und Bildungswissenschaft.
Schlüsselwörter
Analphabetismus, funktionaler Analphabetismus, Schulpflicht, Lesesozialisation, Schriftspracherwerb, Bildungsbenachteiligung, Kausalanalyse, Alphabetisierung, Prävention, Fördermaßnahmen, IALS, PISA, Vermeidungsstrategien, Familienmilieu, Erwachsenenbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des funktionalen Analphabetismus in Deutschland trotz bestehender Schulpflicht und beleuchtet dessen Ursachen sowie Möglichkeiten der Förderung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Begriffsbestimmung, der Ursachenanalyse (Familie, Schule, Individuum), den Alltagsstrategien Betroffener und bestehenden Förderkonzepten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, das komplexe Ursachengefüge hinter dem Analphabetismus aufzudecken und zu zeigen, dass es sich nicht um eine einfache Intelligenzfrage handelt, sondern um ein multifaktorielles Problem.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich primär um eine Literaturarbeit, die auf biographieanalytischen Studien, PISA- und IALS-Daten sowie pädagogischen Fachbeiträgen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den Begriffsdefinitionen die sozialen und schulischen Faktoren analysiert, die als Nährboden für Analphabetismus fungieren, sowie Kompensationsstrategien im Alltag und Interventionsmöglichkeiten diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind funktionaler Analphabetismus, Lesesozialisation, Prävention, Fördermaßnahmen, Bildungsbenachteiligung und Alphabetisierung.
Warum scheitern viele Kinder bereits im Schriftspracherwerb in der Grundschule?
Oft wirken ungünstige familiäre Voraussetzungen (kommunikative Armut, mangelnde Lesekultur) mit einer schulischen Umgebung zusammen, die individuelle Lernblockaden oder Störungen nicht frühzeitig erkennt oder mangelnd differenziert.
Welche Rolle spielt das Internet bei der Alphabetisierung?
Das Internet, insbesondere Portale wie www.ich-will-schreiben-lernen.de, bietet eine niedrigschwellige, anonyme und unvorbelastete Möglichkeit für Betroffene, ihre Lese- und Schreibkompetenzen außerhalb klassischer Institutionen zu verbessern.
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- Timm Winter (Author), 2006, Analphabetismus trotz Schulpflicht. Überblick, Kausalanalyse und pädagogische Fördermaßnahmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61190