Otto der Grosse und seine Gegner - Modalitäten herrscherlichen Handelns im hohen Mittelalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Sakrales Königtum und die Herrschertugend humilitas

I. Teil: Allgemeine Modalitäten herrscherlichen Handelns
I.1. Der ottonische Herrschaftsverband
I.2. dignitas und honor
I.3. Ritualisierte Eskalation von Konflikten und Emotionen
I.4. Das Ritual der deditio
I.5. Der honor des Vermittlers

II. Teil: Otto der Große als Person, Konzeption und politische Planung
II.1. Ausgangslage
II.2. Charakter
II.3. Die Aachener Tradition
II.4. Ottos Kaiseridee
II.5. Magdeburg und die Mission
II.6. Dynastisches Prinzip im Herrschaftsverständnis

4. Fazit

5. Quellen

6. Darstellungen

1. Einleitung

Die neuere mediävistische Forschung hat zunehmend herausgestellt, dass für das 10. Jahrhundert herrscherliches Handeln in den Quellen vor allem „reagierend“ und „inszeniert“ anmutet. So gehe es in erster Linie um die öffentliche Demonstration und Wahrung des eigenen Ranges innerhalb der Adelsgesellschaft. Besonders Gerd Althoff hat in zahlreichen Veröffentlichungen dieses Forschungsbild für das 10. und 11. Jahrhundert entworfen:

„...Planungen und Konzepte dürften einer Gesellschaft doch eher fremd sein, deren Politikverständnis gewiss in dem Gedanken ihr Zentrum hatte, dass die gottgewollte Ordnung zu bewahren bzw. wiederherzustellen sei.“1

Auch Johannes Laudage schließt sich diesem Bild an: „Nicht in langfristig geplanten Konzepten, sondern in einer langen Kette von Augenblicksentscheidungen verwirklichte sich die Herrschaft“.2

Ausgangspunkt und Argumentationsbasis für diese Interpretation sind die zahlreichen Modalitäten und „Spielregeln“, an die der Herrscher gebunden war. Zum besseren Verständnis ist es deshalb notwendig, nach einer Einarbeitung in den historischen Kontext die Rahmenbedingungen für die Herrschaft Ottos des Großen abzustecken. Der Herrscher musste sich ausgehend von seiner sakralen Legitimierung nach den christlichen Herrschertugenden humilitas und clementia richten. Zur Analyse des ottonischen Herrschaftsverbandes wird im Anschluss die „Netzwerktheorie des Herrschaftsverbands“ nach Gerd Althoff vorgestellt. Eine Begriffsklärung der fundamentalen Normen innerhalb des Verbandes, dignitas und honor des einzelnen, bleibt unerlässlich: Durch sie werden „spontane Gefühlsausbrüche“ zu Beginn eines Konflikts erst verständlich. Gerd Althoff schlägt vor, vor allem Ottos Konflikte mit den Großen des Reichs zu untersuchen.3 In den Ursachen, den Formen ihres Austrags und ihrer Beilegung, lässt sich die hier reproduzierte Argumentation nachvollziehen. Bei der Beilegung dieser Konflikte treten häufig gewisse „Vermittler“ auf, deren Rolle und Funktion aus der „Netzwerktheorie“ heraus klarer wird. Sie sollen in einem Exkurs ebenfalls behandelt werden.

Zusätzlich sollen in dieser Hausarbeit neben den skizzierten allgemeinen Zügen herrscherlichen Handelns auch individuelle Eigenschaften, also politische Planung oder Konzeption, in der Regierungszeit Ottos des Großen untersucht werden. Denn viele Mediävisten lassen das Erklärungsmodell Althoffs nur eingeschränkt gelten: Boshof beispielsweise wirft ihm im Zusammenhang mit der Konfliktbeilegung vor, „zu stark systematisierend“ gearbeitet zu haben.4 In einer Rezension zu Laudages Biographie weist Christian Hillen auf einen entscheidenden Widerspruch hin. Allein dessen Kapitelüberschrift „Die dynastische Herrschaftskonzeption“ verrate diesen. Mit der erfolgreichen Einrichtung des Erzbistums Magdeburg - so gibt Laudage selber zu - „endete die konzeptionell aktivste Phase im Leben des Herrschers“5. Die Errichtung, die sich über Jahre hinzog, spreche dafür, dass Otto nicht völlig ohne politische Konzepte, in diesem Fall auch recht langfristige, regierte.6 Im zweiten Teil sollen Ottos Charakter, individuelle Konzeption und politische Planung deshalb im Fokus der Überlegungen stehen.

Im ersten Teil stützt sich die Argumentation neben den wichtigsten erzählenden Quellen besonders auf Werke oder Aufsätze Gerd Althoffs, der bei diesen Überlegungen als Begründer einer Forschungstradition und methodischen Herangehensweise an eine von Quellen nur spärlich erleuchtete Zeit zu gelten hat. Im zweiten Teil folgen die Überlegungen weitgehend der kürzlich erschienen Biografie Ottos des Großen von Johannes Laudage. An Urkunden und anderen Primärquellen wird überprüft, ob man individuelle Momente herausfiltern kann, die wir heute am ehesten mit planerischen Konzepten des Herrschers identifizieren könnten.7

2. Historischer Kontext

Nach dem Tod Heinrichs I. am 2. Juli 936 übernahm sein Sohn Otto der Große ein in seinen Grundlagen gefestigtes Reich. Mit der Thronerhebung in Aachen sollte bewusst an die karolingische Tradition angeknüpft und gleichzeitig die Zugehörigkeit Lothringens ans ostfränkische Reich unterstrichen werden. Von ebenfalls staatssymbolischer Bedeutung war, dass die Herzöge von Lothringen, Franken, Schwaben und Bayern die vier germanischen Hausämter (Truchsess, Kämmerer, Mundschenk und Marschall) versahen, denn sie repräsentierten das ganze Reich und ordneten sich durch ihren Dienst dem König unter.

Als Otto jedoch verstärkt auf seine herrscherliche Autorität pochte, reagierten Teile des Hochadels mit offenem Widerstand. Als Herzog Arnulf von Bayern 937 starb, weigerte sich sein Sohn Eberhard, dem König zu huldigen. Otto wurde der Rebellion schnell Herr und ernannte Eberhards Oheim Berthold zum Herzog. Berthold musste zudem auf die Kirchenhoheit verzichten.

In einem zweiten Aufstand organisierten sich der Billunger Wichmann, Thankmar, Ottos Halbbruder aus Heinrichs Ehe mit Hatheburg und Herzog Eberhard von Franken zu gemeinsamem Widerstand. Für erstere waren persönliche Motive ausschlaggebend: Beim Herzog ging es konkret um die eigenmächtige Ahndung eines vasallitischen Vergehens, für die Otto ihn wegen Friedbruch verurteilt hatte. Der Billunger und Wichmann sahen sich bei einer territorialen Grenzziehung und der Vergabe von neugeschaffenen Marken an der Elbe übergangen. Thankmar fühlte sich außerdem um sein mütterliches Erbe betrogen. Otto besiegte auch diese Widerstände 938, wobei Thankmar den Tod fand.

Beim Aufstand von Ottos Bruder Heinrich ging es dagegen um den Thron. Nach traditionellen Rechtsvorstellungen hatten nämlich alle Königssöhne ein Anrecht auf Herrschaft, ein Problem, das Heinrichs I. mit seiner Nachfolgeregelung nicht gelöst hatte. Während man für Brun eine geistliche Laufbahn vorgesehen hatte, war Heinrichs Stellung ungeklärt geblieben. Die Unterstützung der Königin Mathilde verlieh der Empörung zusätzliche Legitimität. Außerdem schlossen sich Eberhard von Franken und Giselbert von Lothringen dem Aufstand an, der von Sachsen seinen Ausgang nahm.

Im März 939 errangen die Truppen des Königs bei Birten gegen einen überlegenen Gegner den Sieg, der in Ottos Lager dessen Gebet und der Kraft der Heiligen Lanze zugeschrieben wurde. Giselbert wandte sich jedoch nun an den westfränkischen Karolinger. Zusammen mit Erzbischof Friedrich von Mainz gingen die Aufständischen gegen Otto vor. Auf dem Höhepunkt der Bedrohung für Ottos Königsherrschaft brachte der Sieg der Konradiner Udo und Konrad Kurzbold am 2. Oktober 939 bei Andernach über Giselbert und Eberhard, die beide den Tod fanden, die endgültige Entscheidung. Der Aufstand brach zusammen. Otto söhnte sich mit seinem Bruder aus und erhob ihn zum Herzog in Lothringen.

Heinrich konnte sich jedoch in Lothringen gegen den lokalen Adel nicht durchsetzen und erhob sich 941 erneut. Laut Boshof war dies jedoch nur noch eine Nachwehe des großen Konflikts. 948 erhielt Heinrich das Herzogtum Bayern.

Ein wesentlicher Schwerpunkt Ottos Politik war die Heidenmission im Osten, die Otto intensivierte und mit der Gründung des Moritzklosters in Magdeburg 937 begann. Die Errichtung von fünf weiteren Bischofssitzen 948, die Eingliederung der Bistümer Ripen, Schleswig und Aarhus im Erzbistum Hamburg-Bremen, die Unterstellung Havelbergs und Brandenburgs unter dem Erzbistum Mainz, die Gründung des Bistums Oldenburg und abschließend die Errichtung des Erzbistums Magdeburg 968 legen deutlich Zeugnis vom herrscherlichen Missionseifer ab.

Im italischen Königreich machte Otto sich gewisse Konstellationen zu nutze. Nach dem Tod des Königs Lothar und den Übergriffen Berengars von Ivrea auf die Königinwitwe Adelheid, Schwester Konrads von Burgund, griff Otto ein und heiratete sie 951 in Pavia. Gleichzeitig übernahm er damit die Herrschaft im regnum Italiae.

Im Zuge dieser Unternehmungen und der Hochzeit entstand jedoch ein neuer Konflikt, denn Rivalitäten zwischen Ottos Sohn Liudolf und Heinrich wurden deutlich. Liudolf sah durch die erneute Heirat seines Vaters seine Stellung als Thronfolger gefährdet, während Heinrich für seine Verdienste belohnt wurde, indem er die Marken Verona und Aquileja mit Istrien übertragen bekommen hatte. Konrad der Rote schloss sich Liudolf an. 953 eskalierten die Spannungen in offener Empörung und auch Erzbischof Friedrich von Mainz, der vermittelt hatte, schloss sich ihnen an, als der König einen Vertrag als erzwungen widerrief. Prinzipiell stellten sich die Aufständischen nicht gegen den König, sondern gegen eine Machtverteilung im Reich, bei der Heinrich mit überragendem Einfluss ausgestattet worden war.

Im Frühjahr 954 brachten die Ungarneinfälle die Wende zugunsten Ottos, denn die Aufständischen kauften sich von den Plünderungen frei und lenkten die Ungarn damit in andere Teile des Reiches um. Die Opposition verlor durch diese an Hochverrat grenzende Aktion jeglichen Rückhalt und musste ihren Widerstand aufgeben. Konrad und Liudolf unterwarfen sich Otto, der sie ihrer Herzogtümer enthob, aber ihnen Eigengüter beließ. Fortan übte Brun neben seiner Bischofswürde auch das Herzogsamt in Lothringen aus. Friedrich von Mainz war 954 gestorben und ihm folgte Ottos Sohn Wilhelm auf den Bischofsstuhl.

Nach der endgültigen inneren Konsolidierung gelang Otto auch gegen die Ungarn der entscheidende Sieg 955 auf dem Lechfeld. Die Kaiserkrönung am 2. Februar 962 in Rom war der konsequente Abschluss einer Entwicklung, denn durch sie wurde sowohl die karolingische Tradition vollends wieder belebt als auch Ottos hegemonialer Stellung im Abendland Ausdruck verliehen.

3. Sakrales Königtum und die Herrschertugend humilitas

Basis jeder Königsherrschaft im Mittelalter war ihre sakrale Legitimierung: Die Herrschaft war von Gott verliehen, der König regierte in Gottes Auftrag und alles war abhängig vom Willen und der Hilfe Gottes. Ruotger bezeichnet Otto als „Gesalbten des Herrn“ (christus domini)8. Im zwischen 950 und 963/64 entstandenen Mainzer Krönungsordo wird das Königtum Davids und Salomons als Vorbild beschworen. Der Herrscher erscheint als vicarius Christi und empfängt sein Königtum von den Bischöfen, die symbolisch die Stelle der Apostel einnehmen. Während die Herrschaft also eindeutig auf göttlichem Auftrag beruhte, war der König doch angewiesen, sich für die Geistlichkeit, ihre Rechte und ihren honor einzusetzen.9

Die sakrale Stellung des Herrschers hatte für Otto hauptsächlich Pflichten zur Folge. Althoff bezeichnet die herrscherliche „Gewissheit der göttlichen Beauftragung und der Verantwortlichkeit gegenüber Gott“ als fundamental für das Verständnis des ottonischen Königtums. So war der König auf die Zusammenarbeit mit den Priestern verwiesen und hatte sich an der christlichen Herrscherethik zu orientieren. Dabei scheinen besonders die Herrschertugenden humilitas und clementia prägend gewesen zu sein. Ständig wurde Otto an diese Pflichten erinnert. Nach Althoffs Meinung stand dabei ein mahnender Gedanke im Vordergrund: „Möge der Herrscher den hohen Anforderungen gerecht werden, die diese sakrale Würde an ihn stellt.“ Dass Otto diese Ansprüche annahm, belegt die häufige Betonung, dass er sich bemühe, ihnen gerecht zu werden. „Fürstenspiegel“ wie bei den Karolingern sind für die Ottonenzeit zwar nicht belegt, dafür legen aber zahlreiche andere Quellen Zeugnis von dieser Ethik ab.10

In der Sachsengeschichte Widukinds erfahren wir von der göttlich legitimierten Herrschaft Ottos interessanterweise vor allem in gefährlichen Krisenmomenten. Stets beschütze ihn die höchste Gottheit (semper se protegente summa divinitate 11 ), beruhigt Widukind, angesichts der zweiten Verschwörung Heinrichs. In Zusammenhang mit dem Aufstand seines Sohnes Liudolf erklärt er, dass Gott all dies zugelassen habe, damit der, den er als erhabensten König über sehr viele Völker und Stämme setzen wollte, lernen sollte, dass er auf sich gestellt wenig, mit Gott aber alles vermöge12 . In einem dritten Beispiel hätte Ottos Unerschrockenheit vor den Raubzügen der Ungarn daher gerührt, dass er nie vergessen habe, dass er durch Gottes Gnade Herr und König war13 . Nach Schieffer hätte Widukind sich an solchen und anderen Stellen seiner erzählerischen Möglichkeiten besonnen, um vorbildliches christliches Verhalten, nämlich die Herrschertugend humilitas, für Otto zu reklamieren. 14 Das Erlebnis des Leides sei so zur imitatio Christi geworden und hätte zur Legitimierung der Herrschaft noch beigetragen.15

Mindestens ebenso wichtig scheint die Eigenschaft der clementia gewesen zu sein. Entsprechend dem Vorbild Christi sollte der Herrscher Milde, Verzeihen und Barmherzigkeit zu einer Richtschnur seines Handelns machen. In der Herrschaftspraxis ergaben sich dadurch konkrete Konsequenzen, da die clementia fester Bestandteil der Konfliktregelung wurde.16 Davon wird im Zusammenhang mit der Beilegung von Konflikten und dem Unterwerfungsritual deditio noch zu sprechen sein.

I. Teil: Allgemeine Modalitäten herrscherlichen Handelns

I.1. Der ottonische Herrschaftsverband

Bei den Führungsschichten des 10. Jahrhunderts handelte es sich um einen Personenkreis von ca. 200 Leuten. Diese waren vielfach untereinander verwandt. Verstärkt wurden die Gruppenbindungen aber noch von persönlichen Beziehungen wie amicitiae (Freundschafts- bünde), coniurationes 17 und Lehnsabhängigkeiten. Insgesamt ergab sich so ein dichtes Netz von Beziehungen, die im Rückblick kaum noch zu durchschauen sind. Diese „natürlichen“ wie „künstlichen“ Vernetzungen prägten das Verhalten der Gruppen im Konflikt wie im Frieden, denn hinter den politisch Agierenden standen Angehörige „komplexer Netzwerke“, die sich gegenseitig unterstützten und halfen (z.B. mit Waffenhilfe, Vermittlung). Als Manifestierung solcher Netzwerke in den Quellen versteht Althoff das zweimal bezeugte convivium 18 auf der Burg Saalfeld19. Solche zyklisch wiederkehrenden Feste dienten der Gruppe zur Vergewisserung und Bestätigung, dass der Zusammenhalt noch intakt, die Beziehungen noch in Ordnung waren und dass dies auch für die Zukunft gelten sollte. Gemeinsames Essen und Trinken oder die Verteilung von Geschenken stärkten die Bindung untereinander.20 Althoff erklärt den großen Zulauf und Erfolg der von dort ihren Ausgang nehmenden Aufstandsbewegungen mit der Aktivierung vorhandener Netzwerke.21 Politischer Einfluss hing eng damit zusammen, in welchem Netzwerk man eingebunden war und welche Hilfe man erhoffen konnte. Der Herrscher war gezwungen, den Gruppen bzw. ihren Protagonisten seine familiaritas und Huld zu gewähren, indem er z.B. ihren Rat suchte, sie ehrenvoll auszeichnete, sie materiell oder ideell förderte. Mitglieder des Adels agierten mit der Rückendeckung ihrer Gruppenzugehörigkeit, wenn sie sich beim König für ein Anliegen oder eine Person einsetzten. Im Unterschied zu den Karolingern hatte der ottonische Herrscher diese Gruppen als Teil der politischen Kultur akzeptiert. Adel und Kirche hatten sich zunehmend zu „Mitträgern und Partnern“ der Herrschaft entwickelt. Aufgrund fehlender Institutionen zur Kontrolle der Amtsträger und einer Tendenz der „Vererbung“ für die weltlichen Ämter gab es weniger Möglichkeiten für den Herrscher zum Eingriff in die Rangordnung. Als Otto in den Anfangsjahren seiner Herrschaft diese Eingriffe versuchte, provozierte er breiten Widerstand. Laut Althoff hatte der König im Verband nur noch eine Integrationsfunktion, denn seine Herrschaftspraxis bestand vor allem darin, die unterschiedliche Interessen der Gruppen auszutarieren und den Frieden zwischen ihnen aufrecht zu erhalten.22

I.2. dignitas und honor

Flodoard von Reims berichtet aus dem Jahr 944 vom Tod des lothringischen Herzogs Otto. König Otto I. hielt deshalb im Frühsommer desselben Jahres in Aachen ein colloquium ab, um dem lothringischen Adel den Konradiner Konrad als Nachfolger vorzustellen. Bei der Versammlung erschienen auch Gesandte des westfränkischen Königs Ludwig IV. sowie seines mächtigsten Gegners, des Herzogs Hugo des Großen. Otto habe die königlichen Gesandten zunächst „ehrenvoll“ (honorifice) empfangen, die Gesandten des Herzogs jedoch abweisend. Als ein herzoglicher Bote namens Manasses Otto jedoch eine Nachricht überbrachte, die ihm von Ludwig aufgegeben worden sei, änderte sich des Königs Verhalten grundlegend. „Er eröffnete unbotmäßige Vorwürfe [...], nämlich dass Otto eidbrüchig sei in Hinblick auf die Eide, die er Ludwig geschworen hatte; und er fügte noch manches schandbare hinzu“. Nach der Entlassung von Ludwigs Gesandten, die den Behauptungen nichts entgegenzusetzen hatten, habe Otto nunmehr Hugos Gesandte „ehrenhaft“ (honorabiliter) behandelt und befohlen, „dass alle seine Getreuen sich von der Hilfe und Teilnahme zugunsten Ludwigs zurückziehen sollten“23.

Der gleiche Herzog Konrad, der beim Aachener colloquium in sein Amt eingeführt worden war, bemühte sich neun Jahre später um einen Ausgleich zwischen dem italienischen Thronprätendenten Berengar und König Otto. Er hatte Berengar geraten sich zu Ostern nach Magdeburg zu begeben, um sich dort Otto zu unterwerfen und mit ihm Frieden zu schließen. Widukind berichtet von diesem Vorgang: „Als er sich der königlichen Stadt Magdeburg näherte, kamen ihm eine Meile vor der Stadt die Herzöge und Grafen und die ersten der Hofleute entgegen, und er wurde königlich empfangen und in die Stadt geleitet, wo man ihn in einer für ihn bereiteten Herberge bleiben hieß“. Dort aber habe Berengar drei Tage lang warten müssen, ohne das Gesicht des Königs zu sehen, was Konrad, der ihn hingeleitet hatte beleidigte.24 Er verbündete sich dann mit Ottos Sohn Liudolf und begann den längsten Aufstand, den Otto je zu überwinden hatte.

Eine andere Geschichte erzählt Thietmar von Merseburg im Rückblick auf die „gute alte“ Zeit Ottos des Großen. Damals 965 hatte nach dem Tod des Markgrafen Gero der Sachse Hodo auf königliche Verordnung hin einen Teil der Ostmark übernommen. Zu dessen Lebzeiten hätte es der polnische Herzog Mieszko nicht gewagt, „ein Haus, in dem er ihn wusste, im Pelz zu betreten oder sitzen zu bleiben, wenn er sich erhob“.

[...]


1 Althoff, Gerd: Otto III. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 1996, S. 22.

2 Laudage, Johannes: Otto der Große. Eine Biographie, Regensburg 2001, S. 236.

3 Vgl. Althoff, Gerd: Königsherrschaft und Konfliktbewältigung im 10. und 11. Jahrhundert, in: ders: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt, 1997, S. 21.

4 Vgl. Boshof, Egon: Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert (= Enzyklopädie deutscher Geschichte Bd. 27), München, 21997, S. 98.

5 Laudage, Otto der Große, S. 230.

6 Hillen, Christian: Rezension zu: Laudage, Johannes: Otto der Große. Eine Biographie, Regensburg 2001 , in: H- Soz-u-Kult, 10.07.2002, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/MA-2002-019.

7 Folgt dem Überblick bei: Boshof, Königtum und Königsherrschaft, S. 10-17.

8 Ruotger: Vita Brunonis, c. 15, S. 198.

9 Vgl. Boshof, Königtum und Königsherrschaft, S. 112.

10 Vgl. Althoff, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart, 2000, S. 237-38.

11 Widukind, res gestae Saxonicae, II, 31, S. 114.

12 Widukind, res gestae Saxonicae, III, 20, S. 142.

13 Ebd., III, 30, S. 144.

14 Vgl. Schieffer, Rudolf: Mediator Cleri et Plebis, in: Herrschaftsrepräsentation im ottonischen Sachsen, hg. von Gerd Althoff und Ernst Schubert (Vorträge und Forschungen 46), Sigmaringen 1998, S. 358-61.

15 Vgl. Boshof, Königtum und Königsherrschaft, S. 110.

16 Vgl. Althoff, Die Ottonen, S. 238.

17 „...Die coniuratio, d.h. die Zusammenschwörung, verbindet die Schwörenden als Schwurbrüder, sei es kurzfristig zur Durchsetzung eines gemeinsamen Ziels, sei es auf Dauer zu einem Schwurverband, der eigene Verbandsgewalt beansprucht und sich eigene Institutionen schafft...“. Ennen, Edith: coniuratio, in: LexMA, Bd. 3, München 1986, Sp. 135. ergänzend dazu: „...Die beschworene Einung der Conjuratio entzieht sich, da aus eigenem Recht entstanden, dem herrschaftlichen Rechtskreis; sie kann deshalb dazu dienen, die genossenschaftliche Ausübung des Widerstandsrechts gegenüber einem Herrn zu ermöglichen...“, Dilcher, Gerhard: conjuratio, in: HRG, Bd. 1, Berlin 1971, Sp. 631-632.

18 Althoff, Die Ottonen, S. 83: „Convivia, festliche Gelage, feierten mittelalterliche Gruppen [...], wenn sie ihren Bündnisschluss bekräftigen oder [...] erneuern und stärken wollten.“

19 Widukind, res gestae saxonicae, II,15, S. 100 und ebd., III, 9, S. 134; siehe auch Adalbert, Continuatio Reginonis, a. 952, S. 206.

20 Vgl. Althoff, Gerd: Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt, 2003, S. 22-23.

21 Vgl. ebd., Die Ottonen, S. 83.

22 Vgl. ebd., S. 231-33 und 239-41.

23 Flodoard von Reims, Annales, a. 944, S. 92f.

24 Widukind, res gestae saxonicae, III, 10, S. 134.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Otto der Grosse und seine Gegner - Modalitäten herrscherlichen Handelns im hohen Mittelalter
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Prof. Hehl: Reaktion - Emotion - Intention. Modalitäten herrscherlichen Handelns im hohen Mittelalter
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
35
Katalognummer
V61244
ISBN (eBook)
9783638547413
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die neuere mediävistische Forschung hat zunehmend herausgestellt, dass für das 10. Jahrhundert herrscherliches Handeln in den Quellen vor allem 'reagierend' und 'inszeniert' anmutet. Demnach musste sich der Herrscher zahlreichen Spielregeln unterwerfen. Die Arbeit untersucht diese These v.a. anhand der zahlreichen Konflikte in Ottos Regierungszeit. Daneben wird versucht, individuelle Momente und politische Konzepte Ottos zu identifizieren.
Schlagworte
Otto, Grosse, Gegner, Modalitäten, Handelns, Mittelalter, Prof, Hehl, Reaktion, Emotion, Intention, Modalitäten, Handelns, Mittelalter
Arbeit zitieren
Stefan Röttele (Autor), 2004, Otto der Grosse und seine Gegner - Modalitäten herrscherlichen Handelns im hohen Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61244

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