Nicht erst seit dem zweiten Scheitern der Übernahme der London Stock Exchange (LSE) durch die Deutsche Börse AG im März 20051 stellt sich die Frage nach der zukünftigen Struktur der europäischen Börsenlandschaft.. Die Konsolidierung ist zugleich die Suche nach optimaler Marktorganisation und Ausdruck der Konkurrenz zwischen den Börsen. Neben der dynamischen Entwicklung in Computer- und Kommunikationstechnik sehen wir seit Ende der achtziger Jahre eine anhaltende Liberalisierung und Deregulierung der internationalen Kapitalmärkte.2 Momentan gibt es einen Dreikampf der Deutsche Börse AG, der London Stock Exchange (LSE) und Euronext um die Führungsposition im europäischen Wertpapierhandel. Ist der Übernahmekampf um die LSE erst der Auftakt zu einer weit reichenden Konsolidierung?3 Diese Arbeit soll zuerst erläutern, was die konkreten Aufgaben von Börsen sind (2.1) und welcher fundamentale Konflikt zwischen ihnen entstehen kann (2.1.3). In Kapitel 2.2 soll gezeigt werden, welchen Zielen die Börse verpflichtet ist und welche Anspruchsgruppen diese Zielsetzungen einfordern. Anschließend behandelt Kapitel 2.3 den Wandel der Börse als Institution und zeigt, wie ihre neue Konkurrenz aussieht. Kapitel 3 betrachtet zuerst die momentan vorzufindende Wettbewerbssituation in Europa und geht im Folgenden darauf ein, welche Wettbewerbsvoraussetzungen europäische Börsen erfüllen müssen (3.2) und mit welchen Mitteln sie sich von der Konkurrenz differenzieren können (3.3). Kapitel 4 widmet sich dann den wichtigsten realisierten Fusionen und Kooperationen in Europa und zeigt dadurch an ihnen beispielhaft auf, wie die ersten konkreten Schritte der Börsenkonsolidierung in Europa aussehen.
In Kapitel 5 werden die maßgeblichen Ergebnisse nochmals herausgestellt und ein kritischer Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der europäischen Börsenlandschaft geworfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufgaben und Ziele von Börsen
2.1 Konkrete Aufgaben von Börsen
2.1.1 Liquidität
2.1.2 Effizienz
2.1.3 Markt oder Monopol
2.2 Ziele von Börsen
2.3 Die Börse als Institution
3. Die europäische Börsenlandschaft heute
3.1 Wettbewerb der Handelsplätze
3.2 Prüfkriterien der Wettbewerbsfähigkeit
3.3 Geschäftsmodelle
4. Überblick über die wichtigsten Fusionen und Kooperationen
4.1 Euronext
4.2 OMX Gruppe
4.3 NOREX Allianz
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Struktur und Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft vor dem Hintergrund eines zunehmenden Wettbewerbsdrucks und globaler Fusionsbestrebungen. Dabei wird analysiert, inwieweit die Suche nach Effizienz und Liquidität den traditionellen Börsenbetrieb transformiert und welche Rolle supranationale Kooperationen spielen.
- Grundlegende Aufgaben und Funktionen von Börsen
- Wettbewerbsdynamiken und Prüfkriterien für Börsenplätze
- Strukturwandel der Börsen von Vereinen hin zu profitorientierten Unternehmen
- Analyse realisierter Fusionen (Euronext) und Kooperationsmodelle (OMX, NOREX)
- Herausforderungen einer einheitlichen europäischen Börsenmarktordnung
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Markt oder Monopol
In dem Streben aller Börsen nach einer immer höheren Liquidität und Effizienz stellt sich die Frage, ob nicht ein fundamentaler Zielkonflikt zwischen sinkenden Kosten durch höhere Liquidität an wenigen Märkten und höherer Effizienz durch starken Wettbewerb an vielen Börsen besteht. Der Grund für das Streben nach supranationalen Allianzen oder sogar Börsenfusionen ist im wachsenden Reifegrad der Kapitalmärkte, charakterisiert durch schwindende Informationsvorsprünge, schrumpfende Margen, die Entwicklung moderner Anlagestrategien und eine Konzentration auf immer weniger hochprofessionelle und international agierende Marktteilnehmer zu sehen.
Aus der Sicht der Verringerung der Transaktionskosten ist die Bündelung der Liquidität an wenigen Märkten auf jeden Fall von Vorteil. Je weniger Börsen und Handelssysteme konkurrieren, desto größer ist die Liquidität an den verbleibenden Märkten. Die Wirkung einer Konsolidierung (durch Kooperation oder Fusion) auf die Effizienz ist jedoch ambivalent. Während einerseits die Effizienz durch die Verwendung einheitlicher Technologie und besserer Zugangsmöglichkeiten auf neue Märkte gesteigert werden kann, ist es zugleich möglich, dass die Effizienz der Börsenlandschaft insgesamt für die Händler, Emittenten und Volkswirtschaft sinkt. Der Grund hierfür ist im mangelhaften Wettbewerb zu suchen, der dazu führen könnte, dass sich die Handelskonditionen in einem Mono- oder Polypolfall im Zuge einer Gewinnmaximierung der Börsenträger verschlechtern. Ebenso ist es möglich, dass sowohl für die Emittenten als auch volkswirtschaftlich sinnvolle Emissionen kleinerer und mittlerer Unternehmen, aufgrund eines fehlenden Marktes (oder Marktsegmente), nicht zustande kommen. Deshalb wäre im Zuge der momentan stattfindenden Börsenkonsolidierung auf Ebene der Europäischen Union (EU) zuerst zu klären, wie der Zielzustand der Kapitalmärkte im einheitlichen Binnenmarkt auszusehen hat, anstatt dass nationale Aufsichtsbehörden (wie das britische Kartellamt) einzelne Übernahmen nur für sich betrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Konsolidierungswelle im Kontext des gescheiterten Übernahmeversuchs der LSE durch die Deutsche Börse AG.
2. Aufgaben und Ziele von Börsen: Dieses Kapitel erläutert die ökonomischen Kernfunktionen von Börsen, wie Liquiditätssicherung und Effizienz, und thematisiert den Wandel der Börsen als Institution.
3. Die europäische Börsenlandschaft heute: Hier wird die Fragmentierung der europäischen Märkte untersucht und erläutert, wie sich Börsen im Wettbewerb durch spezielle Geschäftsmodelle zu profilieren versuchen.
4. Überblick über die wichtigsten Fusionen und Kooperationen: Das Kapitel liefert eine konkrete Analyse erfolgreicher Integrationsmodelle in Europa, illustriert durch die Beispiele Euronext, OMX und NOREX.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer europäischen Aufsichtsharmonisierung zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Marktentwicklung.
Schlüsselwörter
Börsenkonsolidierung, Liquidität, Effizienz, Kapitalmarkt, Europäische Börsen, Deutsche Börse AG, London Stock Exchange, Euronext, OMX Gruppe, NOREX Allianz, Transaktionskosten, Finanzmarktregulierung, Wettbewerbsvorteile, Börsenträger, Marktorganisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konsolidierungsprozesse innerhalb der europäischen Börsenlandschaft, getrieben durch den Bedarf an gesteigerter Effizienz und Liquidität.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die ökonomischen Funktionen von Börsen, den Wettbewerb zwischen Handelsplätzen, die institutionelle Transformation der Börsenträger sowie spezifische Beispiele europäischer Fusionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Zielkonflikt zwischen Marktkonsolidierung (Monopolbildung) und Wettbewerb aufzuzeigen und die Notwendigkeit einer einheitlichen europäischen Börsenmarktordnung zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literatur- und Dokumentenanalyse aktueller Börsenentwicklungen und ökonomischer Standards bis zum Jahr 2005.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Betrachtung von Börsenfunktionen, die Analyse der europäischen Marktsituation und die detaillierte Darstellung von Integrationsbeispielen wie Euronext und OMX.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Börsenkonsolidierung, Marktliquidität, Effizienzsteigerung, Kapitalmarktintegration und supranationale Allianzen charakterisiert.
Warum sind Fusionen für Börsen attraktiv?
Fusionen versprechen die Bündelung von Liquidität, das Realisieren von Synergieeffekten und den Zugang zu neuen Marktpotenzialen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Welche Rolle spielt die EU in diesem Prozess?
Die EU wird als wichtige Instanz gesehen, um regulatorische Hemmnisse abzubauen und durch eine europäische Aufsichtsbehörde ein einheitliches Spielfeld für den Finanzverkehr zu schaffen.
Inwiefern beeinflussen technologische Entwicklungen die Börsenlandschaft?
Technologische Innovationen wie ECNs (Electronic Communication Networks) setzen etablierte Börsen unter Druck, da sie alternative und teils kostengünstigere Handelsmöglichkeiten bieten.
- Quote paper
- Christian Schiele (Author), 2005, Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61269