Die Tempelreinigung (Markus 11, 15-19) - Exegese


Quellenexegese, 2006

25 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorüberlegung und Textsicherung
1.1. Wirkungsgeschichtliche Reflexion
1.2. Abgrenzung der Perikope

2. Sprachlich-sachliche Analyse (synchron)
2.1. Textlinguistische Fragestellungen
2.2. Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien

3. Frage nach der Aussageabsicht
3.1. Formkritik
3.2. Pragmatische Analyse

4. Kontextuelle Analyse/das innovative Potential (diachron)
4.1. Traditionsgeschichte
4.2. Religionsgeschichtlicher Vergleich
4.3. Synoptischer Vergleich

5. Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts
5.1. Kompositionskritik
5.2. Redaktionskritik

6. Ergebnissicherung und Ausblick
6.1. Ergebnis, Fazit
6.2. Hermeneutischer Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Eidesstattliche Erklärung

1. Vorüberlegung und Textsicherung

1.1. Wirkungsgeschichtliche Reflexion

Die vorliegende Exegese über Jesu Tempelreinigung in Jerusalem erarbeite ich im Rahmen des Seminars Grundwissen Neues Testament. Der Text ist mir bereits aus meiner Jungscharzeit bekannt: Dort hatten wir Jesu wütende Reaktion auf die Händler im Tempel nachgespielt. Diese erste Begegnung mit dem Text führt mich jetzt wieder auf die Frage zurück, warum die Situation im Tempel so starke Emotionen in Jesus auslöst, da dies die einzige Bibelstelle im Neuen Testament ist, in der Jesus derartig aggressiv auftritt. Meine weiteren Fragen an den Text sind vor allem sozialgeschichtlicher Art: Welche Rolle spielen die „Geldwechsler“, wieso werden diese von den eigentlichen Tempelvorstehern - den Priestern und Gesetzeslehrern – geduldet, welche Rolle spielt der Tempel zu dieser Zeit in Jerusalem überhaupt? Und was bedeutet es letztlich theologisch, dass Jesus sich berechtigt sieht, den Tempel zu reinigen?

Alle Auslegungen sind sich darüber einig, dass Jesus den Tempel zweimal gereinigt hat und sein Handeln gegen den unwürdigen Gebrauch des Tempels gerichtet war.[1]

Die älteren Markusinterpreten vertreten die Meinung, dass diese Tempelreinigung gegen den alttestamentlichen Tempelkult gerichtet war; dass Jesu „Aktion letztlich auf Abschaffung des Kultes hätte gerichtet sein können“ steht man aber eher „ängstlich“ gegenüber.[2] Die Tempelreinigung als moralische Erziehungsmaßnahme zu sehen, der Tempelbesucher soll sich benehmen, wenn er den Tempel betritt, ist nicht lange argumentativ aufrecht zu erhalten, da dies eine sehr oberflächliche Betrachtung der Perikope gleich käme. Interessanter erscheint die zelotische Interpretation: In der Perikope ist Jesu gewaltsame Besetzung des Tempels festgehalten. Dies rückt das Ereignis ins Licht der Zerstörung des kapitalistischen Wesens der Tempelbank und der zelotischen Revolte gegen die Schuldverschreibungen der Geldwechsler 66 n.Chr.

1.2. Abgrenzung der Perikope

Die Perikope lässt sich durch mehrere Faktoren begründen: Zum einen durch die geographische Bewegung nach Jerusalem und wieder aus der Stadt hinaus. Zum anderen durch das Tagesschema: Vers 19 beginnt mit „Und als es Abend wurde […]“ und Vers 20 beginnt mit „Am nächsten Morgen […]“[3].

Den Rahmen für die Tempelreinigung bildet das Gleichnis vom Feigenbaum.

2. Sprachlich-sachliche Analyse (synchron)

Ein Vergleich zwischen den drei gängigen deutschen Bibel-übersetzungen und der Züricher Übersetzung zeigt Unterschiede in der Wortwahl, welche Auswirkungen auf das Verständnis haben. Mit Ausnahme der Elberfelder beginnen die anderen Übersetzungen im Imperfekt. Die Luther Bibel und die Einheitsübersetzung beziehen sich explizit auf die Verkäufer und Käufer und nennen diese als Personengruppen, während die Züricher und die Elberfelder dies umformulieren. Auffällig ist, dass alle vier die Geldwechsler und Taubenhändler erwähnen und gleich übersetzen, was deren Bedeutung unterstreicht. Eine auffällige Abweichung gibt es bei der Aussage, was Jesus verbietet durch den Tempel zutragen. In der Einheitsübersetzung spielt dies keine große Rolle. Da wird verboten „irgendetwas“ durch den Tempel zu tragen. Die Lutherausgabe verbietet jegliches Tragen von Gegenständen. Die Elberfelder und die Züricher konkretisieren an dieser Stelle: Ein „Gefäß“, beziehungsweise ein „Gerät“ darf nicht durch den Tempel getragen werden. Übereinstimmungen finden sich bei der Übersetzung des „Bethauses“ und der „Räuberhöhle“. Die Lutherbibel, Elberfelder und Einheitsübersetzung benutzen alle das Verb „umbringen“, während die Züricher auf die Umschreibung „ins Verderben bringen“ zurückgreift. Die Reaktion ist je nach Übersetzung ebenfalls unterschiedlich: Die Leute „wunderten sich“, „gerieten außer sich“, waren „erstaunt“ oder „beeindruckt“.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1. Textlinguistische Fragestellungen

Im Text selbst lässt sich ein klar strukturierter Spannungsbogen, der ähnlich wie ein klassisches Drama gegliedert ist, erkennen. Vers 15 übernimmt im Imperfekt die Einführung, in dem er neutral den Ort der Handlung bekannt gibt. Im folgenden Vers findet ein abrupter Handlungsanstieg statt: Jesu wütender Auftritt im Tempel. In Vers 17 folgt dann die Peripetie in direkter Rede: Jesus zitiert aus der Heiligen Schrift. In Vers 18 erfolgt anschließend der retardierende Moment; die Handlung verlangsamt sich, um die Spannung zu steigern. Die Reaktion der Priester antizipiert an dieser Stelle die nachfolgenden, schrecklichen Ereignisse um Jesus. Der letzte Vers der Perikope ist so offen und neutral gestaltet, wie der erste. Die antizipierten Ereignisse lassen auf sich warten.

In der Perikope lassen sich vier semantische Felder identifizieren: Als erstes sei das Feld Geldwirtschaft/Handel genannt. Dazu gehören die Wörter Händler, Käufer, Geldwechsler, Taubenverkäufer. Des Weiteren lassen sich viele Affekte in der Bibelstelle feststellen. Dazu gehört die Wut, die Jesus empfindet, wenn er den Tempel als geschändet empfindet, den Zorn der Priester und das Erstauen des Volkes. Jesu aktives Handeln zeigt sich an den Verben: kommen, hineingehen, anfangen hinaus zu treiben, umstoßen, lehren und gehen sein an dieser Stelle in ihrer Infinitivform genannt. Auffallend ist auch die immer wieder auftretende Antithetik in der Perikope die zum einen besteht sie zwischen „Bethaus“ und „Räuberhöhle“ und zu anderen zwischen den Akteuren, da zunächst Jesus gegen die Priester vorgeht und anschließend diese gegen ihn.

In der Perikope selbst findet sich eine narrative Grundstruktur. In der Züricher Übersetzung wird jeder Vers mit „und“ eingeleitet, was anzeigt, dass etwas Neues beginnt.

Die Verse 15 und 16 sind im Imperfekt geschrieben wohingegen Vers 17 in direkter Rede und somit im Präsens gehalten ist. Im Zitat in der direkten Rede wird das Futur verwendet. Die anschließenden Verse 18 und 19 kehren wieder ins Imperfekt zurück.

Jesu Handlungen werden am Anfang nicht ausführlich beschrieben. Dazu steht im Gegensatz die Beschreibung der Reaktion der Priester und Gesetzeslehrer. Hier wird am Schluss genau beschrieben, welche Pläne sie aufgrund der Vorkommnisse haben, warum sie diese schmieden (Furcht vor Jesu Einfluss) und woher diese Mordgelüste kamen (tiefer Eindruck Jesu beim Volk). Der Fokus und Schwerpunkt liegen somit auf Vers 18.

Der Text kann aufgrund seiner semantisch klar zu erkennenden Felder, der Erzählstruktur (Tempus) und der Abwesenheit von Nahtstellen bezeichnet werden als kohärent bezeichnet werden.[5]

2.2. Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien

Um das weitere Verständnis des Textes zu klären und lebens-weltliche Problemstellungen offen zu legen, werden im Folgenden zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt.

Die Aufgabe der Geldwechsler bestand im Wechsel der mitgebrachten Währungen der Pilger in die althebräische Halbschenkelmünze, in der die Tempelsteuer zu entrichten war. Der Handel fand nicht das ganze Jahr über statt, sondern nur in den Wochen vor der Festzeit. Der Gewinn aus dem konzessionierten Handel ging der priesterlichen Familie zu. Mit seiner Handlung gegen den Tempelkult hat Jesus somit nicht nur den Geldwechslern und Verkäufern ihren Geschäftsgewinn verhindert, sondern auch die Priesterfamilien um diesen gebracht und zusätzlich die Pilger am opfern und somit an der Erfüllung ihrer Pflichten gehindert.[6] Diese bestanden aus der Opferung von Opfertieren, welche in Ställen unter dem Tempel gehalten wurden, um deren Unversehrtheit zu garantieren und dem Reinheitsgebot nach zukommen. Die Tauben repräsentieren ein den Armen erlaubtes Ersatzopfer zu den teureren Tierarten. Die Nachfrage nach Tauben als Brandopfer muss entsprechend groß gewesen sein, da eine Nennung von einem „Verwalter der Vogelopfer“ in der mSheq 5,1[7] sowie auch „Taubenverkäufer“ in Mk 11,15 erfolgt. Die Grundfunktionen des Opferkultes waren das Erfreuen und Besänftigen der Götter, die Erfahrung ihrer Gegenwart und der Dank an sie. Zusätzlich hatte das Darbringen der Opfer eine sozialkommunikative und integrative Funktion.[8]

[...]


[1] Vergleiche: GNILKA, Joachim, Das Evangelium nach Markus, in: J. Blank/ R. Schnakenburg (hrsg.), Evangelisch- Katholischer Kommentar zum Neuen Testament. Köln u.a. 1979. S.131.

[2] GNILKA, Das Evangelium nach Markus. 1979. S.131.

[3] Die Bibel. Züricher Übersetzung. Zürich. 1942.

[4] Vergleiche: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in revidierter Fassung von 1984. Stuttgart. 1999. Die Bibel. Züricher Übersetzung. Zürich. 1942. Elberfelder. Brockhausverlag Wuppertal. 19996. Einheitsübersetzung. Pattloch Verlag.1992.

[5] Die Bibel. Züricher Übersetzung. Zürich. 1942.

[6] Vergleiche: GRUNDMANN, Walter, Das Evangelium nach Markus. Berlin 1977. S.308ff.

[7] Vergleiche: ADNA, Jostein, Jerusalemer Tempel und Tempelmarkt im 1. Jhr. nach Christus, in: Siegfried Mittmann/Dieter Vierweger, Abhandlungen des Deutschen Palestina Vereins. Band 25. Wiesbaden 1999. S131.

[8] Vergleiche: RÖHSER, Günter: „Tempel und Opferkult in der antiken Welt“. In Kurt Erlemann u.a. (Hrsg.): Neues Testament und Antike Kultur. Band 3: Weltauffassung – Kult – Ethos . Neukirchener. Neukirchen- Vlyn 2005. S.181f. und 187f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Tempelreinigung (Markus 11, 15-19) - Exegese
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Grundwissen Neues Testament
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V61350
ISBN (eBook)
9783638548243
ISBN (Buch)
9783638668019
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tempelreinigung, Exegese, Grundwissen, Neues, Testament
Arbeit zitieren
Nicole Hahn (Autor), 2006, Die Tempelreinigung (Markus 11, 15-19) - Exegese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61350

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