Die vorliegende Exegese über Jesu Tempelreinigung in Jerusalem erarbeite ich im Rahmen des Seminars Grundwissen Neues Testament. Der Text ist mir bereits aus meiner Jungscharzeit bekannt: Dort hatten wir Jesu wütende Reaktion auf die Händler im Tempel nachgespielt. Diese erste Begegnung mit dem Text führt mich jetzt wieder auf die Frage zurück, warum die Situation im Tempel so starke Emotionen in Jesus auslöst, da dies die einzige Bibelstelle im Neuen Testament ist, in der Jesus derartig aggressiv auftritt. Meine weiteren Fragen an den Text sind vor allem sozialgeschichtlicher Art: Welche Rolle spielen die „Geldwechsler“, wieso werden diese von den eigentlichen Tempelvorstehern - den Priestern und Gesetzeslehrern – geduldet, welche Rolle spielt der Tempel zu dieser Zeit in Jerusalem überhaupt? Und was bedeutet es letztlich theologisch, dass Jesus sich berechtigt sieht, den Tempel zu reinigen?
Alle Auslegungen sind sich darüber einig, dass Jesus den Tempel zweimal gereinigt hat und sein Handeln gegen den unwürdigen Gebrauch des Tempels gerichtet war.1 Die älteren Markusinterpreten vertreten die Meinung, dass diese Tempelreinigung gegen den alttestamentlichen Tempelkult gerichtet war; dass Jesu „Aktion letztlich auf Abschaffung des Kultes hätte gerichtet sein können“ steht man aber eher „ängstlich“ gegenüber.2 Die Tempelreinigung als moralische Erziehungsmaßnahme zu sehen, der Tempelbesucher soll sich benehmen, wenn er den Tempel betritt, ist nicht lange argumentativ aufrecht zu erhalten, da dies eine sehr oberflächliche Betrachtung der Perikope gleich käme. Interessanter erscheint die zelotische Interpretation: In der Perikope ist Jesu gewaltsame Besetzung des Tempels festgehalten. Dies rückt das Ereignis ins Licht der Zerstörung des kapitalistischen Wesens der Tempelbank und der zelotischen Revolte gegen die Schuldverschreibungen der Geldwechsler 66 n.Chr.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorüberlegung und Textsicherung
1.1. Wirkungsgeschichtliche Reflexion
1.2. Abgrenzung der Perikope
2. Sprachlich-sachliche Analyse (synchron)
2.1. Textlinguistische Fragestellungen
2.2. Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien
3. Frage nach der Aussageabsicht
3.1. Formkritik
3.2. Pragmatische Analyse
4. Kontextuelle Analyse/das innovative Potential (diachron)
4.1. Traditionsgeschichte
4.2. Religionsgeschichtlicher Vergleich
4.3. Synoptischer Vergleich
5. Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts
5.1. Kompositionskritik
5.2. Redaktionskritik
6. Ergebnissicherung und Ausblick
6.1. Ergebnis, Fazit
6.2. Hermeneutischer Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Perikope der Tempelreinigung (Mk 11, 15-19) exegtisch zu analysieren, um sowohl die historische Bedeutung als auch die theologische Aussageabsicht des Markusevangeliums zu ergründen. Die Forschungsfrage untersucht dabei, warum Jesus diese aggressive Aktion vollzog, welche sozioökonomischen Hintergründe den Tempelbetrieb prägten und wie sich dieser Text in das Gesamtkonzept der markinischen Passionserzählung einfügt.
- Wirkungsgeschichtliche und sozialhistorische Einordnung des Tempelbetriebs.
- Textlinguistische und formkritische Analyse der markinischen Erzählstruktur.
- Traditionsgeschichtlicher Vergleich mit alttestamentlichen Prätexten.
- Synoptischer Vergleich zur differenzierten Betrachtung der Evangelien.
- Theologische Einordnung der Tempelreinigung als Einleitung der Passion.
Auszug aus dem Buch
1.1. Wirkungsgeschichtliche Reflexion
Die vorliegende Exegese über Jesu Tempelreinigung in Jerusalem erarbeite ich im Rahmen des Seminars Grundwissen Neues Testament. Der Text ist mir bereits aus meiner Jungscharzeit bekannt: Dort hatten wir Jesu wütende Reaktion auf die Händler im Tempel nachgespielt. Diese erste Begegnung mit dem Text führt mich jetzt wieder auf die Frage zurück, warum die Situation im Tempel so starke Emotionen in Jesus auslöst, da dies die einzige Bibelstelle im Neuen Testament ist, in der Jesus derartig aggressiv auftritt. Meine weiteren Fragen an den Text sind vor allem sozialgeschichtlicher Art: Welche Rolle spielen die „Geldwechsler“, wieso werden diese von den eigentlichen Tempelvorstehern - den Priestern und Gesetzeslehrern – geduldet, welche Rolle spielt der Tempel zu dieser Zeit in Jerusalem überhaupt? Und was bedeutet es letztlich theologisch, dass Jesus sich berechtigt sieht, den Tempel zu reinigen?
Alle Auslegungen sind sich darüber einig, dass Jesus den Tempel zweimal gereinigt hat und sein Handeln gegen den unwürdigen Gebrauch des Tempels gerichtet war. Die älteren Markusinterpreten vertreten die Meinung, dass diese Tempelreinigung gegen den alttestamentlichen Tempelkult gerichtet war; dass Jesu „Aktion letztlich auf Abschaffung des Kultes hätte gerichtet sein können“ steht man aber eher „ängstlich“ gegenüber. Die Tempelreinigung als moralische Erziehungsmaßnahme zu sehen, der Tempelbesucher soll sich benehmen, wenn er den Tempel betritt, ist nicht lange argumentativ aufrecht zu erhalten, da dies eine sehr oberflächliche Betrachtung der Perikope gleich käme.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorüberlegung und Textsicherung: Einführung in die eigene Motivation und erste kritische Auseinandersetzung mit der Perikope sowie deren Abgrenzung.
2. Sprachlich-sachliche Analyse (synchron): Untersuchung der Wortwahl in verschiedenen Bibelübersetzungen sowie eine textlinguistische Analyse der narrativen Struktur und sozioökonomischer Realien.
3. Frage nach der Aussageabsicht: Untersuchung der formkritischen Gestaltung und der expressiven Funktion der Erzählung im Hinblick auf den Kontext der Tempelreinigung.
4. Kontextuelle Analyse/das innovative Potential (diachron): Traditionsgeschichtliche Rückbindung an alttestamentliche Texte sowie ein synoptischer Vergleich zwischen den Evangelien.
5. Der Text als Teil eines theologischen Gesamtkonzepts: Einordnung der Perikope in den markinischen Kontext durch Kompositions- und Redaktionskritik.
6. Ergebnissicherung und Ausblick: Zusammenfassendes Fazit zur Bedeutung des Textes und ein hermeneutischer Ausblick auf die heutige Rezeption.
Schlüsselwörter
Tempelreinigung, Markusevangelium, Exegese, Tempelkult, Räuberhöhle, Bethaus, Jesu Handeln, Sozialgeschichte, Traditionsgeschichte, synoptischer Vergleich, Kompositionskritik, Redaktionskritik, Messiasgeheimnis, Passion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einer exegetischen Untersuchung der Tempelreinigung nach Markus 11, 15-19.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung des Tempelmarktes, die Analyse der markinischen Erzählkunst und die theologische Bedeutung des Ereignisses als Einleitung zur Passion.
Was ist das primäre Ziel dieser Untersuchung?
Ziel ist es, die aggressive Reaktion Jesu historisch und theologisch zu begründen und den Text in den Kontext des markinischen Gesamtkonzepts einzuordnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es kommen unter anderem die textlinguistische Analyse, die Form-, Redaktions- und Kompositionskritik sowie die traditionsgeschichtliche Methode zum Einsatz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine synchrone sprachliche Analyse, eine diachrone kontextuelle Untersuchung und eine tiefgehende redaktionskritische Deutung.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit geprägt?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Tempelreinigung“, „Markusevangelium“, „Räuberhöhle“ und „Messiasgeheimnis“ charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Tempelmarkt in der Argumentation der Autorin?
Der Tempelmarkt wird als sozioökonomische Struktur verstanden, die Jesus als Fehlentwicklung kritisiert, um den Kult auf das Gebet zu fokussieren.
Warum wird im Fazit ein „dritter Tempel“ erwähnt?
Damit ist die Gemeinde bzw. der Leib der Gläubigen gemeint, da nach der Tempelreinigung die Gegenwart Gottes nicht mehr an das Gebäude, sondern an den Auferstandenen und seine Nachfolger gebunden ist.
- Quote paper
- Nicole Hahn (Author), 2006, Die Tempelreinigung (Markus 11, 15-19) - Exegese, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61350