Stanislaw Lem: Die Phantomologie


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Grundlagen der Phantomologie

III. Periphere und Zentrale Phantomatik

IV. Weiterführende Techniken und Verfahren zur Erzeugung von künstlichen Realitäten

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Wenn Kapitän Jean-Luc Picard und seine Crew zur Entspannung oder zur Übung bestimmter Situationen sich auf das „Holodeck“ des Raumschiffes Enterprise begeben, so begeben sie sich in eine fast perfekt phantomatisierte Welt. Dieses „Holodeck“ würde von Stanislaw Lem wohl als äußerst komplexe phantomatische Maschine mit einer ebenso hohen phantomatischen Potenz empfunden werden. Denn das was Kapitän Kirk und seine Crew auf dem „Holodeck“ sehen, spüren, riechen und erleben ist nur eine von einem Computer generierte künstliche Welt. Eine Welt, die den „Gesetzen“ der Phantomologie unterliegt. Phantomologie ist ein von Stanislaw Lem entworfener Begriff für einen Themenbereich, der uns heute wohl eher als „Virtuelle Realität“ oder „Cyberspace“ bekannt ist. Lem entwickelte seine Thesen zu diesem Thema bereits in seiner erstmals 1964 erschienenen Abhandlung „Summa technologiae“[1]. Im Wesentlichen ordnet Lem die verschiedenen Möglichkeiten zur Erzeugung künstlicher Realitäten unter dem Begriff der Phantomatik ein. Die Phantomatik ist eine Technik, die Phantomologie hingegen eine Disziplin, die der Erforschung aller Konsequenzen, die sich aus der Anwendung eben jener Technik ergeben, gewidmet ist.[2]

In der folgenden Arbeit sollen zu Beginn die Grundlagen der Phantomologie sowie die verschiedenen Grade der Phantomatisierung und ihre technische Umsetzung durch eine phantomatische Maschine angeführt werden. Die entscheidende Qualität dieser phantomatischen Maschine liegt darin, dass zwischen der künstlichen Realität und ihrem Empfänger wechselseitige Verbindungen geschaffen werden. Die Interaktion zwischen Subjekt und virtueller Realität ist also das entscheidende Kriterium.

Anschließend wird die Unterscheidung zwischen den zwei grundsätzlichen Varianten der Phantomatik, der zentralen Phantomatik und der peripheren Phantomatik, eingeführt. Im Weiteren sollen in diesem Kapitel die Grenzen der Phantomatik untersucht werden.

Zum Abschluss dieser Arbeit wird auf weitere von Lem entwickelte Techniken und Verfahren zur Erzeugung von künstlicher Realität eingegangen. In diesem Kapitel werden hauptsächlich die so von Lem getauften Verfahren der Cerebromatik, Teletaxie und Phantoplikation betrachtet.

II. Grundlagen der Phantomologie

Die Grundfrage, welche Stanislaw Lem sowohl in seiner „summa technologiae“ als auch in seinen anderen Werken wie etwa der Erzählung „ Die Wonnen der Psychemie“[3] beschäftigt, ist die Frage nach der Erzeugung von Realitäten, welche, für die „in ihnen verweilenden vernünftigen Wesen in keiner Weise von der normalen Realität unterscheidbar sind, doch anderen Gesetzen unterliegen als diese?“[4] Diese Frage betrifft das Erzeugen von Welten.

Lem beginnt seine Ausführungen mit einer weniger anspruchsvollen Frage, die nach seinem Verständnis als eine Art Einführung in die oben gestellte Aufgabe ist. Hier handelt es sich um die Frage nach der Erzeugung von Illusionen.

Hierzu bringt Lem folgendes Beispiel. Ein Mensch sitzt auf einer Veranda und beobachtet den Garten vor sich und riecht an einer Rose, die er in seiner Hand hält. Nun will Lem die Serien von Impulsen, welche durch sämtlichen Nervenbahnen des Menschen laufen, festhalten. Er schlägt hier eine Aufzeichnung auf eine Art Magnetophonband vor. Um sämtliche Veränderungen festhalten zu können, welche in den sensorischen Nerven, sprich der peripheren und der inneren Wahrnehmung, sowie jene in den Hirnnerven[5] auftretenden, müssen mehrere hunderttausend Aufzeichnungen auf einmal gemacht werden. Nachdem die Signale gespeichert worden sind, wird der Mensch in völlige Isolation versetzt. Lem schlägt hier einen dunklen Raum mit einer Wanne mit lauwarmem Wasser vor. Anschließend werden an die Augäpfel, in die Ohren, an die Haut usw. des Menschen in „geeigneter Weise“[6] Elektroden angesetzt. Sämtliche Nerven des Menschen werden mit dem Magnetophonband verbunden und mit den zuvor aufgezeichneten Impulsen gespeist. Die Schwierigkeit dieses Verfahrens hängt davon ab, welche Bedeutung die topografische Lokalisation der Reize innerhalb des Nervensystems hat.

Das „Aufzeichnen“ aller sensorischen Impulse, welche durch Tast-, Geruchs-, Gehör-, und Sehnerven an das Gehirn geleitet werden und das „Abspielen“ aller aufgezeichneten sensorischen Impulse soll zur Erzeugung einer virtuellen Welt führen. Für die technische Umsetzung beschreibt Lem ein Beispiel, bei dem für die Aufzeichnung und Abspielen der Impulse des Sehnervs eine Brille – bei Lem als Gegenauge bezeichnet – benutzt wird. Dieses Gegenauge ist sowohl für die Aufzeichnung als auch für die Wiedergabe der Impulse zuständig.

Das Problem bei dieser Methode ist jedoch, dass die Impulse, welche in die Nerven eingeführt werden, fixiert und unveränderlich sind. Dies könnte zur Divergenz zwischen gegenwärtigen motorischen Aktivitäten und aufgezeichneten sensorischen Aktivitäten führen, da die Erlebnisse sich in wahrgenommene und tatsächliche Aktivität aufspalten würden. Da der Phantomatisierer keinen Einfluss darauf haben kann, was im Inneren des Kopfes oder des Ohres, als Gleichgewichtsorgan, passiert und die neuronalen Impulse des Gleichgewichtsorgans auf die Gesamtheit des Allgemeinbefindens bei verschiedenen Menschen unterschiedlich auswirkt. So stellte sich auch im Verlauf späterer phantomatischer Experimente heraus, dass es bei manchen phantomatisierten Menschen während der Durchführung von virtuellen Situationen eines gewissen Typs zu unangenehmen Symptomen der Reisekrankheit kam. Ausgelöst wurden diese Symptome, da die Reize, welche aus dem die Sinne des Menschen steuernden Programm fließen, mit den Reizen kollidieren, die aus dem Gleichgewichtsorgan kommen.[7]

Die Ursache dieses Problems liegt in der einseitigen Informationsübertragung des angeführten Beispiels. Der so in eine virtuelle Welt versetzte Mensch ist nur Empfänger nicht aber auch Sender von Informationen. So beschreibt das vorangegangene Beispiel nach Lem auch keinen Bereich der Phantomatik.

Die von Lem vorgeschlagene Lösung, des zuvor beschriebenen Divergenz-Problems, sieht die Schaffung von wechselseitigen Verbindungen zwischen „künstlicher Realität“ und Empfänger vor. Stanislaw Lem bezeichnet dies als die „Kunst der Rückkoppelung“, ist diese gegeben, kann nach Lem auch von Phantomatik gesprochen werden. Eine weitere Vorraussetzung um von Phantomatik zu sprechen ist, dass es aus der generierten fiktiven Welt keine „Ausgänge“ in die reale Welt geben darf. Es darf dem Phantomatisierten nicht möglich sein, den Handlungsbereich selbstständig zu verlassen.[8]

Daraus ergeben sich für Lem die folgenden Fragen. Mit welchen Mitteln lässt sich eine solche Situation der phantomatisierten Welt realisieren und wie kann der Phantomatisierte sich in dieser Situation davon überzeugen, dass seine Erlebnisse lediglich Täuschungen sind? Und ist es überhaupt möglich, in einer vollkommen phantomatisierten Welt sich der Täuschung bewusst zu werden?

Die Situation einer phantomatisierten Welt will Lem anhand einer phantomatischen Maschine realisieren. Diese wird mit dem Gehirn eines Menschen verkoppelt und schickt eine bestimmte Folge von Duft-, Tast- und Lichtreizen aus. Die vom Gehirn wiederum erzeugten Reize auf die zugeführten Impulse muss die Maschine „im Bruchteil einer Sekunde an ihre Subsysteme weiterleiten, in denen es aufgrund der Korrekturwirkung der Rückkoppelungen und aufgrund der Organisation von Reizströmen durch entsprechend projektierte, sich selbst organisierende Systeme“[9] zu „passenden“ Reaktionen kommt. Die Maschine so zu programmieren, dass sie alle möglichen Aktionen des Phantomatisierten voraussieht, ist nach Lem unmöglich.[10] Die hauptsächliche Wirkung der Phantomatik als „Kunst der Rückkoppelung“ beruht darauf, den ehemals passiven Betrachter zum aktiven Teilnehmer zu machen. Das Programm der phantomatischen Maschinen bildet lediglich den Rahmen für das jeweilige Thema. Durch entsprechendes Verhalten des Phantomatisierten werden aus dem „Gedächtnisspeicher“ der Maschine die jeweils nötigen Fakten plastisch vermittelt. Des Weiteren müssen auch die Gesetze der Schwerkraft, der Optik usw. genau reproduziert werden. Zusätzlich zu den strikt deterministischen Zusammenhängen von Ursache und Wirkung muss die generierte Welt auch Prozessabläufe enthalten, welche eine relative Handlungsfreiheit erlauben, also „eine Unabhängigkeit des Redens und Handelns von Worten und Taten“ des Phantomatisierten.[11] Daraus ergibt sich, dass „Miss Universum leichter zu imitieren als Einstein ist“[12]. Der unmittelbaren Kontrolle der Maschine unterliegen jedoch lediglich die Fakten, welche ins Gehirn gelangen, nicht die im Gehirn ablaufenden Prozesse. Quantität und Qualität der zum Menschen gelangenden Informationen sind von der phantomatischen Maschine abhängig, außer diesen Informationen erreichen das Gehirn keine Informationen von außen. Die Maschine ist zwar alleinige Quelle von Informationen über die Außenwelt, aber nicht über die Informationen über den Zustand des Organismus selbst. Durch sie werden nur die neuralen Mechanismen des Körpers kontrolliert, nicht jedoch die im Körper ablaufenden biochemischen Vorgänge. Dieses Manko an der von Lem bisher beschriebenen phantomatischen Maschine ließe sich in der virtuellen Welt leicht durch z.B. das Treiben von Sport entlarven. Wenn der Körper keine Ermüdungserscheinungen zeigen würde, wäre dies ein Zeichen dafür, sich in der künstlichen Welt zu befinden. Aber auch diese biochemisch-physiologischen Probleme sind nur eine Frage der technischen Perfektionierung der Maschine. Nach Lem ist auch die Reizung von Nervenendungen oder die Erhöhung des Kohlendioxydgehalts der Luft durch eine perfektere phantomatische Maschine kein Problem.

Als weitere Möglichkeit die phantomatisierte Welt zu enttarnen schlägt Lem den „Geheimnis-Trick“ vor. Dieser lässt sich am besten mit dem auch von Lem benutzten Beispiel aufzeigen. Nach Lem können wir davon ausgehen, dass jeder Mensch seine Geheimnisse hat. Diese können von der Maschine nicht erfahren werden. So weiß, im folgenden Beispiel außer mir selbst, keiner von der klemmenden Schublade in meinem Schreibtisch (Lem ist der Meinung, dass eine klemmende Schublade es sehr viel wahrscheinlicher macht, sich in der realen Welt zu befinden). Um nun zu erfahren ob ich mich in der virtuellen oder realen Welt befinde, begebe ich mich zu meiner Schublade und stelle fest, dass sie nicht mehr klemmt. Aus diesem Grund vermute ich, dass ich mich in einer „Vision“ befinde, und erkläre nun meinem Partner vor dem Hintergrund des Schubladengeheimnisses, dass es sich bei unserer Umgebung nur um eine Täuschung handelt. Aber zu meinem Erstaunen erklärt mein Partner, dass er in den Stunden zuvor einen Schreiner bestellt hatte, welcher die Schublade repariert hat. Das Ergebnis ist, dass ich immer noch nicht hundertprozentig weiß, in welcher Welt ich mich befinde. „Entweder ist es die wirkliche Welt, oder die Maschine hat durch ein geschicktes Manöver meinen Zug pariert.“[13] An dieser Stelle finde ich das von Lem angebrachte Beispiel unlogisch und aus zwei Gründen nicht besonders überzeugend. Erstens, wenn nur ich von der klemmenden Schublade weiß (dies ist ja die Voraussetzung für den Geheimnis-Trick), wieso weiß auch mein Partner von ihr und bestellt den Schreiner? Zweitens, wenn ich feststellen sollte, dass die Welt in der ich mich gerade befinde nur eine Täuschung ist, käme ich sicher nicht auf die Idee, meinem virtuellen Partner von meiner Enttarnung der Vision zu erzählen, denn auch dieser Partner ist ja nur künstlich generiert – also nicht real – und mir sollte bewusst sein, dass ich somit Informationen an die Maschine gebe, die es ihr erst ermöglichen meinen Zug zu parieren. Lem führt zwar an, dass auch in der Wirklichkeit Partner manchmal den Schreiner bestellen, aber dass dieser dann zufällig den Defekt meiner Schublade feststellt (denn außer mir weiß ja niemand von diesem Defekt, und in der Wirklichkeit kommt es nicht vor, dass ein warum auch immer bestellter Schreiner alle Schubladen, Scharniere und Türen kontrolliert)[14] halte ich für sehr konstruiert. Doch Lem erkennt zumindest, das „die prinzipielle Schwäche jeglicher Bemühungen um die Aufdeckung des tatsächlichen Sachverhalts darin besteht, dass jemand, der gegen die Welt in der er lebt, den Verdacht der Nichtauthentizität hegt, auf sich allein gestellt handeln muss.“[15]

[...]


[1] Lem, Stanislaw: Summa technologiae. 1. Aufl., Frankfurt/Main 1981.

[2] Lem, Stanislaw: Phantastik und Futurologie I. Teil (Phantastische Bibliothek, Bd. 122) 1. Aufl., Frankfurt/Main 1984, S. 183.

[3] Lem; Stanislaw: Die Wonnen der Psychemie, in: Die Entdeckung der Virtualität. 1. Aufl., Frankfurt/Main 1996, S. 112-151.

[4] Lem: Summa technologiae. S. 321.

[5] d.h. die Signale, die von den Tastkörperchen der Haut und den Propriozeptoren der Muskeln sowie von den Sinnesorganen des Geschmacks, des Geruchs, des Gehörs, des Sehens und des Gleichgewichts kommen. Lem: Summa technologiae. S. 322.

[6] Lem: Summa technologiae. S. 322.

[7] Lem, Stanislaw: Probleme mit der Phantomatik. Noch ist die Virtuelle Realität nicht wirklich immersiv. Vom 01.06.1998. www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2363/1.html . Stand:20.09.2005

[8] Lem: Summa technologiae. S. 328

[9] Lem: Summa technologiae. S. 329

[10] Lem: Summa technologiae. S. 330

[11] Lem: Summa technologiae. S. 331

[12] Lem: Summa technologiae. S. 331 - wobei Lem hier die Möglichkeit außer Acht lässt, das auch eine „Miss“ z.B. eine Professur für Physik besitzten kann.

[13] Lem: Summa technologiae. S. 338

[14] zumindest ist mir solch ein motiviertes Berufsverständnis bei deutschen Handwerkern noch nicht begegnet. d. Autor (selber ausgebildeter Handwerker)

[15] Lem: Summa technologiae. S. 338

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Stanislaw Lem: Die Phantomologie
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Philosophie der Technik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V61362
ISBN (eBook)
9783638548342
ISBN (Buch)
9783640386192
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Entwicklung der Virtuellen Realität durch Stanislaw Lem.
Schlagworte
Stanislaw, Phantomologie, Philosophie, Technik
Arbeit zitieren
M.A. Markus Skuballa (Autor), 2005, Stanislaw Lem: Die Phantomologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61362

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