Mit Uli Hoeness, dem Manager des F.C. Bayern München, fiel 1999 erstmals die Wahl als „Unternehmer des Jahres“ auf einen Exponenten aus der Welt des Sports. Dass diese Ehrung nicht nur in der Fußballwelt, sondern in der gesamten Sportwelt positiv aufgenommen wurde, ist bezeichnend für die Stellung des Fußballs am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die heute in der Öffentlichkeit als selbstverständlich wahrgenommne Verbindung zwischen Fußball und Wirtschaft beruht auf einer über ein Jahrhundert andauernden Entwicklung der Professionalisierung und Kommerzialisierung im Fußball. Die Entwicklung dieser Verbindung war gekennzeichnet durch gegenseitige Einflussnahme, aber auch durch Ablehnung dieser Verbindung durch Vertreter des Fußballs. Der aus dem Amateurfußball entstandene Berufsfußball stieß lange Zeit auf Ablehnung vor allem in den bürgerlichen Schichten. Besonders der deutsche Fußball war in der Frage der Professionalisierung lange Zeit mit einer ideologischen Aufladung dieser Diskussion belastet. Die Professionalisierung und zugleich auch Kommerzialisierung des Fußballs ist schon seit über einem Jahrhundert ein ständig präsentes Thema in den sportpolitischen Diskussionen. Die Wurzeln sowohl der Professionalisierung als auch die Diskussion darüber liegen in Großbritannien des ausgehenden 19.Jahrhunderts, finden sich aber zeitversetzt ebenso in Deutschland und anderen europäischen Ländern wieder. Als der englische Fußball die elitären Kreise der „Public Schools“ verließ und zu einem wahren Magneten und Publikumsspektakel für große Teile der Bevölkerung wurde, begannen geschäftstüchtige Vereinsfunktionäre schon sehr früh Eintrittsgelder zu kassieren und Verbindungen zur Wirtschaft und zur Presse aufzubauen. Der Schritt der Bezahlung der Spieler war von diesem Punkt an nur eine Frage der Zeit. Von Anfang an jedoch stieß die Professionalisierung des Fußballs auf erbitterten Widerstand der „Gentleman Amateur“. Wie im Verlauf dieser Arbeit aufgezeigt wird, waren die Versuche der akademischen und bürgerlichen Kreise, die Institutionalisierung des Berufsfußballs zu verhindern, nicht von Erfolg gekrönt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Aufbau der Arbeit
1.1 Einleitung
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Zum Begriff „Profession“
2.1 Realdefinition von „Professional“, „Profi“ und „Professionalisierung“
2.2 Der Professionalisierungsbegriff und seine Anwendung für Prozesse im Berufsfußball
2.3 Der Begriff der „Kommerzialisierung“
3. Vorgeschichte des Fußballs bis zur Entstehung des modernen Fußballs
4. Entstehung des modernen Fußballs und Entwicklung der Professionalisierung
4.1 England und der Fußball an den „Public Schools“
4.1.2 Der Gedanke des „Gentleman Amateur“ und die „Fair Play“ Ideologie
4.2 Verbreitung des modernen Fußballs auf dem europäischen Kontinent
4.3 Verbreitung in Deutschland und Auseinandersetzung mit der Turnerschaft
4.4 Frühe Professionalisierungstendenzen und Entstehung der „Football Industry“
4.4.1 Das frühe Interesse der Wirtschaft am Berufsfußball
4.4.2 Frühe Kooperation zwischen Berufsfußball und Medien
5. Entwicklung der Professionalisierung in Deutschland bis zur Gründung der 1. Bundesliga
5.1 Die Entstehung und Ausformung des Amateurideals in Deutschland
5.2 Gründung und Konsolidierung des DFB
5.3 Amateurismus gegen Berufsfußball
5.3.1 Scheinamateurismus und „Dolchstoß gegen Schalke“
5.4 Die Wiederaufnahme der Berufsspieler-Diskussion nach Beendigung des 2. Weltkrieges
5.5 Semiprofessioneller Fußball unter dem Vertragsspielerstatut 1948-1963
6. Entwicklung der Professionalisierung nach Einführung der Bundesliga 1963
6.1 Späte Einsicht: Die Notwendigkeit einer Bundesliga und ihr Beschluss
6.1.1 Der Bundesligaausschuss: Bundesligastatut und Auswahlverfahren
6.2 Auswirkungen des Bundesligastatuts auf die Entwicklung der Professionalisierung
6.2.1 Der Fall Hertha BSC Berlin – Tasmania Berlin
6.3 Der Bundesligaskandal 1971 und seine Ursachen und Auswirkungen
6.4 Das Voranschreiten der Kommerzialisierung im Profifußball
6.4.1 Fernsehgelder
6.4.2 Bandenwerbung
6.4.3 Trikotwerbung
6.5 Die Einführung der 2. Bundesliga 1974
6.5.1 Die eingleisige 2.Bundesliga 1980/81
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Professionalisierung und Kommerzialisierung im deutschen Fußballsport von dessen Anfängen bis in die 1970er Jahre. Ziel ist es, die fördernden und hemmenden Faktoren dieses Prozesses zu analysieren und dabei insbesondere die Rolle des Deutschen Fußballbundes (DFB) sowie die Einflüsse von Wirtschaft und Medien in einem sozio-historischen Kontext aufzuzeigen.
- Historische Genese der Professionalisierung im englischen Fußball
- Widerstände gegen den Profifußball im Kontext der deutschen Turnbewegung
- Die Entwicklung des Amateurideals und dessen Bedeutung für den DFB
- Einfluss von ökonomischen Faktoren wie Sponsoring und Medienpräsenz
- Analyse der Strukturen des deutschen Profifußballs (Bundesliga und deren Vorgänger)
Auszug aus dem Buch
4.1 England und der Fußball an den „Public Schools“
Das gewandelte Verhältnis des Menschen zu seinem Körper wurde im England des 19. Jahrhunderts durch eine große Anzahl von Faktoren beeinflusst. Die Problematik physischer und psychischer Gesundheit, welche durch das rasche Anwachsen der Industriestädte und der damit verbundenen Angst vor Seuchen und Schmutz entstanden war, beschäftigte die viktorianische Gesellschaft und führte zu neuen Überlegungen im Bereich der Hygiene. In den gebildeten Schichten setzte sich die Devise „mens sana in corpore sano“ - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – durch und führte zur Überzeugung, dass psychische Erkrankungen ihre Ursachen in körperlichen Defekten hatten. Aus diesem Grund waren die Mitglieder der oberen Schichten daran interessiert ihre Gesundheit und körperliche Fitness durch entsprechende Betätigungen zu erhalten.
Parallel zu dieser Entwicklung setzte sich in diesen Schichten ein neues Ideal für Männlichkeit durch, dessen wahre Ausdrucksform sich in Vernunft, Gesundheit und Charakterstärke widerspiegelte und dessen „Eckpfeiler männlicher Identität die Angehörigen der bürgerlichen und aristokratischen Eliten in ihrer Selbstwahrnehmung sowohl von den als kränklich und gefühlsbestimmt betrachteten Frauen als auch von den Angehörigen der Unterschichten“ unterschied. Kontrolle über Gefühle und Körper galten als Zeichen für einen „rechten“ Mann. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit noch deutlich wird, ging diese Haltung später mit in den „Fair Play“-Gedanken ein und war zugleich auch eine der Grundeinstellungen der Vertreter des Amateurismus. Fußball sollte dem Spaß am Sport und der Erhaltung und Stärkung des Körpers sowie des Charakters dienen. Übermäßige Freude über einen Sieg oder das unfaire Verhalten einem gegnerischen Spieler gegenüber waren genauso verpönt wie die Vorstellung, für das Spiel bezahlt zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Aufbau der Arbeit: Einführung in die Thematik der Professionalisierung des Fußballs und Darstellung der methodischen Vorgehensweise.
2. Zum Begriff „Profession“: Begriffsdefinitionen und soziologische Abgrenzung von Professionalisierung und Kommerzialisierung im Sport.
3. Vorgeschichte des Fußballs bis zur Entstehung des modernen Fußballs: Überblick über antike und mittelalterliche Vorläufer des Fußballs und deren unterschiedliche Ausprägungen.
4. Entstehung des modernen Fußballs und Entwicklung der Professionalisierung: Analyse des englischen Einflusses, der Public Schools sowie der Fair-Play-Ideologie und erster Professionalisierungstendenzen.
5. Entwicklung der Professionalisierung in Deutschland bis zur Gründung der 1. Bundesliga: Untersuchung der deutschen Amateurideale, der DFB-Gründung und der Konflikte mit dem Berufsfußball im 20. Jahrhundert.
6. Entwicklung der Professionalisierung nach Einführung der Bundesliga 1963: Analyse der Auswirkungen des Bundesligastatuts, des Bundesligaskandals 1971 und der zunehmenden Kommerzialisierung durch Medien und Werbung.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Fazit der historischen Entwicklung und Ausblick auf die Institutionalisierung des Profifußballs im 21. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Professionalisierung, Kommerzialisierung, Fußballgeschichte, Amateurismus, Berufsfußball, DFB, Bundesliga, Fair Play, Sozialgeschichte, Medien, Sportökonomie, Vereinswesen, Profisport, Wirtschaft, Industriegesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Professionalisierung des Fußballs, von den ersten englischen Anfängen bis zur Institutionalisierung des Profifußballs in Deutschland in den 1970er Jahren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Berufsspielertums, der Rolle des Amateurideals in Deutschland, dem Einfluss von Massenmedien sowie ökonomischen Interessen im Profisport.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die historischen Entwicklungsstufen der Professionalisierung sowie die Faktoren, die diesen Prozess gefördert oder gehemmt haben, detailliert nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine sozial- und kulturhistorische Untersuchung, die auf bestehender Fachliteratur und historischen Quellen basiert, um soziologische Konzepte auf die Entwicklung des Fußballs anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des englischen Vorbilds, der spezifischen Auseinandersetzungen in Deutschland (z.B. mit der Turnerschaft) und die strukturelle Entwicklung der Bundesliga nach 1963.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit charakteristisch?
Wichtige Begriffe sind Professionalisierung, Kommerzialisierung, Amateurismus, DFB, Berufsfußball, Bundesliga, Medien und ökonomische Interessen.
Welche Rolle spielte der "Scheinamateurismus" im deutschen Fußball?
Der Scheinamateurismus war eine verbreitete Praxis in der Zwischenkriegszeit, bei der Spieler illegal für ihre sportliche Leistung entlohnt wurden, was zu schweren Sanktionen durch den DFB führte.
Wie hat der Bundesligaskandal von 1971 die Professionalisierung beeinflusst?
Der Skandal offenbarte die Schwachstellen des damaligen Statuts und führte letztlich zur Abschaffung der Gehaltsobergrenzen, womit der Weg für eine freie Marktentwicklung im Fußball frei wurde.
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- M.A. Markus Skuballa (Author), 2006, Die Professionalisierung im deutschen Fußballsport - Von den Anfängen bis in die 1970er Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61371