Das zwanzigste Jahrhundert war von vielen großartigen Denkern und Schriftstellern geprägt. Der Prager Deutsche Schriftsteller Franz Kafka war einer von ihnen, unter-schied sich aber durch sein Denken und Schreiben von all den anderen seiner Zeit.
Er verfügte über eine außerordentliche Vorstellungskraft und über ein enormes sprachliches Geschick. Auch wenn seine Art zu schreiben in vielen Fällen kompliziert und unverständlich erscheint, behielten die meisten seiner Werke eine bestimmte Funktion und ein konkretes Ziel, so dass sie fast immer autobiographisch erschienen.
Die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen, die im Laufe der Zeit unternommen wurden, um die Werke Kafkas zu analysieren, lassen bereits erkennen, dass eine ge-naue Interpretation so gut wie unmöglich ist. Dies liegt eben in der Natur Kafkas und in den theologischen, biographischen und psychologischen Hintergründen und Moti-ven seiner Texte.
Demgemäß wird in dieser Arbeit versucht, die Erzählung „Der Bau“ zu analysieren, angefangen mit einer kurzen Biographie des Verfassers, einer Zusammenfassung des Werkes und die Darstellungen der Elemente, die diese Erzählung prägen und dann der Versuch, diese zu deuten.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 BIOGRAPHISCHE ANGABEN
3 ENTSTEHUNG DER GESCHICHTE
4 ERZÄHLWEISE
5 EINE UNVOLLENDETE ERZÄHLUNG, WARUM?
6 DIE ERZÄHLUNG
7 VORKOMMENDE ALLGEMEINE ERZÄHLMERKMALE
7.1 DAS LOCH
7.2 DER FEIND
7.3 FURCHT UND EINSAMKEIT
8 VERSUCH EINER THEOLOGISCHEN INTERPRETATION
8.1 MAX BROD
8.2 MARTIN BUBER
8.3 HEINZ POLIZER
8.4 KARL ERICH GRÖZINGER
9 TIERGESCHICHTEN IN KAFKAS WERKEN
10 BEZÜGE ZU ANDEREN WERKEN KAFKAS
11 VERSUCH EINER DEUTUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Analyse von Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“. Das primäre Ziel ist die Untersuchung der autobiographischen Hintergründe, der zentralen Erzählmerkmale und der theologischen sowie psychologischen Deutungsmöglichkeiten des Werkes.
- Biographischer Kontext von Franz Kafka und dessen Einfluss auf sein literarisches Schaffen.
- Analyse der Erzählweise und der spezifischen Motivik in „Der Bau“.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Sicherheit, Einsamkeit und narzisstischer Selbstliebe.
- Theologische Interpretationsansätze und deren Rezeption durch Literaturwissenschaftler.
- Vergleichende Betrachtung von Tierfiguren und Motivbezügen in Kafkas Spätwerk.
Auszug aus dem Buch
11 Versuch einer Deutung
In dieser Erzählung handelt es sich um das Werk eines Einzelnen, der für sich selbst gegraben hat, um die Sicherung seiner eigenen Existenz zu erlangen. Dieses Ziel wird aber nicht erreicht, die Einrichtung des Baus führt zu keiner Lebenssicherung (Vgl. Sockel, S. 393)
„wenn ich auf dem Burgplatz stehe, umgeben von hohen Fleischvorräten, das Gesicht zugewandt den zehn Gängen, die von hier ausgehen, jeder besonders dem Gesamtplan entsprechend gesenkt oder gehoben, gestreckt oder gerundet[…] dann liegt mir der Gedanke an Sicherheit fern, dann weiß ich genau, dass hier meine Burg ist, die ich durch Kratzen und Beißen, Stampfen und Stoßen dem widerspenstigen Boden abgewonnen habe, meine Burg, die auf keine Weise jemandem anderen angehören kann und die so sehr mein ist daß ich hier letzten Endes ruhig von meinem Feind auch die tödliche Verwundung annehmen kann.“ (Der Bau, S. 486).
Der Bau verleitet das Tier von der Beobachtung der Außenwelt, die für die Selbsterhaltung nötig ist, zur Selbstbeobachtung, die eine grundlegende Gefahr bedeutet. Ironischerweise wird diese Gefahr erst durch die Tatsache des Baus geschaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Bedeutung Kafkas und Zielsetzung der Analyse der Erzählung „Der Bau“ unter Berücksichtigung verschiedener Deutungstraditionen.
2 BIOGRAPHISCHE ANGABEN: Darstellung des Lebensweges von Franz Kafka und der für sein Werk prägenden Lebensumstände wie das schwierige Verhältnis zum Vater.
3 ENTSTEHUNG DER GESCHICHTE: Kontextualisierung der Entstehung von „Der Bau“ als eines der letzten Werke Kafkas und Einordnung in dessen autobiographische Spätphase.
4 ERZÄHLWEISE: Erörterung der Ich-Perspektive und des reflektierenden, fragmentarischen Monologs, der das Tier als Spiegel menschlicher Problematiken nutzt.
5 EINE UNVOLLENDETE ERZÄHLUNG, WARUM?: Reflexion über die Fragmenthaftigkeit der Erzählung und die Verschiebung der biographischen Situation des Autors bei der Niederschrift.
6 DIE ERZÄHLUNG: Inhaltsangabe der Erzählung über das grabende Tier, das durch die Suche nach Sicherheit im eigenen Bau in Angst und Paranoia verfällt.
7 VORKOMMENDE ALLGEMEINE ERZÄHLMERKMALE: Analyse der Leitmotive „Loch“, „Feind“ sowie „Furcht und Einsamkeit“ als zentrale Strukturelemente.
8 VERSUCH EINER THEOLOGISCHEN INTERPRETATION: Diskussion verschiedener theologischer Deutungsansätze, etwa durch Max Brod oder Martin Buber, im Hinblick auf den Bezug zum Absoluten.
9 TIERGESCHICHTEN IN KAFKAS WERKEN: Überblick über die Rolle von Tierfiguren in Kafkas Gesamtwerk, wie etwa in „Die Verwandlung“ oder „Bericht für eine Akademie“.
10 BEZÜGE ZU ANDEREN WERKEN KAFKAS: Aufzeigen von motivischen Verknüpfungen zwischen „Der Bau“ und anderen Spätwerken wie „Das Schloss“.
11 VERSUCH EINER DEUTUNG: Zusammenfassende Interpretation der narzisstischen Identifikation des Ichs mit dem Bau und der daraus resultierenden Unmöglichkeit absoluter Sicherheit.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Der Bau, Analyse, Existentialismus, Einsamkeit, Angst, Narzissmus, Theologische Interpretation, Tiererzählung, Ich-Erzähler, Selbstbeobachtung, Paranoia, Spätwerk, Identität, Identitätsproblematik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Analyse grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Kafkas Erzählung „Der Bau“ und beleuchtet die psychologischen und theologischen Hintergründe, die zum Verständnis dieses komplexen, fragmentarischen Textes beitragen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Themen Einsamkeit, Existenzangst, der Wunsch nach Sicherheit und die fatale Identifikation des Individuums mit seinem eigenen Lebenswerk.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Erzählung „Der Bau“ als autobiographisch geprägtes Werk zu deuten und aufzuzeigen, wie das Streben nach Sicherheit paradoxerweise zur Falle wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die biographische Daten, textinterne Motive und die Rezeptionsgeschichte (u.a. Max Brod, Hartmut Binder) miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählweise, die Untersuchung zentraler Motive (Loch, Feind, Einsamkeit) sowie die Auseinandersetzung mit verschiedenen theologischen und existentiellen Deutungsansätzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind hierbei kafkaesk, Einsamkeit, Narzissmus, Existentialismus, theologische Deutung und die spezifische Identitätskrise des Protagonisten.
Warum spielt das „Zischen“ eine so zentrale Rolle im Text?
Das Zischen markiert den Einbruch der existentiellen Angst in die vermeintlich sichere Welt des Tieres; es fungiert als undurchdringliches Zeichen einer Gefahr, die nicht lokalisierbar ist.
Wie ist die Verbindung zwischen dem Tier und seinem „Bau“ zu verstehen?
Die Verbindung ist von einer narzisstischen Liebe geprägt: Der Bau wird zur Erweiterung des Selbst, wodurch die Grenze zwischen Identität und Eigentum verschwimmt und die Sicherheit des Individuums gefährdet wird.
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- Youssef Taghzouti (Author), 2006, Eine Analyse zu Kafkas "Der Bau", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61414