„Also seind jetzmals dardurch alle predigten in der stat abgestrikt, kain raichung der sacrament mer, noch evangelische lehr. Die armen kindlein ligen, ja sterben zum thail ungetauft, und also nichts dann eitel Gräuel, not, angst, kommernus und trübsal vorhanden.“
Mit diesen Worten beschrieb der Augsburger Ratsdiener und Chronist Paul Hektor Mair die Gemütsverfassung der evangelischen Bevölkerung im August 1551. Verantwortlich für dieses elende Befinden der Protestanten war, so der Chronist, das Augsburger Interim von 1548. Ausgehend von der Erklärung Paul Hektor Mairs, soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Konfessionalisierung in Augsburg um 1550 vorangeschritten war.
Dabei dient der Begriff der Konfessionalisierung als sozialhistorisches Alternativkonzept für das, was aus kirchen- und politikgeschichtlicher Perspektive früher „Gegenreformation“ hieß. Die wichtigsten Vertreter auf dem Gebiet der Konfessionalisierung sind Heinz Schilling und Heinrich Richard Schmidt. Dabei vertritt Schilling die These, dass die in der Reformationsepoche aufgebrochenen theologischen Differenzen erst während der Konfessionalisierung des ausgehenden 16. Jahrhunderts ihre gesellschaftliche Dynamik voll entfalten und damit für den Allgemeinhistoriker eine neue Qualität erreichen. Heinrich Richard Schmidt zeigt zur Konfessionalisierung auf, dass die Gemeinden selber und nicht der Staat Träger der Konfessionalisierung und Disziplinierung gewesen seien. Die Städtechroniken und die Buchreihe zur Augsburger Reformationsgeschichte von Friedrich Roth bildeten die Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten, die in den nachfolgenden Jahrzehnten geschrieben werden sollten. Des Weiten wird bei der vorliegenden Arbeit auf die Publikationen von Wolfgang Wallenta, Paul Warmbrunn und Friedrich Zoepfl zurückgegriffen, die sich alle mit der Reformationsgeschichte und Konfessionalisierung in Augsburg auseinandergesetzt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Augsburg im 16. Jahrhundert
2.1 Zur Überlieferung der verwendeten Quellen
2.2 Der Chronist Paul Hector Mair
2.3 Eine Messe in Augsburg nach der Reformation
3. Paul Hector Mair und das Augsburger Interim
3.1 Predigten als Medium der Politisierung
3.2 Mittel zur Rekatholisierung
3.3 Augsburg während des Interims
4. Schluss
5. Literaturliste
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht anhand einer zentralen Quelle des Augsburger Chronisten Paul Hektor Mair die Auswirkungen des Augsburger Interims von 1548 auf das gesellschaftliche Leben und den Prozess der Konfessionalisierung in der Stadt um das Jahr 1550.
- Analyse der Überlieferung und Bedeutung der Chronik von Paul Hektor Mair
- Untersuchung der Rekatholisierungsmaßnahmen unter Kaiser Karl V. und Kardinal Otto Truchseß von Waldburg
- Darstellung der Spannungen in einer paritätischen Stadtgesellschaft
- Bedeutung der Predigt als politisches und konfessionelles Steuerungsinstrument
- Sozialhistorische Einordnung der Konfessionalisierung
Auszug aus dem Buch
3. Paul Hector Mair und das Augsburger Interim
Um einen anschaulicheren Bezug zur Quelle zu gewinnen, folgt zunächst eine textimmanente Inhaltsangabe. Am Sonntag, dem 18. August 1549, hat der Bischoff und Kardinal von Augsburg in der Domkirche zu Augsburg eine Predigt gehalten. Danach wurde ein großer Predigtstuhl neben dem rechten Predigstuhl fertig gemacht und mit Stoffen bedeckt. Danach hat der Kardinal sich niedergesetzt und das Evangelium von dem untreuen Schaffner verlesen und keine weiteren großen Kommentare dazu abgegeben. Anschließend hat er die zu bestrafenden Laster aufgezählt, die zu dieser Zeit in Augsburg geleistet wurden und dass man die Heiligen in den Kirchen und Fürbitten nicht verachten soll. Das Interim hat er für gut befunden und Bürger, die ihren Zweifel daran hätten, die würde er selbst unterweisen, auch wenn sie Predikanten seien. Nochmals hat er betont, dass alles was darin steht und was der Kaiser verlangte, für niemanden schlecht sei. Mit den Worten, man solle bei der christlichen Kirche und der alten, heiligen Religion bleiben und mit der abschließenden Benedeiung hat er die Predigt beendet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Problematik des Augsburger Interims ein und verortet das Thema im Kontext der Konfessionalisierungsforschung.
2. Augsburg im 16. Jahrhundert: Dieses Kapitel behandelt die Quellenlage der Chronik von Paul Hektor Mair, das Leben des Chronisten selbst und beschreibt die religiöse Situation in Augsburg nach der Reformation.
3. Paul Hector Mair und das Augsburger Interim: Der Hauptteil analysiert die Rolle von Predigten als Politisierungsinstrument, die spezifischen Rekatholisierungsmittel und die Auswirkungen der kaiserlichen Religionspolitik auf das städtische Leben.
4. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über das Potenzial weiterer Forschungen zur sozialen Geschichte Augsburgs in dieser Übergangszeit.
5. Literaturliste: Die Literaturliste verzeichnet die wissenschaftlichen Werke und Quelleneditionen, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Augsburger Interim, Paul Hektor Mair, Konfessionalisierung, Rekatholisierung, Otto Truchseß von Waldburg, Reformation, Kaiser Karl V., Schmalkaldischer Krieg, Predigt, Kirchengeschichte, Stadt Augsburg, Glaubensspaltung, Frühmoderne, Sozialgeschichte, Reichsstädte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Augsburger Interims von 1548 auf die Stadt Augsburg und die damit verbundenen konfessionellen Spannungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rekatholisierungspolitik, der soziale Wandel in einer paritätischen Stadt und die Nutzung der Chronik von Paul Hektor Mair als historische Primärquelle.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis eines konkreten Quellenausschnitts zu verdeutlichen, wie weit der Prozess der Konfessionalisierung um das Jahr 1550 in Augsburg vorangeschritten war.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt die historische Quellenanalyse, eingebettet in sozialhistorische Konzepte der Konfessionalisierungsforschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Rolle von Predigten, den Maßnahmen zur Disziplinierung des Klerus und der Bevölkerung sowie den direkten Auswirkungen des Interims auf das städtische Leben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Augsburger Interim, Konfessionalisierung, Rekatholisierung und Reformation geprägt.
Welche Bedeutung hatte das „Collegium literarum“?
Es wurde von Bischof Otto errichtet, um die Ausbildung des Priesternachwuchses zu verbessern und im Wettbewerb gegen protestantische Bildungsansprüche die Überlegenheit der katholischen Kirche zu demonstrieren.
Wie reagierte die Bevölkerung auf die Einführung des Interims?
Die Einführung löste starke Spannungen aus; es gab offene Demonstrationen, wie etwa die der vierhundert Frauen vor dem Quartier des Kaisers, die um Gnade für ihre Prädikanten baten.
Warum spielt der Chorrock eine besondere Rolle in dieser Analyse?
Der Chorrock fungierte als sichtbares Symbol der alten Kirche, dessen Tragepflicht für Protestanten eine offene Provokation darstellte und den Widerstand gegen die Rekatholisierung befeuerte.
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- Harald Pohlschmidt (Author), 2006, Die Reformbestrebungen von Kardinal Otto Truchseß von Waldburg und die Durchführung des Interims in Augsburg - Basierend auf einer Quelle von Paul Hektor Mair , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61442