„Man hörte noch den Lärm des Dorfes, den Hall verschwommener Stimmen und das Geläut einer Kirchenglocke, die zur sonntäglichen Vesper rief. Dann verschwanden die letzten Häuser hinter Büschen und Bäumen. Entlang dem zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging’s eine Weile an Bergwiesen und zerstreuten Feldgehölzen vorüber, und sacht begann das schmale Sträßlein zu steigen. Während die Kutsche in langsamer Fahrt in den von Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte, klang vom Dorfe her noch ein letzter Glockenton, als möchte das im Tal versinkende Treiben der Menschen Abschied von dem einsamen Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel des Lebens in die abgeschiedene Stille der Berge flüchtete.“1
Ludwig Ganghofer beginnt so einen seiner bekanntesten Hochlandromane -Das Schweigen im Walde.Und dieser kurze Abschnitt trägt in sich bereits den Kern der ganghoferschen Märchenwelt, die fernab von Lärm und Alltag in wilder Natur voll Sonnenglanz und Idylle denjenigen erwartet, der den Aufstieg in die Bergwelt wagt. Es verlangt vom Leser nicht sonderlich viel Fantasie, die zum Text passenden Bilder vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen. Woher kommen diese Bilder nur? Meine Generation denkt dabei vielleicht zuerst an Fantasyfilme a là Der Herr der Ringe.Aber diese Schilderung stammt aus einer Zeit, als es offenbar noch keiner Transposition der Handlung in eine non-reale Welt bedurfte um Rationalität und Wahrheitsempfinden des Publikums oder des Lesers zu umgehen. Es handelt sich bei den Schilderungen Ganghofers um romantische (Natur-) Bilder, die sich hauptsächlich aus Klischees speisen und damit in der filmischen Umsetzung allen Vorstellungen entsprechen. Vielleicht deshalb gehört Ganghofer zu den meist verfilmten deutschen Autoren. Zu Lebzeiten bereits ein Bestseller-Autor, gab er vielen durch die Veränderungen der Moderne desorientierten Menschen Geschichten voller Ordnung, Glück und Geborgenheit. Und dabei ging es nicht nur um Ablenkung vom Alltag und Flucht in eine Märchenwelt. Nein - Ganghofer machte Mut und Hoffnung auf eine reale Verbesserung der Menschheit und des Lebens. Für diese Authentizität stand Ganghofer quasi mit seinem Namen, die Glaubhaftigkeit seiner Romane und damit auch sein Erfolg wurden nur dadurch möglich, dass der Autor seine Geschichten anscheinend selbst lebte.
Das Anliegen der folgenden Arbeit ist es, Ganghofer und seine Hochlandgeschichten als Teil der Heimatliteratur-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorzustellen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Literatur in der Weimarer Republik
2. Entstehung der Heimatliteratur
3. München contra Berlin
4. Ludwig Ganghofer
4.1. Vita
4.2. Aspekte der ganghoferschen Literatur
4.2.1. Natur und Stadt
4.2.2. Kindheit und Jugend
4.2.3. Charaktere
4.3. Zur Selbstinszenierung Ganghofers
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Ludwig Ganghofer und seine Hochlandromane im Kontext der Heimatliteratur-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wobei insbesondere die Konstruktion eines idealisierten Heimatbildes und Ganghofers gezielte Selbstinszenierung im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Kommerz untersucht werden.
- Konstruktion eines typisierten Heimatbildes
- Wechselwirkung zwischen Literatur und Massenmedien
- Der Dualismus zwischen München und Berlin in der Literatur
- Biografie und Selbststilisierung als literarische Strategie
- Verbindung von Heimatliteratur und gesellschaftlicher Ordnung
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Natur und Stadt
Auffällig im Werk Ganghofers ist die topografisch exakte Bezeichnung der Handlungsorte. Die wunderbare Berglandschaft Süddeutschlands, die stets die Kulisse seiner Romane stellt, scheint also real in dieser Welt existent. Dieser Umstand gibt der gesamten Handlung einen vermeintlichen Realitätsbezug, der ihr selbst kaum innewohnt (bei der Schilderung des bäuerlichen Alltags verzichtet Ganghofer z.B. gänzlich auf so viel Realitätstreue, vgl. Mettenleiter, S. 230 f). Die Natur bildet stets den positiven Gegenpol zu Stadt und Zivilisation. Während die Stadt als grau, eng und ethisch schlecht gilt, erscheint die Natur grün, weit und veredelnd. Das spiegelt sich auch im Personal wider: die ‚schlechten’ Menschen stammen aus der Stadt (oder gehören dort hin), und die Guten haben ihren Platz im Einklang mit der Natur. Dabei ist „ ... der Gegensatz von Wert und Unwert (...) bei Ganghofer bewusst in die Vertikale übertragen.“ Das heißt, dass mit der erklommenen Höhe (also dem Berg) proportional auch die ethische Reinheit zunimmt. Befindet sich ein Protagonist in moralisch unsicherer Lage, ersteigt er stets einen Berggipfel um dort Erkenntnis und Läuterung zu erfahren. Ebenso verhält es sich mit physischen Beschwerden.
Neben den Bergen nimmt der Wald einen wichtigen Platz in den Werken Ganghofers ein. Er wird zum „ ... überwältigende[n] Stimmungs- und wundersame[n] Heilsraum“ stilisiert; ein Ort der Stille, in dessen mystischer Atmosphäre alltägliche Dinge mit Magie versetzt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird Ganghofers literarische Bedeutung als Heimatdichter skizziert und das Ziel der Arbeit, die Konstruktion seines Heimatbildes und seine Selbstinszenierung zu hinterfragen, definiert.
1. Literatur in der Weimarer Republik: Das Kapitel beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und die Entstehung einer Massenliteratur, die dem Bedürfnis nach Geborgenheit in einer unsicheren Zeit entgegenkam.
2. Entstehung der Heimatliteratur: Hier wird der historische Kontext der Heimatkunstbewegung beleuchtet, die als bewusste Gegenreaktion auf die moderne Großstadtzivilisation entstand.
3. München contra Berlin: Der Abschnitt arbeitet den literarischen Dualismus zwischen dem als modern-avantgardistisch wahrgenommenen Berlin und dem traditionell-gemütlichen München heraus.
4. Ludwig Ganghofer: Dieses Kapitel widmet sich der Biografie, den literarischen Motiven wie Naturkult und Charaktermustern sowie der gezielten Selbstinszenierung Ganghofers als authentischer Autor.
Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Ganghofer maßgeblich zur Etablierung eines kollektiven Heimatbildes beitrug, hinter dem sich jedoch auch finanzielle Interessen und eine problematische ideologische Ausrichtung verbargen.
Schlüsselwörter
Ludwig Ganghofer, Heimatliteratur, Weimarer Republik, Heimatkunstbewegung, Naturkult, Großstadtkritik, Selbstinszenierung, Massenliteratur, Idealbild, Hochlandromane, München, Berlin, Blut und Boden, Trivialliteratur, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk des Heimatschriftstellers Ludwig Ganghofer vor dem Hintergrund der Heimatliteratur-Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die literarische Konstruktion von Heimat, der Gegensatz zwischen Stadt und Natur sowie der Wandel des Literaturbetriebs hin zur Massenliteratur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Ganghofers Bild von Heimat zu analysieren und aufzuzeigen, wie er durch seine Selbstinszenierung ein Idealbild schuf, das finanziellem Pragmatismus und ideologischen Strömungen diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse, die den Autor in seinem historischen Kontext und unter Berücksichtigung von Sekundärliteratur (insb. Mettenleiter) betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Literatur der Weimarer Republik, die Entstehung der Heimatliteratur, den Stadt-Land-Dualismus sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit Ganghofers Vita und literarischen Motiven.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Heimatliteratur, Heimatkunstbewegung, Massenliteratur, Naturkult, Selbstinszenierung und die Rollenverteilung von Gut und Böse in Ganghofers Werken.
Wie unterscheidet sich die literarische Wahrnehmung von München und Berlin laut Autor?
Berlin wird als Zentrum der Moderne, als dekadent und großstädtisch-unsicher gezeichnet, während München als "Kunststadt" mit Tradition und einer bewahrten, gesunden Lebensweise kontrastiert wird.
Welche Rolle spielt Ganghofers Autobiografie bei der Analyse seiner Selbstinszenierung?
Die Arbeit deckt Diskrepanzen zwischen Ganghofers realem Leben und seiner Autobiografie auf und interpretiert diese als gezielte Stilisierung eines "Originalgenies", um Authentizität für seine Werke zu erzeugen.
- Quote paper
- Jennifer Ruwe (Author), 2005, Heimat als gestalteter und inszenierter Raum - Ludwig Ganghofer und die Heimatdichtung der Weimarer Republik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61480