Hauptstädtische Kosmologie zwischen Utopie und Realität: Beijing als die geplante 'ideale Hauptstadt"


Essay, 2004
20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Beijing wird Hauptstadt

Kontinuität und Traditionsbewusstsein

Lage der Stadt

Planung einer Stadtanlage

Kaiserpalast als städtisches und kosmisches Zentrum

Gegensatz zwischen dem „Innen“ und dem „Außen“

Spiegelbild eines geordneten Universums

Durchdachte Stadtanlage gemäß wichtigen Prinzipien der chinesischen Architektur

Symbolik für eine neue Werteordnung nach 1911

Fazit

Literatur

Hauptstädtische Kosmologie zwischen Utopie und Realität: Beijing als die geplante „ideale Hauptstadt“

von

Astrid Zimmermann und Andreas Gruschke

Einst wurde Beijing nach den traditionellen Prinzipien einer idealen Hauptstadt angelegt. Durch sie wurden die althergebrachten Vorstellungen der kaiserlichen Machtausübung mit den uralten Regeln des Feng Shui verknüpft und formten einen faszinierenden Mikrokosmos

Einleitung

Bis heute ist Beijing für viele Besucher das Tor zu China und erste Station einer Reise durch das Reich der Mitte. Die dynamische Millionenstadt prägt den ersten Eindruck und vermittelt das Bild eines Landes, das den unaufhaltsamen Weg in eine rasante Moderne eingeschlagen hat. Mehrspurige Straßen, verstopft mit Fahrzeugen und gesäumt von hoch aufstrebenden Hochhäusern, glitzernden Hotels und Einkaufszentren fallen jedem Besucher ins Auge, der vom Flughafen hinein in die Innenstadt fährt. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt mit ihrem Menschengewimmel wie ein moderner Moloch, der wild wuchert und seinen Bewohnern im wahrsten Sinne des Wortes langsam über den Kopf wächst.

Erst auf den zweiten Blick sichtet der Reisende die Zeugnisse einer großen und langen Vergangenheit, die zu den Zeichen der Moderne in einem faszinierenden Kontrast stehen. Tatsächlich wurde die einst sorgfältig geplante Stadt nach den altüberlieferten Regeln des Feng Shui und den jahrhundertealten Bau- und Anlageprinzipien des Idealmodells einer Hauptstadt angelegt. Wer genau hinschaut erkennt noch immer die Grundzüge dieses alten „Stadtkosmos“ und kann einen Eindruck davon gewinnen, wie dieser einst funktionierte. Beijing ist mehr als nur die Kapitale eine Riesenreiches. Die chinesische Metropole ist das Bindeglied zwischen einer Vergangenheit, die ihre Bewohner bis heute nie ganz losgelassen hat, und einer Zukunft, die mehr und mehr Gestalt annimmt.

Beijing wird Hauptstadt

Auch wenn das Gebiet von Beijing schon seit Jahrtausenden besiedelt ist und bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. erstmals Hauptstadt eines kleinen Reiches wurde, begann die Blütezeit der Stadt doch erst im 15. Jahrhundert. Damals beschloss der in Nanjing, der „Südlichen Hauptstadt“, residierende dritte Kaiser der Ming-Dynastie (1368-1644), die Hauptstadt aus strategischen Gründen in den Norden des Riesenreiches zu verlegen und eine „Nördliche Hauptstadt“ zu gründen: Beijing. Im Jahre 1368 war es den Chinesen endlich gelungen, die verhasste Fremdherrschaft der Mongolen zu beenden und wieder selbst die Geschicke des Kaiserreiches in die Hand zu nehmen. Eine Restauration der chinesischen Kultur begann, in der die traditionellen Künste und die alten Philosophien zu einer neuen Blüte gelangten.

Mit dem Yongle-Kaiser gelangte ein machtbewusster und visionärer Herrscher auf den Drachenthron, der sich in der Tradition einer langen chinesischen Geschichte sah und im Jahre 1403 selbstbewusst die Verlegung der Hauptstadt beschloss und damit einen gewaltigen Bauboom auslöste. Mit der Errichtung einer glorreichen Stadt sollte die Stärke der noch jungen Ming-Dynastie dokumentiert werden. Er setzte alles daran, eine Hauptstadt mit imperialen Qualitäten zu erschaffen und ließ dazu Handwerker und Künstler aus dem ganzen Land kommen. Beste Baumaterialien aus allen Regionen wurden verwendet. Dabei sah er sich nicht nur als Städtegründer, sondern auch als Erbe einer uralten Tradition, die durch ihn weiterleben und zu einem neuen Höhepunkt geführt werden sollte. Diese Traditionen äußern sich vor allem in einer besonderen Herrschaftsauffassung, die sich direkt darin niederschlug, eine als ideale Hauptstadt vorgestellte Metropole anzulegen.

Kontinuität und Traditionsbewusstsein

Über die Jahrhunderte hinweg hatten die Chinesen einen Katalog von Prinzipien entwickelt, der als Grundlage für die Errichtung der bedeutenden kaiserlichen Städte Kaifeng, Luoyang und Chang’an (das heutige Xi’an) genommen wurde. Indem sich der Kaiser als Erbe und Bewahrer dieser idealisierten Vergangenheit präsentierte, festigte er seinen Machtanspruch über das Reich der Mitte. Die chinesischer Kultur ist geprägt von Kontinuität und einem starken Traditionsbewusstsein. Bestimmte grundlegende Einstellungen und Prinzipien werden bis heute überliefert und im Laufe der Geschichte stets aufs Neue umgesetzt. Dazu gehören insbesondere die Regeln der chinesischen Geomantie, des Feng Shui, die auf jedes Gebäude und jede architektonische Anlage angewendet wurden. Der ganzheitliche Ansatz, mit dem im alten China das Universum betrachtet wurde, ließ es nicht zu, die Menschen, die Natur und den Kosmos voneinander zu trennen. Die irdische Welt wird im Chinesischen auch als tianxia bezeichnet, was „alles unter dem Himmel“ bedeutet. Nach der kosmologischen Sicht der Chinesen soll nun dieses tianxia die Ordnung und Gliederung des Himmels, des Makrokosmos, widerspiegeln. Im irdischen Mikrokosmos, der immer als Einheit behandelt wurde und durch geomantische Methoden vorteilhaft beeinflusst werden konnte, mussten sich die Menschen und ihr Herrscher einfügen.

Der genannte Yongle-Kaiser, der sich als Nachfolger einer langen Reihe von durch den Himmel legitimierten Herrschern sah und als solcher bestimmte Riten erfüllen und einhalten musste, legte grössten Wert darauf, dass seine neue Hauptstadt an einem vorteilhaften Ort errichtet wurde. Sie sollte außerdem nach den traditionellen Kriterien und kosmologischen Prinzipien einer „idealen Stadt“ erbaut und zum angemessenen Wohnort für den Sohn des Himmels und damit zum Zentrum der zivilisierten Welt werden. Als Abbild eines geordneten Universums würde die Stadt die Grundlage und der Mittelpunkt eines blühendes Reich sein. Mit dem Umzug des Kaisers und seines Hofs nach Beijing im Jahre 1420 legte er endgültig den Grundstein für eine Stadtgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird.

Zu Beginn musste der Standort, der sich an den Grundmauern der alten Mongolenhauptstadt Dadu orientierte, nach seinen Qualitäten beurteilt und auf dieser Grundlage die Baupläne erstellt werden. Bevor der Kaiser die Bauarbeiten beginnen ließ, beauftragte er daher seine besten Geomanten, das Areal zu begutachten. Außerdem war es, um dem rituell und kulturell wichtigen Ahnenkult genüge zu tun, überaus wichtig, einen günstigen Ort in der Nähe zu finden, an dem die zukünftige Grabanlage der kaiserlichen Familie angelegt werden konnte. Schon seit Urzeiten war es in China üblich, eine Landschaft durch ihre Berge und Flüsse zu beschreiben, sie darüber zu definieren und einzugrenzen. Mittels des Feng Shui liefern diese natürlichen Gegebenheiten das Vokabular, mit dem eine Umgebung erklärt und verstanden sowie zum Wohlergehen der Menschen beeinflusst werden kann. Eine genaue Kenntnis der Naturphänomene war auch für den Kaiser von Bedeutung, da er die Lage und den Verlauf der Berge und Flüsse dazu nutzte, seinen Machtbereich auszudrücken und zu bestimmen.

Lage der Stadt

Das Gebiet von Beijing liegt in einer eintönigen flachen Ebene, die sich weit nach Süden bis hin zum Gelben Fluss ausdehnt. Sie wurde durch die Sedimente der Flüsse gebildet, die in südöstlicher Richtung aus den Beijing umrahmenden Bergen in den Golf von Bohai fließen. Diese Wasserläufe bewirken einen wohltuenden Energiefluss, der die verhängnisvollen Einflüsse ausschwemmt und in den fernen Ozean trägt. Diese Ebene breitet sich im Mittel auf nur 20 Meter über dem Meeresspiegel aus, und Beijing selbst liegt rund 30 Meter hoch. Im Westen, Norden und Nordosten der Stadt jedoch erheben sich fast plötzlich die gezackten Bergzüge der Gebirge Yan Shan und Taihang Shan aus der großen chinesischen Tiefebene. Sie bilden eine eindrucksvolle Barriere, deren höchster Gipfel im Umfeld der Metropole, der Dongling Shan, 2303 Meter hoch in den Himmel ragt. Diese bizarren Gebirgsformationen schützen die Ebene und ihre Bewohner vor den kalten nördlichen Steppenwinden. Als die Luft noch nicht vom Smog der Industriebetriebe getrübt war, konnten die Bewohner Beijings an klaren Tagen die Gebirgszüge in der Ferne sehen.

Was Beijing bis heute zu etwas Besonderem macht, ist, dass die Stadt nicht wie viele andere Hauptstädte am Meer, einem See oder an einem großen Fluss erbaut wurde. Es sind eher kleine Wasserläufe aus den Bergen, die hier in die Ebene strömen und stark mäandrieren. Sie sind schwer unter Kontrolle zu bekommen und verursachten daher immer wieder Überschwemmungen. Es gehörte folglich zu den wichtigsten Aufgaben des Kaisers, dieser Gefahr entgegen zu wirken und das Wasser zu bändigen. Die Menschen glaubten, dass Drachen und mächtige Geister die Flüsse und Seen kontrollierten und diese daher besänftigt bzw. bezwungen werden mussten.

Davon berichtet auch eine alte Legende, derzufolge einst der junge Gott Nazha in die Ebene von Beijing kam und hier die Wasser zähmte, indem er eine hier wohnende Drachenfamilie gefangen setzte. Der Drachenkönig und seine Frau wurden von ihm in einen See verbannt und ihre Drachensöhne in die Berge gejagt. Es heißt, dass man die Umrisse des Gottes Nazha früher aus der Vogelperspektive noch immer im Stadtgebiet von Beijing erkennen konnte. Als der Yongle-Kaiser die zukünftige Hauptstadt erstmals besuchte, so wird erzählt, überreichte ihm der berühmte Astrologe und Geomant Liu Bowen ein versiegeltes Päckchen, dass die Pläne für die Stadtanlage enthielt. Basierend auf dem Feng Shui wiesen sie jedem Körperteil des Gottes Nazha ein Gebäude oder einen Platz zu. Sein Herz sollte das „Mittagstor“ (Wumen) sein, das der Eingang zur Verbotenen Stadt, dem Machtzentrum des Reiches der Mitte, sein würde. Seine Lunge befand sich auf dem Vorplatz des Tors des Himmlischen Friedens (Tian’anmen), durch das die Kaiserstadt, die für die Eingeweide steht, betreten wird. Das Tian’anmen führt hin zum Gehirn der Gottheit und führt weiter entlang der Zentralachse, die das Rückgrat verkörpert. Der Magen wurde symbolisiert durch die drei Seen im Stadtzentrum, den Zhonghai, Beihai und Nanhai. Die linke und rechte Brust des Nazha repräsentierten die Tore Dong’anmen und Xi’anmen, um welche sich die beiden wichtigsten Geschäftsviertel der Stadt ausbreiteten.

In einer anderen Überlieferung wird erzählt, dass die Struktur von Beijing durch einen Drachen vorgegeben sei, wobei die Wälle der Stadt durch seinen Körper und die Tore durch seine Augen und seinen Mund gebildet werden. Tatsächlich wurde das frühe Beijing des 15. Jahrhunderts zuallererst über seine Mauern definiert. Sie legten die Fundamente der Stadt für die nächsten Jahrhunderte, die auch noch unter der Nachfolgedynastie der Qing maßgeblich waren. Wie eng die Umwallungen und die Stadt miteinander verknüpft sind, zeigt sich daran, dass das chinesische Wort cheng sowohl Mauer als auch Stadt bedeutet. Die Stadtmauer grenzt, so die Auffassung im alten China, die zivilisierte Welt der Stadt von der Wildnis, die vor ihren Toren liegt, ab. Dadurch wirkt sie für ihre Bewohner Identitäts- und Kultur stiftend.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Hauptstädtische Kosmologie zwischen Utopie und Realität: Beijing als die geplante 'ideale Hauptstadt"
Autoren
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V61481
ISBN (eBook)
9783638549332
ISBN (Buch)
9783638773669
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erstveröffentlichung in: 'Utopie und Realität. Das alte Beijing wurde als ideale Hauptstadt geplant' von Andreas GRUSCHKE und Astrid ZIMMERMANN, in: feng shui journal, Ausgabe 7 (2004), S. 14-21
Schlagworte
Hauptstädtische, Kosmologie, Utopie, Realität, Beijing, Hauptstadt
Arbeit zitieren
Astrid Zimmermann (Autor)Andreas Gruschke (Autor), 2004, Hauptstädtische Kosmologie zwischen Utopie und Realität: Beijing als die geplante 'ideale Hauptstadt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61481

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