Die differenzierungstheoretische Perspektive gilt als ein Hauptstrang der soziologischen Gesellschaftstheorie. Der Begriff der Differenzierung findet bereits bei den Klassikern des letzten Jahrhunderts Anwendung und ist auch in den aktuellsten gesellschaftstheoretischen Diskussionen von zentraler Bedeutung. Der Differenzierungsbegriff fand bzw. findet nicht nur in der Soziologie Anwendung, es handelt sich bei ihm also um eine theorien- und schulenübergreifende Kategorie, die zumeist auf sehr unterschiedliche Weise ausgearbeitet und klassifiziert wurde. Einen wichtigen Beitrag zur differenzierungstheoretischen Diskussion leisteten die beiden Soziologen Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu, die hier in dieser Hausarbeit miteinander verglichen werden sollen, und zwar in Hinsicht auf deren Anwendung des Differenzierungsbegriffs in ihren Theorien. In den Differenzierungskonzeptionen der beiden Theoretiker finden wir eine sorgfältige Begriffsbestimmung vor, weshalb sie für uns auch von so großer Bedeutung sind. Sowohl Luhmann als auch Bourdieu nehmen Bezug auf andere Theorien und übernehmen Begrifflichkeiten, die sie umwandeln und in ihr eigenes Theoriegebäude einbauen. So nimmt Luhmann sehr stark Bezug auf Parsons und übernimmt auch viele von dessen Ansichten (dazu später mehr). Bourdieu hingegen orientiert sich an Begriffen von Weber, Marx oder Durkheim (dazu später mehr). In der Theorie sozialer Systeme nimmt die differenzierungstheoretische Perspektive eine zentrale Rolle ein. Luhmann differenziert die moderne Gesellschaft in unterschiedliche Funktionssysteme aus, die sich jeweils auf eine gesellschaftliche Aufgabe spezialisieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Niklas Luhmann
3. Pierre Bourdieu
4. Bourdieu-Luhmann-Ein Vergleich
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit vergleicht die differenzierungstheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie beide Theoretiker das Phänomen der gesellschaftlichen Differenzierung durch ihre jeweiligen Ansätze der "Systeme" bzw. "Felder" begrifflich fassen und welche Unterschiede sich in der theoretischen Herleitung, der Systematik und dem Wissenschaftsverständnis ergeben.
- Differenzierungstheoretische Grundlagen und Begriffsbestimmung
- Systemtheoretische Konzepte bei Niklas Luhmann
- Feldtheorie und Praxisbegriff bei Pierre Bourdieu
- Vergleichende Analyse von Prozess- und Strukturkategorien
- Autonomie, Grenzbildung und Machtverhältnisse in der Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
Niklas Luhmann
Talcott Parsons und Niklas Luhmann gelten als die Hauptvertreter der soziologischen Systemtheorie. Im Gegensatz zum handlungstheoretischen Ansatz, wie er von Parsons vertreten wurde (vgl. Morel 2001, 148), handelt es sich bei Luhmanns Systemtheorie um eine Theorie sozialer Systeme (vgl. Rudolf Stichweh 2003, 209). Mit seinem Theorieentwurf erhebt Luhmann Universalitätsanspruch, d.h. es geht ihm darum eine Theorie zu formulieren, die möglichst umfassend anwendbar ist, also die den „gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie mit einer systemtheoretischen Begrifflichkeit zu beschreiben versucht“ (vgl. Kneer/ Nassehi 1993, 33). Demzufolge gibt es für ihn „nichts Soziales, was sich nicht auf soziale Systeme zurückführen lassen könnte“ (vgl. Hohm 2000, 17). Außerdem handelt es sich bei den sozialen Systemen nicht um ein theoretisches Konstrukt, sondern um real existierende Systeme, die es in Wirklichkeit gibt und deren Funktionsweise rekonstruiert wird (vgl. Morel 2001, 220).
Im Anschluss an Überlegungen der Allgemeinen Systemtheorie konstatiert Luhmann drei Phasen, die die Entwicklung des Denkens in Systemen bestimmt( vgl. Kneer/ Nassehi 1993, S.47). Er spricht dabei von einem Paradigmenwechsel, d.h. von einem „Wechsel von zugrundegelegten Leitdifferenzen“( vgl. Krause 1996, S.140). Die erste Phase war durch die Leitdifferenz von Teil und Ganzem charakterisiert. Demgemäß ging man vom Konzept des Systems als Ganzheit, das aus mehreren Teilen besteht, aus, wobei das Ganze mehr als sei als die Summe seiner Teile( vgl. Kneer/ Nassehi 1993, S.47). In der zweiten Phase trat die Leitdifferenz von System und Umwelt in den Vordergrund. Systeme werden hier als offene Gebilde konzipiert, die in einem ständigen Austauschprozess mit ihrer Umwelt verflochten sind( vgl. Krause 1996, S.140). V.a. Parsons hat sich auf dieses Paradigma bezogen und sich dabei insbesondere
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet das Thema in der soziologischen Tradition und legt den Fokus auf den theorienvergleichenden Ansatz zwischen Luhmann und Bourdieu.
2. Niklas Luhmann: Es werden die zentralen Pfeiler der Systemtheorie erläutert, insbesondere der Autopoiesis-Begriff, der Sinnbegriff und die funktionale Differenzierung in Teilsysteme.
3. Pierre Bourdieu: Dieses Kapitel beleuchtet Bourdieus praxeologische Theorie mit den Kernbegriffen Habitus, Kapital und Feld als Mittel zur Überwindung des Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus.
4. Bourdieu-Luhmann-Ein Vergleich: Die Theorien werden direkt gegenübergestellt, wobei Unterschiede in der Struktur- bzw. Prozesskategorie sowie in der Bestimmung von Autonomie und Grenzbildung analysiert werden.
Schlüsselwörter
Differenzierung, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu, Systemtheorie, Feldtheorie, Habitus, soziale Systeme, autopoietische Systeme, soziale Felder, Kapital, Praxeologie, strukturalistischer Konstruktivismus, funktionale Differenzierung, soziale Praxis, Machtverhältnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die soziologischen Differenzierungskonzeptionen von Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu im Hinblick auf deren theoretische Ansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Systemtheorie Luhmanns (Funktionssysteme) und die Feldtheorie Bourdieus, sowie deren spezifische Konzepte zu sozialer Differenzierung und gesellschaftlicher Ordnung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die herausarbeitende Gegenüberstellung von Luhmanns Systembegriff und Bourdieus Feldbegriff, um die Unterschiede in deren soziologischem Erkenntnisinteresse und methodischem Vorgehen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturarbeit, die sich vorwiegend auf den Theorienvergleich von Georg Kneer stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundbegriffe beider Soziologen sowie deren anschließende vergleichende Analyse bezüglich Differenzierungsgrad, Strukturlogik und Grenzbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Differenzierung, Habitus, soziale Systeme, Felder, Autopoiesis und Kapital charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich Luhmanns Verständnis von Systemgrenzen von dem Bourdieus?
Luhmann bestimmt Grenzen durch Kommunikation und systeminterne Codes operativ, während Bourdieu Grenzen als Ergebnis fortlaufender Machtkämpfe zwischen Positionsinhabern in sozialen Feldern definiert.
Wie bewertet der Autor den Versuch, beide Theorien zu vereinen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass beide Theorien unterschiedliche Prinzipien verfolgen und sich ihre Ansätze sowie Begriffskonzeptionen nicht ohne Weiteres zusammenbringen lassen.
Was versteht Bourdieu unter dem "sozialen Raum"?
Der soziale Raum fungiert als theoretisch übergeordnetes Modell, in dem Individuen und Gruppen über Dimensionen wie Kapitalvolumen und Kapitalstruktur verortet werden können.
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- Nadja Nemichi (Author), 2005, Ein Vergleich der Differenzierungskonzeptionen von Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu - (Felder vs Systeme), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61482