In Deutschland leben derzeit etwa 7,3 Millionen Ausländer, darunter über 1,7 Millionen türkischstämmige Menschen. Über 411 000 Schüler mit türkischem Hintergrund besuchen allgemein bildende deutsche Schulen. In Nordrhein-Westfalen beträgt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Schulen rund ein Drittel und wird Prognosen zufolge insbesondere in städtischen Kerngebieten in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf 50 Prozent und mehr ansteigen.
Wie deutsche Kinder werden auch Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule vor die Herausforderung gestellt, sich in der deutschen Sprache mündlich und schriftlich adäquat auszudrücken, da dies zur erfolgreichen Teilnahme am Unterricht unerlässlich ist. Die genannten Zahlen über den Anteil an Migranten in deutschen Schulen und die Tatsachen, dass überdurchschnittlich viele Schüler mit Migrationshintergrund die Schule ohne einen Abschluss verlassen und viele andere nur niedrige Abschlüsse erreichen, zeigen, wie dringend notwendig es ist, die deutsche Sprache bei Kindern mit Migrationshintergrund zu fördern. Das Erlernen der deutschen Sprache und Schrift ist nämlich nicht nur ein wichtiger Faktor zur gesellschaftlichen Integration, sondern ebenso der Schlüssel zur Bildung, denn es ist unbestreitbar, dass Bildungschancen zwingend an die Beherrschung der Sprache – und besonders der Schriftsprache – gekoppelt sind.
Doch wie gut sind die Deutschkenntnisse von Migrantenkindern?
Diese Arbeit erhebt die Schreibkompetenz von Primarstufenschülern mit Migrationshintergrund am Beispiel von türkischstämmigen Schülern, da diese in deutschen Klassen mit circa 17 Prozent im Verhältnis zur Gesamtschülerzahl einen enormen Anteil stellen. Es wird eine Analyse und Einschätzung der derzeitigen Schreibkompetenz zweier türkischer Gruppen in der deutschen Sprache vorgenommen. Zudem werden die Texte der türkischen Kinder mit Texten von deutschen Kindern verglichen, wodurch mögliche Ursachen für Fehler abgeleitet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Sprache und Schrift bei Bilingualität
1.1 Aspekte der Sprachlichkeit
1.1.1 Muttersprache – Erstsprache
1.1.2 Zweitsprache
1.1.3 Bilingualität
1.2 Aspekte der Schriftlichkeit
1.2.1 Prozesse beim Erwerb des Schreibens
1.2.2 Bedingungen des Schreiberwerbs bei Bilingualität
1.2.3 Ursachen für Probleme und Fehler des Schreiberwerbs unter Bedingung von Bilingualität
2 Sprachstandsdiagnostik
2.1 Stand der Forschung
2.2 Indikatoren zur Auswertung von Sprachstandserhebungen
2.3 Indikatoren dieser Untersuchung
2.3.1 Wortschatz
2.3.2 Nomen
2.3.3 Verben
2.3.4 Syntax
2.4 Fazit
3 Analyse des Umfelds und der sprachlichen Voraussetzungen der Untersuchungsgruppe
3.1 Zur Auswahl der Grundschulen
3.2 Einverständnis der Eltern
3.3 Beschreibung der Test- und Vergleichsgruppen
3.4 Analyse der sprachlichen Voraussetzungen der Testgruppe
3.5 Ableitung möglicher Ursachen für Fehler und Probleme beim Schreiben
4 Testkonzeption
4.1 Testmaterial
4.2 Lernvoraussetzungen der Testklassen
4.3 Konzeptionelle und didaktische Konsequenzen
5 Auswertung
5.1 Wortschatz
5.1.1 Wortschatzgröße
5.1.2 Wortschatzqualität
5.1.3 Fazit
5.2 Nomen
5.2.1 Genusselektion
5.2.2 Nominalflexion
5.2.3 Fazit
5.3 Verben
5.3.1 Verbflexion
5.3.2 Verbarten
5.3.3 Fazit
5.4 Syntax
5.4.1 Satzformen
5.4.2 VE-, VL-Sätze und fehlerhafte Syntax
5.4.3 Fazit
6 Schlussfazit
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert und beurteilt die derzeitige Schreibkompetenz zweier Gruppen türkischstämmiger Drittklässler in der deutschen Sprache, um den Einfluss von Lernumfeld sowie sozialen und sprachlichen Umweltbedingungen zu bestimmen.
- Empirische Untersuchung der deutschen Schreibkompetenz von türkischstämmigen Grundschülern
- Vergleich von türkischen und deutschen Schülergruppen unter variierenden Lernbedingungen
- Analyse grammatischer Indikatoren wie Wortschatz, Nomen, Verben und Syntax
- Identifikation von Fehlerursachen im Kontext von Mehrsprachigkeit und Schriftspracherwerb
- Erörterung der Bedeutung von vorschulischer Schriftsozialisation und funktionaler Sprachtrennung
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Prozesse beim Erwerb des Schreibens
In den achtziger Jahren wurde erforscht, wie Kinder das Schreiben erlernen und welche Prozesse dabei eine Rolle spielen. Dabei sind verschiedene Modelle zum Lese- und Schreiberwerb entstanden. Eines der ersten Modelle ist das Modell von Frith (1986), das von Günther weiterentwickelt wurde (vgl. Günther 1986, 1987, 1989, 1995) und auf das sich weitere Autoren des deutschsprachigen Raums stützen (vgl. z.B. Sassenroth 1991, Eichler 1986). Andere Vorstellungen über Modelle des Schriftspracherwerbs wurden im englischsprachigen Raum von Marsh/Friedman u.a. (1980), Seymour (1986), Ehri (1987) sowie im Deutschen von Dehn (1988), Valtin (1994) und anderen entwickelt. Ich stelle das Modell nach Günther dar, da es in der Forschung zum Schriftspracherwerb mehrfach auftaucht (vgl. Günther 1986, 1987, 1989, 1995) und von anderen Autoren als Basis für eigene Überlegungen benutzt wird (vgl. z.B. Sassenroth 1991, Eichler 1986).
Das Modell wird im Folgenden nur knapp erläutert. Die präliteral-symbolische, die logographemische und die integrativ-automatisierte Phase werden nicht näher beschrieben, da sie aufgrund des Entwicklungsstands der getesteten Kinder nicht relevant für diese Arbeit sind. Die Untersuchungsgruppe befindet sich hauptsächlich in der alphabetischen und ansatzweise bereits in der orthographischen Phase. In der alphabetischen Phase werden vom Kind in der rezeptiven Modalität (= dem Lesen) noch logographemische Strategien angewandt, aber sukzessive Hypothesen über die Graphem-Phonem Korrespondenz (GPK) gebildet. Die allmähliche Erfassung der GPK ist Kern dieser Phase. Das Kind schreibt also nach dem phonetischen Prinzip: ‚Schreibe, wie du sprichst!’, d.h. einem Laut wird ein Buchstabe zugeordnet. Dies ist ein Fortschritt gegenüber der vorherigen Phase, da das Kind eine Beziehung zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache erkennt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit der Förderung deutscher Sprachkompetenz bei Kindern mit Migrationshintergrund, da Bildungschancen eng mit der Beherrschung der Schriftsprache verknüpft sind.
1 Sprache und Schrift bei Bilingualität: Dieses Kapitel führt in grundlegende Begriffe der Zweisprachigkeit ein und analysiert die speziellen Bedingungen des Schrifterwerbs bei bilingualen Kindern.
2 Sprachstandsdiagnostik: Es werden theoretische Ansätze zur Erhebung von Sprachstand und die entsprechenden Indikatoren in den Bereichen Wortschatz, Morphologie und Syntax diskutiert.
3 Analyse des Umfelds und der sprachlichen Voraussetzungen der Untersuchungsgruppe: Das Kapitel beschreibt das sozio-ökonomische Umfeld der beteiligten Duisburger und Wuppertaler Grundschulen sowie die sprachlichen Voraussetzungen der Schülergruppen.
4 Testkonzeption: Hier werden das verwendete Testmaterial (Bildergeschichte) und die Lernvoraussetzungen der Testklassen für die empirische Erhebung dargelegt.
5 Auswertung: Die empirischen Ergebnisse werden detailliert analysiert, wobei Wortschatz, Nomen, Verben und Syntax der verschiedenen Schülergruppen verglichen werden.
6 Schlussfazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass bei türkischen Schülern auf allen untersuchten Ebenen Defizite bestehen und weist auf die Bedeutung externer Faktoren wie der funktionalen Sprachtrennung hin.
Schlüsselwörter
Schreibkompetenz, Bilingualität, Erstsprache, Zweitsprache, Schriftspracherwerb, Sprachstandsdiagnostik, Genuserwerb, Kasussystem, Interferenz, türkischstämmige Grundschüler, funktionale Sprachtrennung, Verbarten, Syntax, Fehleranalyse, Bildergeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Hausarbeit untersucht empirisch die Schreibkompetenz von türkischstämmigen Drittklässlern an zwei Duisburger Grundschulen im Vergleich zu anderen Schülergruppen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Bilingualität, der Schrifterwerb unter Bedingungen der Mehrsprachigkeit, Sprachstandsdiagnostik sowie die Analyse von Fehlern in den Bereichen Wortschatz, Morphologie und Syntax.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse und Einschätzung der deutschen Schreibkompetenz türkischer Drittklässler und die Klärung, inwieweit soziale und sprachliche Faktoren (wie das Lernumfeld) diese beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine Querschnittstudie, bei der die Texte von Schülern zu einem bestimmten Zeitpunkt anhand definierter Indikatoren (Wortschatz, Genus, Kasus, Verbarten, Satzbau) ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretischen Grundlagen des Schrifterwerbs und der Sprachstandsdiagnostik sowie die empirische Analyse des Umfelds, die Konzeption der Tests und die detaillierte Auswertung der erhobenen Schülertexte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Schreibkompetenz, Bilingualität, Schriftspracherwerb, Genuserwerb und Fehleranalyse definieren.
Wie unterscheidet sich die Testgruppe II von Testgruppe I?
Die Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich des Lernumfelds und der sozialen Bedingungen, wobei Testgruppe II durchgängig schlechtere Leistungen als Testgruppe I zeigt.
Warum ist das Genussystem für die Untersuchung so bedeutend?
Da das Türkische keine Genera kennt, gilt der Genusgebrauch im Deutschen bei diesen Schülern als besonders fehlerbehafteter Bereich, der den Erwerb anderer grammatikalischer Strukturen negativ beeinflussen kann.
Welche Rolle spielt die funktionale Sprachtrennung?
Sie wird als wesentliche Fehlerursache identifiziert: Wenn Deutsch vorwiegend nur in der Schule genutzt wird und zuhause Türkisch dominiert, fehlt der notwendige sprachliche Input und die praktische Übung.
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- Sarah Jordan (Author), 2006, Schreibkompetenz Deutsch. Eine empirische Untersuchung bei türkischstämmigen Duisburger Grundschülern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61489