Gegenüberstellung von Stefan Zweigs 'Schachnovelle' und deren Verfilmung von Gerd Oswald sowie der Nachweis des ambivalenten Charakters dieser Literaturverfilmung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
32 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeiner Vergleich zwischen einem literarischen Werk und einer Literaturverfilmung
2.1. Unterschiede
2.2. Gemeinsamkeiten

3. Stefan Zweig und die „Schachnovelle“
3.1. Inhaltsangabe
3.2. Entstehung der „Schachnovelle“
3.3. Zweigs Lebensbedingungen
3.4. Parallelen zur Realität

4. Vergleich zwischen Stefan Zweigs und Gerd Oswalds „Schachnovelle“
4.1. Formaler Aspekt
4.2. Sprachlicher Aspekt
4.3. Figurendarstellung
a) Dr. B
b) Czentovic
c) Passagiere
d) Nazis
e) Irene Andrini
4.4. Zeitlicher Aspekt
4.5. Gefühlsdarstellung

5. Der Ambivalenzcharakter

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Literaturverfilmung will sowohl „Werktreue“ als auch „Eigenständigkeit“ unter Beweis stellen.1 Einem Regisseur liegt ein literarischer Text zu Grunde, auf dessen Basis er ein audiovisuelles Produkt entstehen lassen will. Die Vorlage als Leitfaden und die eigene Kreativität als Spielraum müssen dabei in Einklang gebracht werden, so dass weder Literatur- noch Filmkritiker die Literaturverfilmung als oberflächliche Nachahmung der Vorlage betrachten oder die Regeln der Filmkunst als missachtet verstehen.2

In dieser Arbeit werden zunächst die beiden Medien Literatur und Film miteinander verglichen. Die Gemeinsamkeiten und vor allem die Unterschiede werden herausgearbeitet, um von dieser Basis aus zu einem konkreten Beispiel einer Literaturverfilmung zu gelangen. In dieser Arbeit wird Stefan Zweigs „Schachnovelle“ und ihre Verfilmung von Gerd Oswald für diesen Zweck verwendet. Nach einer Inhaltsangabe der Novelle sowie der Erläuterung ihrer Entstehung, sollen, um die Hintergründe dieser Novelle besser verstehen zu können, die Parallelen zu Zweigs Lebensverhältnissen und der „Schachnovelle“ gezogen werden. Auf dieser Grundlage, werden die beiden Medien, der Text und der Film, näher betrachtet. Auf inhaltlicher, gestalterischer sowie auf analytischer Basis sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Diese sollen zur Klärung führen, ob und inwieweit die Literaturverfilmung der „Schachnovelle“ sich als ein Werk mit einem Ambivalenzcharakter darstellt.

2. Allgemeiner Vergleich zwischen einem literarischen Werk und einer Literaturverfilmung

2.1. Unterschiede

Der Text bedient sich symbolischer Zeichen „bei denen die Beziehung zwischen Zeichen und bezeichnetem Sachverhalt ausschließlich auf Konventionen beruht“3. Sie sind homogene Komponenten, die der Leser erst im Kopf in eine bildliche Vorstellung umwandeln muss.

Der Film bedient sich im Gegensatz dazu ikonischer Zeichen. Dieses heterogene4 Zeichensystem hat zur Folge, dass beim Film die „visuell-kognitive Objektkonstitution weniger individuell“ ist, als beim Text5. Denn während die Phantasie des Lesers in Aktivität versetzt wird und auf diese Weise ganz eigene Bilder im Kopf entstehen, wird die Kreativität des Zuschauers nur in geringerem Maße angeregt, da ihm die Bilder „vorgesetzt“ werden.

Dies hat zur Folge, dass beim Filme schauen ein Stück individueller Zugriff verloren geht. Dort liegt auch der Grund für eine Enttäuschung, nachdem man eine Verfilmung angesehen hat, deren Vorlage man gelesen hatte. Denn die entstandenen Bilder, die der Regisseur bei dieser Vorlage entwickelt und daraufhin in seinem Film bildlich wiedergibt, stimmen sehr selten mit den eigenen überein.6

Damit einhergehend ergibt sich ein weiterer Unterschied zwischen filmischen und literatischen Werken, die sich auf die Vielfältigkeit der Kommunikationsmittel, die den jeweiligen Medien zur Verfügung stehen, beziehen.

Die Symbole, also die geschriebenen Wörter, deren sich die Literatur bedient, haben eine festgelegte Struktur, die lediglich in Schrift und Größe veränderbar sind. So hat der Schriftsteller nur wenig Möglichkeiten, die formale Form auf einer Variationsbreite zu verändern, so dass die Wirkung beim Leser gesteuert werden kann.7

Beim Film dagegen öffnet sich neben dem ikonischen Zeichnesystem eine weitere Vermittlungsebene.8

Diese Ebene beruht auf vielerlei filmische Gestaltungsmittel, die „eine Variante (sind), über die Präsentation von Wahrnehmungsobjekten hinaus Sinn zu steuern“9 und die Wirkung und Interpretation des Gezeigten verändern können.

Zur Erläuterung dient das von Schachtschabel gegebene Beispiel. Wenn der Regisseur in einer bestimmten Szene der Totalen einen Zoom bis hin zur Großaufnahme eines Gesichts vorzieht, so bewirkt diese Einstellungsgröße beim Zuschauer, dass er größeres Augenmerk auf die Gedanken und Gefühle der gezeigten Person legt, als auf das Geschehen der Szene an sich. So evoziert die Einstellungsgröße eine neue Bedeutungsebene. Außerdem besteht Auswahl darin, ob in Farbe oder in Schwarz/Weiß gedreht wird10, wie die Kamerafahrten und das Licht aussehen oder welche Art der Übergänge beim Schnitt benutzt werden.

Der Ton, der des Weiteren hinzukommt „multipliziert die Möglichkeiten einer heterogenen Informationsvergabe“11.

Durch diese filmischen Gestaltungsmöglichkeiten, die von der Kameraführung über die Lichtführung, der Musikuntermalung und bis über weitere vielfältige Gestaltungsmittel reichen12, schafft der Regisseur ein von der Vorlage unabhängiges fiktives dynamisches Objekt (nach Peirce)13, dass es zu interpretieren gilt.

So häufen sich beim Film die gestalterischen Mittel, die, und damit gelangt man zum nächsten entscheidenden Unterschied zwischen Werk und Film, keinen strengen Regeln unterliegt.14

Denn „die Zeichenfunktion [...] geht (wiederum) auf kein festes Regelsystem der Bild- oder Tonverknüpfungen zurück, das den strengen grammatischen Regelsystemen des verbalsprachlichen Codes vergleichbar wäre“15.

Allerdings muss hier erwähnt werden, dass die beiden Zeichensysteme nicht direkt miteinander verglichen werden können, da die jeweilige Kommunikationsform einen unterschiedlichen „Stellenwert im System“16 hat. Denn „während die lineare Verknüpfung von Einzelzeichen für das literarische Zeichenträgersystem die einzige Form der Textkonstituierung darstellt, ist sie im filmischen Zeichensystem nur ein Teilsystem der Textsyntax“17.

Festgehalten werden kann, trotz einer strittigen Vergleichsgrundlage, dass das Zeichenträgersystem von linguistischen Sprachen in „einem Lexikon und einer Grammatik“18 festgelegt sind und deshalb in seiner Vielförmigkeit eingeschränkt ist.

Die Gestaltungsmöglichkeiten des Films haben jedoch, zwar im weitesten Sinne auf Konventionen beruhend19, ein „unendliches Repertoire“20 an kinematographischen Zeichen zur Verfügung stehen.

Konkrete Beispiele, die die Unterschiedlichkeit der Gestaltungsmittel von Text und Film verdeutlichen, werden anhand der „Schachnovelle“ im Folgenden noch aufgezeigt.

Die literarische Art und Weise, Figuren vor- und darzustellen erfolgt durch die Gebung von Namen. Der Film bedient sich damit, die Figuren zu zeigen, wobei die sprachliche Benennung durch Namen zweitrangig ist.21

Weitere Informationen über die Figuren erfolgen durch Beschreibungen, die durch Benutzung von Adjektiven oder Vergleichen passieren kann22 („...tatsächlich bot McConnor in diesem Augenblick eher den Eindruck eines Boxers vor dem Losschlagen als den eines höflichen Gentlemans.“23).

Die Vorstellung in Bildern, wie z.B. jemand aussieht, als sei er kurz vor einem Boxkampf, muss sich der Rezipient selbst machen. Die Aktivität wird in solchen Momenten vom Leser besoders gefordert und so ist er damit „aktiv am Kommunkiationsprozess beteiligt“24.

Dies ist für den Film nicht nötig. Die Figuren werden durch die in Szene gesetzte Gestik und Mimik der Darsteller präsentiert.

Das Kennenlernen der Figuren läuft also umgekehrt ab.

Im Buch liest man, welche Eigenheiten eine Figur hat und daraufhin entwickeln sich die Bilder einer bestimmten Person im Kopf. Beim Film sieht man als erstes, wie sich die Figur verhält und daraus folgert man, welche Eigenschaften diese Person trägt.

2.2. Gemeinsamkeiten

Auch wenn, wie eben von Schachtschabel zitiert, diese beim Zuschauer „weniger individuell“ (s.o.) ausfällt, lässt sich aus eben Genanntem folgern, dass die Aktivität der Rezipienten in beiden Medien gefordert ist. Denn während der Leser die gelesenen Wörter mit eigenen Bildern zu füllen hat, so hat der Zuschauer die Aufgabe, die gesehenen Bilder in eigene, wörtliche Kategorien einzuordnen und zu klassifizieren.25

Wenn ein Schauspieler in die Rolle einer literarischen Figur schlüpft, transformieren sich alle seine Eigenschaften, wie Statur, Alter oder Stimme.26

In wie weit die Darsteller den Eigenschaften der beschriebenen Personen in der Vorlage entsprechen, ist abhängig von der Intensivität, in der eine Figur überhaupt zuvor beschrieben wurde, sowie von den jeweiligen Assoziationen, die ein Regisseur aus den gegeben Beschreibungen zieht.27

Als gemeinsame Komponenten können die Größen Raum, Personen, Geschehen und Zeit angesehen werden. Diese Paradigmen gelten für alle Erzähltexte und können somit ohne Probleme miteinander verglichen werden.28

Auf dieser Basis können die konkrete Vorlage sowie die Adaption miteinander verglichen werden. Die Komponenten, die vom Text vorgegeben werden, können bei einer Transformation kopiert oder aber auch übergangen werden.29 Übernimmt der Film die Komponenten des Textes, so spricht man von „strukturelle(r) Analogiebildung“, lässt er sie Außen vor, liegt die „strukturelle Kürzung“30 vor.

Ganz gleich, in welchem Maße die Adaption die Vorlage nachahmt oder wie sehr sie eigene Aspekte in die Transformation mit einbezieht, der Rezipient steht bei beiden Medien vor der selben Aufgabe: Herauszufinden, welche Intention hinter dem jeweiligen Werk steckt.

Der Leser und der Zuschauer müssen den selben Weg verfolgen, um ein umfassendes Verständnis vom Dargestellten zu bekommen. Der Ablauf einer Interpretation kann auf die selbe Weise nachvollzogen werden. Die „methodischen Kriterien“31 werden herausgestellt, um weiter deren Funktion zu verstehen und so allmählich zur vollständigen Interpretation zu gelangen.

[...]


1 Schachtschabel, Gaby, Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung, Mit einer Beispielanalyse von Theodor Fontanes Roman Effi Briest und dessen Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder. Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main. 1984. S.12 im Folgenden abgekürzt mit Schachtschabel

2 Schachtschabel, S.11

3 Mundt, Michaela: Transformationsanalyse – Methodologische Probleme der Literaturverfilmung. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1994. im Folgenden abgekürzt mit Mundt

4 Mundt, S. 17

5 Schachtschabel S. 65

6 Schachtschabel S. 65

7 Mundt S. 19-20

8 Schachtschabel S. 67

9 ebenda

10 Mundt S. 19-20

11 Mundt S. 20

12 Schachtschabel S. 67

13 Schachtschabel S. 26

14 Mundt S. 21

15 ebenda

16 Mundt S. 22

17 ebenda

18 Mundt S. 21

19 Mundt S.21

20 ebenda

21 Mundt S. 42

22 ebenda

23 Zweig, Stefan: Schachnovelle. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1988. S. 30 im Folgenden abgekürzt mit Zweig

24 Mundt S. 42

25 Mundt S. 43-44

26 Mundt S. 52

27 ebenda

28 Mundt S. 27

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Gegenüberstellung von Stefan Zweigs 'Schachnovelle' und deren Verfilmung von Gerd Oswald sowie der Nachweis des ambivalenten Charakters dieser Literaturverfilmung
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Schriftsteller im Exil
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V61537
ISBN (eBook)
9783638549721
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gegenüberstellung, Stefan, Zweigs, Schachnovelle, Verfilmung, Gerd, Oswald, Nachweis, Charakters, Literaturverfilmung, Schriftsteller, Exil
Arbeit zitieren
Monique Schlömer (Autor), 2005, Gegenüberstellung von Stefan Zweigs 'Schachnovelle' und deren Verfilmung von Gerd Oswald sowie der Nachweis des ambivalenten Charakters dieser Literaturverfilmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61537

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