Der Mythos Großstadt in der Literatur am Beispiel des Romans Manhattan Transfer von John Dos Passos


Seminararbeit, 2005
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1. Angaben zu Autor und Werk
1.2. Der Mythos Stadt in der Literatur
1.3. New York zur Zeit der Romanhandlung
1.4. Thematik und Untersuchungsschwerpunkte

2. Spezifika der Romankonstruktion
2.1. Die narrative Instanz
2.2. Kinematographisches Schreiben in Manhattan Transfer
2.3. Die einleitenden Passagen oder „Prosagedichte“

3. Die Darstellung der Stadt
3.1. Leitmotive und Ordnungsmechanismen
3.1.1. Spezielle Räume
3.1.2. Das „Lady Godiva“-Motiv
3.2. Das Wesen der Stadt: “Moloch” Megametropole
3.3. Fatalismus als herrschende Geisteshaltung
3.3.1. Präsentation einiger Stadtbewohner
3.3.2. Beispiele sich kreuzender Lebensläufe
3.4. New York - Das neue Babylon?. Biblische Stadtmotive in Manhattan Transfer

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Angaben zu Autor und Werk

John Dos Passos kommt 1896 in Chicago als unehelicher Sohn einer amerikanischen Mutter aus aristo-kratischen Verhältnissen sowie eines Anwalts, dessen Vater aus Portugal emigrierte, zur Welt. Bereits in jungen Jahren bereist er Europa und verfasst schon früh Geschichten und Artikel. Im Jahr 1917 macht Dos Passos eine Ausbildung zum Sanitätssoldaten. Er verbringt daraufhin einige Zeit in Italien und vor allem in Frankreich. Das Erlebnis des Krieges wird seine Texte prägen. Vom Frühjahr 1919 bis Ende 1922 bleibt er wie Hemingway als Zivilist in Paris und in Spanien. Zwischen 1922 und 1925, dem Erscheinungs-jahr von Manhattan Transfer, lebt er dann hauptsächlich in New York.

John Dos Passos entwickelt zumindest in den ersten Jahrzehnten seines Lebens ein ausgeprägtes politi-sches und gesellschaftliches Bewusstsein, das beeinflusst ist von einer liberalen Grundanschauung und der Kritik am aufstrebenden kapitalistischen Amerika.

Zu seinem Hauptwerk gehört neben Manhattan Transfer die Trilogie USA, bestehend aus den Romanen The 42nd Parallel (Der 42. Breitengrad, 1930), 1919 (1932) und The Big Money (Die Hochfinanz, 1936).

John Dos Passos stirbt 1970 in Baltimore.

1.2. Der Mythos Stadt in der Literatur

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts finden sich in der abendländischen Literatur vermehrt Texte, die um das Thema „Stadt“ kreisen. Mit der Entstehung der modernen Metropolen und einer zunehmenden Verein-nahmung des Menschen durch den städtischen Lebensraum gewinnt die Stadt immer mehr an Einfluss auf das künstlerische Schaffen. Die Einbeziehung des Stadtmotivs in die Literatur war zum Zeitpunkt des Er-scheinens von Manhattan Transfer zwar nicht gänzlich neu, da sich schon antike Dichter wie Horaz und Vergil diesem Sujet widmeten. Jedoch gilt Alain-René Lesage’s Diable boîteux aus dem Jahr 1707 als einer der ersten europäischen Romane, der um das Thema Großstadt kreist. Im 19. Jahrhundert hatten unter anderem Der Glöckner von Notre Dame (1831) von Victor Hugo und Der Bauch von Paris (1873) von Emile Zola die Stadt und die in ihr lebenden Menschen zum Thema.

Manhattan Transfer schließlich ist einer der ersten Stadtromane des 20. Jahrhunderts. Seine Thematik ist stark beeinflusst von der fortschreitenden Industrialisierung und deren Wirkung auf die Gesellschaft. Die Stadt wird dargestellt als mythische Projektionsfläche für die menschlichen Sehnsüchte und zugleich als Moloch, der die Menschen unbarmherzig verschlingt. Hinter der naturalistischen und objektiven Beschrei-bung der New Yorker Gesellschaft kommt die sozialkritische Haltung Dos Passos’ zum Vorschein, die auch die Romane anderer amerikanischer Autoren seit der Jahrhundertwende prägt, darunter diejenigen des frühen Upton Sinclair, Ernest Hemingways oder William Faulkners.

1.3. New York zur Zeit der Romanhandlung

Der Roman Manhattan Transfer spielt zur Zeit der Schmelztiegel-Ära: Er beginnt um 1875, und bereits zu diesem Zeitpunkt besitzt New York den Charakter einer Metropole, sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Die stetigen Zuströme von Einwanderern aus aller Welt – die meisten gelangen per Schiff in die Stadt – verdeutlichen, wie stark der „Mythos Manhattan“ schon damals die Vorstellungen der Menschen prägte. New York ist Teil der Neuen Welt, die es zu erobern gilt, in der man schnell zu Ruhm, Geld und Ehre gelangt, solange man sich nur anstrengt.

New York wächst kontinuierlich und nimmt bald bedrohliche Ausmaße an: Seit dem späten 19. Jahrhund-ert steigt die Einwohnerzahl von 1,9 Millionen Menschen (1875) auf 4,2 Millionen (um 1900) an, und im Jahr 1925 hat New York bereits 7,7 Millionen Einwohner. Baulärm, beengte Verhältnisse und Hektik prä-gen den Alltag der Bewohner. All diese und noch weitere Ausprägungen des „Molochs“ Großstadt wer-den in Manhattan Transfer thematisiert und hervorgehoben. Die Beobachtung durch das „Kamera-Auge“ (siehe Kapitel 2) und der damit einhergehende Anspruch auf Authentizität tragen dazu bei, den Mythos Manhattan in vielen Facetten als trügerisch zu entlarven.

1.4. Thematik und Untersuchungsschwerpunkte

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die Konstruktion des Romans einige Besonderheiten aufweist: Sie ist zum einen durch Schnitt und Montage, wie man sie von Filmen kennt, beeinflusst und prägte den Begriff des Kinematographischen Schreibens. Zum anderen gibt es in Manhattan Transfer keinen fortlaufenden Handlungsstrang, ebenso wenig wie einen Erzähler im traditionellen Sinn. (Siehe Kapitel 2).

Der Roman besteht aus drei unbetitelten Büchern bzw. ‚Sections’, von denen das Zweite Buch am umfangreichsten ist – es beinhaltet acht Kapitel – wohingegen das Erste – und das Dritte Buch jeweils aus fünf Kapiteln bestehen. Ein Kapitel besteht jeweils aus mehreren Szenen. Insgesamt betrachtet besteht Manhattan Transfer aus 133 unverbundenen Szenen, in denen der Roman die Stadt und ihre Bewohner meist aus dem eingeschränkten Blickwinkel der Figuren betrachtet.

Dos Passos beleuchtet in Manhattan Transfer die menschliche Existenz in ihren multiplen Facetten. Dabei ist die negative bzw. fatalistische Grundstimmung im Verhalten der Figuren ein weiteres hervorstechendes Textmerkmal und steht in Wechselwirkung mit dem Wesen der Stadt (Siehe Kapitel 3).Eine Heldin bzw. einen Helden sucht man vergeblich; vielmehr werden uns eine Fülle an Personen vorgestellt, deren Lebensläufe sich nach und nach zusammensetzen zum Panorama der Stadt New York.

2. Spezifika der Romankonstruktion

Im diesem Kapitel werden die Besonderheiten der Romankonstruktion näher betrachtet. Sie sind angelehnt an das Medium Film, und diese Tatsache bewirkt, dass der Erzähler, der in Manhattan Transfer nicht als eine Person identifizierbar ist, zugunsten der bereits weiter oben angesprochenen scheinbaren Authentizität des Geschehens in den Hintergrund rückt.

2.1. Die narrative Instanz

Es gibt in Manhattan Transfer keinen Erzähler, der als eigenständige Person in die Handlung eingreift. Vielmehr handelt es sich im Roman um ein erzählendes Subjekt, das im Folgenden als „narrative Instanz“ bezeichnet wird. Diese „entpersonalisierte“ narrative Instanz tritt im Roman nie als „Ich“ auf und auch nicht in Form von Wertungen oder Kommentaren. Sie entfernt sich aber nie aus dem Einsichtskreis ihrer Figuren. Aufgrunddessen kann festgestellt werden, dass im Zusammenhang mit der kinematographischen Schreibweise des Romans (siehe Kapitel 2.2), die narrative Instanz wie ein „Regisseur“ beim Film die Erzählstränge in der Hand hält.

Des weitern herrscht keine einheitliche Perspektive im Text vor: Die Stadt wird in ihren Ausprägungen von jeder der Figuren je nach Stimmung unterschiedlich wahrgenommen. Die Architektur, das Licht, der Lärmpegel etc. spiegeln den Gemütszustand der gerade beleuchteten Person wider:

An den Ecken regenschäumender Straßen gähnten ihnen Kneipen hell entgegen. Gelbes Licht aus Spiegeln und Messingstangen und vergoldeten Rahmen um die Bilder rosignackter Weiber wogte und patschte in die Schnapsgläser, [...], sickerte hell durchs Blut, quoll blasig aus Augen und Ohren, troff sprühend von den Fingerspitzen. Zu beiden Seiten hoben und senkten sich die regenfinsteren Häuser, Straßenlampen schwankte,[...] 1

Die „Stream-Of-Consciousness“ – Technik

Es sind ausschließlich die Personen, die reden, denken und sich Assoziationen hingeben. Sie erhalten Raum für ihre Gedanken und Empfindungen, und die Monologe und Dialoge sind nicht durch Einschübe oder Bemerkungen eines Erzählers unterbrochen. Diese besondere Technik des „Stream of Consciousness“ , zu deutsch: Bewusstseinsstrom, wird als Stilmittel seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer häufiger in der modernen Literatur eingesetzt2. Der Bewusstseinsstrom ist eine radikalere Form des Inneren Monologes, die auf eine geordnete Syntax verzichtet und rational nicht gesteuerte Bewusst-seinsabläufe scheinbar „authentisch“ in aller ihrer Inkohärenz darstellt.3 Dieses literarische Stilmittel produziert einen Effekt der Unmittelbarkeit des Geschehens, als würden die Gedanken ’live’ gedacht. Ein Beispiel: Jimmy Herf, aber natürlich nicht nur er, verleiht oft in Assoziationen und Bewusstseinsströmen seinem Gefühl, die Stadt nehme ihm die Luft zum Atmen, Ausdruck. Seine Gedanken wirken „echt“, als würden sie in dem Moment gedacht, in dem der Leser sie liest.

Warum höre ich nicht endlich auf, in diesem verrückten, epileptischen Steinhaufen ein elendiges Dasein zu fristen?“4

Auch in Ellens Gedanken erhält der Leser Einblick:

An der Manhattanfähre mussten sie umsteigen. [...]Die Räder ratterten in ihrem Kopf, sangen Manhattan – Trans – fer – Manhattan – Trans – fer. Auf jeden Fall ist es noch weit bis Atlantic City. Wenn wir erst einmal in Atlantic City sind...Oh, es regente vierzig Tage... Ich bin so froh... Und es regnete vierzig Nächte... Ich muss froh sein...5

2.2. Kinematographisches Schreiben in Manhattan Transfer

Der Begriff „Kinematographisches Schreiben“ bedeutet, dass der Roman ähnlich wie ein Film konstruiert ist. Die Szenen sind wie aneinander „montiert“; Reihung und Überschneidung der erzählten Ereignisse lassen deutlich werden, dass die Montage das Konstruktionsprinzip des Textes ist. In diesem Buch wie auch im Film wird Momentaufnahme an Momentaufnahme aneinandergesetzt. Es entstehen zeitliche Diskontinuitäten, die Chronologie der Ereignisse hat Sprünge. Die Lebensläufe der Personen, die im Roman auftreten, werden jeweils nur kurz beleuchtet. Dos Passos arbeitet hier mit der sogenannten Spotlight-Technik. Dieser Begriff kann wörtlich verstanden werden: Auf jede der Figuren, sei es, dass sie einmal oder mehrere Male „auftaucht“, erhaschen wir nur einen kurzen Blick, bevor sie wieder ein Teil der Masse wird. Zusammen ergeben diese Methoden ein kaleidoskopartiges Bild der Stadt New York und ihrer Bewohner. Dos Passos präsentiert uns die Stadt anhand der zerstückelten, episodenhaften Lebensläufe seiner Figuren. Es sind Momentaufnahmen und Alltagssituationen, die durch die ausschließlich beobachtende Tätigkeit der narrativen Instanz einen möglichst unbefangenen Blick auf die Stadt bieten wollen.

Indem Dos Passos verschiedene Individuen jeweils nur für kurze Zeit in ihrem Massendasein beleuchtet, hebt er den anonymen Charakter der Großstadt hervor. Das Romangeschehen wirkt wie durch ein „Ka-mera-Auge“ beobachtet, da sich, wie oben bereits angedeutet, die Erzählinstanz nicht aus dem Einsichts-kreis der Figuren herausbewegt. Diese Technik hat den Effekt, dass die Ereignisse unmittelbar und au-thentisch wirken. Der folgende Textausschnitt verdeutlicht dies:

[...] Es war Mittag, das letzte Geld zum Teufel. Über seinem Kopf donnerte die Hochbahn. [...]da er nicht wusste, wohin er sich wenden sollte, buchstabierte er zum dritten Mal mit lauter Stimme die Straßennamen. Eine schwarzlackierte Droschke, von zwei schwarzen blankgestriegelten Pferden gezogen, bog dicht vor ihm in scharfem Tempo um die Ecke, [...]In der Droschke redet ein Mann mit braunem Filzhut heftig auf eine Frau ein, die eine graue Federboa um den Hals und graue Straußenfedern auf dem Hut trägt. Der Mann setzt einen Revolver an den Mund. Die Pferde bäumen sich und schlagen aus, und die Leute laufen zusammen. Polizei schafft sich mit den Ellbogen Bahn. Sie holt den Mann auf das Trottoir heraus, er speit Blut, sein Kopf hängt schlaff auf die karierte Weste herab. Hoch aufgerichtet und bleich steht die Frau neben ihm, ihre Hände zupfen an der Federboa [...] 6

Auffällig an dieser Textstelle ist der Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens. Nachdem die Kutsche um die Ecke gebogen ist, wird Bud darauf aufmerksam, dass ein Mann im Begriff ist, sich im Beisein sei-ner Frau das Leben zu nehmen.

Durch den Wechsel von der Vergangenheit zur Gegenwart ergibt sich der Effekt der Unmittelbarkeit, so als ob das Geschehen von einem Sensationsreporter live kommentiert würde. Ebenfalls auffällig ist, trotz der „Liveatmosphäre“ des Textes, die innere Distanz Buds zum Geschehen. Es handelt sich hier um ein kleines Drama, aber nichts in dieser kurzen Textpassage deutet auf ein Gefühl des Mitleids oder des Schreckens hin - es handelt sich hier um ein rein visuelles Erleben. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass es in MT keinen Erzähler gibt, also müssen es Buds Gedanken sei, in die der Leser hier Einblick hat.

Bud ist jedoch mit diesem Ereignis überfordert und erfährt Sekunden später schon wieder am eigenen Leib, wie hart es in dieser Stadt zugeht:

„Aus dem Weg, aber dalli!“ – Ein Blauer stieß Bud den Ellbogen in den Magen. Buds Knie zitterten. Er drängte sich durch die Menge und ging zitternd weg. [...]7

2.3. Die einleitenden Textpassagen oder „Prosagedichte“

Zu Anfang jedes Romankapitels steht in Kursivschrift eine einleitende Sequenz. Es handelt sich dabei um kurze Textpassagen, deren Inhalt in Metaphern und Onomatopöien bzw. Lautmalereien das zentrale Thema des jeweiligen Kapitels umkreist. Stilistisch betrachtet sind die Passagen eine vielseitige Mischung aus poetisierender Prosa, Ausschnitten aus Zeitungsartikeln und Liedtexten, Schlagzeilen und Schlagwörtern, zum Teil auch Dialogen. Stellenweise haftet den Passagen eine biblisch-mythische Stimmung an und sie sind durchgehend in bildhafter Sprache verfasst. Ein nicht zu identifizierender Erzähler betrachtet die Stadt aus der Distanz, während die narrative Instanz im übrigen Erzählverlauf die fiktive Gegenwart der Romanfiguren vermittelt. In der Folge werden zwei der Passagen vorgestellt:8

a-Einleitung des Kapitels „Dampfwalze“:

„Dämmerung glättet sanft die sprödwinkligen Straßen. Dunkelheit lastet schwer auf der dampfenden Asphaltstadt, zermalmt das Netzwerk der Fenster und Ladenschilder und Wassertanks und Schornsteine und Ventilatoren und Feuerleitern und Simse und Kantenrisse und Wellblechformen und Augen und Hände und Schlipse, zermalmt sie zu blauen Klumpen, zu schwarzen, riesigen Blöcken. Unter dem wälzenden, immer schwereren Druck platzt aus Fenstern grelles Licht. Die Nacht quetscht helle Milch aus Bogenlampen, presst die trüben Häuserblocks, bis sie rot, gelb, grün in die Straßen tröpfeln, die von Schritten widerhallen. Überall sickert Licht aus dem Asphalt. Licht sprüht aus den Schriften an den Dächern, wirbelt schwindelerregend zwischen den Rädern, färbt wälzende Tonnen Himmel“9

Diese Einleitung geht dem letzten Kapitel des Ersten Buches voran. Diese Textstelle ist keine objektive Darstellung des Stadtgeschehens, vielmehr eine abstrakte, assoziative Reflexion, die Bilder evoziert, die aus der expressionistischen Malerei stammen könnten. Licht spielt, ebenso wie ein gewisser „organischer“ Charakter in dieser Einleitung eine große Rolle. Die Merkmale der Stadt sind hier symbolisch überhöht. („Dunkelheit lastet schwer auf der dampfenden Asphaltstadt“). Einmal mehr wirkt die Stadt als ein Mo-loch („zermalmt sie zu blauen Klumpen“), der mit Urkräften ausgestattet ist. Starke Farben, grelles Licht, im Gegensatz zur herrschenden Nacht, sind dafür Indizien. Das Sujet des Drückens und Pressens, das die Passage beinhaltet, hat zwei Ebenen: einerseits wird hier ein Kräftemessen zwischen der Natur und ihrer Widerphysis (gleich New York) beschrieben, denn die Stadt hat eigene Gesetzmäßigkeiten und behält die Oberhand. Andererseits ist die Passage eine Vorwegnahme auf das Sujet des Kapitels, in dem die Perso-nen einem inneren oder äußeren Druck ausgesetzt sind, der durch die immer präsente und, wie oben les-bar ist, fast organische Stadt hervorgerufen wird. (Beispielsweise der 16-jährige Jimmy Herf, der plötzlich gezwungen ist, eine Entscheidung für oder gegen eine geregelte Zukunft zu treffen. Er wird sich dagegen entscheiden.)Volker Klotz hat richtig festgestellt, dass in dieser wie auch in den meisten anderen Prosage-dichten der Stil „ungleich bewegungsgeladener und dingbefrachteter“9a ist als in der Prosa der Szenen.

b- Einleitung des Kapitels „Stern des Tages“:

Die Sonne ist nach Jersey gerückt, die Sonne steht hinter Hoboken.

Hüllen schnappen über Schreibmaschinen, Rolladenschreibtische schließen sich, Aufzüge fahren leer in die Höhe, kommen vollgepfropft herunter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flatbush, Woodlawn, Dyckman Street, Sheepshead Bay, New Lots Avenue, Canarsie.

Rosa Zeitungen, grüne Zeitungen, graue Zeitungen. SÄMTLICHE BÖRSENKURSE. SPORTRESULTATE. Lettern wirbeln über ladenmüde, büromüde, schlaffe Gesichter, wunde Fingerspitzen, schmerzende Fußrücken, muskulöse Männer, Gedränge im U-Bahn-Expreß, SENATORS-GIANTS 8:2. 800.000 gestohlen.

Es ist Ebbe in der Wallstreet, Flut in der Bronx. Die Sonne ist in Jersey untergegangen.“. 10

In dieser einleitenden Passage wird das Ende eines Arbeitstages beschrieben. Zu Anfang sinkt die Sonne, und parallel dazu am Ende ist sie untergegangen. Dies ist der monotone Rhythmus, der das Leben der meisten Stadtbewohner prägt.. Allerdings werden „Menschen“ hier nicht explizit genannt, nur ihr selbstgeschaffener Lebensraum Stadt, der aus Schreibmaschinen, Aufzügen, Zeitungen besteht. Die Stadt „bewegt“ die Masse, und dies in einem ewigen, wiederkehrende, monotonen Rhythmus mit regelmäßigem Zeitplan. Dieser Zeitplan der Bewegungen der Stadt wird hier mit den Naturkräften des Meeres – Ebbe und Flut – verglichen. Es ist Ebbe in den Geschäftsvierteln, in denen die meisten Arbeiter und Angestell-ten beschäftigt sind; es folgt die Formation der ‚Welle’: Die Masse setzt sich in Bewegung, um in Fahr-stühlen, der U-Bahn etc. nach Hause zu fahren, um schließlich in den umliegenden Wohnvierteln anzu-kommen. Die Darstellung des Geschehens ist kosmisch überhöht durch die Sonne, die dem Text einen Rahmen gibt. Das Geschehen unterliegt einem eigenartigen Sog, dessen Ursache im Verborgenen liegt, vergleichbar den Naturkräften des Meeres, dessen Wirkung man aber sehen und spüren kann. Die Masse kann diesen Kräften nichts entgegensetzen, noch sie verstehen. Sie kann sich ihnen nur unterordnen. Die Stadt ist (Natur)gesetz.

New York selbst ist diese Naturgewalt, die vergleichbar einem rhythmisierenden Motor „funktioniert“ und den Takt vorgibt, nach dem das Leben der Einwohner abläuft.

[...]


1 Manhattan Transfer (1925), in der Folge abgekürzt mit MT, S. 102

2 Vgl. v. Wilpert (1979), S. 793: Die Erzähltechnik des „Bewusstseinsstroms“ ist eine von E. Dujardin (1987), J. Joyce, V. Woolf u.a. entwickelte moderne Erzähltechnik insbes. im Roman, die eine unvermittelte u. assoziative Folge von Gedanken anstelle der Erzählhandlung setzt. […]

3 Vgl. Martinez/Scheffel (2000), S. 186/187

4 MT, S. 207

5 ebenda, S. 127

6 MT, S. 67

7 selbe Szene

8 original „prose-poems“, gelesen bei Wrenn (1961), S. 122 ff.

9 MT, S. 121

9a Klotz (1969), S. 365

10 MT, S. 182

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Mythos Großstadt in der Literatur am Beispiel des Romans Manhattan Transfer von John Dos Passos
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Proseminar: Der Mythos Stadt in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V61545
ISBN (eBook)
9783638549806
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos, Großstadt, Literatur, Beispiel, Romans, Manhattan, Transfer, John, Passos, Proseminar, Stadt
Arbeit zitieren
Annette Langen (Autor), 2005, Der Mythos Großstadt in der Literatur am Beispiel des Romans Manhattan Transfer von John Dos Passos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61545

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