Der Universalroman "Der Jüngere Titurel" von Albrecht von Scharfenberg im Vergleich zum 'Älteren Titurel' von Wolfram von Eschenbach


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
31 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Der „Jüngere Titurel“ von Albrecht von Scharfenberg
1.1. Eine Vorbemerkung zur Entstehung des Werkes
1.2. Die Vorlagen des Werkes „Jüngerer Titurel“

2. Fragment-Einbau und Inhaltsangabe

3. Das Brackenseil und seine Inschrift
3.1. Die Rolle des Brackensseils im Roman
3.2. Die Lebenslehre in der Inschrift des Brackenseils
3.3. Zusammenfassende Konzeption der Brackenseilinschrift bei Albrecht

4. Die Konkretisierung und Weitererzählung des Romans durch Albrecht

5. Die Gründe und das Ziel der Um- und Aufarbeitung durch albrecht

6. Die eigene Qualität des ,,Jüngeren Titurel“
6.1. Der Reim im „Jüngeren Titurel“
6.2. Die Sprache im „Jüngeren Titurel“

7. Schlussbemerkung

8. Literaturangaben

0. Einleitung

In dieser Hausarbeit mit dem Thema „Der Universalroman ‚Der jüngere Titurel’ von Albrecht von Scharfenberg im Vergleich zum ‚(Älteren) Titurel’ von Wolfram von Eschenbach“ möchte ich hauptsächlich auf die eigene Qualität des Albrechtschen Titurels eingehen, dies allerdings kontrastiv zu Wolframs Werk setzen.

Im Folgenden werde ich eine kurze Vorbemerkung zur Entstehung und zu den Vorlagen dieses Großepos´ geben und dann anschließend auf den Einbau der Wolframschen Fragmente eingehen. Innerhalb des Werkes erscheint mir die Darstellung der Brackenseilepisode sowie der Brackenseilinschrift als äußerst wichtig. An diesem Beispiel werde ich einen der Hauptunterschiede zwischen dem Werk Wolframs und Albrechts aufzeigen. Des Weiteren werde ich die Weiterführungen und Konkretisierungen Albrechts in einigen Punkten verdeutlichen und auf die Gründe dieser Um- und Aufarbeitung eingehen.

1. Der „Jüngere Titurel“ von Albrecht von Scharfenberg

1.1 Eine Vorbemerkung zur Entstehung des Werkes

Der „Jüngere Titurel“ von Albrecht von Scharfenberg kann als das anspruchvollste und ehrgeizigste Unternehmen späthöfischer Epik gelten. Zum einen wegen dem großen Umfang von über 6300 Strophen, - dies ist mehr als das Gesamtwerk Wolframs ausmacht -, und zum anderen wegen der künstlerischen Intention und der konzeptionalen Anlage[1]. Im „Jüngeren Titurel“ erfolgte die konsequenteste Wolfram-Nachfolge. Albrecht von Scharfenberg schrieb dieses Werk zwischen 1260 und 1272/ 73. Dieser Universalroman, oder auch nach H. de Borr als Großepos bezeichnet, entstand unter der Protektion des Markgrafen Heinrich des Erlauchten von Meißen und seiner beiden Söhne Albrecht und Dietrich. Dieses Werk wendete sich an ein elitäres Publikum. Trotzdem verbreitete es sich und gelangte zu Ruhm[2].

1.2 Die Vorlagen des Werkes „Jüngerer Titurel“

Der sogenannte ,,Jüngere Titurel" gibt uns lediglich in einem Bruchstück den Namen des Verfassers bekannt: einen gewissen Albrecht. Laut Angabe im Text entstand das Werk etwa fünfzig Jahre nach Wolframs Tod, vermutlich um 1270. Die nur 170 Strophen des ,,(Alten) Titurel" Wolframs sind hier „,aufgebläht“ zu einem gewaltigen Romanwerk von über 6300 Strophen. Aus der Liebesgeschichte bei Wolfram wird in Albrechts Dichtung ein „Schionatulander-Parzival-Artus-Gral-Roman“[3].

Im weit größten Teil des Werkes nennt der Autor sich selbst „Wolfram“[4] - eine Maskerade, die auf die zeitgenössischen Zuhörer einen großen Reiz ausgeübt haben mag. Ein Versteckspiel allerdings, das die Forschung lange Zeit diesen Roman mit dem Vorwurf des Plagiats beiseite schieben ließ und gleichzeitig die zeitliche Einordnung und Vermutungen über den Schreiber so schwierig gestaltet.

Albrecht sieht seine erklärte Aufgabe vor allem in der Vollendung des von Wolfram hinterlassenen Fragmentes[5]: Hierbei übernimmt er Wolframs Strophen fast wörtlich, mit zusätzlicher metrischer Bearbeitung[6], und stellt gelegentlich die Reihenfolge um[7]. Als Beispiel diene die erste Strophe des „(Alten) Titurel“:

Dô sich der starke Tyturel mohte gerüeren,
er getorste wol sich selben unt die sîne in sturme gefüeren.
sît sprach er in alter: ’ich lerne,
daz ich schaft muoz lâzen. des phlac ih schône unt gerne.[8]

die sich bei Albrecht in Strophe 500 wiederfindet:
Do Tyturel der starke sich mocht hie vor ger°uren,
uz forchtlichem parke getorste er wol di sine in sturme f°uren.
sint sprach er in alter: ‚ich nu lerne,
daz ich schilt m°uz lazen des pflac ich ettewenne schon und gerne
[9].

Wolfram von Eschenbach hatte bereits im „Parzival“ die tragische Liebesgeschichte von Schionatulander und Sigune mit Rückblenden skizziert. Hier begegnet Parzival Sigune, welche um ihren Gatten Schionatulander trauert, da dieser von Orilus erschlagen worden war. In den beiden Fragmenten des „(Älteren) Titurel“ wird nach einem Überblick der Familienzusammenhänge, die Kinderminne des Paares, der Aufbruch Schionatulanders zu seiner Orientfahrt und dessen Rückkehr sowie die Brackenseilepisode beschrieben. Doch auch wenn man die „Sigune-Szenen“ des „Parzivals“ mit einbezieht, bleiben wesentliche Fragen offen. Deutlich wird hier allerdings, dass das Konzept einer Integration der Gegenwelt über einen symbolischen Durchgang durch den Tod, wie bei Chrétien, aufgegeben wurde, da der Held auf seiner âventuiren -Fahrt stirbt, zu der ihn seine Geliebte geschickt hatte.

Am Ende steht im „Titurel“ von Wolfram nicht das arthurische Fest, sondern eine einsame Klause, in welche sich Sigune mit ihrem toten Geliebten zurückzieht[10].

Angesichts des Fragmentcharakters des Romans ist es schwierig, die Akzente sicher zu setzen. Was wollte Wolfram damit demonstrieren? Was bedeutet der Auftrag Sigunes und welche Symbolik hat die Suche nach der Hundeleine?

Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts führte ein gewisser Albrecht durch Nutzung der „Wolframmaske“[11] die traurige Liebesgeschichte zwischen Schionatulander und Sigune zu Ende. Das Werk galt noch bis zu Karl Lachmann als eine originale Schöpfung von Wolfram von Eschenbach. Erstaunlich ist, dass es sich um eine planmäßige Umstellung Albrechts handelt. Dieser nennt sich Wolfram (von Eschenbach), lässt sich von Frau Âventuire derart anreden und hält mit Raffinement die Fiktion aufrecht, dass er am Hofe Hermanns von Thüringen lebe und dichte. Natürlich war dem zeitgenössischen Publikum die Fiktion des Autors bekannt und sie sahen dies als ein Gesellschaftsspiel, welches der Vortragssituation einen zusätzlichen Reiz verlieh. Erst kurz vor Schluss gibt Albrecht zu: „Die aventuire habende bin ich Albreht vil gantze[12]. Doch schon kurz darauf fällt er wieder in seine Maskerade zurück[13]. Die Nachwelt kaufte Albrecht diese Berichtigung nicht ab, übersah Albrechts Nennung oder hielt sie für eine Fälschung. Das Spiel mit der „Wolfram-Maske“ wurde so zu einer überlieferungsgeschichtlichen Realität[14]. Diese Maskerade stellt dennoch keinen Betrug dar, sondern Huldigung und Verehrung gegenüber Wolfram, denn sein Publikum wusste darüber Bescheid[15].

2. Fragment-Einbau und Inhaltsangabe

Wie bereits erwähnt baute Albrecht um die beiden Wolframfragmente einen Universalroman von über 6300 Strophen, welche er zuerst mit einer Vorgeschichte versah. Albrecht nutzte die Materialien Wolframs und rollte die Geschichte der Gralsfamilie neu auf. Dabei wird das Geschlecht der Gralsfamilie historisch nach einem bekannten Modell vom Ursprung der „ritterschaft[16] auf Troja und Rom zurückgeführt. Das bedeutet, dass der Sohn des Stammvaters Senabor von Kapadozze in Rom die Kaiserstocher heiratet und deren Sohn ist dann Titurel, welcher Frankreich als Lehen erhielt. In der Folge kam es zu einer „trojanisch-römischen Herrschaftstranslation nach Westen“. Titurel erhielt Unterricht in Grammatik und Ritterschaft, doch seine Mutter wollte ihn vor der Minne bewahren, da ein Engel angeordnet hatte, dass Titurel keusch leben müsse. Er machte sich auf Grund der Ovid-Lektüre eine recht seltsame Vorstellung von der Minne und erst seine Lehrmeister erklärten ihm den Unterschied zwischen wahrer und falscher Minne. Die beiden Zentralbegriffe der Ethik der Gralsfamilie sind so genannt: kiusche und Gottesliebe[17]. Der Stammbaum des christlich-trojanischen Geschlechts kann zeitlich genau fixiert werden. Von kaiserlichem Blute ist Titurel durch die Großmutter väterlicherseits und Albrecht schafft dynastische Beziehungen zu den spanischen Reichen[18]. Gott sendete Titurel, mittlerweile fünfzig Jahr alt und noch immer jungfräulich geblieben[19], durch einen Engel den Gral und ihm wird der Weg zum Munt Salvasch gewiesen, auf dem der Gralstempel gebaut werden soll. Die Beschreibung dieses Bauwerks gehört nach Walter Haug zu den faszinierendsten Partien des Romans. Auf Anweisung des Grals vermählte sich Titurel im Alter von vierhundert Jahren mit Richaude von Spanien und es entstand ein Sohn, Frimutel, welcher Klarisse heiratete und mit ihr fünf Kinder bekam. Als diese starb, zog sich Titurel aus der Welt zurück. Hier ist der Punkt erreicht, an dem Wolfram das erste Wolframsche Fragment einbaut[20].

[...]


[1]Ruh, K.: Epische Literatur des deutschen Spätmittelalters. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 8, Europäisches Spätmittelalter, hg. von W. Erzgräber, Wiesbaden 1978. S. 125.

[2]Ebd. S. 124-125.

[3]Bumke, J.: Wolfram von Eschenbach. 6. neu bearb. Aufl. München 1991. S. 288.

[4] Diese Nennung erfolgt zum Beispiel in Strophe 2867,1(Jüngerer Titurel): „Ich, Wolfram“.

[5]Nyholm , K.: Zum Problem der Wolfram-Rezeption im ,,Jüngeren Titurel“. In: Akten des VII. internationalen Germanisten-Kongresses Göttingen 1985. Kontroversen, alte und neue, hg. von Albrecht Schöne, Tübingen 1986, S. 195f.

[6]Bumke , J.: Wolfram von Eschenbach. 6. neu bearb. Aufl. München 1991. S. 288f.

[7]Schröder , W.: Wolfram-Nachfolge im ,,Jüngeren Titurel", Devotion und Arroganz. 1982. S. 77

[8] Vgl. Strophe 1 (Wolfram: Titurel).

[9] Vgl. Strophe 500 (Albrecht: Jüngerer Titurel).

[10]Haug, W.: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2., überarb. und erw. Aufl., Darmstadt 1992. S. 364

[11] Die sogenannte „Wolframmaske“ könnte als literarisches Spiel interpretiert werden. So sahen es beispielsweise Ragotzky, Kleinschmidt, Ruh oder auch Nyholm. Schröder spricht hier hingegen von einer „Täuschungsabsicht Albrechts“.

[12] Vgl. Strophe 5883 (Albrecht: Jüngerer Titurel): Über die Erzählung verfügend bin ich Albrecht in vollständiger Weise“ bzw. „Ich, Albrecht, bin der Autor der ganzen Erzählung“.

[13]Buschinger, D.: Zu Albrechts `Jüngerem Titurel: Versuch einer Interpretation. In: Studien zu Wolfram von Eschenbach: Festschrift für Werner Schröder zum 75. Geburtstag. Hrsg. von Kurt Gärtner und Joachim Heinzle. Tübingen: 1989. S.521.

[14]Ruh, K..: Epische Literatur des deutschen Spätmittelalters. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 8, Europäisches Spätmittelalter, hg. von W. Erzgräber, Wiesbaden 1978. S. 127.

[15]Buschinger, D.: Zu Albrechts `Jüngerem Titurel: Versuch einer Interpretation. In: Studien zu Wolfram von Eschenbach: Festschrift für Werner Schröder zum 75. Geburtstag. Hrsg. von Kurt Gärtner und Joachim Heinzle. Tübingen: 1989. S.521.

[16]Ruh, K.: Epische Literatur des deutschen Spätmittelalters. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 8, Europäisches Spätmittelalter, hg. von W. Erzgräber, Wiesbaden 1978. S. 125.

[17]Haug, W.: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2., überarb. und erw. Aufl., Darmstadt: 1992. S. 365-366.

[18]Ruh, K.: Epische Literatur des deutschen Spätmittelalters. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 8, Europäisches Spätmittelalter, hg. von W. Erzgräber, Wiesbaden 1978. S. 125.

[19]Ebd. S. 125.

[20]Haug, W.: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2., überarb. und erw. Aufl., Darmstadt: 1992. S. 365-366.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Universalroman "Der Jüngere Titurel" von Albrecht von Scharfenberg im Vergleich zum 'Älteren Titurel' von Wolfram von Eschenbach
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Der Jüngere Titurel
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
31
Katalognummer
V61612
ISBN (eBook)
9783638550369
ISBN (Buch)
9783640203932
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Universalroman, Jüngere, Titurel, Albrecht, Scharfenberg, Vergleich, Wolfram, Eschenbach
Arbeit zitieren
Katharina Mewes (Autor), 2006, Der Universalroman "Der Jüngere Titurel" von Albrecht von Scharfenberg im Vergleich zum 'Älteren Titurel' von Wolfram von Eschenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61612

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