Narration und Geschichtsdarstellung in Wilhelm Raabes Novelle "Die Innerste"


Hausarbeit, 2002

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Raabe und die Innerste

3. Bedeutungsebenen zwischen Faktizität und Imagination
3.1 Variationen des Volksaberglaubens
3.2 Von Wassernixen und verborgenen Sehnsüchten
3.3 Konstruierte Gegenbilder

4. Vom Geschichtenerzählen zum Geschichtsbild
4.1 Stilistische Aspekte
4.2 Anklänge von Intertextualität
4.3 Vom Geschichtenerzählen zum Geschichtsbild

5. Schlußbetrachtung: Philiströse Unterhaltung, Gesellschaftskritik oder künstlerische Innovation?

6. Bibliographie

1. Einleitung

Das literarische Werk Wilhelm Raabes wurde immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, kleinbürgerlich- philiströsen Vorstellungen verhaftet zu sein.

„Die Masse verfällt dem Chaotischen der Geschichte“, so bringt Fritz Martini die Weltsicht Raabes auf den Punkt, „Daneben stellt er [=Raabe] jedoch das Ethos und die Freiheit eines Menschentums, das, ebenso gejagt, gepeinigt, hilflos, gleichwohl eine innere Ordnung in sich selbst bewahrt und in seinem eigenen kleinen Umkreis wiederherstellt.“[1]

Das mutet sicher ein bißchen nach harmlos- belehrender Unterhaltung an und legt nahe, daß es sich um einen Schriftsteller handelt, der in den moralischen und ästhetischen Wertekategorien seiner Zeit gefangen war.

Andererseits kann sich Raabes Erzählkunst mit ihren einfühlsamen Milieuschilderungen und reflektierenden Seitenhieben einer ungebrochen hohen Wertschätzung erfreuen. Zudem war dem Dichter daran gelegen, mit jeglichen Vorstellungen von einer vernünftigen, letztgültigen Sinnkonstruktion des Geschichtlichen abzurechnen. Sein Wirken hatte zum Ziel, die Wahrheit „der wirklichen, wahrhaftigen heißen Daseinsschlacht, in dem großen, furchtbaren, anfang- und endlosen Drama des Lebens“[2] darzustellen. Mehrfach wählte er dazu Themen aus der Zeitgeschichte.

Zur exemplarischen Untersuchung all dieser Vorurteile bietet sich die Novelle „Die Innerste“ aus dem Jahr 1874 an. Hier verarbeitet Raabe einen historischen Stoff- den 7jährigen Krieg- als Hintergrund für eine Geschichte, in der unergründliche, übermächtige Gewalten in die Lebenswelt einfacher Leute einbrechen. In der besagten Novelle ist eine auffallende Verstrickung aus historischem Sujet und erzählerischem Gestus gegeben- dies zu beweisen, wird die Hauptaufgabe der vorliegenden Arbeit sein. Es soll ferner versucht werden, den vertretenen Anschauungen über die Entscheidungsmacht von menschlichen Subjekten in ihrer alltäglichen Lebenswelt wie im historischen Kontext nachzuspüren. Dabei wird einer eingehenden Analyse der erzählerischen Mittel Raum gegeben. Es soll so textnah wie möglich verfahren werden, um insbesondere im Detail eigene Lesarten zu entwickeln. Dennoch wäre es kaum sinnvoll, die Resultate früherer Auseinandersetzungen mit dem Werk auszuklammern. Diese Arbeit verdankt insbesondere den Aufsätzen von Benno von Wiese und Uwe Vormweg wesentliche Impulse.

2. Raabe und die Innerste

Zwischen 1873 und 1875 verfaßte Raabe sechs Novellen, die als „Krähenfelder Geschichten“ bekannt wurden- unter ihnen „Die Innerste“. Im Schaffen Wilhelm Raabes nehmen die Novellen, die zwischen 1874 und 1876 in „Westermanns Illustrirten Deutschen Monatsheften“ erstmalig erschienen[3], eine besondere Stellung ein. Raabe selbst sollte später über die Krähenfelder Geschichten sagen, daß seine „wirklich ernteschweren“[4] Schaffensjahre mit ihnen begonnen hätten, und auch die Kritik ist sich weitgehend einig darin, daß sich ein neuer Abschnitt im Schaffen Raabes ankündigte, daß sie einen Markstein im Reifeprozeß des Literaten bedeuteten. Fortan, so der Tenor, dominierte

Raabes wachsende Kompliziertheit, seine leserstrapazierende Technik des polyperspektivischen und uns fast jede Orientierungshilfe aus der Hand schlagenden Erzählens, sein auch sprachlich immer undurchsichtigeres Schnörkelwesen, sein Alludieren, Zitieren und Allegorisieren [...][5]

Krähenfeld hieß der Braunschweiger Vorort, in dem Raabe damals lebte. In diesem Titel deutet sich auch schon eine gemeinsame Eigenart der Erzählungen an: Raabe, der zuvor einige Jahre in der literarisch sehr betriebsamen Metropole Stuttgart gelebt hatte und nun zurück in die norddeutsche Provinz nach Braunschweig kam, fokussierte seinen Blickwinkel dahingehend, daß er sich überschaubaren Milieus zuwandte. Krähenfeld kann als Synonym für ein kleinbürgerlich-gemütliches Dasein verstanden werden.

Im Jahr 1874, also kurz vor der Niederschrift der Novelle, unternahm Raabe eine Reise in den Harz, bei dem er sich mit dem potentiellen Stoff auseinandergesetzt haben mag.

Die Innerste ca. 75 km lange Innerste entspringt bei Clausthal-Zellerfeld im Harz und mündet bei Sarstedt in die Leine. Schon im späten 18.Jhdt. war die Innerste durch dort ansässige Hüttenbetriebe mit Schlamm und Sand verschmutzt. Durch die Stauwerke und Grabenanlagen der dortigen Wassermühlen war außerdem eine große Überschwemmungsgefahr gegeben. Bei den vielen Überschwemmungen zerstörten dann angeschwemmte Schlickmassen die Vegetation in den Uferbereichen. Wegen ihrer Verschmutzung galt die Innerste als giftig.[6]

Aufgrund all dessen bekam der Fluß von seinen Anwohnern im Laufe der Zeit eine sagenhafte Zuschreibung; es kursierten diverse Geschichten über düstere Begebenheiten, die die Innerste zu verantworten hätte. Bekannt ist eine bedeutende Quelle, auf die Raabe sich- neben den Eindrücken seiner Harzreise- mit großer Wahrscheinlichkeit gestützt haben mag: das „Neue Hannöverische Magazin“ von 1800-1803, das im Nachlaß Raabes gefunden wurde, informierte über die Innerste und das Leben in Sarstedt.[7]

3. Bedeutungsebenen zwischen Faktizität und Imagination

Der eigentliche Plot der Novelle, bar jeglicher sagenhafter Elemente, ist schnell referiert: der weichliche, willensschwache Müllerssohn Albrecht Bodenhagen kehrt reumütig aus dem 7-jährigen Krieg zurück in sein Elternhaus. Er stellt sich unter dem Druck seines Vaters und seines einstigen Kameraden Joachim Brand den Herausforderungen des Lebens. Dabei findet er zu sich selbst, übernimmt Verantwortung und gestaltet mit seiner frischvermählten Ehefrau eine Lebensgrundlage. Mit den vermeintlichen Fehlern der Vergangenheit kann er abschließen; auch entgeht er der Rache seiner einstigen Geliebten Doris Radebrecker.

Alles, was sich unterhalb der Oberfläche dieser klassischen, ein wenig nach Bildungsroman klingenden Geschichte verbirgt, ist nicht so einfach zu fassen. Im folgenden sollen die zunächst verwirrend anmutenden Verstrickungen von Geschehen und fragwürdiger Naturmagie entziffert werden.

Benno von Wiese hat in seiner Arbeit den Gedanken ausgeführt, Raabe habe die spukhaften Elemente und dämonischen Mächte in einer „dreifachen Optik“[8] dargestellt. Die naturmagischen Elemente würden durch das Spiel mit dem Volksaberglauben in eine psychologisierende Ebene überführt. Hinter dieser psychologisierenden Ebene verberge sich schließlich noch eine symbolhafte Gleichsetzung des Flusses mit der Figur der Doris Radebrecker. Die folgende Analyse wird in kritischer Auseinandersetzung mit diesem in der Forschungsdebatte immer wieder aufgegriffenen Modell geschehen.

3.1 Variationen des Volksaberglaubens

Raabes Novelle kreist um das Motiv des sagenhaft verhexten Flusses, um die Innerste. Der Erzähler charakterisiert den Fluß durch düstere, spukhafte Zuschreibungen:

Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats. Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken nicht. Nun toste die Hexe zwischen Felsen und Fichten und verübte Unheil, soviel sie vermochte. (S. 509)

Am augenfälligsten ist in diesem Zusammenhang das „Schreien“ des Flusses und die damit verbundene Forderung nach Lebendigem. Tatsächlich tritt nach jedem vermeintlichen Schrei auch ein Todesfall ein.

Doch der Erzähler beläßt es nicht bei derartig deutlichen Rekursen auf Erzählmuster der Spukliteratur. Von vergleichbarer Nachdrücklichkeit sind die vielfältigen im Unklaren belassenen Anspielungen und Analogien, die der Innersten anhaften.

Charaktere etwa, die neu in die Handlung eingeführt werden, tauchen auffallend oft in der Nähe des Flusses auf; z.B. Albrecht Bodenhagen bei seiner Rückkehr ins Elternhaus im 2. Kapitel auf S. 450. Bei Erscheinen Jochen Brands auf S. 459 wird Albrecht von den Geräuschen der Innerste geweckt. Auch der Auftritt Lieschen Papenbergs bei ihrem ersten Besuch in der Sarstedter Mühle ist an den Fluß geknüpft:

In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen Erlen und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg, doch die junge, hübsche Braut [...] stand mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der heimkehrende verlorene Sohn saß [...] (S. 468).

Die Innerste bringt also quasi Menschen hervor und nimmt sie auch wieder an sich.

Ein weiteres eindrückliches Bild, durch welches der Fluß einen unheimlichen Anstrich bekommt, sind die aufsteigenden Luftbläschen, wie etwa im zweiten Kapitel bei der Vorstellung des alten Müllers Christian Bodenhagen:

Nun stand einmal im Juli des Jahres 1759 der alte Müller Bodenhagen an seinen Gartenzaun gelehnt und sah verdrossen auf die leise an demselben hinfließende Innerste und schien die Blasen zu zählen, die vom Grunde des Flüßchens emporstiegen, zerplatzten und anderen Platz machten. Es sollen aber diese Luftblasen von dem Atem der Wassergeister in der Tiefe herrühren, und was viele Leute auf Hörensagen hier weiter sprechen, das wußte der alte Christian Bodenhagen ganz genau. (S. 448)

Dieses Bild wird im achten Kapitel, kurz vor dem zweiten Schrei des Flusses, aufgegriffen, als ein verwildertes Mädchen mit „brennend rote[m] Haar“, offensichtlich Doris Radebrecker, am „gelbrote[n], trübe[n] Wasser“ des Flusses erscheint:

Zu ihren Füßen- um ihren Fuß!- regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen- die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. (In., S. 490)

Die Verschmutzung der Innersten erfährt hier scheinbar ihre literarische Umformung; in der Wahrnehmung der zeitgenössischen Anwohner werden daraus Wassergeister, die ihr Unwesen treiben.

Vieles spricht dafür, daß Raabe den Volksaberglauben thematisiert. Insbesondere an zwei Schlüsselstellen ist erkennbar, daß ein ironisierendes Spiel mit der Leichtgläubigkeit der einfachen Leute, die in der Novelle portraitiert werden, getrieben wird. Zum einen ist dies der Besuch der Papenbergs bei Bodenhagens im 5. Kapitel. Mit Fortschreiten des gemütlichen Abends kommt die Sprache unter anderem auf die mysteriösen Eigenschaften der Innerste (S. 470 ff.). Der alte Müller Christian Bodenhagen versucht hier vergeblich, die Runde zum Schweigen zu bringen (S. 471)- wohl mit der Intention, das Wasser nicht zu reizen. Tatsächlich folgt kurz darauf ein nur vom alten Meister wahrgenommener Schrei des Flusses (S. 473). Raabe ironisiert ganz unverhohlen den Umgang des einfachen Volkes mit Phänomenen, die sich dessen Erklärungsmöglichkeiten entziehen. Die Reaktion der versammelten Festtagsgemeinschaft ist ein mustergültiges Exempel dafür:

Hm, hm; wer in der Müllerstube hatte den Bach schreien hören?- Niemand natürlich, daß heißt niemand als der alte Müller selber! Es trat aber augenblicklich das ein, was gewöhnlich folgt, wenn irgend jemand in einer größeren Gesellschaft etwas Ungewöhnliches oder gar Geheimnisvolles gehört zu haben glaubt. [...] Sie warteten in Todesangst und doch voll eines geheimen Verlangens, daß der Ton noch einmal kommen, daß die Innerste zum zweiten Male schreien werde. (S. 474)

Deutliche Analogien zu dieser Szene weist die Runde bei Radebreckers im 10. Kapitel auf. Hier sitzt ein Haufen zwielichtiger Gestalten am Ofen in der Mühle beisammen, und nach einer Weile sind die bestimmenden Themen ebenso schauerlich und spukhaft wie zuvor bei Bodenhagens. Die Rede ist nun von einem sagenhaften Ritter Hackelberg, der in der Nähe begraben worden sei und in stürmischen Nächten sein Unwesen treiben würde (S. 505-506). Auch hier folgt rasch die Warnung davor, allzu unbedacht über die Mär zu spotten: „Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle [...] dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel bekommen.“ (S. 506).

An den Gesprächen der Charaktere wird deutlich, was der Erzähler durch beharrliches Insistieren auf der Spukhaftigkeit eher zu verschleiern trachtet: nicht irgendeine finstere Macht ist am Werke, vielmehr sublimieren sich die existenziellen Ängste einfacher Menschen in Form von Spukgeschichten.

[...]


[1] Martini/ Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus, S. 709.

[2] zitiert nach: Martini/ Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus, S. 685.

[3] Angaben nach: Denkler, S. 29.

[4] Damaschke, S. 11.

[5] Stern, S. 11.

[6] Nach: Denkler, S. 24-27.

[7] Witschel, S. 4.

[8] v. Wiese, S. 202.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Narration und Geschichtsdarstellung in Wilhelm Raabes Novelle "Die Innerste"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
PS 16739: Novellen des Realismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V61654
ISBN (eBook)
9783638550659
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narration, Geschichtsdarstellung, Wilhelm, Raabes, Novelle, Innerste, Novellen, Realismus
Arbeit zitieren
Boris Kruse (Autor), 2002, Narration und Geschichtsdarstellung in Wilhelm Raabes Novelle "Die Innerste", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61654

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