Rinconete y Cortadillo und andere Schelme der Neuzeit


Hausarbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Diese Arbeit ist der näheren Untersuchung und Analyse einer der Novellen aus dem 1613 erschienenden und von dem spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616) verfassten Band Novelas Ejemplares (Die Beispielhaften Novellen) gewidmet. Es handelt sich hierbei um die Erzählung Rinconete y Cortadillo, die im weiteren Verlauf dieser Abhandlung unter dem Gesichtspunkt ihrer pikaresken Merkmale und der sie von anderen Schelmenerzählungen unterscheidenden Elemente besprochen werden soll. Dass die vorliegende Novelle kein rein fiktives, sondern auch ein die damalige alltägliche Wirklichkeit widerspiegelndes Werk darstellt, lässt sich u. a. der Tatsache entnehmen, dass der Autor selbst einst in die Lage geriet, sich mit zahlreichen Vertretern der niedrigsten sozialen Schichten des Spaniens des Goldenen Jahrhunderts (Siglo de Oro, ca. 1492-1680) von Angesicht zu Angesicht auseinanderzusetzen. Cervantes wurde 1597 wegen Unterschlagung öffentlicher Mittel während seiner Tätigkeit als Finanzbeamter zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in einem der fünf sevillanischen Gefängnisse, der Cárcel Real de Sevilla, verbrachte.[1] Demnach wird Rinconete y Cortadillo, wie auch viele weitere Schelmenerzählungen, einem relativ hohen Anspruch auf Authentizität durchaus gerecht und offeriert dem Leser somit einen repräsentativen sozialen Querschnitt der Bevölkerung und eine Beschreibung der Zustände im damaligen Sevilla.

Um eine möglichst genaue Vorstellung von den in der Novelle beschriebenen Leben der Protagonisten zu bekommen, sollte man es nicht versäumen, zunächst erstmal einen kurzen Blick auf die damaligen sozialen Verhältnisse in Spanien, die dem gesamten Text zugrunde liegen, zu werfen. Nachdem die Rückeroberung des Landes im Jahre 1492 mit der Re-Hispanisierung der Stadt Granada offiziell ihren Abschluss gefunden hatte, die Eroberung des amerikanischen Kontinents in großen Schritten vorangetrieben wurde, und einige der spanischen Städte, an deren Spitze Sevilla stand, von den aus dem neuen Vizekönigreich in Übersee importierten Reichtümern förmlich überschwemmt wurden, wuchs in zunehmendem Maße die Kluft zwischen Arm und Reich. So gewannen viele der von der Armut und der daraus resultierenden Existenznot bedrohten Bauern die Hoffnung, durch einen Umzug in die großen Städte an dem übermäßigen Wohlstand teilhaben und der weit verbreiteten ländlichen Misere Andalusiens entgehen zu können.[2]

Dieses Hintergrundwissen ist dahingehend wichtig für die Besprechung von Schelmenerzählungen[3] im Allgemeinen, als dass die Armut eine der Hauptkonstanten im Leben des so genannten Pícaros, d. h. des Schelms (der Neuzeit), repräsentiert.

So ist es aber nicht nur die Armut, die den Protagonisten des Schelmenromans zu einem Umzug in die Stadt motiviert. In der hier zugrunde liegenden Novelle erfährt der Leser weniger als gewöhnlich[4] von der Vergangenheit und Herkunft der Hauptfiguren. Jedoch wird über eine der beiden Titelfiguren, Diego Cortado, gesagt, dass ihm das «beengte Leben auf dem Lande und die lieblose Behandlung, die [seine] Stiefmutter [ihm] angedeihen ließ, […] bald zuwider [waren]»[5][enfadóme la vida estrecha de la aldea y el desamorado trato de mi madrastra[6]] und er von dem von seinem Vater erlernten Handwerk des Zuschneidens bald zu dem des «Beutelschneiden[s]»[7] überging [y de corte de tijera con mi buen ingenio salté á cortar bolsas[8]]. Allerdings gibt Cortado auch zu, nicht nur aus freien Stücken die Heimat verlassen zu haben, sondern auch weil er von der Justiz verfolgt wird. Alles in allem, jedoch, beschränkt sich die Unterrichtung des Lesers über die persönliche Vergangenheit der beiden auf ein Minimum im Vergleich zu anderen gattungsverwandten Texten, woraus sich eine weitere Abweichung von der Tradition ergibt, und zwar insofern, als dass man nicht eindeutig sagen kann, dass dem Status des Schelmes, den Rinconete und Cortadillo zum Zeitpunkt der Erzählung innehaben, ein besonderes Ereignis bzw. ein Prozess der inneren Entwicklung hin zu einem Schelm vorangegangen wäre, wie es beispielsweise in den Fällen Lazarillo de Tormes und Guzmán de Alfarache sehr wohl möglich ist. Vielmehr scheinen die beiden Helden von Cervantes sich ihres Status quo nicht nur von vornherein bewusst zu sein, sondern sich bereits durchweg damit abgefunden zu haben. Sie befinden sich regelrecht in ihrem Element. So stellt Rincón fest, sie «können offen und ehrlich bekennen, daß [sie] keinen blanken Heller und nicht einmal ein Paar Schuhe besitzen»[9] [confesemos llanamente que no tenemos blanca ni aun zapatos[10]], und Cortado bezeichnet seine Tätigkeit als Taschendieb schlichtweg als sein «Gewerbe»[11][mi oficio[12] ], was eine gewisse Identifizierung der Figur mit ihrer unredlichen Lebensweise nahe legt.

In der Art und Weise, in der Cortado seinem neuen Freund Rincón davon berichtet, wie er in die Situation geriet, in der er sich nun befindet, lässt sich sowohl ein weiteres Merkmal des Schelmenromans als auch eines der Erzählweise des Autors Cervantes erkennen, und zwar die Ironie und der Humor. In diesem Fall ist es ein Humor, der sich durch eine sehr euphemistisch geprägte Sichtweise des Schelmes auf seine begangenen Straftaten auszeichnet:

Vor acht Tagen aber berichtete ein heimtückischer Spion dem Oberrichter von meiner Geschicklichkeit, und der war ganz begeistert von meinen Talenten und wollte mich gleich kenenlernen. Doch ich bin einfacher Mensch, dem der Umgang mit so gewichtigen Persönlichkeiten nicht liegt, und so zog ich es vor, ihm nicht zu Gesicht zu kommen, und verließ die Stadt[13] ;

[bien es verdad que habrá ocho días que un espía doble dió noticia de mi habilidad al corregidor, el cual aficionado á mis buenas partes quisiera verme; mas yo por ser humilde no quiero tratar con personas tan graves, procuré de no verme con él, y así salí de la ciudad[14] ].

Diese euphemistisch verklärende, aber keineswegs zum Klagen und Jammern über das eigene Schicksal tendierende Grundhaltung seitens der Schelme ist auch in einigen anderen Texten dieser Gattung aufzufinden. Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch von Grimmelshausen beispielsweise weist dasselbe Merkmal auf. Hier stellt der Ich-Erzähler unter der Teilüberschrift «Vermeldet Simplicii bäurisch Herkommen und gleichförmige Auferziehung» seine Abkunft als beinah aristokratisch dar: «Zwar ohngescherzt, mein Herkommen und Auferziehung läßt sich noch wohl mit eines Fürsten vergleichen.»[15]

Weiter sieht er die elterliche Bauernhütte als einen «Palast […] ja so artlich, dergleichen ein jeder König nicht zu bauen vermag»[16] an und stellt darüber hinaus noch mehr vermeintliche Ähnlichkeiten zwischen seiner Umwelt und der eines Mannes von Stand her. So kann man in dieser Art der Selbstwahrnehmung der Protagonisten auch ein gewisses Maß an Stolz feststellen, sei es auf die eigenen «Talente», die «Auferziehung» bzw. das Vermögen, «durch so viel Unglück, Gefahr und Widerwärtigkeit sich durchgebissen»[17] zu haben und trotzdem noch zu leben [ y vean que vive un hombre con tantas fortunas, peligros y adversidades[18] ].

In Bezug auf die Erzählerperspektive in Rinconete y Cortadillo offenbart sich dem Leser eine weitere Diskrepanz zu der ‚herkömmlichen’ Erzählweise in einem Schelmenroman. Während normalerweise ein Ich-Erzähler vorliegt, also der Protagonist selbst sein Leben dem Leser kundtut (wie u. a. in den Romanen Lazarillo de Tormes,Guzmán de Alfarache,The Life and Opinions of Tristram Shandy oder auch in Peter-Paul Zahls Die Glücklichen), berichtet bei Rinconete y Cortadillo ein auktorialer, also auch heterodiegetischer Erzähler, der jedoch nicht selten den handelnden Figuren das Wort in Form von direkter Rede erteilt. Daraus ergibt sich ein nur eingeschränkt als ‚aus der Froschperspektive’ zu bezeichnender Betrachtungswinkel. Denn der Leser erhält lediglich durch eine Mittlungsinstanz, die ihn immer wieder auf der narrativen Ebene eine Distanz zu den handelnden Figuren und ihrem Leben aufbauen lässt, Zugang zu den Gedanken und Gefühlen der Titelhelden. Allerdings wird aus eben dieser Distanz zwischen dem Leser und den Figuren die empathische Haltung gegenüber dem Schicksal der Protagonisten erschwert, die als ein Kennzeichen pikaresken Erzählens anzusehen ist.

[...]


[1] Noch ein weiterer berühmter spanischer Schriftsteller, Mateo Alemán (1547-1614), verbrachte einige Zeit in demselben Gefängnis, und auch er schrieb einen Schelmenroman, und zwar den ersten nicht anonym veröffentlichten: Guzmán de Alfarache (1599/1604), in dem größtenteils autobiographische Erfahrungen wiedergegeben werden. Siehe hierzu auch das Zitat auf Seite 10 von Ángel Valbuena y Prat bezüglich der Einbindung persönlicher Erfahrungen der beiden Autoren in ihre Texte. Ebenso hat Jean Genet in seinem Schelmenroman Journal du Voleur (1949) eigene Erfahrungen dokumentiert.

[2] Vgl. Franzbach, Martin (1991): Cervantes. Stuttgart: Reclam, S. 47.

[3] Der literaturwissenschaftliche Terminus des pikaresken/pikarischen bzw. Schelmenromans (spanisch: novela picaresca; englisch: trickster novel) geht auf den 1554 anonym veröffentlichten Roman Lazarillo de Tormes zurück. Auch wenn sich bereits in früheren Texten, wie dem Hermes-Hymnos von Homer oder dem Alten Testament (Buch Judith 8-16) Elemente des Pikaresken entdecken lassen, so lassen sich diese Texte lediglich im Nachhinein und nur unter Vorbehalt dem Korpus der Schelmenliteratur zuordnen.

[4] Es sei an dieser Stelle ein weiteres Charakteristikum pikaresker Erzählungen erwähnt. Die ausführliche Schilderung der ersten Lebensjahre der Hauptfigur nimmt in diversen Texten diese Genres einen sehr großen Raum und Stellenwert ein. Sei es im Lazarillo de Tormes, wo der Erzähler an der Stelle seiner Autobiographie einsetzt, an der auch sein Leben selbst einsetzt, oder sei es in Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy (1759-67), wo der Ich-Erzähler bereits neun Monate vor seiner Geburt anfängt von seinem Leben zu berichten, oder auch in August Kühns Jahrgang 22 (1977), wo die Mutter der Hauptfigur in einem an ihren Sohn gerichteten Monolog über die vorgeburtlichen Umstände berichtet.

[5] Cervantes Saavedra, Miguel de (1960): Die Beispielhaften Novellen. Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, S. 182.

[6] Cervantes Saavedra, Miguel de (1883): Novelas Ejemplares. Leipzig: F. A. Brockhaus, S. 89.

[7] Cervantes,Die Beispielhaften Novellen, S. 182.

[8] Cervantes,Novelas Ejemplares, S. 89.

[9] Cervantes,Die Beispielhaften Novellen, S. 182.

[10] Cervantes,Novelas Ejemplares, S. 90.

[11] Cervantes,Die Beispielhaften Novellen, S. 182.

[12] Cervantes,Novelas Ejemplares, S. 89.

[13] Cervantes,Die Beispielhaften Novellen, S. 182.

[14] Cervantes,Novelas Ejemplares, S. 90.

[15] Christoffel von Grimmelshausen, Hans Jakob (1978): Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, S. 7-8.

[16] Grimmelshausen,Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch, S. 8.

[17]Anonym (1979): Lazaril von Tormes. Stuttgart: Reclam, S. 8.

[18]Anonym (1982): La Vida de Lazarillo de Tormes y de sus Fortunas y Adversidades. Hg. Alberto Blecua. Madrid: Castalia, S. 89.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Rinconete y Cortadillo und andere Schelme der Neuzeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Allgemeine u. Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Pikaro und seine Brüder
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V61655
ISBN (eBook)
9783638550666
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Bachelor-Hausarbeit (14 Seiten) hat mehrere seit dem "Lazarillo de Tormes" erschienen pikarischen narrativen Texte im Fokus. Hauptbezugspunkt stellt dabei Cervantes' Novelle "Rinconete y Cortadillo" dar. Diese Texte werden hinsichtlich ihrer genrekennzeichnenden Merkmale im ständigen Vergleich untereinander untersucht. (Zitate auf spanisch und deutsch)
Schlagworte
Rinconete, Cortadillo, Schelme, Neuzeit, Pikaro, Pícaro, pikaresk, pikarisch, Cervantes, Novelle, Sevilla, Simplizissimus
Arbeit zitieren
Alexander Zuckschwerdt (Autor), 2006, Rinconete y Cortadillo und andere Schelme der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61655

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