Umwelt und Wachstum aus Sicht der weniger entwickelten Länder zu Beginn der 70er Jahre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Umweltkrise in den Industrienationen

3 Der erste Bericht des Club of Rome
3.1 Reaktionen auf >Die Grenzen des Wachstums<
3.2 Das Bariloche Modell >Grenzen des Elends<

4 Auseinandersetzungen um Wachstum und Umwelt in der internationalen Politik Anfang der 70er Jahre
4.1 Founex als Ausgleich zwischen Entwicklung und Umwelt
4.2 >Only one earth<, die erste internationale „Umweltkonferenz“

5 Grundbedürfnisse und Cocoyoc

6 Fazit

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Wir müssen den armen zwei Dritteln der Weltgemeinschaft wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Denn ein Abschotten des reichen Nordens gegen die Armen kann nicht funktionieren. Es setzt sich zunehmend die Einsicht durch, dass Umweltpolitik Friedenspolitik ist. Wer verhindern will, dass die Verknappung von Wasser und der Klimawandel Kriege auslöst, muss die ökologischen Grenzen beachten. Die einzige Lösung ist: Überwindung der Armut so gestalten, dass dies nicht mit zusätzlichen ökologischen Belastungen verbunden ist – und das Konsumverhalten und die Produktionstechniken besonders in den reichen Ländern verändern.“[1]

Mit diesen Worten macht sich Klaus Töpfer, Leiter des UNEP, aktuell für eine Renaissance der Umweltpolitik stark, die vor allem in den 80er und 90er Jahren ins Zentrum der Weltöffentlichkeit rückte und ihren Höhepunkt vorerst mit dem Rio Gipfel 1992 erreichte.

Diese Arbeit hingegen befasst sich mit der „Frühzeit der globalen Umweltkrise“[2] und thematisiert den immer noch währenden Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie. Diese beiden Pole lassen sich Anfang der 70er Jahre anhand der Industrieländer und weniger entwickelten Länder festmachen.

In den Industrieländern, ausgehend von den USA, nimmt die krisenhafte Wahrnehmung der Umwelt seit den 60er Jahren zu, nachdem Wissenschaftler auf die Verschwendung endlicher Ressourcen und die Überlastung der Natur durch Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum hingewiesen hatten. Der erste Bericht des Club of Rome, die „Grenzen des Wachstums“[3], prognostizierte im Frühjahr 1972 einen drastischen Bevölkerungsrückgang in der Zukunft durch die Folgen exponentiellen Wachstums. Doch die sich anschließende Forderung nach einem Nullwachstum provozierte Kritik von allen Seiten, weil hier nichts weniger gefordert wurde, als die Umkremplung des gesamten weltwirtschaftlichen Systems, in dem sich Wachstum als Ziel jeglicher Politik durchgesetzt hatte.

Vermehrt kam es zu neomalthusianischen Forderungen, dass die Entwicklungsländer ihr rasches Bevölkerungswachstum unter Kontrolle bringen sollten, da dieses die Existenz der gesamten Menschheit gefährde.[4] Dennoch spielten die Bedürfnisse der weniger entwickelten Länder bei der entfachten Wachstumsdebatte keine vordergründige Rolle. Dies änderte sich schlagartig mit der UNO-Umweltkonferenz in Stockholm 1972, die unter dem Motto „only one earth“ stand.

Wie reagierten die weniger entwickelten Länder auf die Besorgnisse der Industriestaaten? Welche Rolle spielte für sie Anfang der 70er Jahre das Verhältnis von Umwelt und Wachstum?

Diesen Fragen soll anhand der Stellungnahmen der Vertreter der weniger entwickelten Länder rund um die erste internationale Umweltkonferenz, der Cocoyoc Erklärung, und den Reaktionen auf den Bericht des Club of Rome nachgegangen werden. Teilweise wird mangels verfügbarer Äußerungen auf Fürsprecher aus den Industrienationen zurückgegriffen. Am Ende soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob eine globale Umweltbewegung[5] oder die schon erwähnte globale Umweltkrise (Hünemörder) wirklich weltweit zum Tragen kamen.

Die untersuchte Thematik ist sehr komplex, da sie sich im Grenzbereich mehrerer Politik- und Wissenschaftsfelder bewegt. Um weitere Erklärungsmomente in die spätere Analyse miteinfließen zu lassen wird deshalb mit der Dependenztheorie die entwicklungspolitische Diskussion anfangs der 70er Jahre wiedergegeben und schlussendlich Erkenntnisse der klassischen Umweltökonomie miteinbezogen.

Als Quellen dienen offizielle Verlautbarungen der Konferenzen, zeitgenössische wissenschaftliche Publikationen und Zeitungs- bzw. Dokumentensammlungen des WWZ Basel zur Stockholmer Umweltkonferenz und zum Club of Rome. Leider waren nur wenige Reden der Konferenzen zugänglich. Für eine vertiefende Quellenauswertung wären Archive der UNO oder zumindest für die Stockholmer Konferenz die Ministerialakten des Koblenzer Bundesarchivs einzusehen.

2 Umweltkrise in den Industrienationen

Anfang der 60er Jahre problematisierte Rachel Carson mit ihrem bahnbrechenden Werk Silent Spring[6] die Auswirkungen des vorherrschenden Umgangs mit Insektiziden und anderen Pestiziden wie DDT auf Tiere und die natürliche Umwelt des Menschen. Die mit einer halben Million verkauften Exemplare hohe Publizität dieses Werkes in den USA lässt sich wohl auch damit erklären, dass Carsons Warnungen in der Prognose gipfelten, dass mit dem Weißkopfadler das Symboltier der Vereinigten Staaten durch die Störung seines Fortpflanzungssystems aussterben könne. In die öffentliche Kontroverse schaltete sich zuletzt das Weiße Haus mit einer von Kennedy einberufenen Kommission ein, die mit ihrem Bericht „Use of Pesticides“ im Mai 1963 die Befürchtungen Carsons bestätigte.[7]

Die ersten Bilder des Globus aus dem All im Jahre 1966 zeigten die Erde als eine Einheit und lösten Beschützerinstinkte aus. Ganzheitliche, die gesamte Erde umfassende Betrachtungen gewannen an Bedeutung. Der Ökonom Kenneth E. Boulding setzte dieses metaphorische Bild in seinem Modell einer Raumschiffwirtschaft um, in der er die These entwickelte, dass das essentielle Maß für den Erfolg einer Wirtschaft nicht etwa die Produktion oder der Konsum sei, sondern die Qualität des gesamten Kapitalstocks.[8] Doch die globale Perspektive konnte auch dazu führen wichtige Unterschiede zu übersehen. So konzentrierte sich die Debatte Ende der 60er Anfang der 70er Jahre auf den Anstieg der Bevölkerung in der sogenannten Dritten Welt.[9] Dieser galt als so bedrohlich, dass Zwangsmaßnahmen zur Begrenzung der Kinderzahl und selbst Sterilisierungen gefordert und teilweise - etwa in Indien – auch praktiziert wurden.[10]

Je stärker die Einsicht um sich griff, dass es sich bei der Umweltgefährdung um ein globales Phänomen handelte, desto häufiger wurde auf den Begriff Umweltkrise oder ökologische Krise zurückgegriffen, um das Ausmaß der Zivilisationsschäden zu kennzeichnen.[11] Zugleich begann man die Umweltverschmutzung und die Abnahme der Ressourcen vor dem Hintergrund eines exponentiellen Wachstums zu erörtern.

3 Der erste Bericht des Club of Rome

Dies vollbrachten die Initiatoren des Club of Rome. Der italienische Industriemanager Aurelio Peccei und Alexander King, Direktor für Wissenschaft, Technologie und Erziehung bei der OECD, wollten das Verständnis für Gefahren, die von der >Weltproblematik< ausgehen, schärfen und die öffentlichen Entscheidungsträger mit den Resultaten ihrer Lernprozesse konfrontieren. Eine Lösung für diese Weltproblematik könne nur in einer integralen Betrachtung der Summe einer Vielzahl von Problemen wie Überbevölkerung, Unterernährung, Armut oder Umweltverschmutzung erarbeitet werden, die durch den rasanten technischen und wissenschaftlichen Fortschritt der vorangegangenen Jahre bedingt worden wären.[12]

Im März 1972 veröffentlichte ein Forscherteam des MIT (Massachusetts Institute of Technologie) um den Wirtschaftswissenschaftler Dennis Meadows im Auftrag des Club of Rome ihren ersten Bericht zur Lage der Menschheit. Innerhalb eineinhalb Jahren hatte das Team ein cyberkinetisches Modell von Jay W. Forrester gemäß den Forderungen ihrer Auftraggeber so weiterentwickelt, dass sich ein Weltmodell daraus ableiten ließ, das Tendenzen der Auswirkungen der Weltproblematik auf die Zukunft aufzeigen konnte.

Die in drei Thesen gerafften Ergebnisse des allgemein verständlich gehaltenen Forschungsberichts „limits to growth“ erschütterten das schon angekratzte Wachstumsparadigma:

1. Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität.
2. Es erscheint möglich, die Wachstumsgrenzen zu ändern und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen, der auch in Zukunft aufrecht erhalten werden kann. Er könnte so erreicht werde, dass die materiellen Lebengrundlagen für jeden Menschen auf der Erde sichergestellt sind und noch immer Spielraum bleibt, individuelle menschliche Fähigkeiten zu nutzen und persönliche Ziele zu erreichen.
3. Je eher sich die Menschheit entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, dass sie ihn auch erreicht.[13]

Der Bericht wurde schnell in 37 Sprachen übersetzt und bis heute wurden mehr als 12 Millionen Exemplare verkauft.[14] Die Grundthese des Berichts war äußerst prekär, da sie implizierte, dass die Umweltkrise innerhalb des bestehenden Paradigmas eines technischen nachsorgenden Umweltschutzes eben nicht mehr als lösbar erachtet wurde. Der Wirtschaftsprozess selbst müsse verändert werden, um nicht den exponentiellen Wachstumsprozessen zum Opfer zu fallen. Die „Tücke“ dieser exponentiellen Dynamik veranschaulichte der Bericht an Hand eines französischen Kinderreimes über einen Lilienteich, der noch am 29. Tag des Wachstums halb leer, am dreißigsten aber bereits vollständig überwuchert ist.[15]

Die technischen Voraussetzungen einer „Transformation des wirtschaftlichen Weltsystems kopernikanischen Ausmaßes hin zu einem Gleichgewichtszustand“[16], der im Folgenden mit Nullwachstum gleichgesetzt wurde, erklärte das Ehepaar Meadows folgendermaßen:

„Die erste Voraussetzung für einen stabilen Zustand ist eine konstante Größe der Bevölkerung und des Kapitals. […] Der Wettbewerb könnte fortgeführt werden unter der Beschränkung, dass der Markt für materielle Güter nicht vergrößert werden darf. Für jede Art von kultureller Tätigkeit würde es hingegen keinerlei Beschränkung geben. […] Genereller Wachstumsstopp schließt Umverteilung der Güter nicht aus. Es bestünde zum Beispiel die Möglichkeit, dass die Industrienationen ihr industrielles Wachstum stoppen oder ihre Industrie etwas einschränken, um den unterentwickelten Nationen die Möglichkeit zu geben, sich wirtschaftlich auf einen annehmbaren Stand zu entwickeln. Damit könnten die Industrienationen die Führung zum Gleichgewichtsstand übernehmen, während den unterentwickelten Nationen die große Verantwortung zukäme, ihr rasches Bevölkerungswachstum zu stoppen.“[17]

3.1 Reaktionen auf >Die Grenzen des Wachstums<

Als mit der MIT-Studie die Frage aufkam, ob zur Bewältigung der Krise eine Art „Nullwachstum“ nötig sei, wandelte sich die Diskussion um eine angemessene Umweltpolitik in eine ideologische Auseinandersetzung um das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.[18] „Da Wachstum im Kapitalismus stets Wachstum des Kapitals ist, würde Null-Wachstum die Abschaffung des Kapitalismus voraussetzen, denn das Kapital kann ohne zu akkumulieren nicht existieren.“[19]

Neben dem großen weltweiten Interesse provozierte der Bericht damit harsche Kritik aus drei Richtungen. Die Ökonomen kritisierten neben der Ausklammerung technischen Fortschritts vor allem das Fehlen eines marktsteuernden Preismechanismus als zentrales Element neoklassischer Wirtschaftstheorie.[20] Der Nobelpreisträger Simon Kuznets sah wie andere Wirtschaftswissenschaftler den „allgemeinen Gleichgewichtszustand“ als völlig unrealistisch an und stellte die Frage, wie technischer Umweltschutz ohne eine wachsende Wirtschaft überhaupt zu finanzieren sei.[21] Auch nach Ansicht der Weltbank, eine der wichtigsten Entwicklungsorganisationen, wird das MIT Modell durch das völlige Außerachtlassen der Selbstregulierungs- und der Anpassungskräfte sowie des technologischen Fortschritts jeglicher Realität beraubt. Außerdem würden keine Preise berücksichtigt; etwaige bewusste Entscheidungen der Gesellschaft, die Prioritäten zu ändern und die Entwicklung in andere Bahnen zu lenken, würden außer Acht gelassen. Die Autoren der Studie ließen die Welt gleichsam automatisch auf der Basis limitierter Annahmen weiterlaufen. Diese Diskrepanz zwischen ihrer alarmierenden Aussage und der völligen Vernachlässigung der sozialen Probleme, die, wie die Weltbank jeden Tag neu lernen müsse, wohl die entscheidenden Hindernisse für das Wohlergehen der Weltbevölkerung darstellen, könnte nach Meinung der Weltbankgruppe gefährlich sein, weil sie den Blick von den Schwierigkeiten der Gegenwart auf das Gespenst der Zukunft lenken könne und so möglicherweise zur Untätigkeit verleitete.[22]

Selbst die Linken, so etwa die Gewerkschaften, konnten sich mit einem Nullwachstum nicht anfreunden, da z.B. in Deutschland die kräftigen Lohnzugewinne der letzten Jahre nur in Folge des Wirtschaftswunders realisiert werden konnten. Eine Ausnahme bildete der Philosoph Wolfgang Harich[23], der durch den Bericht die Möglichkeit sah Marx und Malthus zu versöhnen, sprich einen kommunistischen Weltstaat zu entwerfen in dem auf Wirtschaftswachstum verzichtet werde. Mit seinem Vorschlag, den Verbrauch von vorhandenen Ressourcen dann zentralistisch zu planen und den privaten Konsum einzuschränken, heimste er sich im Westen den Titel eines „ökologischen Stalinisten“ ein und im Osten wurden seine technologiefeindlichen Ansätze gar zensiert.

Hans Magnus Enzensberger hingegen sah seine Rolle in diesem Diskurs als „ideologische Kläranlage“[24]. Er interpretierte die Grenzen des Wachstums in der Tradition des Klassenkampfes als die Auferstehung „einer der ältesten Tricks zur Legitimierung von Klassenherrschaft und Ausbeutung im neuen Kostüm der Ökologie“[25]. Die Bourgeoise könne ihren eigenen bevorstehenden Untergang nur als Weltuntergang begreifen. Nun müsse sie sich der Industrialisierung versagen, der sie ihre eigene Herrschaft verdanken würde. Darüber hinaus stimmt er mit der Hauptkritik der Politiker überein, die wegen der sehr groben Aggregation die praktische Anwendbarkeit des MIT Modells bestreiten, wie z.B. Dieter Senghaas[26]. Jedoch weitet Enzensberger seine Kritik an die Bourgeoisie aus in dem er die Autoren kritisiert, dass sie

„ihre Entwicklungslinien von vornherein weltumspannend anlegen, immer gleich aufs ganze Raumschiff Erde – wer wäre nicht von solcher Weltbrüderlichkeit eingenommen? -, entheben sie sich der Notwendigkeit, die Verteilung von Kosten und Nutzen offen zu legen, ihre strukturellen Bedingungen zu bestimmen und damit die ja recht unterschiedlichen Chancen, mit der Misere fertigzuwerden. Denn wenn es sich die einen leisten können Wachstum zu planen und noch aus der Beseitigung des angerichteten Schadens und aus der Vorbeugung Profit zu ziehen, können es die anderen noch lange nicht. So mögen, unter beschleunigtem Staatskapitalismus, die Industrieländer der nördlichen Erdhälfte in der Lage sein, die Kapitalakkumulation in Gang zu halten, indem sie auf Umweltreinigung, auf das Recycling von Basisrohstoffen, auf Prozesse intensiven statt extensiven Wachstums umlenken. Die Entwicklungsländer, die auf rücksichtlose Ausbeutung ihrer Rohstoffe angewiesen sind und durch ihre strukturelle Abhängigkeit zu Monokulturen und zum Raubbau an den eigenen Ressourcen angehalten bleiben, ist das verwehrt (Dieter Senghaas erinnerte mich in diesem Zusammenhang an das Wort eines brasilianischen Wirtschaftsministers, sein Land könne gar nicht genug Umweltverschmutzung haben, wenn das der Preis sei, um seine Bevölkerung hinlänglich in Arbeit und Brot zu setzen!).[27]

Somit agierte Enzensberger als Fürsprecher der nicht entwickelten Länder. Ähnlich äußerte sich Hans Joachim Vogel:

„Das Vorbild und die Ermahnungen der Industrieländer sind von vorneherein unglaubwürdig, denn aus der Position des Wohlstandes kann man den Armen den Verzicht predigen. Aus diesem Grund hat die Umweltkampagne bisher in den Entwicklungsländern v.a. zur Hervorhebung der durch die Unterentwicklung bedingten Umweltprobleme und zur Auffassung geführt, die „ökologische Propaganda“ der Industrieländer sei […] ein geschicktes Manöver der reichen Länder mit dem Ziel, ihr hohes materielles Niveau zu bewahren, den armen Ländern aber auf Dauer die Rolle von Weltnaturschutzparks oder ökologischen Ausgleichsgebieten zuzuweisen.“[28]

Eine ganz andere Folgerung zog Sicco Mansholt, damals Vize Präsident der Europäischen Kommission, aus einem Vorhabbericht des Club of Rome. Er sah Europa als Teil der industrialisierten Welt in der Verantwortung eine Vorreiterrolle in der Senkung des materiellen Lebensstandards einzunehmen. Damit sprach er sich für eine Rückführung der Produktion und des Konsums in der industriellen Welt aus, die durch wachsende Lebensqualität kompensiert worden wäre. Als einer der führenden europäischen Politiker ließ er das Wachstumsparadigma fallen, weil die Verführung zum Wachstum letztlich immer nur den Interessen der herrschenden Minderheiten gedient hätte.[29] Deshalb forderte er die Europäische Kommission dazu auf, einen europäischen Wirtschaftsplan auszuarbeiten, der nicht mehr die Steigerung des Bruttosozialprodukts zum Ziel habe, sondern „die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts“.[30] Trotz massiver Gegnerschaft brachte er seine planwirtschaftliche Grundkonzeption auf der Umweltkonferenz in Stockholm ein, konnte er sich allerdings auf EG- wie UN-Ebene nicht durchsetzen.

[...]


[1] „Das hält der Planet auf Dauer nicht aus“. Interview mit Klaus Töpfer in der FR vom 22.03.2006

[2] Vgl. Kai F. Hünemörder: Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik (1950-1973) [HMRG Band 53], Stuttgart 2004.

3 Dennis Meadows u.a.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.

[4] Vgl. vor allem Paul u. Anne Ehrlich: Bevölkerungswachstum und Umweltkrise. Die Ökologie des Menschen, Stuttgart 1972.

[5] Vgl. John McCormick: The global environmental movement. Reclaiming paradise, London 1989.

[6] Boston 1962.

[7] Zur Kontroverse siehe ausführlich Frank Graham Jr.: Seit dem stummen Frühling, München 1971.

[8] Hieraus leitete sich die Vorstellung des natürlichen Kapitalstocks der heutigen Umweltökonomie ab. Im eigentlichen spricht Boulding hier schon das Problem natürlicher Grenzen einer Wirtschaft durch die ihr gegebenen Ressourcen an. Vgl. Kenneth Boulding: The Economics of the Coming Spaceship Earth, in: Henry Jarret (Hg.): Environmental Quality in a growing economy, Baltimore 1966, S.3-14.

[9] Vgl. Paul u. Anne Ehrlich: Bevölkerungswachstum und Umweltkrise. Die Ökologie des Menschen, Stuttgart 1972. oder Gordon Rattray Taylor: Die biologische Zeitbombe. Revolution der modernen Biologie, Frankfurt am Main 1969.

[10] Vgl. Franz-Joseph Brüggemeier: Tschernobyl 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung [20 Tage im 20.Jahrhundert], München 19992, S.254f.

[11] Vgl. Anm. 2, S.23.

[12] Vgl. Peter Moll: From Scarcity to Sustainability. Futures Studies and the Environment. The Role of the Club of Rome, Frankfurt 1991, S.49-92.

[13] Dennis Meadows u.a.: Die Grenzen des Wachstums. Der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972, S.17.

[14] Für Überlegungen zu diesem durchschlagenden Erfolg des Berichts siehe Patrick Kupper: „Weltuntergangs-Vision aus dem Computer“. Zur Geschichte der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972, in: Frank Utekötter u. Jens Hohensee (Hg.): Wird Kassandra heißer? Die Geschichte falscher Ökoalarme [HMRG Band 57], Stuttgart 2004, S.98-111.

[15] siehe Anm.13 S.19-21.

[16] Kritische Würdigung durch den Club of Rome, in: Meadows: Grenzen des Wachstums, S.165-176, hier S. 169.

[17] Dennis und Donella Meadows: Das globale Gleichgewicht. Modellstudien zu Wachstumsfragen, Stuttgart 1974, S.244.

[18] siehe Anm. 2, S.228.

[19] Emil Rechtziegler: Grenzen des Wachstums oder Krise des Imperialismus?, in: Nussbaum, Heinrich von (Hg.): Die Zukunft des Wachstums. Kritische Antworten zum Bericht des Club of Rome, Düsseldorf 1973, S.159.

[20] Vgl. Paul A. Samuelson, in: Willem L. Oltmans: „Die Grenzen des Wachstums“. Pro und Contra, Hamburg 1974, S. 41f.

[21] Welt am Sonntag vom 2.7.1972 („Wachstum kann nie schaden“).

[22] FAZ Nr.284 vom 7.12.1972 („Die Katastrophe findet nicht statt“).

[23] Wolfgang Harich: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der >Club of Rome<, Hamburg 1975.

[24] Hans Magnus Enzensberger: Zur Kritik der politischen Ökologie, in: Ders. (Hg.): Ökologie und Politik oder die Zukunft der Industrialisierung (Kursbuch 33), Berlin 1973, S.1-33, hier S.8.

[25] Ebenda S.18.

[26] „Angesichts der hier aufgezeigten Sachverhalte über Struktur und Entwicklungsdynamik der internationalen Gesellschaft sind sogenannte Weltmodelle, die die genannten Differenzierungen nicht berücksichtigen, realitätsfremd. In der Tat verfälschen sie eher das Bild internationaler Gesellschaft, als dass sie dieses transparent zu machen vermögen.“ Senghaas, Dieter: Über Struktur und Entwicklungsdynamik der internationalen Gesellschaft. Zur Problematik von Weltmodellen, in: H.E. Richter (Hg.): Wachstum bis zur Katastrophe?, Stuttgart 1974, S.32-45, hier 44.

[27] Siehe Anm. 24, S.18

[28] Hans –Jochen Vogel: Die Grenzen des Wachstums. Konsequenzen für die Politik, in: Nussbaum, Heinrich von (Hg.): Die Zukunft des Wachstums. Kritische Antworten zum >Bericht des Club of Rome<, Düsseldorf 1973, S.217-246, hier S.227.

[29] Vgl. Sicco Mansholt: Die Krise. Europa und die Grenzen des Wachstums, Hamburg 1974, S.93.

[30] Vgl. Mansholts vieldiskutierten Brief an den Präsidenten der EG Kommission vom 9.2.1972: >Leitgedanken für Europa und die Welt> vollständig abgedruckt siehe Anm.2 Anhang 5, S.350-354.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Umwelt und Wachstum aus Sicht der weniger entwickelten Länder zu Beginn der 70er Jahre
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Wachstum und Industrialisierung in globaler Perspektive 18.-20. Jh.
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V61678
ISBN (eBook)
9783638550857
ISBN (Buch)
9783638668194
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umwelt, Wachstum, Sicht, Länder, Beginn, Jahre, Industrialisierung, Perspektive
Arbeit zitieren
Daniel Wendler (Autor), 2006, Umwelt und Wachstum aus Sicht der weniger entwickelten Länder zu Beginn der 70er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61678

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