Exegese von Gen 12, 1-8 (Abrahams Berufung und Wanderung nach Kanaan)


Seminararbeit, 2004

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.) Einleitung:
1.1) Vorgeschichte
1.2) Inhaltsangabe

2.) Literar- und Formkritik:
2.1) Grobstrukturierung
2.2) Feinstrukturierung und Analyse
2.3) Bezugnahme auf Kommentare und Aufsätze von Theologen
2.4) Zeitliche Einordnung des Bibeltextes

3.) Die Person Abraham

4.) Vergleich mit einer anderen Bibelübersetzung
(Vergleichstext: Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes)

5.) Bedeutung des Textes in der Gegenwart

6.) Unterrichtsentwurf

7.) Anhang:
- Literaturverzeichnis:
- Quellen
- Texte
- Kommentare
- Karten

1.) Einleitung:

1.1) Vorgeschichte: Hinführung zu Genesis 12, 1-8

Das Alte Testament beginnt mit der Schöpfung der Erde und der Erschaffung des Menschen. Die Geschichte führt über Adam und Eva im Paradies, ihrer Vertreibung aus dem Garten Eden, hin zu ihren Nachkommen Kain, Abel und Set. In Genesis 5 wird die Liste der Geschlechterfolge bis hin zu Noah und seinen Söhnen dargestellt, bevor sich die nachfolgenden Kapitel mit der Sintflut und dem Bau der Arche beschäftigen. Nach der großen Flut beschreibt Genesis 10 die Nachkommenschaft Noahs und deren Sippenverbände, die alle die gleiche Sprache sprechen. Dies ändert sich in Genesis 11, als Gott beim Turmbau zu Babel die Sprache der Menschen verwirrt und sie über die gesamte Erde zerstreut. Das Kapitel fährt fort mit der Ahnenreihe Abrams von Sem bis Terach, der neben Abram auch Nahor und Haran zeugt. Abram nimmt sich die unfruchtbare Sarai zur Frau und zieht mit Terach und Lot, dem Sohn des verstorbenen Haran aus Chaldäa Richtung Kanaan. Doch auf dem Weg kommen sie durch Haran, einer in der heutigen Türkei liegenden Stadt, und lassen sich dort nieder. Mit dem Tod Terachs endet auch das elfte Kapitel und stellt damit die Ausgangssituation zu Genesis 12, 1-8 dar.

1.2) Inhaltsangabe von Genesis 12, 1-8

Der Textausschnitt handelt von der Berufung und der Wanderung Abrams nach Kanaan. Nachdem sich Abram mit seiner Familie in Haran niedergelassen hat, spricht Gott eines Tages zu ihm und fordert ihn auf, sein Land zu verlassen und an einen auserwählten Ort zu reisen. Denn der Herr will aus Abram ein großes Volk erschaffen und seinen Namen bekannt machen. Durch seinen Segen soll Abram überall Segen verbreiten. Abram gehorcht Gott und wandert mit fünfundsiebzig Jahren von Haran nach Kanaan. Er zieht mit seiner Frau Sarai und seinem Neffen Lot durchs Land bis zur Stätte von Sichem. Dort erscheint ihm Gott erneut und prophezeit ihm, seinen Nachkommen dieses Land zu schenken. Daraufhin baut Abram dort einen Altar bevor er weiter Richtung Bet-El und Ai zieht. Zwischen den beiden Orten schlägt er sein Lager auf, baut einen weiteren Altar und ruft den Namen Gottes aus. Damit endet der achte Vers.

2.) Literar- und Formkritik:

2.1) Grobstrukturierung

Bei einer groben Gliederung lässt sich der Bibeltext in drei Abschnitte unterteilen: Der erste Abschnitt, Genesis 12, 1-3, handelt von der Berufung Abrams durch Gott. Der Herr verlangt von ihm sein Land zu verlassen, damit er aus Abram ein großes Volk macht und er den Segen unter den Menschen verbreitet.

Genesis 12, 3-6 bildet das Mittelstück diese Bibeltextes: Abram zieht mit Sarai und Lot nach Kanaan und lässt sich in Sichem nieder.

Im letzten Teil, Genesis 12, 6-8, spricht Gott erneut zu Abram und prophezeit ihm, dass er seinen Nachkommen dieses Land vermachen wird. Daraufhin baut Abram seinem Herrn einen Altar und ruft dessen Namen aus.

In dieser groben Unterteilung ist die Haupthandlung, die Wanderung Abrams nach Kanaan, eingebettet in die beiden Ansprachen Gottes. Wie in vielen Bibeltexten sind der Anfang und das Ende von Genesis 12, 1-8 von der Handlung und vom Wortlaut her sehr ähnlich: Da früher die Bibeltexte zunächst nur mündlich vorgetragen wurden, signalisierte man das Ende durch Wiederaufnahme des Anfanges. Dies lässt sich auch in diesem Bibelausschnitt deutlich nachweisen: Der Text beginnt mit „Der Herr sprach zu Abram [...]“[1] und der letzte Abschnitt fängt mit „Der Herr erschien Abram und sprach[...]“[2] an. Dieses stilistische Mittel nennt man auch Inclusio.

Bei genauerer Betrachtung dieser Gliederung ist der Text selbst mit einer Reise vergleichbar: Der erste Abschnitt bildet dabei den Ausgangspunkt der Reise, der Ort von dem man aufbricht. Der Mittelteil, die Wanderung Abrams, veranschaulicht den Weg zum Reiseziel, und der Schluss des Bibeltextes stellt die vorläufige Erreichung des Ziels dar. Vorläufig, weil Abram nach dieser Textstelle weiter durch das Land zieht. Durch diesen formalen Aufbau wird dem Leser oder dem Zuhörer das Gefühl vermittelt, Abram bei seiner Reise zu begleiten.

2.2) Feinstrukturierung und Analyse:

Um die verschiedenen Quellen des vorliegenden Bibeltextes herauszuarbeiten und diese zeitlich einzuordnen wird der Text im Folgendem genauer strukturiert und die einzelnen Elemente analysiert.

Den ersten Einschnitt kann man nach dem Ende von Gen 12, 1 vornehmen. Bis dorthin spricht der Herr seine Aufforderung aus, Abrams Heimatland und seine Verwandtschaft zu verlassen. Diese Aufforderung verändert drastisch das Leben des in die Jahre gekommenen Abrams. Ein Auszug aus der Heimat, weg von seinen Verwandten zur damaligen Zeit ist mit heutigen Maßstäben nicht zu vergleichen: Die Verwandtschaft und das eigene Haus bildeten zu dieser Zeit die wichtigste Existenz-grundlage. Gott verlangt in dieser Textpassage von Abram, diese Existenzgrundlage aufzugeben und in ein anderes Land zu ziehen, ohne einen Zielort zu nennen.

Stilistisch ist in diesem Abschnitt die dreistufige Gliederung auffällig: Abram soll zunächst sein Land, dann seine Verwandtschaft und zuletzt das Haus seines Vaters verlassen. Durch diese drei Stufen, die sein Zuhause immer näher umschreiben, wird die Bedeutung von Gottes Auftrag noch deutlicher hervorgehoben.

Die folgenden zwei Verse stehen ganz im Zeichen des Segens, lassen sich aber in zwei Abschnitte unterteilen:

Der zweite Abschnitt bildet gleichzeitig den zweiten Vers von Genesis zwölf. Gott spricht in ihm davon, Abram selbst zu einem großen Volk zu machen, ihn zu segnen und seinen Namen groß zu machen. Der Vers endet mit „Ein Segen sollst Du sein.“[3]. Das Wort „groß“ wird in diesem Zusammenhang wiederholt, was darauf schließen lässt, wie wichtig Abrahams Aufgabe bzw. Reise ist. Dies zeigt sich inhaltlich natürlich auch durch die Tatsache, dass Gott persönlich zu Abraham spricht und kein gesandter Engel. Mit dem letzten Satz macht der Herr Abram selbst zu einen Gesandten Gottes, wobei die Rolle Abrams durch die Satzstruktur eher passiv wirkt. Denn Abraham soll nicht andere segnen, sondern wird selbst in einen Segen verwandelt. Dass Abram nur ein Werkzeug Gottes ist, zeigt sich noch deutlicher im folgenden Abschnitt.

Formal ist auch hier eine Dreigliedrigkeit in Gestalt eines Versprechens bzw. einer Zusage Gottes erkennbar[4].

Der angesprochene dritter Abschnitt, der den dritten Vers umfasst, lässt sich insofern vom zweiten Vers abgrenzen, weil sich der Segen nun nicht mehr nur auf Abram bezieht, sondern auch auf die Menschen in seiner Umgebung.

„Segen“[5] ist in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass man jemanden etwas Gutes wünscht oder eine Gemeinschaft mit ihm pflegen will. „Segen“1 bzw. „segnen“1 taucht in dem kurzen Vers fünfmal auf, was darauf deutet, dass die Segnung ein Herzstück der Abrahamgeschichte ist, die ja auch inhaltlich das Leben Abrams komplett verändert. Der Gegensatz des Segens befindet sich in der selben Textstelle: „wer dich verwünscht, den will ich verfluchen.“[6] zeigt, dass man mit dem Betreffenden nichts zu tun haben will und keine Gemeinschaft mit ihm eingehen möchte. Dies bedeutet für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen eine drastische Veränderung: Denn der Bund, den Gott in Genesis 9, 8-12 mit allen Lebewesen eingegangen ist, beschränkt sich nun nur noch auf eine bestimmte Gruppe von Menschen, nämlich den Menschen, die durch Abraham Segen erlangen. So zeichnet sich in dem vorliegendem Text langsam der Übergang von der Ursprungsgeschichte der Menschheit mit dem zentralen Thema des Sündenfalls zur Geschichte eines Volkes, den Israeliten, deutlich ab. Die Volksgeschichte wird nämlich durch die Vätergeschichte von Abram, Isaak und Jakob eingeleitet.

Der letzte Satz von Vers drei zeigt aber, dass jeder die Gelegenheit bekommt den Segen Gottes zu empfangen, denn es sollen nicht nur alle Menschen, sondern auch „[...]alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“[7]. Der Segen ist demnach unbegrenzt und soll sich durch Abram auf alle Lebewesen verbreiten. Durch die Formulierung „Durch dich [...]“[8] wird der Eindruck, dass Abram zum Werkzeug Gottes wird, noch verstärkt.

Sieht man diesen Satz in Verbindung mit dem Vorigem von Vers drei, kristallisiert sich heraus, dass jedes Tier und jeder Mensch die Chance hat, Segen von Gott zu erlangen. Ob und wie man Segen erlangt, hängt aber davon ab, wie man sich Abram gegenüber verhält. Dieses Verhältnis spiegelt sich in dem Chiasmus „Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen“[9] wieder.

Der nächste Abschnitt beginnt mit „Da zog Abram weg,[...]“[10] und endet mit „[...]ging auch Lot.“[11] ; Während zuvor die Rede Gottes verdeutlichte, welches großes Vertrauen er in Abram setzt, zeigt dieser Satz, wie stark der Glaube Abrams zu Gott ist. Ohne zu zögern folgt Abram Gottes Anweisung, gibt seine Existenzgrundlage auf und macht sich mit Lot auf die beschwerliche Reise.

Der fünfte Teilabschnitt, „Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fort zog“[12], bildet eine genealogische Angabe und gibt Hinweise in welchen Zeitabständen die Geschehnisse des Alten Testaments passieren. Die Tatsache, dass Abram schon fünfundsiebzig ist, als er nach Kanaan aufbricht, lässt sein Vorhaben noch unmöglicher erscheinen, als es schon so wirkt.

Liest man diese genealogische Angabe in der fortlaufenden Geschichte, wirkt sie wie ein Einschnitt und ein Fremdkörper. Hier ist durchaus denkbar, dass es sich hierbei um eine andere Quelle handelt, die dieselbe Geschichte erzählt. Dieser Eindruck verstärkt sich im folgendem Abschnitt.

Nach der genealogischen Angabe folgt der sechste Abschnitt, der den ganzen fünften Vers umfasst. Dieser Teil beschreibt nochmals, wie Abram Haran verlässt, allerdings wird hier ausgeführt, dass auch seine Frau mit ihm zieht und dass sie ihren gesamten Besitz mitnehmen. Zusätzlich wird in dieser Textstelle das erste Mal erwähnt, dass die Familie nach Kanaan wandert und auch schon dort ankommt. Dieser sechste Abschnitt bestärkt die Vermutung, dass es sich hierbei um zwei Texte unterschiedlicher Herkunft handelt, da der Aufbruch Abrams zweimal auf verschiedene Weise geschildert wird. Vergleicht man die beiden Textpassagen in ihrer Satzstruktur, fällt die unter-schiedliche Behandlung Lots auf: Im vierten Abschnitt ist Lot aktiv und scheint aus freien Stücken mit Abram zu gehen[13]. Der sechste Teilabschnitt stellt Lot hingegen passiv dar, indem er von Abram mitgenommen wird[14]. Geht man noch einen Schritt weiter, ist anzunehmen, dass Lot in der einen Quelle für älter gehalten wird, weil er dort seine eigene Entscheidung trifft. In der anderen Quelle ist er folglich noch zu klein, um sich für oder gegen die weite Reise zu entscheiden.

[...]


[1] Die Bibel: Gen 12, 1

[2] Die Bibel: Gen 12, 7

[3] Die Bibel, Gen 12, 2b

[4] [...]großes Volk [...] Namen groß machen [...] Segen sollst du sein [...]

[5] Die Bibel: Gen 12, 2b

[6] Die Bibel: Gen 12, 3b-c

[7] Die Bibel: Gen 12, 3d

[8] Die Bibel: Gen 12, 3d

[9] Die Bibel: Gen 12, 3a-c

[10] Die Bibel: Gen 12, 4

[11] Die Bibel: Gen 12, 4

[12] Die Bibel: Gen 12, 4b

[13] vgl. Die Bibel: Gen 12, 4

[14] vgl. Die Bibel: Gen 12, 5

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Exegese von Gen 12, 1-8 (Abrahams Berufung und Wanderung nach Kanaan)
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Einführung in die Schriften des Alten Testaments
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V61749
ISBN (eBook)
9783638551380
ISBN (Buch)
9783638598781
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Berufung, Wanderung, Kanaan), Einführung, Schriften, Alten, Testaments
Arbeit zitieren
Marc Weber (Autor), 2004, Exegese von Gen 12, 1-8 (Abrahams Berufung und Wanderung nach Kanaan), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61749

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