Methodik und Praxis der Erlanger Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Verlaufsrichtungen der Wortbildungsanalyse
2.1. Diachrone Wortbildungsanalyse
2.2. Synchrone Wortbildungsanalyse

3. Erlanger Schule als funktionale Analyse
3.1. Die morpho-semantische Analyse der Innsbrucker Schule
3.1.1. Morphologische Analyse
3.1.2. Semantische Analyse
3.1.2.1. Ermittlung der Motiviertheit
3.2. Besonderheiten historischer Wortbildungsanalysen
3.2.1. Problem des Basisnachweises
3.2.2. Problem der räuml.-zeitl.Einordnung des Basisbelegs
3.2.3. Unzureichende Sprecherkompetenz
3.3. Kompensierende Maßnahmen der Erlanger Schule
3.3.1. Systematische Basensuche
3.3.1.1. Korpusbasiertheit
3.3.1.2. Bedeutungserschließung durch Paraphrasierung
3.2.3. Bestimmung der Motivationsdichte
3.2.3.1. Bewertungsskala nach Müller

4. Praxis der Erlanger Schule
4.1. Das zugrunde liegende Korpus
4.1.1. Das Erlanger Korpus
4.1.2. Bonner Korpus zum Vergleich
4.1.3. Korpora als Grundlage für den korpusexternen Vergleich
4.2. EDV-basierte Verarbeitung
4.3. Analyseschritte am Beispiel des Wortbildungstyps g(e)-Æ/(t/d)+(e)
4.3.1. Quantitative Erfassung
4.3.2. Morphologische Untersuchung
4.3.3. Semantische Untersuchung
4.3.3.1. Darstellung nach Wortbildungstypen
4.3.3.2. Darstellung nach Funktionstypen
4.3.3.3. Nicht einortenbare Bildungen
4.3.4. Motivationsdichtebestimmung als Kontrollfaktor
4.3.5. Vergleich mit den Druckschriften
4.3.6. Diachroner Vergleich mit der Gegenwartssprache

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Methodik und Praxis des so genannten „Erlanger Modells“ befassen.

Diese Schule erörtert die Möglichkeiten der Wortbildungsanalyse historischer Texte allgemein und betreibt seine Forschungen im Besonderen anhand der Untersuchung des Nürnberger Frühneuhochdeutschen um 1500.

Die Vertreter dieser Schule, namentlich vor allem Mechthild Habermann, Peter O. Müller und Barbara Thomas, wollen mit ihrer Arbeit „in exemplarischer Weise, jedoch auf breiter empirischer Basis, einen Beitrag leisten zur Geschichte der deutschen Wortbildung und zur Methodik einer synchronen, funktionalorientierten Wortbildungsanalyse historischer Texte.“[1]

Die Untersuchungen wurden im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universität Erlangen-Nürnberg geförderten Projektes durchgeführt und in drei, nach Wortarten getrennten, Bänden veröffentlicht.

Was dieses Modell auszeichnet und wodurch es sich von anderen Modellen unterscheidet, darum soll es im Folgenden gehen. Ich werde dabei vorrangig auf die Methodik dieses Modells, auf deren genaue Dokumentation auch die Beteiligten großen Wert gelegt haben, eingehen und lediglich bei der Schilderung des genaueren Ablaufes der Analyse auf ein Beispiel zurückgreifen.

2. Verlaufsrichtungen der Wortbildungsanalyse

Bei der Erlanger Schule steht die funktionale Analyse von Wortbildungen im Vordergrund. In der Wortbildung geht es darum, dass „Muster rekonstruiert und beschrieben werden, nach denen Wörter einer Sprache intern strukturiert sind und neue Wörter gebildet werden.[2]

Je nach Erkenntnisinteresse wird diese Struktur unter diachronem oder synchronem Blickwinkel betrachtet.

Das Erkenntnisinteresse der Erlanger Schule ist funktionaler Natur, d.h. die Analyse der Wortbildung geschieht unter der Fragestellung nach der Wortbildungsbedeutung. Es geht also in der Hauptsache um die semantische Beziehung zwischen Basis und Wortbildungsprodukt.[3] Um diese zu ermitteln, bedarf es der synchronen Analyserichtung. Denn von Interesse ist hier die Bedeutung des betreffenden Lexems im gegebenen Zeitrahmen.

2.1. Diachrone Wortbildungsanalyse

Die Analyse aus diachroner Perspektive geht der Frage nach, wie sich die Wortbildung im zeitlichen Verlauf verändert hat. Diese Betrachtungsweise sieht also ihre Aufgabe darin, „die Bahnen aufzusuchen und zu verfolgen, in denen sich die Bildung des Wortschatzes vollzieht[4] Henzen, ein Vertreter dieser Betrachtungsweise beschreibt sie als eine „Wortbildungsgruppen vom Germanischen her begleitende Überschau“.

Bei der diachronen Wortbildungsanalyse steht die ursprüngliche Bedeutung der einzelnen Affixe im Mittelpunkt des Interesses. Einzelworte werden isoliert und etymologisch untersucht. Eine Wortbildungsanalyse wird hier vor allem anhand von Beispielen aus Wörterbüchern durchgeführt. Sie geht der Frage nach, woher ein Wort oder ein Wortbestandteil kommt, was es also ursprünglich bedeutet hat.

2.2. Synchrone Wortbildungsanalyse

Die synchrone Wortbildungsanalyse hingegen fragt danach, welche Bedeutung ein Wort oder Wortbestandteil zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte. Hier steht das funktionelle Zusammenspiel der Morpheme und Wortbildungsmuster im Vordergrund. Um dieses zu erfassen, bedarf es der Rekonstruktion von Wortbildungssystemen statt Einzelworten. So kann die Funktion und Bedeutung eines Wortbestandteils in dem betreffenden Zeitabschnitt am besten zurückverfolgt werden.

Die synchrone Analyse der Wortbildung erlaubt einige Erkenntnisse, die die diachrone Analyse nicht liefern kann.

Erst der Vergleich verschiedener historischer Wortbildungssysteme erlaubt weitere Aussagen über die wesentlichen Sprachwandelerscheinungen im Bereich der Wortbildung. Diese Sprachwandelerscheinungen betreffen z.B. Veränderungen im Inventar der Wortbildungselemente oder –muster, Veränderungen des Funktionspotentials von Affixen, und Fokussierung bestimmter Wortbildungsbedeutungen.

Nur synchron werden Reduktionen semantischer Konkurrenzbildungen, z.B. durch Veralten oder Bedeutungsdifferenzierung wirklich sichtbar und Rückgänge von Wortbildungen mit pleonastischen, also funktionslosen Affixen fallen auf.[5]

3. Erlanger Schule als funktionale Analyse

Das vorrangige Ziel bei der Rekonstruktion der Wortbildungssysteme durch die Erlanger Schule ist die Erfassung des „funktionellen Zusammenspiels der Morphem- und Wortbildungsmuster[6]. Um dieses zu analysieren, orientieren sie sich am funktionellen Modell der Innsbrucker Schule für das Neuhochdeutsche.

3.1. Die morpho-semantische Analyse der Innsbrucker Schule

Das Modell der Innsbrucker Schule, ein empirisch erprobtes Produkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist aufgezeichnet in der Dokumentation „Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen der Gegenwartssprache.“

Wie Solms feststellt, knüpfen alle synchronen Arbeiten zur historischen Wortbildung an die „theoretischen und methodischen Überlegungen der jüngeren gegenwartssprachlichen Wortbildungsforschung an, wie sie insbesondere im Umkreis der Innsbrucker Arbeitsstelle der IDS entwickelt wurde. Somit beinhaltet das Forschungsziel jeweils die Beschreibung des relevanten Inventars der Wortbildungsmittel einschließlich ihrer zeiträumlichen graphischen Variation sowie die Beschreibung der in den Wortbildungskonstruktionen enthaltenen Wortbildungsmuster/-typen und der semantisch-syntaktischen Regularitäten ihrer Bildung.“[7]

.Die Analyse der Wortbildung gliedert sich in einen morphologischen und einen semantischen Teil.

Ziel ist es dabei, die „Bildungsmittel (wortbildende Morpheme, Affixe) gleicher oder ähnlicher Anwendungs- und Ausbaurichtung von einem Bezugspunkt der Leistung her jeweils systematisch darzustellen und in ihrem funktionalen Zusammenspiel überschaubar zu machen[8]

3.1.1. Morphologische Analyse

Dabei dient der morphologische Teil der formalen Beschreibung der Ausdrucksseite aller im Korpus gefundenen Derivate. Für jede Bildung werden hier die Motivationsbasis und die Wortbildungsmittel bestimmt. Die so segmentierten Bestandteile werden quantitativ erfasst und nach Wortbildungsmustern geordnet. Von Interesse ist hier unter anderem auch die Wortartzugehörigkeit der Basis und Variationen bei der Schreibung. Hier sind Aussagen über die Produktivität einzelner Wortbildungsmuster möglich. Diese „Fähigkeit eines Wortbildungsmusters, zur betrachteten Zeit noch neue Wörter zu bilden[9], ergibt sich aus der quantitativen Auslastung dieser Muster.

3.1.2. Semantische Analyse

Die morphologische Analyse bildet die Grundlage für die weitere semantische Betrachtung. Hier geht es um die Feststellung der lexikalischen Bedeutung der Wörter im jeweiligen Kontext, also um die Thematik der Bedeutungserschließung.

Unter semantischer Klasse bzw. Funktionsklasse wird eine Gruppe von Derivaten derselben Wortbedeutung verstanden.“[10] Ziel der semantischen Analyse ist es also, die funktionelle Leistung einzelner Wortbildungsmuster zu erfassen.

Zu diesem Zweck bedarf es zunächst der Ermittlung der Motiviertheit der Bildung.

3.1.2.1. Ermittlung der Motiviertheit

Die Bedeutung eines Wortbildungsproduktes, also die Wortbildungsbedeutung, ergibt sich aus der inhaltlichen Differenz von Wortbildungsprodukt und seiner Motivationsbasis.

Solms bezeichnet die „Ermittlung der synchronen semantischen Motiviertheit […] als methodisches Kernstück jeder Wortbildungsanalyse.“[11] Grundlage dabei ist das Verständnis von Wortbildungskonstruktionen als motivierte Wortschatzeinheiten.[12]

Die Motiviertheit von Wortbildungen zu bestimmen, ist also insofern wichtig, als eine Analyse der Wortbildung unter funktionalem Aspekt ohne die Motivierung der betreffenden Bildung nicht zu bewerkstelligen ist. „Als analysierbar gelten Bildungen, die morphologisch motiviert und morphologisch-semantisch einem bestimmten Wortbildungstyp zuzuordnen sind.“[13]

Die Motiviertheit bezeichnet allgemein sowohl das Ausmaß, in dem sich die Bedeutung eines komplexen Wortes aus der Bedeutung seiner Morpheme ableiten lässt, als auch den Grad der Analysierbarkeit der zugrunde liegenden Struktur. Sie besteht aus einer morphologischen als auch aus einer semantischen Seite. Eine Wortbildung gilt als motiviert, wenn die Gesamtbedeutung aus der Summe der Bedeutungen der Einzelelemente erschließbar ist.

An dieser Stelle zeigen sich die Schwierigkeiten bei der Analyse historischer Wortbildungen im Gegensatz zur Analyse der Gegenwartssprache.

3.2. Besonderheiten historischer Wortbildungsanalysen

Die Erlanger Schule steht in einer Reihe mit der Analyse anderer Analysen historischer Sprachen. Habermann und Müller sehen diesbezüglich als spezifische Probleme besonders die morphologisch-semantische Bestimmung der Wortbildungsbasis, die räumlich-zeitliche Einordnung des Basisbelegs und die kontextabhängige Bestimmung der Wortbildungsbedeutung an.[14]

3.2.1. Problem des Basisnachweises

Um die Bedeutung eines Wortbildungsprodukt, auch eines historischen, zu erfassen, bedarf es der Ermittlung der zugrunde liegenden Wortbildungsbasis. Ihr Verhältnis gibt Aufschluss über die Bedeutungsdifferenz zwischen Basis und Produkt. Gibt es keinen inhaltlichen Unterschied zwischen der zugrunde liegenden Basis und deren Wortbildungsprodukt, so kann die Bildung synchron nicht analysiert werden und muss als Simplizium eingestuft werden.

[...]


[1] Habermann, Mechthild: Verbale Wortbildung um 1500. Berlin: Walter de Gruyter, 1994, S. V.

[2] Glück, Helmut (Hg.): Metzler-Lexikon Sprache. Stuttgart: Metzler, 2.Auflage 2000, S.794.

[3] Barz, Irmhild: Wortbildung – praktisch und integrativ. Ein Arbeitsbuch. Frankfurt/Main: Lang Verlag, 2. Auflage 2003, S. 183.

[4] Wilmanns,Wilhelm.: Deutsche Grammatik. Gotisch, Alt-, Mittel- und Neuhochdeutsch. Zweite Abteilung: Wortbildung. Berlin Leipzig, 1930 2. Auflage S.1.

[5] Müller, Peter O.: Historische Wortbildung im Wandel. In: Habermann/Müller/Munske (Hg.): Historische Wortbildung. Stuttgart: Niemeyer, 2002, S.7.

[6] Müller 2002: S.3

[7] Solms, Hans-Joachim: Historische Wortbildung. In: Sprachgeschichte (HSK) 2.1. 2. Auflage 1998, S. 607.

[8] Kühnhold/Wellmann: Wortbildung. Typen u. Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache. Erster Teilband: Das Verb. Düsseldorf: Schwann Verlag, 1973, S.7.

[9] Metzler: S.794.

[10] Thomas, Barbara: Adjektivderivation im Nürnberger Frühneuhochdeutsch um 1500. Berlin: De Gruyter, 2002, S.48.

[11] Solms: S.607.

[12] Solms: S. 607.

[13] Itkonen, Kyösti: Einführung in Theorie und Praxis der deutschen Wortbildungsanalyse. Vyväsylä, 1983, S.105.

[14] Habermann/Müller: Verbale Wortbildung im Nürnberger Frühneuhochdeutschen am Beispiel –er. In: Moser/Wolf: Zur Wortbildung des Frühneuhochdeutschen. Ein Werkstattbericht. Innsbruck, 1989, S.45.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Methodik und Praxis der Erlanger Schule
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Sprachwandel im Germanisch - Deutschen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V61780
ISBN (eBook)
9783638551601
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt die Möglichkeiten der Wortbildungsanalyse historischer Texte allgemein und befasst sich dabei insbesondere mit der so genannten "Erlanger Schule", die anhand der Untersuchung des Nürnberger Frühneuhochdeutschen um 1500 eine Methode der Wortbildungsanalyse entwickelt hat.
Schlagworte
Methodik, Praxis, Erlanger, Schule, Sprachwandel, Germanisch, Deutschen
Arbeit zitieren
Petra Döllefeld (Autor), 2005, Methodik und Praxis der Erlanger Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61780

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