Theodor W. Adorno ist ein Ärgernis - Das Vermächtnis eines Kulturkritikers


Hausarbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adornos Kritik an der „Kulturindustrie“
2.1 Adorno kritisierte zu Recht
2.2 Bestandsaufnahme
2.3 Aufklärung und Bildungsauftrag der Medien

3. Adornos (unausgeschöpftes) Potenzial
3.1 Adorno missverstanden
3.2 Adorno provokant
3.3 Aufklärung als Massenbetrug
3.4 Recht auf Berieselung

4. Der Mann im Ohr
4.1 Hoffnungsschimmer Qualitätsinitiativen
4.2 Das System mit den eigenen Waffen schlagenS
4.3 Grundlagen schaffenS

5. Fazit: Adorno ist ein Ärgernis

6. Quellen

1. Einleitung

Im Zuge seiner generellen Gesellschaftskritik hat Theodor W. Adorno vor einem halben Jahrhundert auch die Medienlandschaft angeprangert. Er nannte die vom Kapitalismus durchdrungene Medienwelt „Kulturindustrie“ und zeichnete eine düstere Zukunft, in der, gleich nach dem Profitstreben, die bewusste Verblendung der breiten Bevölkerung das höchste Ziel des massenmedialen Systems sei. Adornos Prophezeiung ist in zahlreichen Punkten eingetroffen. Das System, die Gesellschaft, die globalisierte Welt krankt an ihrer am wirtschaftlichen Erfolg orientierten Ausrichtung, der Quotengott regiert die Medienlandschaft.

Ein Patentrezept gegen dieses Übel hat der Mitbegründer der Frankfurter Schule damals allerdings nicht geliefert. Auch der Aktualitätsgrad seiner Information kann heutzutage zumindest in Frage gestellt werden, da zumindest den Medienschaffenden bewusst sein sollte, nach welchen Spielregeln sie sich ausrichten. Der zuweilen recht beschwerliche Weg von der ersten bis zur letzten Adornoschen Zeile ist dennoch nicht vergebens, wie im Folgenden gezeigt werden soll.

Adorno kann den Medienschaffenden helfen, bessere Journalisten zu sein und zu bleiben und den Aufklärungsauftrag der Medien zu reaktivieren.

Um die These zu belegen, ist es zunächst erforderlich, Adornos Hauptkritikpunkte kurz zu umreißen. Eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Verfasstheit der Medienwelt soll Aufschluss über die Verifizierbarkeit seiner Vorahnung geben. Doch auch Adorno ist nicht, und war es nie, gefeit gegen Kritik an seiner Arbeit. Als Hauptangriffspunkt wird von Gegnern wie Anhängern Adornos stets gegen ihn ins Feld geführt, dass er sich in der Theorie verschanzt habe, statt einen praktischen Leitfaden mit Gegenmaßnahmen an die Hand zu geben. In der Hausarbeit wird gezeigt, dass Adorno durchaus etwas bewegen wollte, ihm dies nur nicht ausreichend gelang. Nichtsdestotrotz kann er als Ratgeber gesehen werden und bei rechter Anwendung heutzutage denjenigen nützlich sein, die wirklich etwas bewegen wollen. Es wird vorausgesetzt, dass das Bedürfnis nach einer Verbesserung des medialen Ist-Zustandes existiert sowie die Hoffnung, gegen steuern und das im Kapitalismus verhakte Ruder herumreißen zu können. Es wird auf den folgenden Seiten daraufhin gearbeitet, den Nutzen Adornos für die wünschenswerte Reform des Mediensystems aufzuzeigen. Während Adorno eine umfassende Gesellschaftskritik formulierte, sollen in der vorliegenden Hausarbeit nur die Aspekte Massenmedien und Journalismus betrachtet werden.

2. Adornos Kritik an der „Kulturindustrie“

Das Schreckenszenario des Theodor W. Adorno ist eine Welt, in der die Menschen vor den Fernsehbildschirmen verdummen, deren gesamtes Leben unabwendbar durchdrungen ist vom kapitalistischen Geist unter der Maske massenmedialen Einflusses, eine Gesellschaft, die ihr kulturelles Erbe vergraben und die Schatzkarte zur letzten Ruhestätte zerrissen hat, deren kritischer Geist eingeschläfert wurde[1].

„[…] dies ist das Phänomen, das Adorno „Massenkultur“ genannt hat: die ineinandergreifende Kombination der Mechanisierung der Seele mit der kompensatorischen Erheiterung durch die Kulturindustrie, der formalen Organisation der Lebenswelt mit ihrer Betäubung, der Entmachtung […]“ (Lövenich, 1990, S. 69, Z. 16- 19)

Dieser vorherrschenden Ideologie gibt Adorno den Namen „Kulturindustrie“.

2.1 Adorno kritisierte zurecht

Früher wurden Ideologien[2] genutzt, um Klassenunterschiede zu verdecken, um gesellschaftliche Strukturen zu verfestigen. Heute hat die Ideologie ein Eigenleben, sie hat sich nach Adorno verselbständigt. Die heutige Gesellschaft ist ein Produkt der kapitalistischen Ideologie und die Massenmedien sind ihre Träger (Vgl. Demirovic´, 1999, S. 452f.). Ein Schlagwort der ökonomisch orientierten Welt ist Globalisierung[3], und „wer Globalisierung analysiert, kommt meist schnell auf die Medien, die heute die Welt umspannen“ (Kleinsteuber/Thomaß, 2004, S.31, Z.54f.).

Massenmedien sind nach Adorno ein ideologisches Instrument. Eigentlich ist Ideologie notwendig, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten.[4] Daher machte sich Adorno auf die Suche nach derjenigen Ideologie, die als sozialer Kitt das zu seiner Zeit bereits aus dem Ruder laufende Gefüge verband.[5] Er diagnostizierte die „Kulturindustrie“ und befand, dass diese von den Massenmedien getragene und propagierte, kapitalistisch

geprägte Ideologie nicht sein dürfe, denn weder „geht es um die Massen an erster Stelle,

noch um die Techniken der Kommunikation, sondern um den Geist, der ihnen eingeblasen wird, die Stimme ihres Herrn“ (Adorno, 1969, S.61, Z.4ff.).

„Nach Adorno besteht der innere Widerspruch der Kultur darin, daß sie ihr Versprechen von Humanität auf der Basis einer inhumanen, repressiven Gesellschaftsformation gibt – und schließlich selbst dementiert, wenn sie sich, als Kulturindustrie, ganz den Regeln der Warenproduktion unterwirft.“ (Schweppenhäuser, 2003, S.12 Z.29 - S.13, Z.2)[6]

In der kommerziell ausgerichteten Medienwelt laufen die Fäden bei einigen wenigen Einzelpersonen zusammen, die den Titel Medienmogul tragen und die Geschicke international operierender Konzerne leiten.

Medienmogule suchen, im Bewusstsein ihrer Macht-position, meistens die Nähe zur Politik, um sie zur Beförderung ihrer wirtschaftlichen Ziele einzusetzen.“ (Kleinsteuber/Thomaß, S. 34, Z. 77-80)

Das Ausmaß kulturindustrieller Infiltrierung erstreckt sich dabei auch auf verwandte Branchen. Wie Adorno vorausgesagt hat, wird der mediale Inhalt dabei „vor allem im Hinblick auf ihre optimale Verwertbarkeit in möglichst vielen Medien- und Dienstleistungsangeboten betrachtet“ (Kleinsteuber/Thomaß, 2004, S. 38, Z.87-91).

2.2 Aufklärung und Bildungsauftrag der Medien

Die Medien vernachlässigen ihren Auftrag, der Aufklärung der Menschen zu dienen, und vergessen ihre Wahrheitsverpflichtung, so sieht es Adorno. „Was die Kulturindustrie ausheckt, sind keine Anweisungen zum seligen Leben […], sondern Ermahnungen, dem zu parieren, wohinter die mächtigsten Interessen stehen“ (Adorno, 1969, S. 68, Z.11-14). Es geht nicht mehr darum, die Realität aufzuzeigen, wie es die Kunst vormals getan habe[7], sondern es läuft darauf hinaus, den Menschen das zu zeigen, was im Sinne des kapitalistischen Gedankens, Gewinn bringend eingesetzt werden kann.[8] „Herrschaft, in der Form der Kulturindustrie, soll ja gerade bewirken, daß Erfahrung und Verstehen nicht mehr möglich sind“ (Demirovic´, 1999, S. 446, Z. 2ff.). Aufklärung der Bevölkerung sollte eigentlich eine Hauptaufgabe der Medien sein.[9] Für „Theodor W. Adorno, skeptisch gegenüber den Massenmedien und voller

Abneigung gegen die meinungsbildenden Organisationen und Institutionen“ (Kadelbach, 1970, S.7, Z.1f.), hatte der Journalismus seinen Aufklärungscharakter verloren. Jüngere Studien zur Mediennutzung belegen, dass den Medien überwiegend unterhaltende Züge zum Zwecke des Zeitvertreibs zugeschrieben werden.

„Medien sind Tröster, Zufluchtsort und Ersatz für sozialen Kontakt, sie füllen die Zeit und bekämpfen die Langeweile, sie liefern Gesprächsstoff, eine Beschäftigung und das Gefühl, informiert zu sein – das Gefühl, die Umwelt aller Erfahrung zum Trotz doch kontrollieren zu können und nichts Wesentliches versäumt zu haben.“ (Meyen, 2004, S.43, Z.12-17)

[...]


[1] „In unseren Entwürfen war von Massenkultur die Rede. Wir ersetzen den Ausdruck durch „Kulturindustrie“, um von vorneherein die Deutung auszuschalten […] daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kunst handele […]“ (Adorno, 1969, S. 60, Z. 4-9). Stattdessen gilt: „Die gesamte Praxis der Kulturindustrie überträgt das Profitmotiv blank auf die geistigen Gebilde.“ (S.61, Z.18ff.)

[2] Ideologie: „die Gesamtheit der Anschauungen u. des Denkens einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht“ (Wahrig, 1999, S.383, Z.1-3)

[3]„Globalisierung, Schlagwort der Politik, Ökonomie und Soziologie, das die transnationale Vernetzung der Systeme, Gesellschaften und Märkte bezeichnet. Grundlegend ist dabei die vollständige Ausbildung eines Weltmarktes und eine noch nie dagewesene Mobilität des Kapitals.“ (Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003. © 1993-2002 Microsoft Corporation; Suchbegriff: Globalisierung)

[4] „Agreement with others increases our confidence that our views are correct […] ensures that people are in contact with a common reality and gives them the feeling of being valued.” (Mackie/Smiths, 2000, S. 372, Z. 38 – S.372, Z.4); Vgl. auch Demirovic´, 1999, S. 456, Z.33-35 / S. 457, Z.1-24

[5] „Adornos Kritik der Massenmedien ist eingebettet in die grundsätzliche Kritik an der historischen Entwicklungstendenz der kapitalistischen Gesellschaft.“ (Gebur, 2002, (S.403, Z. 23ff.)).

[6] Vgl. auch Gebur, 2002, S. 407

[7] „Kultur, die […] nicht bloß den Menschen zu Willen war, sondern immer auch Einspruch erhob gegen die verhärteten Verhältnisse unter denen sie leben […].“ (Adorno, 1969, S. 62, Z. 1-3)

[8] „Geistige Gebilde sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch.“ (Adorno, 1969, S.62, S.6-8)

[9] „Die journalistische Arbeit soll [..] „zu reflektierten Überzeugungen und Urteilen des Publikums im Hinblick auf relevante kollektive“ Probleme führen […].“ Ein Beruf, „der weitaus mehr leiste, als die Vermittlung von Erkenntnissen und Behauptungen anderer.“ (Fischer-Lexikon, 2003, S. 108, Z. 22-27)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Theodor W. Adorno ist ein Ärgernis - Das Vermächtnis eines Kulturkritikers
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Medientheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V61832
ISBN (eBook)
9783638551984
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor, Adorno, Vermächtnis, Kulturkritikers, Medientheorie
Arbeit zitieren
Sabrina Palz (Autor), 2005, Theodor W. Adorno ist ein Ärgernis - Das Vermächtnis eines Kulturkritikers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61832

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Theodor W. Adorno ist ein Ärgernis - Das Vermächtnis eines Kulturkritikers


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden