Die Bedeutung von Entscheidungen unter Risiko ist in den Sozial- und insbesondere Wirtschaftswissenschaften von essentiellem Ausmaß. So beziehen Wirtschaftssubjekte Faktoreinkommen um damit zu konsumieren - heute oder in zukünftigen Perioden. Gäbe es für einen Haushalt eine Welt in der alle Umweltzustände mit einer Wahrscheinlichkeit von Eins einträten, könnte dieser sein Güterbündel bzw. seine Handlungsalternativen unter Berücksichtigung seines Einkommens und der Marktpreise mit Sicherheit optimieren, indem er die sicheren Ergebnisse gemäß seiner individuellen Wertschätzung ordnet und das Bündel mit der höchsten Bewertung wählt.
In der Realität müssen alle rational agierenden Individuen ihre Güterbündel und Handlungsalternativen jedoch in Abhängigkeit des unsicheren Eintretens von Umweltzuständen alloziieren - ja gar die Alternativen selbst und die Gesamtheit der verfügbaren Bündel sind ihnen oftmals unbekannt. Dennoch werden sie nicht beliebige Bündel gleich bewerten, sondern Präferenzen äußern können, wie etwa bei der Auswahl einer Anlage zur individuellen Altersvorsorge zwischen sicheren Sparbucheinlagen oder riskanten Unternehmensanleihen. Es muss also auch Richtlinien in ihrem Handeln geben, die ihnen Entscheidungen unter Risiko gezielt erlauben.
In dieser Arbeit soll ein kurzer Abriss der klassischen Theorie geboten werden, die zu erklären versucht, wie der homo oeconomicus auf die Risikoproblematik reagiert. Zunächst erfolgt im zweitem Kapitel die rekapitulierende Darstellung der Grundlagen der normativen Entscheidungstheorie: die Basisannahmen theoretisch rationaler Präferenzordnungen und Nutzenfunktionen werden korrespondierend mit der Betrachtung von Entscheidungen unter Sicherheit beschrieben.
Auf diesen Grundlagen aufbauend zeigt der Hauptteil der Arbeit in Abschnitt 2.2 die normative Basis der Entscheidungen unter Risiko. Hierzu wird die Erwartungsnutzentheorie fußend auf dem Bernoulli-Prinzip und den von Neumann/Morgenstern/Savage-Axiomen vorgestellt. Der Darstellung individueller Risikopräferenzen dient die Charakterisierung idealisierter Risikonutzenfunktionen sowie die Beschreibung möglicher Risikomaße.
Im dritten Kapitel wird kurz auf Versuche deskriptiver Analysen, die Erwartungs-nutzentheorie zu falsifizieren, und auf daraus resultierende Weiterentwicklungen des Theoriengebäudes eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Analyse
2.1 Präferenzordnung, Nutzen und Entscheidungen unter Sicherheit
2.2 Entscheidungen unter Risiko
2.2.1 Unsicherheit i.e.S. – Entscheidungen unter Ungewissheit
2.2.2 Erwartungsnutzentheorie
2.2.2.1 Bernoulli-Prinzip
2.2.2.2 von Neumann/Morgenstern/Savage-Axiome
2.2.2.3 Risikopräferenzen
2.2.2.4 Risikomaße
3. Deskriptive Aspekte
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen theoretischen Abriss über die normativen Grundlagen von Entscheidungen unter Risiko zu geben und dabei insbesondere individuelle Risikopräferenzen sowie deren Charakterisierung durch Nutzenfunktionen und Risikomaße zu analysieren.
- Normative Entscheidungstheorie und Rationalitätsaxiome
- Erwartungsnutzentheorie nach Bernoulli sowie von Neumann/Morgenstern
- Differenzierung von Risikoeinstellungen (Risikoaffinität, Neutralität, Aversion)
- Deskriptive Ansätze und empirische Falsifizierung der klassischen Theorie
- Methoden der Messung individueller Risikopräferenzen
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Unsicherheit i.e.S. – Entscheidungen unter Ungewissheit
Eine allgemeine Differenzierung kann dahingehend getroffen werden, ob dem Akteur die Eintrittswahrscheinlichkeiten unbekannt sind – es wird von Entscheidungen unter Unsicherheit i.e.S. bzw. Ungewissheit gesprochen (Dörsam 1998, 11) – oder ob er eine Probabilität p aus dem Intervall [0;1] mit Null für „ist ausgeschlossen“ bis Eins für „tritt definitiv ein“ konkretisieren kann.
Unter Ungewissheit muss ein Entscheider zwischen Alternativen bzw. Bündeln wählen, deren Auszahlungen bzw. Ergebnisse xi,j (als Nutzen transformiert) ihm für verschiedene Umweltzustände zj bekannt sind. Er kennt und ahnt jedoch nicht welcher Zustand eintreten wird. Es existieren in der klassischen Theorie Lösungsalgorithmen zur Entscheidungsfindung, die die Risikoeinstellung des Akteurs implizit berücksichtigen. Sie werden mithilfe nachfolgenden Exempels rekapituliert, wonach der Akteur eine von drei Alternativen ai bei Wissen um das mögliche Eintreten von vier Zuständen zj gemäß Tabelle 1 wählen muss.
Methode I zeigt die MaxiMin-Regel. Da der Entscheider die Alternativen ob ihrer Minima maximiert, charakterisiert dieser Algorithmus einen höchst risikoscheuen Akteur, der das Eintreten des schlimmsten Zustandes befürchtet. Ein derart pessimistischer Wähler schätzt somit die Alternative mit dem größten Minimum am meisten und a3 ≻ a2 ≻ a1.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Entscheidungen unter Risiko ein und skizziert den Aufbau der Arbeit von den theoretischen Grundlagen bis hin zu deskriptiven Analysen.
2. Theoretische Analyse: Dieses Kapitel erläutert die normativen Entscheidungstheorien, beginnend bei den Grundlagen unter Sicherheit bis hin zur detaillierten Herleitung der Erwartungsnutzentheorie und der Spezifikation von Risikopräferenzen und Risikomaßen.
3. Deskriptive Aspekte: Hier werden die Grenzen der normativen Theorie aufgezeigt, indem empirische Beobachtungen und experimentelle Befunde diskutiert werden, die das menschliche Entscheidungsverhalten in der Realität beschreiben.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Bedeutung der untersuchten Entscheidungstheorien zusammen und unterstreicht, dass trotz theoretischer Abstraktion ein hoher Erklär- und Prognosewert für die Wirtschaftswissenschaften besteht.
Schlüsselwörter
Entscheidungen unter Risiko, Erwartungsnutzentheorie, Bernoulli-Prinzip, Nutzenfunktion, Risikopräferenzen, Risikoaversion, Sicherheitsäquivalent, normative Entscheidungstheorie, deskriptive Entscheidungstheorie, von Neumann/Morgenstern-Axiome, Unsicherheit, Ungewissheit, Risikomaße, Rationalität, Allais-Paradoxon
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie rationale Akteure in der Wirtschaft Entscheidungen treffen, wenn die Ergebnisse ihrer Handlungen mit Risiken oder Unsicherheiten behaftet sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der normativen Entscheidungstheorie, der Erwartungsnutzentheorie, der mathematischen Erfassung von Risikoeinstellungen sowie dem Vergleich mit deskriptiven, empirischen Befunden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, die theoretischen Grundlagen der Risikoentscheidung darzulegen und aufzuzeigen, wie Risikopräferenzen durch Nutzenfunktionen und Risikomaße charakterisiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Arbeit, die klassische Modelle der Mikroökonomie sowie mathematische Axiome der Entscheidungstheorie rekapituliert und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den normativen Entscheidungskriterien unter Unsicherheit, der Herleitung der Erwartungsnutzentheorie sowie der mathematischen Bestimmung von Risikopräferenzen und dem Arrow-Pratt-Maß.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Begriffe sind Risiko, Erwartungsnutzen, Nutzenfunktion, Risikoaversion, Axiome, Sicherheit, Unsicherheit und deskriptive Entscheidungstheorie.
Wie unterscheidet sich die MaxiMin-Regel von der Laplace-Regel?
Die MaxiMin-Regel ist pessimistisch und fokussiert auf das bestmögliche der schlimmsten Ergebnisse, während die Laplace-Regel vom Erwartungswert ausgeht und alle Zustände als gleich wahrscheinlich betrachtet.
Was besagt das Bernoulli-Prinzip im Kontext von Risikoentscheidungen?
Das Bernoulli-Prinzip besagt, dass Akteure nicht den Erwartungswert des Geldes, sondern den Erwartungswert des Nutzens maximieren, was einen abnehmenden Grenznutzen des Geldes impliziert.
Warum kritisieren deskriptive Ansätze die klassische Erwartungsnutzentheorie?
Empirische Studien wie das Allais-Paradoxon zeigen, dass Menschen in der Realität oft gegen die Axiome der Vollständigkeit, Transitivität oder Unabhängigkeit verstoßen, was der normativen Theorie widerspricht.
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- Dipl.-Volkswirt Stephan Bartke (Author), 2006, Entscheidungen unter Risiko, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61833