Gibt es eine deutsche Postmoderne? Versuch der Anwendung von A. Nünnings Theorie auf den 'König David Bericht' von Stefan Heym


Seminararbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

2. Nünnings Typologie der historischen Romane
2.1 Grundlagen
2.2 Klassifikationsmerkmale
2.2.1 Selektionsstruktur
2.2.2 Relationierung und Gestaltung der Erzählebenen
2.2.3 Dominanter Zeitbezug und Vermittlungsformen
2.2.4 Verhältnis zum Wissen der Historiographie
2.2.5 Dominante Illusionstypen und Funktionspotential
2.3 Fünf Typen historischer Romane

3. Was ist Postmoderne?

4. Anwendung des Rasters, der expliziten historiographischen Metafiktion auf Stefan Heyms „König David Bericht“
4.1 Selektionsstruktur
4.2 Relationierung und Gestaltung der Erzählebenen
4.4 Verhältnis zum Wissen der Historiographie
4.5 Dominante Illusionstypen und Funktionspotential

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Analyse der Fragestellung, ob es eigentlich eine deutschsprachige postmoderne Literatur gibt. Das theoretische Untersuchungsraster bildet die Typologie des historischen Romans von A. Nünning, deshalb soll dieses Ras- ter hier eingeführt und erläutert werden. Zuerst werden seine theoretischen Prämissen vorgestellt und danach seine fünf Typen des historischen Romans umrissen. Im nächsten Schritt soll in die Postmoderne - Problematik eingeführt werden, eingangs werden die zentralen Prozesse und Problematiken der Postmoderne vorgestellt, und da- nach wird versucht Parallelen zwischen den allgemeinen Annahmen zur Postmoderne und Nünnings postmodernen Typus, der expliziten historiographischen Metafiktion, aufzuzeigen.

Nach der Einführung in die Postmoderne soll anhand Nünnings Merkmalsbündel zur explizit historiographischen Metafiktion, was seine Bezeichnung für den postmodernen Roman ist, untersucht werden, ob Analysen zur angelsächsischen Postmoderne auch auf die deutschsprachige Literatur übertragbar sind.

Exemplarisch für den deutschen postmodernen Roman soll in dieser Arbeit Stefan Heyms „Der König David Bericht“ stehen, dieser Roman wird dann anhand Nünnings Typus dahingehend untersucht, ob er Merkmale der Postmoderne trägt und inwieweit dann von einem postmodernen Roman, nach Nünnings Definition, gesprochen werden kann.

Vorweg sei noch gesagt, dass die Darstellung und Argumentation in Kapitel 2 weit ge- hend Nünnings Argumentation folgt, die Kapitelüberschriften der Merkmalsbündel sind identisch mit den Überschriften in seiner Untersuchung, dies soll der Orientierung des Lesers dienlich sein. Da die Argumentation nahe an Nünnings Vorgehensweise orien- tiert ist, wird in diesem Kapitel meist auf Quellenangaben verzichtet, ohne dass sich der Autor die Gedanken zu Eigen machen möchte, abweichende, wichtige oder direkte Zita- te sind aber belegt.

2. Nünnings Typologie der historischen Romane

2.1 Grundlagen

Unter Rückgriff auf geschichts- und erzähltheoretische Kategorien versucht Nünning interdisziplinär ausgerichtete Beschreibungsmodelle für die Analyse der literarischen Aneignung von ‚Geschichte’ im Roman zu entwickeln.1Als Ausgangspunkt dient Nünning weder eine dichotome noch eine stoffliche Subklassifizierung des historischen Romans. Vielmehr führt er ein systematisches Raster von Differenzierungskriterien ein, mit dessen Hilfe ein gattungstypologisches Modell unterschiedlicher Erscheinungsfor- men narrativ-fiktionaler Geschichtsdarstellung erstellt werden soll.2Nünning möchte ein systematisches Raster von Kategorien entwickeln, das eine metatextuelle Beschrei- bung und typologische Differenzierung von Erscheinungsformen narrativ-fiktionaler Geschichtsdarstellung ermöglicht. Diese Kriterien sollen dann die Grundlage für die skalierende Einordnung formal bestimmter Typen des historischen Romans liefern.3 Durch dieses deduktive Vorgehen ist es Nünning möglich die Unterschiede der Typen in sein Modell aufzunehmen. Um diese Unterschiede erfassen zu können entwickelt Nünning ein Raster von Kategorien, aus denen sich Anhaltspunkte für eine typologische Klassifizierung des historischen Romans ableiten lassen.4Nünning ordnet die Differen- zierungskriterien fünf Gruppen zu, es sind die Gruppen ‚Selektionsstruktur’, ‚Zeitbe- zug’, ‚Vermittlungsformen’, ‚Verhältnis zum Wissen der Historiographie’ und ‚Domi- nante Illusionstypen und Funktionspotential’. Diese Gruppen sollen im folgenden Kapi- tel nun aufgelöst werden, um die Differenzierungsmerkmale beleuchten zu können.

2.2 Klassifikationsmerkmale

2.2.1 Selektionsstruktur

Je nach dominanter Referenzrichtung sind dominant heteroreferentielle historische Ro- mane von dominant autoreferentiellen zu unterscheiden. Bei dominant heteroreferentiel- len historischen Romanen stehen Fremdreferenzen, also außer- oder intertextuelle Be- züge auf geschichtliche Personen, Ereignisse oder Texte, im Vordergrund. Im Gegensatz dazu, haben in dominant autoreferentiellen Romanen die selbstreflexiven Elemente und Bezüge mehr Gewicht, als Fremdreferenzen.

Die Bestimmung des Dominanzverhältnisses zwischen Referenzen auf außertextuelle Realität und fiktionale Elementen, lässt sich durch das Kriterium der Zahl, Art und Streubreite von Realitätsreferenzen weiter präzisieren.

Wichtige Kriterien um das Dominanzverhältnis weiter differenzieren zu können, sind nach Nünning, „das quantitative Kriterium der zahlenmäßigen Verteilung historisch belegter und erfundener Elemente sowie durch ein qualitatives Kriterium, den Grad an Deutlichkeit, mit dem die Fiktionalität markiert ist.“5

Wichtig ist weiter, ob der außertextuelle Referenzbereich vergangene Geschichte ist, oder ob die Referenzen, Aspekte der Historiographie oder Probleme der Geschichtstheorie behandeln.

2.2.2 Relationierung und Gestaltung der Erzählebenen

Das Kriterium der Relationierung der Erzählebenen bezieht sich auf die unterschiedli- chen Kommunikationsebenen und die Frage welche der Ebenen im Roman dominant ist. Dabei lässt sich unterscheiden ob Geschichte primär diegetisch, extradiegetisch oder hypodiegetisch vermittelt wird. Wenn Geschichte dominant diegetisch vermittelt wird, was für klassische historische Romane kennzeichnend ist6, dann wird auf der Ebene der Handlung ein historischer Handlungszusammenhang szenisch geschildert, der mit Hilfe von Zeit- und Ortsangaben einer geschichtlichen Epoche zugeordnet werden kann.

Extradiegetische Geschichtsdarstellung zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Akzent von der Figuren- und Handlungsebene auf die Erzählerebene verschiebt, auf der Erzähl- instanzen über ein zurückliegendes Geschehen oder Historiographie reflektieren. Von hypodiegetisch vermittelter Geschichte spricht man, wenn Figuren auf der diegetischen Ebene mit Hilfe von eingebetteten Erzählungen geschichtliche Ereignisse schildern. Das Kriterium Gestaltung der Erzählebenen untersucht die Art und Weise wie das Ge- schehen vermittelt wird. Die Gestaltung der diegetischen Ebene kann in zwei Pole un- terteilt werden, auf der einen Seite sind historische Romane anzusiedeln, die sich durch ein tendenziell ereignishaftes, handlungsreiches, spannendes und kohärentes Erzählen auszeichnen, diese Texte unterstreichen die Authentizität des Dargestellten. Den Gegenpol bilden Romane, die durch metafiktionale Elemente oder weitere illusi- onsdurchbrechende Verfahren zu einer Destabilisierung und Entwertung von Geschichte oder Fakten führen. Hinsichtlich der Gestaltung der extradiegetischen Ebene lassen sich auch zwei diametral entgegengesetzte Ausprägungen narrativ-fiktionaler Geschichtsdarstellung unterscheiden, die als Transparenz oder Explizität der erzählerischen Vermittlung bezeichnet werden.7

Den einen Pol bilden Romane, in denen die Sprache und die Ebene der erzählerischen Vermittlung so neutral gestaltet sind, dass sie wie ein transparentes Medium anmutet, das einen direkten Blick auf vergangenes Geschehen erlaubt.

Demgegenüber stehen Romane, in denen durch eine Präsenz einer expliziten Erzählinstanz, welche die Aufmerksamkeit auf die auffällig gestaltete extradiegetische Ebene lenken. Dies kann über häufige Leseranregungen, Digressionen des Erzählers, metasprachliche, metanarrative, metafiktionale und metahistoriographische Äußerungen, die Radikalisierung multiperspektivischer Erzähltechniken und die illusionsstörende Verwendung nichtnarrativer Diskussionsformen8geschehen.

2.2.3 Dominanter Zeitbezug und Vermittlungsformen

Das erste differenzierende Kriterium untersucht den dominanten Zeitbezug, ob ein Roman eher vergangenheits- oder gegenwartsorientiert angelegt ist. Nach Nünning ist ein konstitutives Merkmal des historischen Romans der doppelte Zeitbezug, das bedeutet, dass die beiden Zeitbezüge sich nicht wechselseitig ausschließen, sondern dass die Romane immer zwischen den Zeitbezügen pendeln.9Im Falle diegetisch vermittelter Geschichte liegt nach Nünning meist Vergangenheitsbezug vor, bei extradiegetischer Vermittlung dagegen dominiert Gegenwartsbezug.10

Ein weiteres differenzierendes Kriterium betrifft die temporale Konfiguration des Er- zählten, die „zeitliche Anordnung des Geschehens auf der syntagmatischen Achse der Kombination.“11Historische Romane können zwei Ausprägungen annehmen, die line- ar- chronologische oder die anachronische Erzählweise. Im ersten Fall wird das Erzähl- te mit einer natürlichen Zeitfolge erzählt, im zweiten Fall wird die Ereignischronologie durchbrochen.

Das dritte Kriterium betrifft die narrative Form der Geschichtsvermittlung, ob in Roma- nen die dynamischen Erzählmodi des Erzählerberichts und der Figurenrede vorherrschen oder ob durch statische Erzählmodi der Akzent auf die expositorischen Darstellungsformen der Beschreibung, Analyse, Erörterung, Argumentation, sowie Reflexio- nen und Generalisierungen gelegt wird.12Die historischen Romane lassen sich nach Nünning hinsichtlich der narrativen Form auf einer Skala der Vermittlungsformen ein- ordnen, der eine Pol ist durch narrative Fiktionalisierung gekennzeichnet, dem gegen- über stehen Romane, in denen eine diskursiv-expositorische Vermittlung von Geschich- te vorherrscht.

Das nächste Differenzierungskriterium ist der Grad der Explizität der Geschichtsdarstellung, „entscheidend ist dabei das Kriterium wie groß jeweils der Anteil literarischer Darstellungstechniken und Fiktionalisierungsverfahren ist.“13

Dazu zählen nicht nur die unterschiedlichen Techniken der Bewusstseinsdarstellung, sondern auch die unterschiedlichen Formen der indirekten Geschichtsdarstellung, vor allem der Gebrauch impliziter Techniken der Geschichtsvermittlung wie Semantisierung der Raum- und Figurendarstellung, Geschichtsmetaphern, Metonymien und intertextuellen Bezügen bestimmt, ob Geschichte neben der Darstellung auf der diegetischen Ebene auch noch implizit vermittelt wird.14

Das letzte Kriterium in dieser Gruppe betrifft nun den Aspekt des „dominanten mode of emplotment“15. Nünning meint damit die Frage, ob Geschichte nach einem archetypi- schen Muster dargestellt wird oder ob im Roman die Kohärenz und Ereignishaftigkeit des Geschichtsmodells durchbrochen wird. Im ersten Fall herrscht eine ernste Präsenta- tion vor, den anderen Pol bilden Romane, in denen Geschichte auf spielerische, humo- ristische, groteske, ironische oder argumentative Weise dargestellt wird, um Probleme der Geschichte oder der Geschichtsrekonstruktion thematisieren zu können.

2.2.4 Verhältnis zum Wissen der Historiographie

Mit dem Kriterium der Selektionsstruktur soll eine Differenzierung, zwischen Roma- nen, deren Geschichtsmodell mit dem allgemeinen Geschichtswissen bzw. dem allge- meinen Geschichtsmodell kompatibel ist und den Romanen, deren Modell dem allge- meinen Wissen entgegensteht, getroffen werden. Die klassischen Ausprägungen des historischen Romans zeichnen sich erstens dadurch aus, dass Realitätsreferenzen, auf Personen oder Ereignisse nicht im Widerspruch zur offiziellen Geschichtsschreibung stehen dürfen und zweitens, dass diese historischen Romane Anachronismen vermei- den.16

Weitere Kriterien untersuchen den Wirklichkeitsgehalt historischer Texte, zuerst geht es um die Frage, wie detailliert und umfassend ein Roman den Geschichtsbereich schildert, der durch die Selektionsbeschränkungen konstruiert wurde, diesen Grad der Ausgestaltung bezeichnet Nünning mit ‚Skopus’.17

Als zweites Kriterium zur Beschreibung der geschichtlichen Welten, die Romane ent- werfen, ist die ‚Intensität’ des Wirklichkeitsgehaltes zu nennen, die ein Text aufweist. Intensität beschreibt die Tiefe bzw. eindringliche Qualität eines fiktionalen Geschichts- modells.

Homogenität als nächstes Kriterium widmet sich dem Umstand, wonach Texte oftmals Einschübe oder Exkurse enthalten, die einen anderen Wirklichkeitsgehalt haben als der restliche Text oder ihm sogar offen entgegenstehen.

Das letzte Kriterium beschreibt die ‚Integrativität’, also das Maß an Vermittlung und Verknüpfung der dargestellten Ereignisse und Perspektiven zu einem kohärenten Gan- zen.

2.2.5 Dominante Illusionstypen und Funktionspotential

Die ersten Differenzierungskriterien beziehen sich auf das Illusionspotential historischer Romane, dabei ist erstens relevant, welche Art der Illusion vorliegt, eine Primärillusion oder eine Sekundärillusion. Zweitens wird untersucht, welcher der dominante Illusions- typus ist, ob eine Referenz- und Erlebnisillusion, Geschehens-, Situations- und Figuren- illusion vorliegt oder ob eine Erzähl- und Redeillusion dominant ist. Referenzillusion bezeichnet bei Nünning den Schein einer Beziehbarkeit auf konkrete und spezifische Elemente der Lebenswelt, Erlebnisillusion dagegen bezeichnet das sinn- liche Eintreten in die Textrealität. Im Fall der Primärillusion kann noch weiter zwischen Geschehens-, Situations- und Figurenillusion unterschieden werden. Und drittens lassen sich historische Romane danach unterscheiden, ob sie illusionsverweigernd aufgebaut oder illusionsbildend angelegt sind, wichtig ist dabei jeweils der Grad der Illusionsbil- dung bzw. Illusionsstörung und die Markiertheit.18

[...]


1 Vgl. Nünning, Ansgar: Von historischer Fiktion zu historiographischer Metafiktion. Band 1 Theorie, Typologie und Poetik des historischen Romans. Trier 1995. S. 205.

2 Vgl. Nünning S. 19.

3 Vgl. Ebd. S. 208.

4 Vgl. Ebd. S. 220.

5 Ebd. S. 223.

6 Vgl. Ebd. S. 228.

7 Vgl. Wolf, Werner: Ästhetische Illusion und Illusionsdurchbrechung in der Erzählkunst. Theorie und Geschichte mit Schwerpunkt auf englischem illusionsstörenden Erzählen. Buchreihe der Anglia. Zeitschrift für englische Philologie Band 32. Tübingen 1993. S. 199ff, 211ff.

8 Nünning S. 229

9 Vgl. Ebd. S. 231.

10 Vgl. Ebd. S. 231.

11 Ebd. S. 233.

12 Ebd. S. 233.

13 Ebd. S. 234.

14 Vgl. Ebd. S. 235.

15 Ebd. S. 236.

16 Vgl. McHale, Brian: Postmodernist Fiction. London 1987. S. 86ff. und Nünning S. 240.

17 Vgl. Nünning S. 242.

18 Vgl. Wolf 1993. S. 484, Nünning S. 250.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine deutsche Postmoderne? Versuch der Anwendung von A. Nünnings Theorie auf den 'König David Bericht' von Stefan Heym
Hochschule
Universität Hohenheim  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Deutschsprachige Postmoderne
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V61852
ISBN (eBook)
9783638552127
ISBN (Buch)
9783638775540
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gibt, Postmoderne, Versuch, Anwendung, Nünnings, Theorie, König, David, Bericht, Stefan, Heym, Deutschsprachige
Arbeit zitieren
Thomas Jung (Autor), 2003, Gibt es eine deutsche Postmoderne? Versuch der Anwendung von A. Nünnings Theorie auf den 'König David Bericht' von Stefan Heym, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61852

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