In dem Buch der Tagesschausprecherin Eva Hermann, „Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit“ (Hermann 2006), fordert die Autoren die Frauen auf, sich wieder mehr auf ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter zu besinnen. Die Inhalte würden sich sicherlich nicht mit der Frauenpolitik der Staatspartei der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), vertragen. In ihrem politischen Programm versucht die SED die traditionellen Mädchen- und Weiblichkeitsbilder zu überwinden. Sie fordert auf Grund ihrer sozialistischen Ideologie eine gleichberechtigte Partizipation der Frauen am Arbeitsprozess, denn nur dadurch könnten sich die Frauen emanzipieren. Um dieses Ziel zu erreichen, erfordert es allerdings auch, die weibliche Bevölkerung gleichberechtigt an Bildung zu beteiligen. Ziel der SED ist folglich, den Mädchen und Frauen gleiche Bildungschancen wie den Jungen und Männern einzuräumen, nicht nur in der allgemeinen Grundbildung, sondern vor allem auch in weiterführenden schulischen sowie in der beruflichen Aus- und Weiterbildung.
Thema dieser Arbeit ist die Mädchen- und Frauenbildung in der DDR. Dabei soll vor allem im Fokus der Betrachtungen stehen, ob das von der SED postulierte Ziel, der gleichberechtigten Beteiligung der Frauen an der schulischen und beruflichen Bildung, erreicht wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. SED Frauenpolitik
3. Prinzip der Koedukation
4. Frauen im Bildungswesen der DDR
4.1 Polytechnische allgemeine Bildung
4.2 Lehrausbildung
4.3 Hochschulbildung
4.4 Berufliche Aus- und Weiterbildung
5. Blick in die Praxis
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern das von der SED postulierte Ziel der gleichberechtigten Beteiligung von Frauen an der schulischen und beruflichen Bildung in der DDR tatsächlich erreicht wurde und welche Faktoren diesen Prozess beeinflussten.
- Historische Entwicklung der SED-Frauenpolitik in vier Etappen
- Bedeutung und Verwirklichung des Prinzips der Koedukation
- Chancen und Grenzen der Frauen in der schulischen sowie beruflichen Bildung
- Staatliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Herausforderungen durch Rollenbilder und staatliche Lenkung
Auszug aus dem Buch
4.1 Polytechnische allgemeine Bildung
Wie bereits erwähnt, spricht der Marxismus-Leninismus der produktiven Arbeit einen hohen Stellenwert zu. Ziel der allgemeinen Bildung ist daher, auf diese vorzubereiten. Besondere Bedeutung kommt dabei dem polytechnischen Unterricht zu, der neben Maschinenkunde auch Kenntnisse in Steuerungs- und Regelungstechnik sowie Elektrotechnik beinhaltet. Neben diesen polytechnischen Fächern sind weiterhin die Naturwissenschaften sowie das Technische Zeichnen (TZ) und die Einführung in die sozialistische Produktion (ESP) Bestandteile des Lehrplans. Besonderes Augenmerk gilt jedoch dem praktischen Unterricht. Dieser ist seit dem Schuljahr 1958/59 Inhalt der allgemeinen Bildung und in Form des Unterrichtstags in der Produktion (UTP) für Mädchen und Jungen ab dem 7. Schuljahr verpflichtend zu besuchen. Dabei gehen die Schülerinnen und Schüler an einem Tag der Woche in einen volkseigenen Betrieb (VEB) oder in die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LBG) und leisten dort unter der Betreuung von Lehrmeistern Arbeit. Das Vorbild zu dieser berufsorientierten Unterrichtsform stammt aus der Sowjetunion.
Der gesamte polytechnische Unterricht zielt demnach unabhängig von etwaigen Berufswünschen auf eine allseitige Bildung und verbindet „Bildung und Erziehung mit dem Leben, [...] Theorie und Praxis [sowie] Lernen und Studium mit produktiver Tätigkeit“ (§ 4, Abs. 1 des Gesetzes über das einheitliche sozialistische Bildungssystem 1965).
Diese polytechnische Allgemeinbildung bringt natürlich auch Veränderungen bezüglich der Berufs- und Lebensperspektive der Mädchen mit sich, die nun nicht mehr nur allein auf eine Zukunft als Hausfrau und Mutter bauen können. Es steht ihnen fortan die Chance zu, sich selbst am produktiven Leben zu beteiligen und damit unabhängig von ihrem Mann zu sein. Durch eine umfassende polytechnische Bildung sollen die Mädchen in der DDR von den bisher als typisch feminin bezeichneten Berufsfeldern, zu denen der Heil-, Pflege-, Erziehungs- und Dienstleistungsbereich gehören, weggeführt werden. Dabei wird bewusst auf einen für Mädchen angepassten Technikunterricht verzichtet. Vielmehr sollen sie von Anfang an den gleichen naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht erfahren, der bis dato nur den Jungen vorbehalten war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Thema dar, definiert die Zielsetzung der Untersuchung und erläutert die methodische Vorgehensweise zur Analyse der Frauenbildung in der DDR.
2. SED Frauenpolitik: Dieses Kapitel skizziert die vier Etappen der SED-Frauenpolitik und den ideologischen Hintergrund der angestrebten Gleichstellung durch Arbeit.
3. Prinzip der Koedukation: Hier wird die Einführung des gemeinsamen Unterrichts von Mädchen und Jungen als demokratischer Fortschritt sowie dessen Umsetzung und gesellschaftliche Wahrnehmung beleuchtet.
4. Frauen im Bildungswesen der DDR: Dieser Abschnitt analysiert detailliert die polytechnische Bildung, Lehrausbildung, das Hochschulwesen sowie spezifische Aus- und Weiterbildungsprogramme für Frauen.
5. Blick in die Praxis: Das Kapitel reflektiert die Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch der Gleichberechtigung und der gelebten Realität der Doppelbelastung durch Beruf und Familie.
6. Fazit: Die Schlussbetrachtung bewertet den Erfolg der DDR-Frauenpolitik im Hinblick auf Bildungschancen kritisch und zieht einen Vergleich zur damaligen Bundesrepublik.
Schlüsselwörter
DDR, SED-Frauenpolitik, Koedukation, Frauenbildung, Polytechnische Bildung, Lehrausbildung, Hochschulbildung, Gleichberechtigung, Sozialismus, Berufstätigkeit, Doppelbelastung, Emanzipation, Bildungschancen, Arbeitskräftebedarf, Familiengesetzbuch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die geschlechtsspezifische Entwicklung der Mädchen- und Frauenbildung in der DDR und hinterfragt, ob die SED-Frauenpolitik ihre Ziele der Gleichberechtigung im Bildungssektor erfolgreich umsetzen konnte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideologie der SED-Frauenpolitik, der Etablierung des koedukativen Schulprinzips, den verschiedenen Bildungswegen von der Schule bis zur Hochschule sowie der beruflichen Weiterbildung unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet, ob das von der SED postulierte Ziel, Frauen gleichberechtigt an der schulischen und beruflichen Bildung zu beteiligen, in der DDR tatsächlich erreicht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von Gesetzen, Verordnungen, pädagogischer Fachliteratur und historischen Quellen basiert.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Bildungssystem in vier Etappen, untersucht den Einfluss der polytechnischen Ausbildung auf die Berufsbiografien von Frauen und beleuchtet die Rolle von Sondermaßnahmen in der beruflichen Qualifizierung.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie DDR-Frauenpolitik, Koedukation, Polytechnische Oberschule, Emanzipation, Berufstätigkeit und Doppelbelastung definiert.
Wie wirkte sich die staatliche Planung auf die Studienwahl von Frauen aus?
Die Arbeit zeigt, dass der Staat aktiv auf die Studienwahl einwirkte, um den Bedarf in bestimmten Branchen, wie den Wirtschaftswissenschaften, zu decken, was oft zu einer Abkehr von den ursprünglichen Wunschfächern führte.
Was zeigt der "Blick in die Praxis" hinsichtlich der Frauenrollen?
Dieser Abschnitt verdeutlicht, dass Frauen trotz verbesserter Bildungs- und Berufschancen weiterhin die Hauptlast der sogenannten Doppelrolle als Werktätige und Mutter trugen, was eine echte Gleichstellung im privaten und beruflichen Bereich erschwerte.
- Citation du texte
- Tina Kerz (Auteur), 2006, Mädchen- und Frauenbildung in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61986