Neoliberalismus in Lateinamerika - Implementierung und soziale Folgen


Magisterarbeit, 2006

109 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I Einleitung
1. Fragestellung und Forschungsgegenstand
2. Hypothese
3. Begriffsdefinition
4. Analyserahmen
5. Aufbau der Arbeit

II Neoliberalismus
1. Einführende Bemerkungen
2. Elemente der Theorie
3. Etablierung des Neoliberalismus
4. Strukturanpassungsprogramme

III „Akkumulation durch Enteignung“: Implementierung und soziale Folgen des Neoliberalismus in Lateinamerika
1. Chile
1.1. Vorbedingungen
1.2. Implementierung
1.3. Soziale Folgen neoliberaler Maßnahmen
1.3.1. Arbeitsverhältnisse
1.3.2. Privatisierung öffentlicher Güter
2. Argentinien
2.1. Vorbedingungen
2.2. Implementierung
2.3 Soziale Folgen neoliberaler Maßnahmen
2.3.1. Arbeitsverhältnisse
2.3.2. Privatisierung öffentlicher Güter
3. Mexiko
3.1. Vorbedingungen
3.2. Implementierung
3.3. Soziale Folgen neoliberaler Maßnahmen
3.3.1. Arbeitsverhältnisse
3.3.2. Privatisierung öffentlicher Güter

IV Schlussfolgerungen
1. Gemeinsamkeiten und Differenzen
2. Neoliberalismus und Lebensbedingungen
3. Fazit

V Schlussteil
1. Literatur- und Quellenangaben
2. Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in ieser Leseprobe nicht enthalten

I Einleitung

1. Fragestellung und Forschungsgegenstand

Die vorliegende Arbeit dient der Ergründung der politisch bedeutsamen Frage, welche sozialen Auswirkungen die neoliberalen Maßnahmen in Bezug auf die Lebensbedingungen für einen Großteil der Bevölkerung in Lateinamerika haben. Inwiefern tragen die inhärenten Elemente des Neoliberalismus zu prekären Lebensbedingungen für die Gesellschaft in politischer Partizipation, Arbeitsverhältnissen und dem Zugang zur Versorgung mit öffentlichen Gütern bei?

Die Herausbildung des Neoliberalismus 1973 in Chile stellt ein bedeutsames Moment in Lateinamerika dar. Die Diktatur Pinochets kennzeichnet das Ende einer Periode staatlicher Intervention in den Markt und protektionistischen Schutzzöllen des Binnenmarktes, innerhalb derer die erweiterte Berücksichtigung gesellschaftlicher Bedürfnisse in Arbeiterschutz, sozialstaatlichen Institutionen und politischer Partizipation zumindest rudimentär gewährleistet wurde. Die neoliberale Transition bedeutete den Rückzug des Staates aus dem Eingriff in das Marktgeschehen und die Überordnung der Wirtschaft über die Politik. Staatliche Unternehmen, darunter das öffentliche Gesundheits- und Rentensystem wurden dem privaten Sektor übertragen, und eine drastische Umstrukturierung der Arbeitsverhältnisse unter einem diktatorischen Regime vollzogen. Unter internationaler Unterstützung aus den USA und Lob des IWF wurde das Land zum Vorreiter einer radikalen Transformation der Beziehung zwischen Gesellschaft und Staat und gilt als das Experimentierfeld für die Theorie in der Realität.

Obwohl das chilenische Modell hohe soziale Kosten einherbrachte, und 1982 in einer Wirtschaftskrise resultierte, markiert dieses Jahr das Eckdatum für die Etablierung neoliberaler Reformen in der gesamten Region, trotz einiger zeitlicher Verschiebungen. Die neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme“ des IWF bestimmen seither das Leben der Bevölkerung in den meisten Ländern der Region.

Die Erforschung der Länder Chile, Argentinien und Mexiko ermöglicht vergleichende Aussagen über die Gemeinsamkeiten des Neoliberalismus in sozialen Auswirkungen.

Im Zentrum der empirischen Analyse stehen die gesellschaftlichen Partizipationschancen in der politischen Entscheidung über die Implementierung des Neoliberalismus, die Auswirkungen neoliberaler Maßnahmen auf Arbeitsverhältnisse, sowie die Entstehung sozialer Folgen durch Privatisierung öffentlicher Güter

wie Alterssicherung und Gesundheit. Politische Partizipation, sozioökonomische und menschliche Sicherheit haben zentralen Einfluss auf die Lebens- und Existenzbedingungen der Menschen. Gerade die Differenzen in den Ländern Chile, Argentinien und Mexiko in Regierungsform und Zeitpunkt der Implementierung ermöglichen vergleichbare Ergebnisse, die den Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Lebensbedingungen trotz divergierender Facetten allgemeingültig zusammenführen lassen. Gerade in Zeiten zunehmender Macht der Wirtschaft gegenüber der Gesellschaft, verstärkten Privatisierungen sozialstaatlicher Institutionen und sinkenden Löhnen ist ein Fokus auf das gesellschaftliche Wohl im Neoliberalismus politisch relevant, welches weit über die lateinamerikanischen Grenzen hinaus geht. Eine Analyse sozialer Verhältnisse unter neoliberalen Maßnahmen ist für eine Erörterung der Diskrepanz zwischen der Ökonomie und Gesellschaft von hoher Bedeutung für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung.

2. Hypothese

Den Leitfaden dieser Arbeit bildet die Verfolgung der Hypothese, dass mit dem Neoliberalismus die Lebensbedingungen für die Mehrheit der Bevölkerung in Relation zu erkämpften sozialen Errungenschaften der Vorperiode durch Formen der Desartikulierung der Gesellschaft sinken, staatlich gewährte Sozialleistungen kommodifiziert und Arbeitnehmerrechte erodiert werden. Dem Neoliberalismus inhärente Implikationen von Staatsverschuldung, Privatisierung und Flexibilisierung der Arbeit erzeugen massive Verarmung, Arbeitslosigkeit und steigende soziale Ungleichheit. Der Neoliberalismus, so wird argumentiert, orientiert sich an der Privilegierung der Unternehmerschicht, während ein Großteil der lohnabhängig beschäftigten Bevölkerung in prekäre Lebensbedingungen gestoßen wird.

3. Begriffsdefinition

Lebensbedingungen bilden das objektiv beobachtbare Element der Summe Lebensqualität.[1] Die im Folgenden dargestellten Faktoren werden als fundamentale Bedingungen zur Sicherstellung positiver Lebensbedingungen betrachtet, weil sie bedeutenden Einfluss auf das Leben in der Gesellschaft üben.

- Politische Partizipations- und direkte Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bevölkerung sind grundlegend zur Interessenvertretung der Gesellschaft seiner selbst.
- Die Gewährleistung von sozioökonomischer Sicherheit ist elementar für den dauerhaften Erhalt physischer und sozialer Existenz und definiert sich durch die Fähigkeit des Menschen zum Selbst- und Familienerhalt in Gegenwart und voraussehbarer Zukunft durch Erwerbs- und Einkommenschancen, ohne auf die finanzielle Hilfe anderer Menschen oder dem Staat angewiesen zu sein. Dazu gehört die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern, sowie Verlässlichkeit und Risikolosigkeit des Arbeitsplatzes (Kündigungsschutz, langfristige Verträge).
- Die Bereitstellung von öffentlichen Gütern ist die Basis für menschliche Sicherheit: „Daseinsvorsorge in jenen Passagen des menschlichen Lebens, in denen Individuen oder Familien nicht in der Lage sind, aus eigenen Ressourcen für Bildung und Ausbildung, für Erhalt oder Wiederherstellung der Gesundheit, für die Alterssicherung oder auch für Nahrung und Unterkunft, für Wasserangebot und Abwasserbeseitigung Sorge zu tragen[2].

4. Analyserahmen

Unter Berücksichtigung der Vorbedingungen, insbesondere sozialer Kräfte in der Phase der ISI, wird die Erkenntnis von Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Implementierung und den Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Lebensbedingungen ermöglicht. Komparative Anlegung der Untersuchungseinheiten eröffnen den Blickwinkel auf Arbeitsverhältnisse unter den Bedingungen der Wettbewerbszwänge und Erzeugung von Investitionsanreizen. Die Untersuchung der Kommodifizierung bestimmter Segmente des Sozialsystems deckt die sozialen Folgen neoliberaler Maßnahmen des Rückzugs des Staates auf. Daneben wird ein Blick auf die Widersprüche im Verhältnis der Privatisierung verschiedener spezifischer öffentlicher Güter geworfen zu der Gesellschaft geworfen. Auch diese speziellen Feststellungen dürften die Beurteilung ermöglichen, in wie weit die Bevölkerung einer Enteignung öffentlicher Güter unterlegen wird.

Diverse Verlaufszeiten und unterschiedliche politische Bedingungen sind die Grundlage der Auswahl der Länder Chile, Argentinien und Mexiko. Differenzen dieser Art ermöglichen eine weitestgehend repräsentative Erfassung allgemeiner Aussagen über politische Partizipationsmöglichkeiten und soziale Folgen des Neoliberalismus in Lateinamerika.

- Die neoliberale Transition in Chile bestimmte in vielerlei Hinsicht den weisenden Weg der neoliberalen Entwicklung. Wurde die Transformation der Beziehung zwischen Gesellschaft und Staat und der Abschied vom ISI unter diktatorischen, bestimmte Segmente der Gesellschaft politisch exkludierenden Bedingungen der Periode Pinochets 1973-1990 vor der Schuldenkrise bestimmt, so sind die Implikationen des Neoliberalismus in Arbeitsgesetzgebung, die eine weitreichende Umstellung des Arbeitsrechts zugunsten der Unternehmer ermöglichten, und die kommodifizierten Bereiche des öffentlichen Sektors ebenso in anderen Ländern aufzudecken. Die Entwicklung in Chile brachte hohe soziale Kosten und mündete 1982 in eine Wirtschaftskrise, infolge dieser der Neoliberalismus nun unter Druck der IFI vertieft wurde, und die breiten charakteristischen sozialen Probleme der Konstellation von Privatisierung und Rückzug des Staates aufdeckte. Die Entwicklung des Neoliberalismus wird bis zum Ende der Regierung Pinochets 1990 untersucht.
- Die ersten Schritte einer Umstellung der Produktionsbedingungen und des Abbaus der staatlichen Schutzmaßnahmen gegenüber der Gesellschaft formierten sich in Argentinien im Rahmen der Diktatur 1976- 1982 mit der Repression weiter Teile der politisch aktiven Gesellschaft. Staatsverschuldung und negative Folgen der neoliberalen Maßnahmen für die Gesellschaft brachten zwar eine Unterbrechung der neoliberalen Entwicklung, aber hoher ökonomischer Druck auf die Regierung Alfonsín und der Bruch des Wahlversprechens der Regierung Menem 1989- 1999 förderten eine undemokratische Revitalisierung des Neoliberalismus im Interesse von IFI und bestimmter Segmente der Unternehmerschaft. Menems Vertiefung der neoliberalen Maßnahmen führte nicht nur zum Ausverkauf des „Familiensilbers“, sondern zur Verschärfung sozialer Verhältnisse. Besonders verdeutlich wird die Verfehlung des eigentlichen Sinns von Dienstleistungen und Gütern öffentlicher Art im Neoliberalismus neben der Rentenversicherung am Beispiel der Privatisierung der Wasserversorgung in Tucumán. Irrationalität und Widerspruch des Neoliberalismus unter sozialen Aspekten liegt auch der Ratifizierung des Arbeitsrechts zugrunde. 1999 erlebte Argentinien eine erneute Wirtschaftskrise, dieses Datum bildet den Endpunkt der Untersuchung des Neoliberalismus in Argentinien.
- In Mexiko setzte eine Trennung mit den Entwicklungsstrukturen der ISI mit der Schuldenkrise unter formaldemokratischen Bedingungen unter Miguel de la Madrid 1982- 1988 an und führte mit der Unterstützung der USA und Sektoren der Unternehmerschicht zur Implementierung neoliberaler Reformen, deren Ausbildung aufgrund interner Strukturen nicht ganz so rapide voranschreiten konnten wie in den oben genannten Ländern. Die Bedeutung von Gewerkschaften und Verfassung hatten eine vorzeitige Privatisierung verhindert, und eine Herausbildung eines neoliberalen Arbeitsgesetzes behindert. Gegen den Willen der Bevölkerung wurde die Vertiefung neoliberaler Maßnahmen unter Carlos Salinas de Gortari (1988 – 1994) ermöglicht. Mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 1994 war der Automatismus des Neoliberalismus in Gang gesetzt, und die Privatisierung von Kommunalland (Ejidos) und unter Druck der Weltbank trotz bestimmter Erfahrungen in anderen Ländern das Kapitaldeckungsverfahren in der Rentenversicherung ermöglicht worden.

5. Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Das der Einleitung folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Thematik des Neoliberalismus und verschafft in den einführenden Bemerkungen in Kapitel II.1. zunächst einen Überblick über die Gründung des Begriffs und seine prominentesten Vertreter. Mit einer kurzen Einsicht in den Leitgedanken des Neoliberalismus wird die Erkenntnis genährt, dass es sich nicht nur um reine ökonomische Theorie handelt, sondern diese entschiedene politische und gesellschaftliche Dynamik entwickelt.

Der nachstehende Abschnitt, Kapitel II.2. ergründet die wesentlichen Elemente der neoliberalen Theorie und integriert sie in ihrer Bedeutung in politischen Kontext unter Beachtung gesellschaftlicher Relevanz. Die Forderungen des Neoliberalismus implizieren die Einschränkung der politischen Intervention in das Marktgeschehen, die in einer erheblichen Transformation der Beziehung zwischen Gesellschaft und Staat resultieren. Die Bedeutung der Wirtschaft wird im Neoliberalismus über die Politik gestellt, die staatliche Schutzfunktion gegenüber der Gesellschaft aufgehoben und in ein Instrument zur Herstellung der Rahmenbedingungen für den profitorientierten Wettbewerb um billigere Produktionsbedingungen und niedrigere Lohn- und Lohnnebenkosten auf dem Weltmarkt bei synchroner Eröffnung von Investitionsmöglichkeiten für die Unternehmerschaft durch Privatisierung von Staatsunternehmen ummodelliert.

Die Diskussion der Ursachen für die Etablierung des Neoliberalismus in Lateinamerika in Kapitel II.3. verdeutlicht den Zusammenhang zwischen strukturellen globalen Entwicklungen und den Ursachen der Integration Lateinamerikas in das neoliberale Wirtschaftssystem. Das kontextuell bedeutsame Moment der Schuldenkrise von 1982 ermöglichte weitgehende Überordnung der Forderungen des IWF über das Wohlergehen der Bevölkerung der Länder der Region, in dem weitere Kreditvergabe (zur Schuldentilgung) an neoliberale Konditionen gebunden wurde, die so genannten, in Kapitel II.4. dargestellten „Strukturanpassungsprogramme“. Die einzelnen Maßnahmen der SAP haben den Zweck der Erwirtschaftung der zur Rückzahlung der Schulden notwendigen Finanzen, sowie die Öffnung der nationalen Märkte für das internationale Kapital. Lohnkürzungen, Preiserhöhungen, Reduktion der Staatsausgaben, Flexibilisierung, Exportorientierte Produktion und Privatisierung von Staatsunternehmen beeinflussen das menschliche Leben und treiben die „Akkumulation durch Enteignung“ an.

Im folgenden Teil, Kapitel III, finden sich nach der Darstellung des theoretischen Rahmens die vergleichend strukturierten Fallstudien zu den ausgewählten Ländern. Infolge der Demonstration der zentralen, im hiesigen Zusammenhang relevanten Elemente der „Akkumulation durch Enteignung“ soll anhand der empirischen Länderanalysen gezeigt werden, dass die Marxschen Fundamente der „ursprünglichen Akkumulation“ kein historisch- vergangenes Moment sind, sondern im Neoliberalismus Ausdruck finden und wesentlichen Einfluss auf die Lebensbedingungen der Gesellschaft nehmen. Für den vorliegenden Beitrag einer Analyse der Lebensbedingungen wird ein komparativer Rückblick auf die Vorbedingungen hauptsächlich im Zeitraum der importsubstituierenden Industrialisierung unter spezifischer Rücksicht auf die dynamisierenden Kräfte sozialer Entwicklung, die wesentlichen Einfluss auf die Lebensbedingungen nahmen, gegeben.

Die Erforschung der Implementierung neoliberaler Maßnahmen bezweckt im Besonderen die Erkenntnis der Methoden der unterschiedlichen Regierungsformen gegenüber der Gesellschaft. Inwiefern ist der Neoliberalismus der Bevölkerung gegenüber legitimiert? Neben der Ergründung dieser Frage wird ein Überblick über die diversen Ausführungsbestimmungen im Hinblick auf soziale Folgen gegeben, sowie der Zusammenhang erörtert, der erheblich zur Verschuldung und den damit verbundenen Ausverkauf der Staatsunternehmen beitrug, dessen Kosten von der Gesellschaft getragen werden. Unter dem Aspekt sozialer Folgen werden die zentralen Forderungen des Neoliberalismus der Privatisierung öffentlicher Güter, und die „Flexibilisierung“ der Arbeitsverhältnisse diskutiert.

Im abschließenden Teil der Arbeit werden die wichtigsten Resultate der empirischen Untersuchung resümierend festgehalten. In Kapitel IV.I. werden die Diagnosen der Gemeinsamkeiten und Differenzen strukturiert, so dass Feststellungen über die Lebensbedingungen in der Periode vor dem Neoliberalismus getroffen, sowie die Unterschiede in der Implementierung in Regierungsform festgehalten werden können. In Kapitel IV.II. wird durch die Erkenntnis potentieller Ähnlichkeiten der sozialen Auswirkungen des Neoliberalismus die Hypothese verdichtet, und allgemeine, hypothetische Aussagen über die Korrelation von Neoliberalismus und Lebensbedingungen ermöglicht. Im Fazit werden die Widersprüche des Neoliberalismus reflektiert. Es ist bedeutend, darauf hinzuweisen, dass sich die Relevanz des Zusammenhangs von Neoliberalismus und Lebensbedingungen sich keinesfalls auf die drei Länderbeispiele allein reduziert.

II Neoliberalismus

1. Einführende Bemerkungen

Der Begriff „Neoliberalismus“ wurde im Jahr 1938 auf einer Konferenz in Paris geprägt, auf der zwölf Wissenschaftler sich seiner „ethisch- rechtlichen“ Determinierung anzunehmen suchten. Waren sich die „Gründerväter“ zunächst uneinig über die bestimmenden Fundamente, ob, wie Wilhelm Röpke, Franz Böhm und Walter Eucken vertraten, der Staat weiterhin als notwendiger Ausgleichsfaktor „sozialer Schieflagen“ fungieren sollte, oder, wie Ludwig von Mises und später besonders die Wiener Schule verfochten, eine grundlegende Trennung von der keynesianischen Lehre und jeglicher anderen Form von staatlicher Intervention in das Marktgeschehen vorzunehmen war, gewann letztere nach Mises´scher Annahme der Selbstregulationsfähigkeit des Marktes, die keiner ethischen Ergänzung bedürfe, also auch die Scheidung vom Wohlfahrts- und Sozialstaat bedeutete,[3] mit der Fortsetzung des Gedankens durch die zentralen Protagonisten des Neoliberalismus Friedrich von Hayek und Milton Friedman an politischer Bedeutung. Sie unterstützten und beeinflussten Ronald Reagan, Margaret Thatcher, sowie Augusto Pinochet in Chile. Außerdem gründete Hayek 1947 die von „Bankiers und Industriellen aus der Schweiz“ finanzierte neoliberale Denkfabrik Mont Pèlerin Society (MPS). Beide lehrten an der Chicago School of Economics.[4]

Die Komponenten des Neoliberalismus haben bedeutende politische Stoßrichtung und positionieren ihn nicht nur in die Reihen ökonomischer Theorie, sondern klassifizieren ihn als Reformprojekt gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse.[5]Der Übergang vom fordistischen `Sicherheits-´ oder `keynesianischen Wohlfahrts-´ zum `nationalen Wettbewerbsstaat´ bis hin zur Herausbildung neuer, staatlich- privater Governance- und Netzwerkstrukturen schließt eine weitreichende Veränderung der institutionalisierten Klassenbeziehungen und des Verhältnisses von `Staat´ und `Gesellschaft´ insgesamt“ mit ein.[6] Er bedarf zu seiner Umsetzung der politischen Entscheidung und aktiven Umformung des Staates durch den Staat.

2. Elemente der Theorie

Der Neoliberalismus beruht auf einer ökonomischen Denkweise, deren Kernelement in der Überordnung der Ökonomie über gesellschaftliche Politik besteht. Durch Betonung seiner effizienten und gerechten Distribution und Produktion gegenüber der Gesamtgesellschaft[7] wird der Markt als bester Dirigent der Gesellschaft gegenüber allen anderen Organisationsprinzipien gesellschaftlichen Lebens favorisiert. „S o gut wie alle Bereiche der Gesellschaft [..] besser und gerechter organisiert werden [können] , wenn sich der Staat aus ihnen heraushält.“[8] Damit ist die Ausschaltung staatlicher Interferenzmöglichkeiten in das Marktgeschehen konstitutiv. Der Gedanke der effektiveren Selbststeuerungsfähigkeit des Marktes als gesellschaftliches Organisationsprinzip im Kontrast zur Politik beruht in der Entfernung seiner Kontrolle oder Einschränkung individueller Aktivitäten auf dem Markt. Die Deregulierung des Staates soll die Freiheit des Marktes determinieren. Totale Freiheit des Marktes kann unter anderem durch die Ermöglichung der des Prinzips des „trial and error“ gegeben werden, mit dem Wirtschaftsakteuren die Möglichkeit gegeben wird, im Rahmen der Markträume autonomen Entscheidungen zufolge die Marktentwicklung einzuschätzen und zu reagieren, Investitionen zu tätigen, und bei fehlerhaften Einschätzungen beispielsweise in der Produktionsweise vorzunehmen, ohne durch „staatliche Vorschriften in ihren Bewegungs- und Reaktionsmöglichkeiten eingeschränkt [zu] werden.“[9]

Da „Märkte nur im Rahmen spezifischer politischer Herrschafts- und Gewaltverhältnisse existieren[10] können, wird der Staat wird nicht aufgelöst, sondern sein Funktionsradius zu einem marktkonformen Regulator transformiert, der nunmehr im Rahmen dreier Kerndogma des Neoliberalismus die Interessenvertretung und den Schutz der Gesellschaft zur Wahrung und Sicherung der Wirtschaftsausübung aufgibt.

Diese Transformation des Verhältnisses zwischen Staat und Gesellschaft bedarf eines direkten Eingriffs des Staates in bestehende Strukturen.

Den Maximen des Ordoliberalismus zufolge fällt dem Staat nunmehr die Aufgabe zu, die fundamentalen Funktionsmechanismen des Marktes zur Garantierung des Wettbewerbs durch Sicherung von Privateigentum, Konkurrenz, Monopolkontrolle zu gewähren.[11] Störende interferierende Mechanismen bilden nach neoliberaler Ideologie nicht die staatliche Aktivität an sich, sondern insbesondere Prinzipien jener gesellschaftlicher Willensbildung, die sich gegen die Reglementierungen und Auswirkungen des fessellosen Marktmechanismus artikulieren könnten. Den neoliberalen Leitsätzen der Angebotsorientierung zufolge ist die Unterordnung der Gewerkschaften gegenüber den Unternehmern und der Minimierung der Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten neben der Reduktion staatlicher Sozialleistungen, dem öffentlichen Sektor, zentral für die Erzeugung von Investitionsanreizen für die Privatwirtschaft.[12] Die Verteidigung der Interessen der Arbeitnehmer und somit des politischen Mitentscheidungsrechts der Gesellschaft über ihre Lebensbedingungen werden als investitionsbehindernde Faktoren betrachtet.[13]

Die Freiheit für die Unternehmerschaft ist Freiheit im Sinne von Abwesenheit gesellschaftlicher Politik, der Grundlage der Demokratie.[14] Beispiele wie Argentinien und Chile verdeutlichen in besonders dramatischer Form staatlich- repressiven Abbau demokratischer Instanzen und die brutale Ausschaltung des Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften in den Marktprozess.

Auf internationaler Ebene bildet die Pforte für die Funktion des Neoliberalismus gemäß der Forderungen des Monetarismus die Absetzung von Zollschranken, die in den.[15] Die Quintessenz der monetaristischen Theorie lässt sich in der Annahme fassen, dass auf die Vertiefung der Arbeitsteilung von Ländern untereinander mehr Produktion und Wachstum folge und schließlich in der Zunahme von Beschäftigung und Wohlstand aller Mitglieder der Gesellschaft resultiere. Während aber David Ricardo, dem die Grundlage des Monetarismus, die „Theorie der komparativen Kostenvorteile“ entstammt, zwischen 1772 und 1823 lebte und von Immobilität von Kapital und Arbeit ausging, werden die heutigen Strukturen des Weltmarktes durch internationale Verschiebung dieser Faktoren zur Maximierung des Profits, insbesondere von Transnationalen Konzernen, durch Verfolgung absoluter Kostenvorteile determiniert. Absolute Kostenvorteile ergeben sich durch komparativ niedrige Abgaben, wie Sozial- oder Entlohnungssysteme.[16] Unternehmer orientieren sich in einer offenen Weltwirtschaft nach dem preiswertesten Angebot der Ressourcen jeder Nation, so dass eine Konkurrenzwirtschaft zwischen den wettbewerbsfähigen Unternehmen, die überhaupt weltweit agieren können, entsteht, und die Preise für Arbeit und Sozialabgaben aufgrund der bestehenden Ungleichheit in der Welt heruntergeschraubt werden. Außerdem können durch den offenen Zugang auf den Binnenmarkt „ausländische Firmen ihre machtmäßige Überlegenheit zuerst zu ruinösen Preisunterbietungen gegenüber einheimischen Konkurrenten und dann- nach Gewinn einer marktbeherrschenden Position- zur Ausbeutung der Konsumenten mißbrauchen.“[17]

Da es sich bei der Etablierung dieser Rahmenbedingungen um einen politischen Entscheidungsprozess handelt, und nicht um die Folge struktureller Bedingungen, werden im Neoliberalismus die Machtverhältnisse zugunsten der (international agierenden) Unternehmerschaft verschoben, aber breite Gesellschaftsschichten durch die mächtigen Instanzen im Staat in der Willensbildung und Interessenvertretung, die eigentlich im Kontrast zu den Interessen großer Konzerne und einer sozialen Minderheit stehen, unterdrückt. Der private Sektor wird durch die Reduktion seines Anteils an Sozialleistungen parallel zur Senkung der Arbeitnehmervertretung bezüglich tarifärer Bestimmungen privilegiert, mit dem Rückzug des Staates aus dem Sozialsektor wird zudem Verwertungspotential für überschüssiges Kapital geöffnet. Staatliche Politik war zwar „schon immer zu Kompromissen mit mächtigen gesellschaftlichen Gruppen gezwungen“, jedoch hat sich dies im Zuge des Neoliberalismus verschärft.[18]

3. Etablierung des Neoliberalismus

Die Etablierung des Neoliberalismus in Lateinamerika kann unter den allgemeinen Ausdruck der „neoliberalen Globalisierung“ gefasst werden. Globalisierung meint den „weltweit wachsende [n] Einfluß des neoliberalen Paradigmas und seiner Politik“, der in zunehmender „ökonomische [n] Verflechtung durch die Expansion des Welthandels, der Direktinvestitionen, der Aktivitäten transnationaler Unternehmen und der Finanzmärkte[19] zum Ausdruck kommt.

Die Erlahmung der Wachstumsdynamik des „Goldenen Zeitalters“ des Kapitalismus 1950/60 durch Rückgang der Investitionsrate im Produktionsbereich bei verstärkter Ausbreitung von Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen signalisierten die Auflösung des keynesianischen Klassenkompromisses, und setzten die Suche nach neuen profitablen Anlagemöglichkeiten in Gang.[20] Rückzug der Investitionstätigkeiten und die Weltwirtschaftskrise der 1970er wurde durch die Auflösung des Bretton Woods- Abkommens 1973 neben der Erhöhung der Erdölpreise durch die OPEC verstärkt und führte zu einer enormen Überliquidität der so genannten Eurodollarmärkte.[21] Überschwemmung der internationalen Banken mit Geldkapital durch scheinbaren Mangel an Investitionsmöglichkeiten für Unternehmen trotz Überschuss an Kapital und Lohnarbeit sind die grundlegenden Merkmale für die „Überakkumulationskrise globalen Maßstabs“.[22]

Die Liberalisierung der Finanzmärkte, das charakteristische Merkmal der „neoliberalen Globalisierung“,[23] ermöglichte die „Lösung“ dieser Krise durch die globale Kreditvergabe internationaler Großbanken: „On the heels of these globalizing and balooning money marktes, […] a number of banks in the 1970s began to internationalize their operations, resulting in a large-scale debt financing of government operations and development projects in countries all over the developing world.”[24]

Unter günstigen, teilweise negativen Zinsraten wurden Darlehen erstmals auch an Länder der Dritten Welt, darunter insbesondere Lateinamerika angeboten. Exaltierte Kreditvergabe der internationalen Großbanken bei attraktiven Zinsraten ermöglichten das „Recycling“ der „im Überfluss“ vorhandenen Währung. Mit der drastischen Erhöhung des Leitzinses der Federal Reserve Bank (Volcker- Schock) unter Ronald Reagan wurden durch eine politische Entscheidung die Zinsraten um das dreifache erhöht, und ein radikaler Anstieg der Schuldendienstverpflichtungen „der gesamten Dritten Welt zwischen 1971 und 1980 von rund 70 auf mehr als 560 Milliarden Dollar“ verursacht.[25]

Die Etablierung des Neoliberalismus in Chile unter General Pinochet, die erste neoliberale Regierung, ermöglichte die Absorption überschüssigen Kapitals durch die Öffnung des chilenischen Marktes für Investitionen ausländischer Unternehmer und bildete gleichzeitig den Testplatz des Neoliberalismus. Die Wirtschaftskrise von 1982, in der Mexiko aufgrund des dramatischen Schuldenanstiegs durch die Zinserhöhung seine Zahlungsunfähigkeit erklären musste, zog eine Reihe anderer Länder nach sich. Insbesondere Chile und Argentinien, die zuvor neoliberale Maßnahmen implementiert hatten, wurden von der Krise getroffen. Ursächlich für die Schuldenkrise war nicht die Kreditaufnahme an sich, sondern die massive Zinsratenerhöhung durch die Fed, begünstigt durch unverantwortliche Kreditvergabe internationaler Banken, die ohne die Globalisierung der Finanzmärkte nicht zustande hätte kommen können. Gleichzeitig ermöglichte das Moratorium das Hineingleiten in eine wirtschaftliche Bevormundung lateinamerikanischer Länder durch die Politik des IWF. Aus ökonomischer Sicht bedeutete die Schuldenkrise den ständigen Ressourcen- Transfer von armen Ländern des Südens zu den reichen Staaten des Nordens: „By 1983, Latin America had started to export capital for the first time in decades. The transfer of wealth from the poor countries of Latin America to the institutions of the rich first world went on until 1991, a net flow of $218.6 billion, or $534 for every man, woman and child in the continent.“[26]

Die Schuldenkrise bot ein geeignetes Druckmittel der Durchsetzung neoliberaler SAP in weiten Teilen der Region. Infolge der Schuldenkrise wurde der Neoliberalismus als Paradigma in beinahe allen Ländern der Region verbreitet oder unter Druck des IWF vertieft. Die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme werden den Schuldnerländern durch IWF und Weltbank im Tausch gegen frische Kredite oder Umschuldungsmaßnahmen auferlegt, Kredite werden ohne die Umsetzung neoliberaler Maßnahmen kaum noch vergeben. Sie untergraben die staatliche Souveränität und soziale Autonomie und setzen die Schuldner unter ökonomischen Druck. „Die Umstrukturierung der Weltwirtschaft unter Führung von IWF und Weltbank nimmt Entwicklungsländern zunehmend die Möglichkeit, ihre Volkswirtschaften eigenständig aufzubauen. Stattdessen machen die internationalen Finanzinstitutionen aus diesen Ländern offene Wirtschaftsgebiete und verwandeln ihre Volkswirtschaften in Reservoirs billiger Arbeitskräfte und natürlicher Ressourcen.“[27]

Demokratische Politik verliert ihren Sinn, wenn wirtschaftliche Umstrukturierung unter Vormund des IWF durch das gesellschaftliche Mitbestimmungspotential unantastbar wird. Eine solche Demokratie ist „Scheindemokratie“, insbesondere weil die Auswirkungen der neoliberalen Politik die Gesellschaft am meisten treffen und diese sich nicht auf dem parlamentarischen Wege dagegen wehren kann. Entgegen den eigentlichen Grundlagen der Zwillingsinstitutionen von 1944 sind nicht wirtschaftlicher Wiederaufbau und stabile Wechselkurse das erzielte Programm. Im Gegenteil sind Destabilisierung und ökonomischer und sozialer Ruin die Folge: „In den betreffenden Ländern kollabiert die Binnenkaufkraft, brechen Hungersnöte aus, müssen Krankenhäuser geschlossen werden, bleibt nunmehr Hunderten Millionen von Kindern das Recht auf elementare Bildung versagt. [..] Die Konsequenzen sind Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und die Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung. Sozialausgaben werden gekürzt, viele Leistungen des Wohlfahrtsstaates zurückgenommen, die Zerstörung von kleinen und mittleren Betrieben begünstigt.“[28]

Dieser Prozesses unter Schirmherrschaft des IWF und der USA kennzeichnet die „Akkumulation durch Enteignung”. Neben der Eröffnung des Zugang zum Markt für ausländische Unternehmer, der Ausweitung der Konsumentengröße, Ermöglichung von profitabler Anlage durch die Verwertung von Staatsunternehmen für private Unternehmen im Tausch gegen frische Kredite profitieren die USA langfristig von der Schuldenkrise. „Mittlerweile ist sogar die absurde Situation eingetreten, daß die ständig am Rande der Zahlungsunfähigkeit sich befindenden hochverschuldeten Länder der Dritten Welt in einen Status von Nettokapitalexporteuren gezwungen werden und so einen Beitrag zur Befriedigung des wachsenden Kredithungers der USA leisten.“[29]

4. Strukturanpassungsprogramme

Mit Unterstützung von USA und IWF wurden infolge der Schuldenkrise 1982 bis zum Ende des selben Jahrzehnts neoliberale „Strukturanpassungsmaßnahmen“ in beinahe allen Ländern der Region installiert. Diese wirtschaftspolitischen Reformen divergieren nur in Radius und Zeitraum, sind aber neben geringen Abweichungen in Struktur und sozialen Folgen kohärent. „Die den Schuldnerländern verordneten Sanierungskonzepte waren relativ gleichartig und bestanden aus einem Bündel von Austeritätsmaßnahmen, die gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft und die soziale Lage der Mehrheit der Bevölkerung in den betroffenen Ländern hatten.“[30] In ihrer überwiegend ökonomischen Ausrichtung werden mit den Strukturanpassungsprogrammen Schuldentilgung und Erzeugung von Anreizen für internationale und nationale Investoren erzielt, soziale Folgen innerhalb der konkreten Maßnahmen aber weitestgehend negiert, obwohl die Bevölkerung unter prekären Arbeitsbedingungen den Rückzug staatlicher Verantwortung gegenüber der Gesellschaft in sozialen Institutionen ohne großen politischen Partizipationsspielraum hinnehmen muss. „There is no question as to these negative impacts [..]. And of course, it is not in the least surprising that the popular sectors of the population would be hurt by policies which were not designed in their interest and over which they had no say.”[31] Die impliziten Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Lebensbedingungen einer Gesellschaft werden in der neoliberalen Theorie außen vor gelassen.

- Liberalisierung: Mit der Reduktion oder Abschaffung staatlicher Kontrolle über Handel und Kapitalfluss bei Egalisierung von nationalem und internationalem Kapital[32] werden nach den Leitbildern des Monetarismus die Zölle gesenkt und Märkte für schrankenlosen internationalen Warenverkehr, Produktionsverlagerung, und grenzenlose Beteiligung an Unternehmen in Aktienform liberalisiert. Der Staat verfügt in diesem Wirtschaftssystem über keinerlei Kontrollinstanzen für die Handlungen auf dem Markt, wie z.B. Kreditaufnahme bei ausländischen Banken. Kapitalflucht wird genauso unkontrollierbar wie der Erhalt oder Verlust zahlreicher Arbeitsplätze in rapider Geschwindigkeit und der Bankrott am Binnenmarkt orientierter Produzenten, die dem Konkurrenzdruck billiger Importgüter nicht gewappnet sind.
- Stabilität: Hauptaxiom neoliberaler Maßnahmen für wirtschaftlichen Aufschwung und Entwicklung ist die Zügelung der Inflation, also staatlichen Geldflusses und der Volatilität der Preise. Nach monetaristischer Lehre ist Stabilität durch restriktive Geldmengenpolitik des Staatshaushaltes durch Senkung der öffentlichen Ausgaben und Zinssteigerung zu erreichen, sowie durch Lohnkontrolle zur Nachfragesenkung.[33] Gemäß der Angebotspolitik impliziert die Reduktion der Nachfrage, die Eindämmung der Löhne, Erzeugung von Investitionsanreizen für die Privatwirtschaft.
- Reduktion des Haushaltsdefizits: Die Kürzungen dienen der Schuldenrückzahlung und betreffen im Besonderen soziale Ausgaben. „Reduction of government budget deficits through cuts in, or elimination of, consumer subsidies and charging user fees for social service such as health care and education.“[34] Reduktion des Ausgabenbudget des Staates geht mit Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst einher und ist ursächlich für einen bedeutenden Anstieg der Arbeitslosenrate.
- Privatisierung: Die Übertragung von Staatsunternehmen an den privaten Sektor bedeutet Kommodifizierung und erweiterten Marktzugang für den privaten Sektor, also die Möglichkeit in bereits bestehende Institutionen potentiell ohne hohen Kapitalaufwand zu investieren und Gewinn zu erzielen. Im Rahmen der Verschuldung werden Staatsunternehmen diverser Sektoren verkauft, um Gewinne zu erzielen und Tilgungen zu leisten. Privatisierung betrifft neben staatlichen Unternehmen (Telekommunikation, Verkehr, etc. ) den Verkauf von Gütern, die für die soziale Existenz grundlegenden sind (Wasser, Land, Rentenversicherung, Sozialversicherung, Gesundheit und Bildung). Zur Erzielung von Effizienz bleibt der Aufwand unter dem Nutzen für den Unternehmer, und geht oft mit einer Kostensteigerung (z.B. durch Aufsplittung der ehemaligen Leistungseinheit in multiplen Auswahlpool) für den Konsumenten einher. Überdies führt die Privatisierung von sozialen Leistungen zu einem Defizit in den Steuereinnahmen, die bei sozialen Ausgaben (noch) nicht privatisierter Leistungen fehlen und die Qualität der öffentlichen Leistungen senken.
- Deregulierung: Dieser Faktor bezieht sich auf die Rücknahme der Interferenz des Staates in die autonome Marktregulierung. Deregulierung bedeutet Investitionsfreiheit, marktautonome Festlegung von Preisen, und Zollsenkung. Dem privaten Sektor wird gegenüber dem Staat eine höhere Bedeutung beigemessen, das Primat der Ökonomie wird über den Einfluss der Politik determiniert, womit beispielsweise die staatliche Kontrolle über Arbeitsbedingungen aufgegeben wird. „Cutting labor cost by making it easier to hire and fire employees, [as well as] restricting trade union activities“.[35]
- Flexibilisierung der Arbeit: Die Flexibilisierung der Arbeit geht mit dem Abbau von Arbeitnehmerrechten und der Rücknahme von sozialer Sicherung einher.[36] Die soziale Verantwortung der Unternehmer wird gegenüber den Lohnabhängigen gesenkt und Lohnnebenkosten, Vertragsregelungen, Arbeitszeit, und Lohn nicht staatlich, sondern auf Unternehmerseite bestimmt. Senkung oder Abbau von Lohnnebenkosten und Abfindungszahlungen reduzieren die Kosten für Arbeit, Entlassungen können ohne hohe Hürden vorgenommen werden. Gleichzeitig ermöglichen die Strukturen der Flexibilisierung die Möglichkeit zu kurzfristigen Verträgen oder Subkontrakt.[37]
- Exportorientierung: Die Ankurbelung des Exportes ist eine Bedingung der SAP, die dadurch erwirtschafteten Finanzen erbringen dem Staat allerdings keinen Gewinn, weil sie der Rückzahlung der Schulden dienen. Die dazu notwendige Zollsenkung würde nach neoliberaler Theorie zu einer durch den Markt bestimmten, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähigen Preisregulation führen, weil importierte Industrieprodukte die Produktionskosten senken. Der Kauf bestimmter Industrieprodukte führt jedoch im Wettbewerbsdruck zur Rationalisierung der Produktion (Austausch Mensch gegen Maschine). „Export-led growth generally means encouraging foreign investors to bring in new technology and capital.“[38]

[...]


[1] vgl. Zapf, Wolfgang, zitiert nach Noll, Heinz- Herbert: Konzepte der Wohlfahrtsentwicklung: Lebensqualität und „neue“ Wohlfahrtskonzepte. Paper P00-505, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Abrufbar im Internet: http://skylla.wz-berlin.de/pdf/2000/p00-505.pdf. Stand: 30.11.05, S. 11. „Zufriedenheitsangaben, aber auch generelle kognitive und emotive Gehalte wie Hoffnungen und Ängste, Glück und Einsamkeit, Erwartungen und Ansprüche, Kompetenzen und Unsicherheit, wahrgenommene Konflikte und Prioritäten“ hingegen können nur „von den Betroffenen selbst“ eingeschätzt werden.

[2] Altvater, Elmar: Was passiert, wenn öffentliche Güter privatisiert werden? In: Peripherie 90/91, 23. Jahrgang. Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, S. 173

[3] vgl. Herzinger, Richard: Kapitalismus als Ethos. In: Bohrer, Karl Heinz/Scheel, Kurt (Hg.): Kapitalismus oder Barbarei? Sonderheft Merkur 2003, Heft 9/10, 57. Jahrgang, S. 754ff.

[4] vgl. Toussaint, Eric: Profit oder Leben. Neoliberale Offensive und internationale Schuldenkrise. ISP, Köln 2000, S. 189f. Ebd. zu weiteren Vertretern des Neoliberalismus; Zum globalen Netzwerk der MPS: Walpen, Bernhard: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft“. VSA, Hamburg 2004.

[5] vgl. Willke, Gerhard: Neoliberalismus. Campus, Frankfurt 2003, S. 28f.

[6] Hirsch, Joachim: Die Internationalisierung des Staates. In: Hirsch, Joachim/Jessop, Bob/Poulantzas, Nicos: Die Zukunft des Staates: Denationalisierung, Internationalisierung, Renationalisierung. VSA, Hamburg 2001, S. 110.

[7] vgl. Bourdieu, Pierre: Gegenfeuer 2.Für eine europäische und soziale Bewegung. UVK, Konstanz 2001, S. 29.

[8] vgl. Herzinger, Richard: Kapitalismus als Ethos. In: Bohrer, Karl Heinz/ Scheel, Kurt (Hg.): Kapitalismus oder Barbarei? Ernst Klett Stiftung, 57. Jahrgang. Heft 9/10 2003, S. 756.

[9] vgl. ebd. S. 755f.

[10] Hirsch, Joachim: Die Internationalisierung des Staates. In: Hirsch, Joachim/Jessop, Bob/Poulantzas, Nicos: Die Zukunft des Staates: Denationalisierung, Internationalisierung, Renationalisierung. VSA Hamburg 2001, S. 105.

[11] Dombois, Rainer/Imbusch, Peter: Neoliberalismus und Arbeitsbeziehungen in Lateinamerika. Einführende Bemerkungen. In: Dombois, Rainer/Imbusch, Peter/ Lauth, Hans- Joachim/Thiery, Peter (Hrsg.) : Neoliberalismus und Arbeitsbeziehungen in Lateinamerika. Vervuert, Frankfurt 1997, S. 14f.

[12] vgl. ebd. S. 15.

[13] vgl. Schui, Herbert: Was eigentlich ist Neoliberalismus? In: Journal für Entwicklungspolitik, Mattersburger Kreis. Vol. XIX, No. 3. Südwind, Wien 2003, S. 29.

[14]In this instance the politics of public life is not the institutional form of the administrative state, but the active participatory process of discussion and collective decision making.“ Habermas, Jürgen, zitiert nach Smart, Barry: Economy, Culture and Society. A sociological critique of neo-liberalism. Open University Press, Buckingham/Philadelphia 2003, S. 117.

[15] vgl. Dombois, Rainer/Imbusch, Peter: Neoliberalismus und Arbeitsbeziehungen in Lateinamerika. Einführende Bemerkungen. In: Dombois, Rainer/Imbusch, Peter/ Lauth, Hans- Joachim/Thiery, Peter (Hrsg.) : Neoliberalismus und Arbeitsbeziehungen in Lateinamerika. Vervuert, Frankfurt 1997, S. 14f.

[16] vgl. Schuhler, Conrad: Grundirrtümer des Neoliberalismus. 24.11.2004. Abrufbar im Internet: http://www.linksnet.de/drucksicht.php?id=1421. Stand:14.11.2005.

[17] Arndt, Helmut: Wirtschaftliche Macht. 3. Aufl., C.H. Beck. München 1980, S. 155

[18] Hirsch, Joachim: Die Internationalisierung des Staates. In: Hirsch, Joachim/Jessop, Bob/Poulantzas, Nicos (Hrsg.): Die Zukunft des Staates: Denationalisierung, Internationalisierung, Renationalisierung. VSA, Hamburg 2001., S. 118.

[19] vgl. Albert, Matthias/Brock, Lothar, et al., zitiert nach Burchardt, Hans- Jürgen: Zeitenwende. Politik nach dem Neoliberalismus. 1. Aufl. Schmetterling, Stuttgart 2004, S. 78f.

[20] vgl. Deppe, Frank: Der neue Imperialismus. Distel, Heilbronn 2004, S. 75f.

[21] vgl. Altvater, Elmar/Hübner, Kurt: Ursachen und Verlauf der internationalen Schuldenkrise. In: Altvater, Elmar (Hrsg.): Die Armut der Nationen. Handbuch zur Schuldenkrise von Argentinien bis Zaire. Rotbuch, Berlin 1987, S. 20. Seit den 1960er Jahren zunehmend in Europa agierende Banken, die Kredite in Dollar anboten. vgl. Toussaint, Eric: Profit oder Leben. Neoliberale Offensive und internationale Schuldenkrise. Neoliberale Offensive und internationale Schuldenkrise. ISP, Köln 2000, S.88.

[22] Deppe, Frank: Der neue Imperialismus. Distel, Heilbronn 2004, S. 109.

[23] ebd. S. 77.

[24] Petras, James/Veltmeyer, Henry: Globalization unmasked: imperialism in the 21st century. 4. Aufl. Zed Books, New York/London 2004, S. 15.

[25] Touissant, Eric: Profit oder Leben. Neoliberale Offensive und internationale Schuldenkrise. ISP, Köln 2000, S. 88f.

[26] vgl. CEPAL 1993, zitiert nach Green, Duncan: Silent Revolution. The Rise and Crisis of Market Economics in Latin America. Monthly Review Press, New York/London 2003, S. 78.

[27] Chossudovsky, Michel: Global Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg. 16. Aufl. Zweitausendeins, Frankfurt 2003, S. 43.

[28] vgl. ebd., S. 39ff.

[29] Altvater, Elmar/Hübner, Kurt: Ursachen und Verlauf der internationalen Schuldenkrise. In: Altvater, Elmar (Hrsg.): Die Armut der Nationen. Handbuch zur Schuldenkrise von Argentinien bis Zaire. Rotbuch, Berlin 1987, S. 22f.

[30] Boris, Dieter: Zur Politischen Ökonomie Lateinamerikas. Der Kontinent in der Weltwirtschaft des 20. Jahrhunderts. VSA, Hamburg 2001, S. 75.

[31] vgl. Petras, James/Veltmeyer, Henry/Vieux, Steve: Neoliberalism And Class Conflict In Latin America. A Comparative Perspective On The Political Economy Of Structural Adjustment. Macmillan, London/St. Martin´ s Press, New York 1997, S. 20.

[32] vgl. ebd., S. 22f.

[33] vgl. Green, Duncan: Silent Revolution. The Rise and Crisis of Market Economies in Latin America. Monthly Review Press, New York/London 2003, S. 12.

[34] Petras, James/Veltmeyer, Henry/Vieux, Steve: Neoliberalism And Class Conflict In Latin America. A Comparative Perspective On The Political Economy Of Structural Adjustment. Macmillan, London/St. Martin´ s Press, New York 1997, S. 22.

[35] vgl. Green, Duncan: Silent Revolution. The Rise and Crisis of Market Economies in Latin America. Monthly Review Press, New York/London 2003, S. 12.

[36] Boris, Dieter: Zur Politischen Ökonomie Lateinamerikas. Der Kontinent in der Weltwirtschaft des 20. Jahrhunderts. VSA, Hamburg 2001, S. 81.

[37] vgl. Green, Duncan. op. cit., S. 12.

[38] vgl. ebd., S. 12.

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Neoliberalismus in Lateinamerika - Implementierung und soziale Folgen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Jahr
2006
Seiten
109
Katalognummer
V62012
ISBN (eBook)
9783638553407
Dateigröße
978 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neoliberalismus, Lateinamerika, Implementierung, Folgen
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Neoliberalismus in Lateinamerika - Implementierung und soziale Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62012

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